Artur Brauner's Biografie aus 1976
Artur Brauner's Traum war schon in jungen Jahren, Filmschauspieler zu werden oder einmal selbst Filme zu "machen" - und dieser Traum war so ähnlich wie bei dem Kollegen Will Tremper. Beide waren unter anderem ihre kreativen Ideengeber und ihre Produzenten. Beide hatten aber einen sehr unterschiedlichen Erfolg.
Artur Brauner war der taktische Kopf seiner CCC und hatte auch ein Händchen fürs Geld. Will Tremper hatte die fantastischen genialen Ideen und war darum fast immer kurz vor der Pleite. Beide hatten ihre Ideale und Prinzipien, die sie in ihren Filmen vermitteln und darstellen wollten und konnten und beide entdeckten hier bei uns in Deutschland West viele junge Talente. - Die einführende Seite steht hier.
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Berlin, die Stadt meiner Träume
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An einem heißen Septembertag des Jahres 1948
Es war an einem heißen Septembertag des Jahres 1948, als ich in Berlin einem wichtigen Mann gegenübersaß, der folgende Worte an mich richtete:
»Herr Brauner, wir haben gedacht, Sie gehören zu den Leuten, mit denen man diese Stadt wieder aufbauen kann. Statt dessen müssen wir feststellen, daß Sie nicht recht bei Trost sind. Und vom Film verstehen Sie soviel wie . . . wie . . .«
Er suchte nach einem Vergleich, sagte dann: »Das einzige, was Sie haben, junger Mann, ist keine Ahnung.«
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Das waren die Bankdirektoren im abgeschotteten Berlin
Die Worte trafen mich wie Hiebe. Ich stammelte: »Ich dachte . . . ich wollte . . .«
»Dachte, wollte . . . Sie hätten lieber daran denken sollen, daß wir sechs Hallen in Tempelhof haben und daß diese Hallen leerstehen, und da kommen Sie und wollen von mir eine Viertelmillion, um neue Hallen zu bauen. Und auch noch in Spandau. In einer alten Giftküche. Mann, Mann . . .« Er sah mich kopfschüttelnd an. »Vergiften Sie sich doch lieber gleich selber. Das geht schneller und tut keinem weh.«
Wie betäubt sagte ich dem wichtigen Mann - es war ein Bankdirektor - auf Wiedersehen (worauf er keinen Wert legte), setzte mich in mein Auto und starrte eine halbe Stunde lang vor mich hin. Durch die geöffneten Ausstellfenster hörte ich das dumpfe Brummen der Rosinenbomber, wie die Skymaster genannt wurden, die Berlin versorgten - wenn auch nicht nur mit Rosinen.
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Wir hatten gerade Blockade.
Stalin hatte unter dem Vorwand »technischer Schwierigkeiten auf den Zufahrtsstraßen« und »notwendiger Reparaturarbeiten« den Vorhang herunterrasseln lassen. Sein Ziel war es, die Westmächte zur Aufgabe ihrer Sektoren zu zwingen.
Das Unternehmen glich einer Rechnung oder einer Gleichung, in der es kaum Unbekannte gab. Ihr Resultat stand von vornherein fest: In einer Stadt von über zwei Millionen Einwohnern mußte es zu einem Chaos kommen, wenn diese Einwohner keine Lebensmittel mehr bekamen, keine Milch für ihre Kinder, keine Medikamente für ihre Kranken, keine Kohlen für die Ofen, keine Rohstoffe für die Fabriken, keinen Strom, kein Gas, kein nichts, kein gar nichts.
Am Ende dieses Chaos würde der Abzug der Alliierten stehen, der Amerikaner, der Engländer, der Franzosen. Jeder vernünftige Mensch mußte sich darüber im klaren sein, daß die drei Westsektoren über kurz oder lang zu Ostsektoren werden würden.
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Stalin hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
Aber dieser »vernünftige Mensch« irrte sich. Stalins Rechnung ging nicht auf. Er hatte sie ohne den Wirt gemacht. In diesem Fall: ohne den Amerikaner.
Die Amis konterten in einer Art und Weise, daß der Welt der Atem stockte. Sie organisierten in phantastisch kurzer Zeit eine Luftbrücke, indem sie auch die letzte eingemottete Maschine wieder flott machten. Bereits acht Wochen nach Beginn der totalen Blockade flogen 737 Maschinen innerhalb von 24 Stunden 3.870 Tonnen Lebensmittel und Material nach Berlin.
Eine Zahl, die bis auf 10.000 Tonnen täglich steigen sollte. Das Unmögliche ward zum Ereignis: Eine Riesenstadt wurde, zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, ausschließlich aus der Luft versorgt. Doch dieses bis in das kleinste Detail organisierte Unternehmen wäre zum Scheitern verurteilt gewesen, wenn die Berliner nicht mitgespielt hätten.
Sie ließen von Anfang an keinen Zweifel daran, daß sie nicht gewillt waren, klein beizugeben. Sie litten noch unter den Auswirkungen des Krieges, sie hatten sich noch nicht wieder erholt von den schrecklichen Hungerwintern der Nachkriegszeit, aber sie waren sofort bereit, neue Entbehrungen auf sich zu nehmen. Sie lebten, mehr schlecht als recht, von Trockenkartoffeln, Trockenmilch, Trockenei, sie darbten, hungerten, froren, gingen zu Fuß zur Arbeit, beleuchteten ihre Wohnungen mit Kerzen, heizten ihre Öfen mit dem nassen Holz der Alleebäume.
Sie hatten nur zwei Stunden Strom am Tag, die reihum auf die einzelnen Bezirke verteilt wurden, und wer nachts dran war, aß um Mitternacht Mittag, bügelte früh um fünfe und saugte Staub um halb drei.
»Ick kann jar nich so ville zittan, wie ick friere«, wurde zum geflügelten Wort.
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Man konnte die Berliner nur noch bewundern ....
