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Erinnerungen von Manfred Hemmerling (2002) Kapitel 1 - 18

überarbeitet von Gert Redlich im Nov. 2015 - Bei meinem Besuch bei den Pensionären von Radio Bremen im Sept. 2015 legte Nick Kröger dieses Buch auf den Tisch, weil Herr Hemmerling an dem Zeitzeugengespräch leider nicht mehr teilnehmen konnte. Manfred Hemmerling ist wenige Tage vorher am 19. Sept. 2015 im Krankenhaus verstorben. Nach dem groben Durchlesen noch im Hotel in Bremen stand der Entschluß fest, die 260 Seiten der Erinnerungen an 40 Jahre im Rundfunk (bei Radio Bremen) einem erheblich breiteren Publikum vorzulegen.
Um das Ganze lesefreundlich zu gestalten, sind von mir weitere Überschriften zur Trennung von Lese-Blöcken eingefügt worden und natürlich auch Kommentare und Verlinkungen und weitere Bilder, die den jüngeren Lesern einiges besser veranschaulichen.
Das Inhaltsverzeichnis ist auf eine eigene Seite ausgelagert.

Kapitel 18
Der Abschied von Radio Bemen

Nach und nach schied die Generation der ersten Mitarbeiter des Fernsehens aus dem Berufsleben und das geschah auch bei den Fernsehbetriebsleitern in zeitlich immer kürzeren Abständen.

Franz Lilli vom BR, Walter Schönhofen vom SR und Gerhard Weißhuhn vom ZDF waren bereits im Laufe der letzten Jahre ausgeschieden. Und es betraf nicht nur diesen Kreis, sondern auch andere Arbeitskreise, mit denen ich über viele Jahre zusammengearbeitet und dabei den einen oder anderen Menschen schätzen gelernt hatte.

Auch die "Handbuchgruppe" war davon betroffen. Otto Thum vom ARD-Sternpunkt, Christian Schütze von der Zentralen Sendeleitung, Werner Fehler vom ZDF, Dieter Backhaus vom ARD-Leitungsbüro und Arthur Heller vom IRT waren inzwischen ebenfalls ausgeschieden, und mit ihnen, wie auch in den anderen Fällen, verließen nicht nur erfahrene Experten, sondern auch geschätzte Kollegen die Runde. Für die "Handbuchgruppe" hatte ich die Verabschiedung dieser langjährigen Mitglieder jeweils vorzunehmen.

Eine gigantische Menge an Erfahrung ging jetzt (nachhause)

Folglich hatte ich schon öfter an derartigen Verabschiedungen teilgenommen und somit auch immer wieder erleben können, wie diese Veranstaltungen abliefen. Meistens waren es Kollegen, die, wie auch ich, über Jahrzehnte im Rundfunkgeschehen tätig gewesen waren und auf eine lange und von Erfahrung geprägte Zeit zurückblicken konnten.

Und in den meisten Fällen ließen es sich die Anstalten auch nicht nehmen, dazu einzuladen, um Geschäftspartnern und Berufskollegen aus anderen Rundfunkanstalten einen dem Anlaß entsprechend würdigen Rahmen zu bieten. Und so traf man sich in verschiedenen Runden mit Kollegen aus der großen Rundfunkfamilie, der Industrie, der Telekom sowie mit Freunden aus dem Berufsleben. Man kennt sich von vielen Messen und Vorträgen usw., und seltsamerweise scheint sich dieser Kreis kaum zu verändern, und dennoch wächst die Zahl der Ausscheidenden unaufhörlich!

Es gab zum Abschied immer ein Lob - überall . . .

In fast allen Reden zum Abschied eines leitenden Mitarbeiters, die entweder der Intendant selbst oder ein Direktor hielt, hörte man üblicherweise den Konsens einer guten Zusammenarbeit heraus, zumindest aber den Dank für die über lange Zeit geleistete Mitarbeit.