Ich habe die Berliner anfangs mit Skepsis beobachtet, dann fing ich an, mich zu wundern, schließlich konnte ich sie nur noch bewundern. Wer wie ich nur deshalb überlebt hatte, weil er niemals aufgab, dem imponierte diese Haltung: er konnte sie nachempfinden.
Und was mir am meisten gefiel: Die Leute wurden nie pathetisch, gaben nicht an mit dem, was sie taten, sie blieben unsentimental, kühl bis ans Herz hinan, ließen immer wieder durchblicken, daß sie im Grunde nicht die geringste Lust hatten, die Helden zu spielen.
»Heldenmütige Blockadebrecher«, »Vorposten der freien Welt«, mit solchen Phrasen wollten sie nichts zu tun haben.
Furcht schienen sie nicht zu kennen. Ich werde nie vergessen, was der Gepäckträger auf dem Tempelhofer Flughafen zu mir sagte, als ich zu Beginn der Blockade von einer Geschäftsreise nach London zurückkehrte.
»Na«, sagte ich und versuchte vergeblich, ihren Dialekt nachzuahmen, »na, jetzt jeht euch wohl doch 'n bissken die Muffe.« Der Mann antwortete: »Ehrlich jesacht, ja. Nu sind ja bei Hertha schon drei Valetzte.« Er dachte an das bevorstehende Spiel des Fußballvereins Hertha BSC gegen einen westdeutschen Club.
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Warum bin ich damals eigentlich in Berlin geblieben?
Um wieder einmal den »vernünftigen Menschen« zu zitieren: von seinem Standpunkt aus war es die blanke Unvernunft. Besonders in meinem Beruf. In einer Stadt, in der die Piloten der Luftbrücke die unfreiwilligen Stars waren, konnte man nicht gut erwarten, daß Zeit, Geld und Arbeit in den Aufbau einer Filmproduktion investiert werden würden.
Menschen, die nach pom anstanden, wie die Trockenkartoffelmasse hieß, hatten andere Sorgen als den Kintopp. Außerdem wäre es etwas schwierig gewesen, ohne Elektrizität auszukommen. Kameras reagieren sehr empfindlich, wenn man ihnen den Saft abdreht.
Im übrigen stand es ja zu diesem Zeitpunkt in gar keiner Weise fest, wie hoch Stalin zu pokern gewillt war, ob ihm die Stadt nicht eines Tages doch zufallen würde wie eine reife Frucht.
Das alles schienen sich meine Kollegen gesagt zu haben, als sie ziemlich geschlossen in den Westen übersiedelten. Dorthin, wo der Lärm der Flugzeugmotoren nicht durch die Atelierwände drang.
Dorthin, wo die großen Verleihe saßen und die meisten Schauspieler. Dorthin, wo es nicht mehr hundert Gramm »Muckefuck« auf Abschnitt 3 der Lebensmittelkarte gab und ein Stück Körperwaschmittel auf römisch vier, denn es gab überhaupt keine Karten mehr, und in den Fleischereien fragten die Verkäufer bereits wieder, ob es für 50 Pfennig mehr sein dürfte.
Die Produzenten waren dorthin gegangen, wo die Leute zu essen hatten, und weil sie zu essen hatten, auch richtig arbeiten konnten, und weil sie richtig arbeiten konnten, auch etwas schafften. Ich war der letzte, der meinen Kollegen ihren Entschluß übelgenommen hätte.
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Warum also bin ich geblieben?
Einmal aus einer gewissen Logik heraus. Ich sagte zu Maria, die damals so jung war wie heute (wenn auch ein ganz klein wenig schlanker): »Wenn Stalin Westberlin haben will, muß er hier einmarschieren. Das würde Krieg bedeuten. In diesem Fall ist es egal, ob wir in München-Geiselgasteig sitzen oder in Hamburg-Wandsbek. Stalin aber wird keinen Krieg riskieren, denn sein Land hat gerade zwanzig Millionen Menschen verloren. In diesem Fall wird die Blockade eines Tages zu Ende sein. Und was wird dann sein?«
Ich beantwortete mir meine Frage selbst: »Dann werden die Deutschen, vital wie sie sind, bienenfleißig wie sie sind, ihr Land wieder aufbauen, und sie werden den Berlinern helfen, und eines Tages wird man wieder Filme drehen wollen, und man wird feststellen, daß zu wenig Ateliers da sind. Also muß man rechtzeitig daran denken, neue Ateliers zu bauen.«
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Meine Frau nickte stumm
Die beste Ehefrau der Welt nickte stumm. Wie so oft war sie das einzige menschliche Wesen, das mir alles glaubte.
Aber da war noch etwas, was mich an Berlin band. Es war das Gefühl, irgendwie dazuzugehören. Ohne daß ich dessen gewahr geworden war, hatte ich begonnen, mich als Berliner zu fühlen.
Die Leute hier an der Spree lagen mir. Sie hatten genau meine Kragenweite. Berliner zu werden, war ohnehin keine Sache des Geburtsscheins, es war eine Sache der Mentalität. Sagte man mir.
Ich glaubte zu spüren, wie sie mich langsam akzeptierten. Mich, den Ausländer. Und als sie später aus meinem Vornamen »Artur« den Spitznamen »Atze« machten, da wußte ich, daß das so eine Art Ritterschlag war.
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Es war "die" Herausforderung auf meinem Gebiet
Ich möchte nicht von »Fahnenflucht« reden und derartigem Nonsens, aber die Stadt in diesem Augenblick zu verlassen, erschien mir nicht richtig. Ich wollte die Herausforderung auf meinem Gebiet annehmen, so wie die anderen es in ihrem Bereich taten.
In einer Stadt etwas auf die Beine zu stellen, in der nichts mehr auf den Beinen stand, das war eine Aufgabe ..... mich hat das sehr gereizt. Das alles und noch einiges mehr ist mir damals durch den Kopf gegangen, als ich in meinem Auto saß und auf den löchrigen Asphalt des Kurfürstendamms starrte.
Ich fragte mich, warum ich es dem Bankdirektor nicht gesagt hatte, aber das hätte seine Meinung auch nicht geändert. Als Mann der Finanzen mußte er wohl so denken. Vielleicht hatte er sogar recht, und es war wirklich eine Schnapsidee, eine ehemalige Giftgasfabrik mitten in der Blockade in ein Filmstudio zu verwandeln.
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Ich und meine Giftgasfabrik an der Havel ........
Ein paar Wochen später war ich Pächter. Ich hatte ein Gelände gepachtet für einen Zins von 5.000 DM im Monat. Mit der Option, den Rest kaufen zu können, wenn ich es wollte.
Auf dem Gelände standen zwei Hallen, in denen man jenes Giftgas produziert hatte, das gottlob nie zur Anwendung gekommen war. Der Anblick, den das Ganze bot, war von einer entnervenden Trostlosigkeit.
Mondlandschaften müssen dagegen ein Garten Eden sein. Unkraut wucherte, Trümmer rosteten, Abfall stank zum Himmel. An den Mauern der Hallen türmten sich Wälle von Sand- und Salzsäcken, die als Splitterschutz gedient hatten. Selbst die an dem Grundstück vorbeifließende Havel schimmerte schmutzig.
Der Architekt, mit dem ich einen Besichtigungsgang unternahm, murmelte nur immer: »Sieht aus wie damals vor Verdun. Genau wie in Verdun.« Na schön, er war Kriegsfreiwilliger aus dem Ersten Weltkrieg, aber er konnte einem damit ganz schön auf den Wecker fallen.
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Hollywood war es wirklich nicht - aber es gab Arbeit
Der Oberbeleuchter, der mich auf das Gelände aufmerksam gemacht hatte, kratzte sich dauernd am Hinterkopf und sagte: »Hollywood isset nich', möcht' ick ma' saren.« Als wenn mir das jemand hätte sagen müssen. Sehr ermunternd waren die beiden wirklich nicht.
Am nächsten Morgen rollten Lastwagen an und begannen, die Säcke abzutransportieren. Trümmerfrauen kamen, diese tapferste Spezies der Nachkriegsberlinerin, und räumten auf. Die einzelnen Stockwerkböden und -decken wurden herausgerissen, Kabel verlegt, Fensteröffnungen zugemauert, Transformatoren und die Tonapparaturen eingebaut, die Wände schalldicht gemacht - ein Heer von Handwerkern marschierte auf. Sie waren dankbar für jede Arbeit, denn die Zahl der Arbeitslosen war wegen der Blockade bereits auf 120.000 angewachsen.
Die Kosten der Umbauten wurden höher als veranschlagt. Wie sich alle denken können, die einmal in ihrem Leben gebaut haben.
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Das hatte ich vergessen, das mit dem Geld .....
Richtig, woher hatte ich eigentlich das Geld, nachdem der Bankmensch mir nichts hatte pumpen wollen? »Na, woher soll der das schon haben. Aus dem Wiedergutmachungsfonds natürlich«, sagten die Kollegen, »der hat doch -zig Millionen kassiert, der Brauner.«
Da konnte ich nur mit dem damals sehr populären Refrain eines Günter- Neumann- Chansons seufzen: »Ach, war' det scheen . . .« Ich habe bis heute nicht einen Groschen Wiedergutmachung bekommen. Obwohl sie mir zugestanden hätte.
Das lag nicht etwa an der Böswilligkeit der Ämter, es lag daran, daß ich nie einen Antrag gestellt habe. Weil ich der Meinung bin, daß es einige Dinge im Leben gibt, die man mit Geld nicht wieder gut machen kann !
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Freunde, die auch dann noch Freunde blieben .....
Ich habe mir das zum Aufbau des Spandauer Filmgeländes notwendige Geld auf andere Art beschafft. Zum Teil von Freunden, die auch dann noch Freunde blieben, als ich kam, um sie anzupumpen.
Zum anderen Teil waren da die Bankwechsel, die ich aufgrund der Verleihgarantien hatte ziehen können. Denn ich produzierte ja weiterhin Filme. Da solche Wechsel langfristig sind, kann man kurzfristig damit erst einmal andere Verbindlichkeiten bestreiten. Ein Verfahren, das viele Jahre später von einem bekannten Bankier zur Grundlage seiner gesamten Geldgeschäfte gemacht wurde. Gewisse Risiken sind dabei einzukalkulieren.
Allmählich kam Ordnung in das 35.000- Quadratmeter-Chaos von Spandau. Es zeichneten sich tatsächlich Umrisse ab, die auf zwei Aufnahmehallen schließen ließen. Die Werkstätten entstanden, in denen später die Dekorationen gebaut werden sollten; die Schneideräume, in denen der Regisseur zum Ingenieur wird und, zusammen mit den Cuttern, den Film montiert; die Garderoben für die Stars, an deren Türen die Schilder »Zutritt streng verboten« hängen würden; die Büros für die Dramaturgen, den Aufnahmeleiter, den Produzenten, für den Besetzungschef, den Syndikus, den Buchhalter.
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Der erste Film ging ins Atelier.
Und dann war es soweit: Der erste Film ging ins Atelier. Er hieß »Maharadscha wider Willen«. Der Regisseur war Akos von Rathony.
(Sie sehen, ohne Ungarn geht es einfach nicht!) Olga Tschechowa, Rudolf Prack, Sonja Ziemann, Kurt Seiffert, Hubert von Meyerinck, Georg Thomalla spielten, Rita Paul und Rudi Schuricke sangen - für meine Spandauer Premiere war das ein klangvolles Team. Ein Kunstwerk ist der Film nicht geworden, sollte er auch nicht. Es war ein Streifen von der Stange, amüsant, unterhaltend, handwerklich sauber, heute in Ihrem Kino, morgen bereits vergessen.
Die Story vom ersten Drehtag - unvergessen
Den ersten Drehtag werde ich allerdings nicht vergessen. Ein Anblick bot sich wie auf keinem Filmgelände der ganzen Welt: Die meisten Leute hatten keine Haare. Es wimmelte von Glatzen aller Art: von Stoppelglatzen, Dreiviertelglatzen über Kniescheibenglatzen, Spiegelglatzen bis hin zu makellosen Mondscheinglatzen und der Billardkugelglatze, dem Nonplusultra auf dem Gebiet des Glatzenwesens.