Jedenfalls habe ich in solchen Fällen niemals erlebt, daß jemand nach der Devise: "der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen", entlassen wurde. Selbst wenn dergleichen Anlaß hier und da bestanden haben sollte, hätte kein Vertreter einer Rundfunkanstalt vor versammelten Gästen und Mitarbeitern bei der Verabschiedung davon auch nur ein Wort erwähnt. Das wäre nicht nur stillos gewesen, sondern hätte auch den Redner disqualifiziert.

Meistens gab es bei derartigen Anlässen eher humorvolle Vorträge, damit die geladene Runde, sofern sie es denn noch nicht wußte, über die eine oder andere Charaktereigenschaft des Kandidaten ausgiebig schmunzeln konnte.

Meine Dienstzeit endete am 30. Juni 1998

Am 30. Juni 1998 endete meine Mitarbeit bei Radio Bremen. Mit 63 Jahren wollte ich in den Ruhestand gehen. Dieser Entschluß war bei mir schon einige Zeit vorher gereift, da ein Freund, mit dem ich schon über viele Jahre durch Deutschland gewandert bin, diesen Schritt bereits getan hatte, obwohl er noch ein Jahr jünger ist als ich.

Schon öfter hatte er mich, wenn wir über einen Termin zur nächsten Wanderung sprachen, ermuntert, seinem Beispiel zu folgen. "Dann hast Du keine Probleme mit der Zeitplanung, und wir können jederzeit loswandern". Damals wußte ich aber noch nicht, wie schnellebig die Zeit eines Ruheständlers sein würde! Aber das ist ein ganz anderes Kapitel.

Nun galt es, frühzeitig einen geeigneten Termin für meine Verabschiedung zu finden. Deshalb bat ich den Intendanten, Herrn Klostermeier, den offiziellen Teil zu übernehmen.

Intendant Klostermeier konnte humorvoll erzählen

Als Termin bot sich nur der 25. Juni, ein Donnerstag an, obgleich viele auswärtige Gäste lieber Anfang der Woche nach Bremen gekommen wären. Auf die Rede von Herrn Klostermeier freute ich mich schon, denn so etwas lag unserem Intendanten ganz besonders.

Er verstand es mühelos mit seinem trockenen Humor durch Erzählen heiterer Episoden, die meist einen unerwarteten Abschluß fanden, die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen.

Gerhard Schröder, sein Vorgänger im Amt, hatte mir einmal gesagt:" Karl-Heinz kann manchmal richtig kauzig sein", und genau das hatte ich schon öfter bei ähnlichen Anlässen erlebt.

Ee brauchte etwas Zeit, einen Nachfolger zu finden

Damit für die Regelung meines Nachfolgers ausreichend Zeit zur Verfügung blieb, habe ich meinen Entschluß eineinhalb Jahre zuvor schriftlich mitgeteilt. Nach alter Tradition wollte ich meinen Nachfolger noch ein gutes Vierteljahr einarbeiten, um dann ab Mai 98 den verbleibenden Resturlaub zu nehmen.

Diesen Termin hatte ich auch in der ARD verkündet, um eine geordnete Übergabe der von mir wahrgenommenen Aufgaben ohne Zeitdruck zu ermöglichen. Horst Waschke vom MDR konnte ich die Vorsitzarbeit für das Handbuch übergeben, und auch die Mitarbeit in den ad-hoc-Gruppen ließ sich bestens regeln.

Was in der ARD problemlos stattfand, schien im eigenen Hause nicht möglich zu sein. Die Zeit rann dahin, ohne daß ein geeigneter Bewerber gefunden werden konnte. Die sich abzeichnenden Veränderungen in der Rundfunk- und Fernsehlandschaft und den damit einhergehenden Überlegungen wirkten sich dabei schon aus. (Inzwischen ist aber ein neuer Fernsehbetriebsleiter an diesem, jedoch veränderten Arbeitsplatz tätig.)