Insgesamt waren dreihundert Unbehaarte erschienen. Wir hatten sie per Anzeige gesucht, denn sie sollten im »Maharadscha« als Komparsen mitwirken. Da einige von ihnen frische Schnittwunden auf ihren kahlen Häuptern trugen, war anzunehmen, daß sie am Tag zuvor noch behaart gewesen waren. Aber die meisten waren überwältigend echt.
Jedenfalls war es für die Fotografen ein Fressen, und sie behaupteten später, daß sie beim Fotografieren in Halle zwei kein Blitzlicht gebraucht hätten - die dreihundert »Spielwiesen«, wie der Berliner die Glatze nennt, strahlten heller als tausend Sonnen.
An diesem Tag schritt ich über das Gelände mit dem Gefühl eines Feldherrn, der die Schlacht trotz aller Kassandrarufe gewonnen hatte.
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Ich wurde deshalb nicht größenwahnsinnig.
Es war wirklich kein Hollywood, keine Cinecittá, was da entstanden war in Spandau. Dafür aber war das Innenleben, die Technik, jung, modern, perfekt up to date, und genauso jung und modern war der Geist, der hier herrschte.
Er war - das klingt vielleicht aus meinem Mund etwas komisch, aber immerhin bin ich Berliner -, er war von der Art des altpreußischen Mehr-sein-als-Scheinen.
Wir alle spürten das Feuer der Begeisterung in uns. Wir hatten Ideale. Wir wollten auch Geld verdienen, gewiß, aber wir wollten nicht nur Geld verdienen. Das, glaube ich, ist der kleine, aber entscheidende Unterschied zwischen dem Damals und dem Heute.
Le petit difference, und das gilt für alle Bereiche unseres jetzigen Lebens, liegt in nichts anderem als in dem Wörtchen »nur«.
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Der Weg nach oben war steinig und lang.
So lang, daß mich der Mann, der mir damals den Kredit verweigert hatte, immer nur mit den Worten begrüßte: »Hab' ich's Ihnen nicht gleich gesagt?« Nichts muß schöner sein, als recht behalten zu haben.
Wir bekamen unsere Krise so rasch und heftig wie eine Grippe. Ich mußte sogar die Belegschaft vorsorglich kündigen. Entlassen mußte ich jedoch niemand. Die Krise ging vorüber, und von da an ging's bergauf. Geholfen dabei hat uns das vom Senat praktizierte Bürgschaftssystem. Für die jeweiligen Einzelkredite, die von der Bank bis zu 65 Prozent der Herstellungskosten gewährt wurden, übernahm das Land Berlin die Bürgschaft.
Und mit Vergnügen lese ich in einem alten Zeitungsausschnitt, was der Wirtschaftsexperte der »Zeit« schrieb: »Die Geschäftsbanken haben in Berlin am Film bisher gut verdient. Ausfälle sind nicht entstanden. Manchmal mußten sie wohl etwas länger warten, bis das Geld zurückfloß, sie bekamen es aber immer wieder. Und der Senat von Berlin hat in den letzten fünfzehn Jahren für seine Bürgschaften lediglich 1,3 Millionen Mark eingebüßt.«
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1950 produzierte ich 3 Filme
Im gesamten Jahr 1950 entstanden in Spandau drei Filme, 1952 waren es bereits sieben, 1954 zwölf, 1957 dreizehn. Längst war der Moment gekommen, da die beiden Hallen nicht mehr ausreichten.
Fünf neue Hallen mußten gebaut werden, darunter war eine, die alle bis dahin in Deutschland gewohnten Maße übertraf. Wir verfügten jetzt über eine Studiofläche von über 5.000 Quadratmetern.
Die neuen Hallen standen nicht mehr auf gepachtetem Land, jetzt war es eigener Grund und Boden, den ich für einen Quadratmeterpreis von DM 10.- gekauft hatte. Die Studios waren derart ausgebucht, daß ich aufpassen mußte, mit meinen eigenen Produktionen in Spandau unterzukommen.
1964 wurden in ganz Deutschland 73 Filme gedreht - allein 17 davon in Spandau! Wir bestritten auf unserem Gelände ein Viertel der gesamten westdeutschen Produktion! Das waren wahrhaft stolze Zahlen.
Mein »Mann von der Bank« sagte nicht mehr: »Hab' ich's Ihnen nicht gleich gesagt«, sondern: »Wer hätte so was ahnen können ......« Ganz ehrlich: ich auch nicht. Aber das hätte ich ihm gegenüber nie zugegeben.
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1964 liefen wir allen anderen den Rang ab
Wir liefen ihnen allen den Rang ab, den Studios in München-Geiselgasteig, in Hamburg-Wandsbek, in Göttingen, in Wiesbaden. Bis zu 500 Angestellte waren zeitweise draußen an der Havel beschäftigt. Über 30 Millionen DM an Steuern haben wir an den Staat abgeführt.
Manchmal waren drei, vier Filme gleichzeitig im Entstehen. Wir hatten die modernste Ausrüstung und konnten den Firmen einen technischen Service bieten, wie sie ihn in Hollywood nicht besser angetroffen hätten.
Gerade unsere Amis haben mir das immer wieder bestätigt. Selbst vor Monsterfilmen brauchten wir nicht zu kapitulieren. »Dschingis Khan«, »Kampf um Rom«, »Die Nibelungen«, diese Riesenschinken sind alle bei uns entstanden.
Wenn Berlin damals wieder Filmstadt wurde, wenn sich die alten Hasen an die zwanziger und die beginnenden dreißiger Jahre erinnert fühlten, dann war ich daran nicht ganz unschuldig. Das muß einmal gesagt werden.
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Da fällt mir einer der Allerbesten aus USA ein - Louis Armstrong
Gewiß, es wurde auch in den alte UFA-Studios in Tempelhof produziert, und in den Arca-Studios draußen in Pichelsberg, aber ohne Spandau wäre auch die Berlinale nicht das geworden, was sie während ihrer Blüte war: ein glanzvolles Filmfest, zu dem Europa und Amerika ihre wichtigsten Filme schickten, und ihre besten Leute.
Da fällt mir einer der Allerbesten ein, den die USA zu bieten hatte: Louis Armstrong. Ein Künstler, den man normalerweise nicht bezahlen kann, auch wir in Deutschland nicht.
Mir war es trotzdem gelungen, ihn für einen Film zu engagieren. Er hatte sich, aus welchem kühlen Grunde, weiß ich nicht, bei den Gagenverhandlungen ziemlich entgegenkommend gezeigt. Es war immer noch eine horrende Summe, die ich auf den Tisch blättern mußte, aber ich sagte mir, warum soll ich mir einen solchen Mann nicht mal leisten, wenn ich schon Bubi Scholz 80.000 Mark zahle.
»Auf Wiedersehen« hieß der Streifen. Armstrong übernahm eine kleine Rolle und spielte einige seiner Evergreens. Er war kein Schauspieler, brauchte es nicht zu sein, er war Louis Armstrong, und das genügte. Er gab sich privat nicht anders als bei der Arbeit, konnte sich gar nicht anders geben, weil sich beide Sphären bei ihm hundertprozentig deckten.
Die auffallendste Eigenschaft war seine Güte. Nie wieder habe ich einen so unendlich gütigen Menschen erlebt. Außerdem war er stets gut gelaunt. Er kam öfters zu mir hinaus in den Grunewald. Er mochte Kinder über alles, und mein kleiner Sohn Henry hatte es ihm angetan. Er verwöhnte ihn maßlos. Wenn er da war, hallte das Gelächter der beiden durchs Haus.
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Am Abend des letzten Drehtags - Louis sprach sogar Deutsch
Am Abend des letzten Drehtags sagte Louis mit seiner herrlich heiseren Stimme: »Irgendwas sollten wir machen, Artur, bevor ich wieder rübergehe. Irgendwas total Verrücktes (dieses Wort sprach er beinahe perfekt deutsch aus).«
Wir hatten hart gearbeitet und waren nie dazu gekommen, zusammen auszugehen. Ich schlug ihm ein paar Lokale vor, die wir hätten besuchen können. Berlin hat da einiges aufzuweisen an Spezialitätenläden aller Art. Mehr als jede andere deutsche Großstadt jedenfalls, München-Schwabing eingeschlossen.
Aber »Pops« schüttelte bei jedem meiner Vorschläge mit dem Kopf. »Nicht verruckt«, sagte er nur. Er verfiel in abgrundtiefes Schweigen, sprang plötzlich auf und meinte: »Los, Artur, fahr mich durch Berlin. Maria, du kommst mit, und Little-Henry auch.«
Ich fand es nicht übermäßig verruckt, aber schön, wenn er es so wollte. Kaum waren wir ein paar hundert Meter gefahren, zog er seine Trompete, von der er sich nie trennte, aus dem Futteral, setzte an und blies zum offenen Fenster hinaus »When the saints go marchin' in«.
Hinter dem S-Bahnhof Haiensee erklang »High, high Society«, und als an der Gedächtniskirche die Ampel auf Rot stand, spielte er den »St. Louis Blues«. Hatte er bei den Ampelstops in dem rechts neben uns haltenden Wagen ein hübsches Mädchen entdeckt, schrie er hinüber: »Baby, darling, jetzt stell die Ohren auf.«
Und schon ging es los. Er spielte, sang, spielte. An der Bülowstraße Ecke Potsdamer stand ein Verkehrsschutzmann, weil die Ampel ausgefallen war. Ich mußte ganz nah an ihn heranfahren und Louis blies: »I can't give you anything but love.«
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Das Ganze war ein Heidenspaß .......
..... und wer sich am meisten dabei amüsierte, war Louis Armstrong. Er konnte sich freuen wie ein Kind, wenn die Autofahrer bei Grün zu starten vergaßen oder der Schaffner eines Doppeldeckerbusses das Abfahrtsignal nicht gab.
Am meisten lachte er, als ein Kabinenroller auf einen dicken Mercedes auffuhr. »Oh, Artur, that's great. Greater! Greatest!« stöhnte er und schlug mir auf die Schulter.
Wir fuhren kreuz und quer durch Berlin. Pops kam immer mehr auf Touren. Er war einfach besoffen von seiner Musik und verlangte von mir, daß ich genauso fuhr, wie er spielte: bei langsamen Sachen wie »True Love« mit höchstens 30 Stundenkilometern, bei den schnellen, wie dem »Tiger Rag«, mit verkehrswidrigen 120.
Für die Bezahlung aller Strafmandate versprach er aufzukommen. Als ich einwandte, daß Zickzackfahren mit Geld nicht mehr gutzumachen sei, sondern nur noch mit Freiheitsverlust, da beruhigte er mich: »Sitze ich für dich, Artur.«
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Dann weit draußen am Kleinen Wannsee
Schließlich waren wir draußen am Kleinen Wannsee gelandet. Wir fuhren durch den Forst, die Königsstraße entlang und nach einigen Umwegen nach Potsdam hinüber. Eine Mauer gab es noch nicht, nur einen Schlagbaum, der sich nach kurzer Ausweiskontrolle öffnete. Dann passierten wir ein mit vielen bunten Glühlampen beleuchtetes großes Gebäude.
»Was ist das?« wollte Louis wissen. »Ein Jahrmarkt?« »Nein, Kommandantura«, sagte ich. »Da sitzen die Russen.« »Halten, Artur«, sagte er, »wir bringen ein Ständchen.« »Ich weiß nicht recht«, meinte ich zögernd. »Sie haben manchmal keinen Humor für so was.«
»Russen lieben Musik«, sagte er. »Das weiß jedes Kind. Auch in Amerika.«
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Ein Ständchen für die Russen am Wannsee
Er stieg aus, und im nächsten Moment schwebten die Klänge von »Kaiinka« über den um diese Zeit leeren Vorplatz. Fenster öffneten sich. Über die Brüstung beugten sich russische Offiziere und starrten zu uns hinunter.