Besonders mühsam ist es, den Schreibtisch aufzuräumen

Aber der Auftakt für den beruflichen Abschied wird durch das Sichten und Aussortieren unzähliger Unterlagen, meist einige Wochen zuvor, eingeleitet. Und man ist selbst verblüfft, was sich in den vielen Jahren so angesammelt hat.

Ja, sogar von meinem Vorgänger, Gunnar Putnaerglis, befanden sich noch diverse Unterlagen im Schrank, die, zusammen mit vielen Planungsakten und anderen Dokumenten, nur noch vor sich hin gedämmert hatten.

Eine mühevolle Arbeit, und Berge an ausrangierten Ordnern füllten die großen Papierkörbe. Doch beim Sichten unzähliger Unterlagen wird man an zahlreiche Geschehnisse, an Projekte und beteiligte Personen erinnert.

Viele Erinnerungen werden wach

In diesem Raum hatten wir Jahrzehnte lang die Geschicke der FS-Technik geleitet. Montags fand immer eine Sitzung der Bereichsleiter mit Gunnar Putnaerglis statt. Besonders Heribert Tannenbauer, Leiter der Tontechnik, fiel mir dabei wieder ein, wenn er mit einer ungeheuren Eloquenz, selbst für das kleinste Vorhaben, stets kämpferisch eintrat. Er genoß schwarzen Kaffee ebenso gern wie Zigaretten, dessen blauer Dunst ihn offensichtlich friedlich stimulieren konnte. Ausgenommen Peter Badenhop, der als Nichtraucher den starken Kaffee immer als reine Giftbrühe bezeichnete, ihn aber trotzdem trank! Damals war es üblich, daß man bei einer Besprechung noch rauchte. Karl Hammerschmidt hatte meist eine Zigarre dabei, und das war gemütlich!

Nachdem ich, als Nachfolger von Gunnar Putnaerglis, in dieses Büro umgezogen war, war es für mich selbstverständlich, diese "Montagsrunde" weiterzuführen. Inzwischen waren anstelle von Herrn Tannenbauer, der 1987 in den Ruhestand gegangen war, Uwe Krüger als Leiter der Tontechnik, und als mein Nachfolger in der Bildtechnik, Michael Ganz, dabei.

Neu war die Betriebstechnik unter Leitung von Jürgen Howaldt. Er war prädestiniert, neue Technologien einzubringen und begleitete persönlich, im Gegensatz zu jüngeren Planern, stets die jeweilige Inbetriebnahme. Er war zusätzlich für unsere Werbetochter als technischer Leiter tätig. Wie zuvor nahm Peter Badenhop als Leiter der Meßtechnik an der Montagsrunde teil. Später wurde er von Willy Klenke abgelöst.

Mit Peter Badenhop, der als junger Elektroingenieur den FS-Neubau in den frühen 60er Jahren mit geplant hatte, habe ich lange Zeit gut zusammen gearbeitet. Es gab aber auch manch schwierige Stunde.

Ganz viel wanderte in den Papierkorb

Manchmal enthält schon ein einziger Gedanke der Erinnerung an frühere Erlebnisse mehr Essenz, als er sich mit wenigen Worten beschreiben ließe. Das betrifft erst recht den Inhalt der unzähligen Ordner, die ich, wie schon zuvor erwähnt, vor meinem Weggang bei Radio Bremen aussortiert habe. Darunter viele dokumentierte technische Projekte, die so etwas wie Zeitzeugnisse einer von Planung und Realisierung geprägten Epoche waren. Über dreißig Jahre Planungsgeschehen glitten beim Ausmustern durch meine Hände und - wanderten in den Papierkorb!

Konzepte über Erneuerung, Erweiterung, Umbauten, etc. Die Unterlagen beinhalteten genau genommen die eigentliche Aufbauzeit im Fernsehen. Sie betrafen alle Bereiche. Studios, Regieräume, Tontechnik, Schaltraum, Kopierwerk, MAZ, Filmgeber, Ü-Wagen, Außenstellen, und viele kleinere Projekte.