Sie sahen einen Neger, der um Mitternacht Trompete blies. So etwas kam anscheinend nicht häufig vor, und bald waren wir umringt von vierzig, fünfzig Soldaten. Sie kamen, staunten, lauschten. Armstrongs russisches Repertoire war klein.
Auch »Kaiinka« geht einmal zu Ende. Er begann irgendwas zu improvisieren, »Stenka Rasin«, »Das Glöckchen«, aber das hatten die Russen wohl anders in Erinnerung. Ein Major mit einem halben Klempnerladen auf der Brust sang etwas vor, das wie »Old Man River« klang, es konnte aber auch »Summertime« sein.
Louis spielte zur Sicherheit beides, dann mußte er Wodka trinken, und dann blies er den Zapfenstreich aus »Verdammt in alle Ewigkeit«.
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Dann gings wieder zurück nach Berlin
Wir fuhren nach Berlin zurück. Armstrong hatte seine Trompete wieder eingepackt. »Sie haben nicht gewußt, wer ich bin«, sagte er nach einer Weile.
Das war keine verletzte Eitelkeit. Er gehörte nicht zu jenen Showleuten, die sich beklagen, wenn man sie nicht überall erkennt, und todbeleidigt sind, wenn man sie übersieht. Er wunderte sich nur.
Ein Mann, der seit dreißig Jahren mit seiner Band die Welt bereiste, den die Gassenjungen in London so gut kannten wie die Millionäre in Rio, dessen Melodien in aller Munde waren, den man imitierte, parodierte, der wohl der berühmteste Jazzmusiker aller Zeiten war, er war für unsere Potsdamer Russen ein Mister Nobody.
Zum Abschied schenkte mir Louis sein Konterfei. Mit Filzstift schrieb er auf die Rückseite: »Dear Arthur, let's make music in Potsdam - some time or other. Louis.« Es hängt heute noch an der Wand meines Büros in Spandau.
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Meine alten Filmplakate an der Wand
Da hängt überhaupt so einiges. Alte Filmplakate zum Beispiel. Da ist das Plakat zu »Via Mala«. Den berühmten Roman von John Knittel zu verfilmen, schien idiotensicher. Die Story, die sich in der Sägemühle des Ysollatals abspielt, ist von ungeheurer Dramatik und hat Millionen von Lesern in ihren Bann geschlagen.
Mit Gert Fröbe hatte ich die ideale Besetzung für den Jonas Lauretz gefunden, den Wüstling und Trunkenbold, der die Familie tyrannisiert und schließlich von ihr umgebracht wird.
Christine Kaufmann, die spätere Mrs. Tony Curtis, und Gunnar Möller, unvergeßlich als wackerer Teutone in »Ich denke oft an Piroschka«, waren auch mit von der Partie.
Nun, der Film wird fertig. Wir haben die herrlichsten Landschaftsaufnahmen im Kasten. Die wilden Seitentäler des Vorderrheins sind ja eine reine Wonne für jeden Kameramann. Wir sind also sehr glücklich bei der kleinen Feier, die zum Abschluß eines jeden Films im Atelier abgehalten wird. Solche Feiern haben ihr Ritual.
Da gibt sich der Star leutselig und trinkt mit den Beleuchtern ein Bier (nicht ohne vorher den Pressefotografen einen Wink gegeben zu haben); der Regieassistent verträgt sich wieder mit der weiblichen Nebenrolle, mit der er ständig Krach hatte (weil sie eine arrogante Zicke gewesen sei, behauptet er.
Weil sie mit ihm nicht hatte schlafen wollen, behauptet sie); der Regisseur sagt, daß er noch nie mit einem so fabelhaften Team zusammengearbeitet habe; der Kameramann trinkt mit dem Tonmeister Brüderschaft, und sie versichern sich gegenseitig, daß sie die Größten sind; der Filmarchitekt erläutert allen, die es nicht hören wollen, daß sein erster Entwurf der bessere gewesen sei; der Standfotograf, während der Dreharbeiten mehr gelitten denn geliebt, darf endlich knipsen, will aber jetzt nicht mehr; alle sagen, daß man sich unbedingt wiedersehen müsse, der andere jederzeit willkommen sei, wenn er mal durch XY durchkomme; nur der Aufnahmeleiter sagt nichts, die geprügeltste, geschundenste, am meisten gebrauchte, für alles verantwortliche Person kann nichts mehr sagen, weil sie vor Erschöpfung auf dem Klappstuhl des Regisseurs entschlummert ist.
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Und der Produzent? (das war ich)
Er gießt sich Wasser ins Schnapsglas und den Sekt nach kurzem Nippen in den Blumentopf der nächsten Dekoration. Er muß frisch bleiben. Während für die anderen die Sorgen ausgestanden sind, beginnen sie für ihn erst.
Da ist zum Beispiel die Vorführung des fertigen Films für den Verleih.
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Die Vorführung des fertigen Films für den Verleih ...
Der Verleiher nimmt damit den Film, an dem er ja finanziell stark beteiligt ist, offiziell ab. Viel passieren kann dem Produzenten dabei nicht - vorausgesetzt, er hat sich an das Drehbuch gehalten. Die Verleihabnahme ist trotzdem immer eine aufregende Sache. Zum erstenmal nämlich gibt es so etwas wie ein Echo.
Das Abnahmegremium besteht aus einem knappen Dutzend Herren, unter die sich gelegentlich eine Dame verirrt. Da hätten wir den Verleihchef, den Chefdramaturgen, die Chefsekretärin, den Pressechef (es wimmelt geradezu von »Chefs«), den Produzenten, den Dramaturgen des Produzenten, den Regisseur und noch so einige.
Der Vorführraum ist eine Art Mini-Kino mit Raucherlaubnis. Wenn das Kommando »Abfahren« ertönt, fängt der Produzent an, unruhig hin- und herzurutschen. Auffällig unauffällig versucht er aus den schattenhaft sich heraushebenden Gesichtern die Reaktionen abzulesen.
Zeigt sich ein Lächeln bei heiteren Passagen? Huscht vielleicht ein Schmunzeln über die Züge? Zeigt sich Trauer, Erbitterung, Wut, ja blinkt vielleicht eine Träne?
Von Louis B. Mayer, dem legendären Chef der Metro-Goldwyn-Mayer, weiß man, daß er hemmungslos zu schluchzen begann, wenn ihm etwas besonders gut gefiel. Bei mir hatte leider niemand diese Angewohnheit.
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Als wir »Via Mala« vorführten ......
Als wir »Via Mala« vorführten, war ich guten Mutes. Wir waren zutiefst überzeugt davon, daß wir gute Arbeit geleistet hatten. Davon ist ein Produzent zwar immer zutiefst überzeugt, aber diesmal waren wir es ganz besonders.
Der Film sollte vom Gloria-Verleih aus München in die Kinos gebracht werden, und so war Ilse Kubaschewski persönlich erschienen mit den Herren ihres Stabes. Als das letzte Bild verloschen war, glich der Vorführraum einem Krematorium, so trostlos war die Stimmung. Die Ilse machte ein Gesicht, als habe sie Pflastersteine gefrühstückt.
»Aber, liebe Ilse, was ist los ...«, fange ich an, »warum hat dir der Film nicht gefallen? Er ist doch original nach dem Buch gedreht worden. Der Fröbe ist riesig, die Landschaft wunderbar, die Musik ...«
»Der Film ist schrecklich. Er ist krank. Krebskrank«, sagte sie mit starrem Gesicht. »Aber warum? Um Himmels willen, sag mir, warum?« »Weil ... weil ... also, weil er mir nicht gefällt!«
Viel mehr war aus ihr nicht herauszukriegen. Kurz und gut, Katzenjammer auf der ganzen Linie. Was sollten wir machen? Etwas nachdrehen? Etwas schneiden? Die Musik verstärken? Die Musik zurücknehmen?
Wir waren weit davon entfernt, Frau Kubaschewskis negatives Urteil auf die leichte Schulter zu nehmen. Jeder wußte, daß sie eine untrügliche Nase für das hatte, was man den Publikumsgeschmack nennt.
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Meine liebe Ilsse hatte sich geirrt -etwas Seltenes
Diesmal aber hatte ihre Nase die falsche Witterung erwischt: »Via Mala« wurde ein riesiger Erfolg. Nicht nur in den Metropolen, sondern auch in den Mittel- und Kleinstädten, also bei jenen Menschen, für die »Gloria« sich als zuständig erachtete.
Ich habe nie recht in Erfahrung bringen können, warum der Ilse und ihren Leuten »Via Mala« nicht geschmeckt hat. Vielleicht lag es an ihrer Putzfrau. Sie brachte zur Abnahme meist ihre Raumpflegerin mit. Weil sie sich sagte, daß das, was dieser Frau aus dem Volke gefiel, allen Frauen aus dem Volke gefallen müsse.
Und so kam es, daß Frau ..., nennen wir sie Hintermayer, daß Frau Hintermayer zu einer wichtigen Persönlichkeit wurde. Man behandelte sie vorsichtig wie ein rohes Ei, Güteklasse A, versuchte, sie vor Beginn der Vorstellung durch einige Scherze aufzulockern, und starrte nach dem Wiederaufflammen des Lichts ängstlich auf ihre Miene.
Ich finde das Putzfrauensystem gar nicht so schlecht, aber man muß es richtig handhaben. Bei Filmen mit Peter Alexander, Rudolf Prack, Joachim Fuchsberger, Rudolf Schock, Bibi Johns, Elke Sommer, da ist sie als Instanz goldrichtig.
Bei Filmen wie »Die Ratten«, »Menschen im Hotel«, »Via Mala«, »Der brave Soldat Schwejk« dagegen ist sie hundertprozentig falsch am Platz. Das versteht sie nicht mehr, das liegt eine Ebene zu hoch.
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Apropos der »Schwejk«.
Bei der Abnahme dieses Films gab es nicht einen einzigen Lacher. Niemand verzog auch nur eine Miene. Gewiß, der Schwejk ist keine bloße Lustspielfigur. Er gehört zu den großen komödiantischen Rollen, aber »Lachen verboten« galt noch nie bei ihm, und schon gar nicht, wenn Rühmann die Hauptrolle spielt.
Wir waren so verzweifelt, daß wir vorhatten, den Film ganz still und leise irgendwo in der Provinz anlaufen zu lassen. Das taten wir dann gottlob nicht, sondern brachten ihn ganz groß heraus, wie geplant, und er trat seinen Siegeszug durch die Kinos an.
Dann wieder gab es Filme, über die wir uns bei der Abnahme geradezu scheckig lachten, uns tränenden Auges auf die Schenkel schlugen - um nachher feststellen zu müssen, daß wir mit unserem Vergnügen allein standen. Die Zuschauer starrten griesgrämig vor sich hin und hielten es mit Karl Valentin, der bekanntlich bereits immer gestern gelacht hatte.
So kann der Mensch sich irren. Oder besser: so sehr können Experten sich irren. Leute, die man etwas weniger schmeichelhaft auch »Fachidioten« nennt. Weil sie sich vor lauter Betriebserfahrung eine Betriebsblindheit zugezogen haben. Wogegen niemand gefeit ist. Auch ich nicht.
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Manchmal gibt es Streit über den Titel eines Films
Manchmal streitet man sich als Produzent mit den Verleihern auch um den Titel eines Films.
Titel sind eminent wichtig und können in manchen Fällen über Erfolg oder Nichterfolg entscheiden. Es gibt höchst durchschnittliche Filme, die durch einen zugkräftigen Titel zu einem überdurchschnittlichen Geschäft wurden, und gute Filme, die in erster Linie wegen ihres lahmen Titels nicht gingen. Was auf diesem Gebiet »zugkräftig« ist und was nicht, darüber gehen die Meinungen häufig auseinander. Weil im Grunde hierfür die alte Berliner Weisheit gilt: »Nischt Jenauet weeß man nich'.«
Mit Logik läßt sich bei der Titelfindung schlecht argumentieren. Das Unterbewußtsein hat seine eigene Logik. Und an diesen, tief im Innern des Menschen verborgenen Bereich wendet sich der Titel.