Aber was bedeutet schon ein kleines oder größeres Bauprojekt, wenn man die Umstände und Bedingungen nicht erfahrt, unter denen das eine oder andere Vorhaben entstanden ist? In allen Fällen galt fast ausnahmslos: der Betrieb mußte möglichst reibungslos weiter stattfinden! Und selbst im Fernsehneubau gab es keine Räumlichkeiten, die während der Bauzeit als möglicher Ersatz zur Verfügung gestanden hätten. Doch das waren wir schon aus dem Hörfunkgebäude gewöhnt. An der jeweiligen Baustelle spielte sich meistens beides ab, hier der Betrieb und daneben, oder des Nachts, arbeitete die Baumannschaft. So lernt man voneinander!

Als im August 1967 die Farbe begann

Mit Bezug des Fernsehgebäudes war noch die gesamte Bildtechnik in SW-Technik geplant und realisiert worden. Einige Monate später, im August 1967, begann das Farbfernsehen in Deutschland. Es versteht sich von selbst, daß wir uns als ARD-Anstalt dieser Entwicklung nicht entziehen konnten. Daher mußten sämtliche technischen Anlagen und Einrichtungen nach und nach in Farbe ausgerüstet werden.

Konzipiert in der Fernsehtechnik, geplant, realisiert von der "Technischen Ausrüstung" (TA) und alle Projekte von der eigenen Schwachstromwerkstatt ausgeführt! Das war ein Vorteil, weil die Kautscher-Truppe sich im Hause bestens auskannte und wie erwähnt, die Baumaßnahmen ja unter laufendem Betrieb erfolgen mußten, was allerdings die Bauzeit verlängerte. Aber eine Fremdfirma hätte ohne fachkundige Aufsicht diese Arbeiten gar nicht durchführen können.

Deshalb dauerte der Umbau des Hauptschaltraums (so genannt, weil der Hörfunk in späteren Jahren auch hierüber geführt werden sollte) einige Monate. Dieser Betriebsraum, meist Knotenpunkt technischer Bereiche einer Fernsehanstalt, über den sämtliche Leitungen in- und extern geführt und nach Bedarf geschaltet werden, mußte infolge veränderter technischer Anforderungen ebenfalls öfter nachgerüstet werden.

Der letzte größere Umbau erfolgte Ende der 80er Jahre. Günter Schimanski, ein erfahrener Bildingenieur, hat das Projekt (siehe Bildanhang) fachlich hervorragend begleitet und zu einem gelungenen Abschluß bringen können; seine Freistellung für diese Tätigkeit wurde aber leider wiederholt in Frage gestellt.

Die Finanzen bei RB waren immer sehr eng

Es war nicht nur die Nachrüstung auf Farbe, die sich bei uns über einige Jahre hinzog, weil die Finanzmittel und Personalkapazität der TA und Werkstatt nicht ausreichten. Die ständigen Anforderungen des Betriebes und Veränderungen in der Technologie trugen ebenfalls dazu bei.

Die Technik änderte sich extrem schnell

Eine weitere Erschwernis kam hinzu. In der Gerätetechnik vollzog sich ein immer rascher werdender Prozeß, der schon so rasant war, daß zwischen der Beantragung der Finanzmittel und der Realisierung längst neuere Produkte auf dem Markt waren als die von uns geplanten. In der heutigen Computerwelt ist das Tempo an Innovationen fast atemberaubend. Was früher über Jahrzehnte Bestand hatte und sich bewähren konnte, gilt heute schon nach wenigen Monaten als veraltet.

Radio Bremen hatte eigene Sender gehabt

Unter unserem technischen Direktor, Heinz F. G. Heyer, waren auch die Senderanlagen am Leher-Feld Anfang der 60er Jahre erheblich verstärkt und ausgeweitet worden, und noch bis vor wenigen Jahren waren die weißroten Sendemasten neben der Autobahn, ein allseits bekanntes Wahrzeichen unserer Rundfunkstation. Heute sind die Senderanlagen auf den Türmen der Telekom in Bremen-Walle und für Bremerhaven bei Schiffdorf untergebracht.