Er muß also »unter die Haut« gehen. Titel wie »Verdammt in alle Ewigkeit« gehen unter die Haut. »Es muß nicht immer Kaviar sein« ebenfalls, auch »Dschingis Khan«, »Teufel in Seide«, »Winnetou«, »Der Tiger von Eschnapur« gehören dazu. Sie enthalten Reizwörter.
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Die menschlichen »Assoziationen« beim Titel
Das sind Wörter, die Gedankenverknüpfungen auslösen. Was das jeweils für »Assoziationen« sind, liegt ziemlich im dunkeln.
Niemand wird bestreiten, daß »Schweigepflicht« ein guter Titel ist. Dachte ich. Ein französischer Autor hatte mir ein Drehbuch geschrieben, das ich nachgerade sensationell fand. Besonders die Idee des Ganzen war frappierend. Sie basierte auf der Tatsache, daß es drei Berufe gibt, deren Angehörige absolute Schweigepflicht haben: der Pfarrer, der Arzt, der Rechtsanwalt.
Diese drei sind bei der Hochzeit der Tochter einer ihnen seit Jahren beruflich und privat verbundenen Familie zugegen. Es ist eine Familie, die alles hat, was die Götter ihren Günstlingen zu schenken pflegen: Gesundheit, Reichtum, Erfolg, Harmonie.
Der Schein aber trügt: Das Glück ist nur Staffage, hinter den Kulissen sieht es anders aus. Wie, erfahren wir aus dem Mund des Pfarrers, des Arztes, des Anwalts. Die Kamera schwenkt auf ihre Champagnergläser, mit denen sie auf das »glückliche Paar« angestoßen haben.
Rückblende, wir erleben die Geburt der jetzigen Braut, die ein unerwünschtes Kind war, und es immer blieb. Und so weiter und so fort. Aus den Gedanken der drei Geheimnisträger erfährt der Zuschauer die Wahrheit über die von allen beneidete Familie.
Nein, »Schweigepflicht« ist kein ein guter Titel
Das ist eine tolle Geschichte, eine fabelhafte Story, und »Schweigepflicht« erschien mir nicht nur ein guter, sondern auch ein treffender Titel.
Wer beschreibt mein Entsetzen, als ich aus München hören muß, daß der Gloria-Verleih den Titel rundweg ablehnt. Das klinge, so die Begründung, nach »hochkünstlerisch«, einen hochkünstlerischen Streifen aber wollten sie nicht, so was interessiere das breite Publikum nicht, und sie hätten auch schon die Theaterbesitzer gefragt, und die seien derselben Meinung, und es müsse eine Sache werden vor allem für Frauen, für Frauen um die Vierzig 'rum . . . und so fort.
»An was für einen Titel habt ihr denn gedacht?« Ich unterbreche den fernmündlichen Redestrom. »Du, mein stilles Tal.«
Wie bitte? Ist die Verbindung so schlecht zwischen Berlin und München? Ich kann doch nicht richtig verstanden haben. Natürlich habe ich nicht richtig verstanden. Von »Schweigepflicht« ins »Stille Tal« führt doch kein Weg, das ist doch wie »Gustav« und »Gasthof«. »Wie heißt der Titel?« brülle ich, obwohl die Verständigung wirklich einwandfrei ist.
»Du, mein stilles Tal!!!« brüllt es zurück. Ich möchte es schriftlich. Am anderen Morgen habe ich es schriftlich.
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Die Hauptdarsteller starren mich entsetzt an
Ich gehe damit ins Atelier. Die Produktion ist ja bereits angelaufen. Leonard Steckel, der Regie führt, Winnie Markus, Curd Jürgens, die Hauptdarsteller, starren mich entsetzt an.
Jürgens fragt, ob mich jemand zu heiß gebadet habe. Ich verneine. Da schreit er los. Kaum jemals habe ich einen Menschen so wütend gesehen. Er droht mit ganzen Salven von einstweiligen Verfügungen.
Wir schreiben an die liebe »Gloria«, fragen, ob dem Titel noch ein Kinderchor unterlegt werden soll. Aber in München findet man das gar nicht komisch. Die Schauspieler wollen streiken. Anwälte kontern. Die Dreharbeiten gehen inzwischen weiter. Kann man unter solchen Belastungen Qualität liefern? »Du, mein Schweigetal« heißt der Film längst bei den Atelierarbeitern. Hin und her, her und hin, am Ende mußten wir nachgeben.
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Der schwarze Peter lag jetzt bei mir
Laut Vertrag hat der Verleih das Recht, den Titel eines Filmes mitzubestimmen, zumindest ist er nicht verpflichtet, zu dem von der Produktion vorgeschlagenen ja und amen zu sagen. Würde ich trotzdem auf »Schweigepflicht« bestehen, so wäre der Vertrag gegenstandslos und damit auch die finanzielle Garantie. Womit ich den Schwarzen Peter hatte.
Um ihn wieder loszuwerden, mußte ich Schauspieler und Regisseur umstimmen. Was mir dann auch gelang. Der Premiere in Stuttgart allerdings blieben alle Leute meines Teams geschlossen fern. Sie wollten nicht beim Start einer Pleite dabeisein.
Das »Stille Tal« wurde keine Pleite. Im Gegenteil: er spielte 2 Millionen Mark ein, die liebe »Gloria« triumphierte, und Frau Kubaschewski konnte »Siehste« sagen. Sie sagte es aber nicht (in ihrem Gesicht allerdings stand es überdeutlich).
Bei »Via Mala« hatte ich mir das »Siehste« auch verkniffen.
Man soll nie einem Verleiher etwas aufs Butterbrot schmieren, was man bei der nächsten Stulle vielleicht selber runterwürgen muß.
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