Auch der Hörfunk erhielt wegen dringender Erneuerung ein völlig neues Betriebsgebäude. Schließlich entstand Mitte der 80er Jahre das "Buten- und Binnen" Studio mit Bürocharakter und auch der größere Übertragungswagen in Farbe konnte noch beschafft werden. Bis dahin also eine wirklich schaffensreiche Periode.

Im Hörfunk wurde es zuerst digital

Inzwischen gab es aber einen neuen, vermehrten Bedarf im Hörfunk. Die sogenannte "Digitalisierung" machte Runde in den Rundfunkanstalten, und besonders der Hörfunk setzte, um Personal einzusparen, auf diese neue Technik. Aber bereits nach kurzer Zeit zeigte sich, daß dadurch doch wieder neue Arbeitsplätze entstanden, denn der Service erforderte eine andere Technikergeneration als die bisherige. Und auch in der Planung galt es radikal umzudenken.

Die guten und die schlechten Seiten der Digitalisierung

Die älteren gestandenen Planer waren nun nicht mehr so gefragt wie die jungen, im Rundfunk und mit deren Betriebsabläufen noch unerfahrenen EDV-Spezialisten. Was anfanglich kostengünstig schien, stellte sich bald infolge vieler EDV-Plätze als deutlich teurer heraus, wie auch der Raumbedarf ständig zunahm.

Besonders die Ersatzbeschaffung an schnelleren Rechnern und Monitoren schlug zu Buche, und die über Jahre praktizierte (notwendige) Bescheidenheit der Technik war schon bald in Vergessenheit geraten. Bei unserem geringen Investitionshaushalt gab es ohnehin nicht die Spielräume (über die andere Anstalten verfügten), und die knappen Haushaltsmittel mußten infolge unausbleiblicher Lizenzkosten usw. gestreckt werden, so daß manch ein Vorhaben gar nicht, oder nur verzögert, realisiert werden konnte. Das betraf insbesondere das Fernsehen.

Es war die Zeit der "Märchenerzähler"

Das Thema "Bildschirmarbeitsplatz" machte die Runde, und ständig neue Vorschriften erschwerten die jeweiligen Vorhaben. Das dabei auch viel Stroh gedroschen wurde, wird nicht verwundern. Bei Radio Bremen ging es aber nicht anders zu als bei anderen Rundfunkanstalten. Wahrscheinlich waren die Gruppen, die dort an solchen Gesprächen beteiligt waren, noch um vieles größer, jedenfalls bot sich damit endlich die schon lange geforderte Mitsprache bei allen bis ins Detail gehenden Planungsvorhaben. Und es ist müßig, die einzelnen Vertreter aller unterschiedlichen Interessen aufzuzählen, bis auf jene Leute, deren Reden ich scherzhaft oft mit den Webern "des Kaisers neuen Kleider" aus dem Märchen von Hans-Christian Andersen verglichen habe.

Viel viele Sprüche warteten auf das Handeln

Dadurch ließen sie sich aber nicht abhalten, ihre Sprüche ständig zu wiederholen. Mangels ausreichender Kenntnisse über den wirklichen Bedarf, hörte ich oft den gutgemeinten Ratschlag, "wenn wir bald digitale Anschlüsse haben, dann können jederzeit alle Zuspiele für B&B erfolgen".

Daß die tägliche Sendung Buten und Binnen nur deshalb so erfolgreich war und ist, weil die Redaktion aus Stadt und Umland berichtete, und nicht wie bei der Tagesschau auf viele Überspielungen angewiesen waren - und auch unser Leitungsnetz bislang völlig ausreichte - schien einigen völlig neu zu sein!

Es galt eben alles zu "vernetzen", nach dem heute üblichen Motto: möglichst alle Optionen offen halten! Wer hierzu Fragen nach den Folgen stellt, gilt schon als lästig, wenn nicht gar als rückschrittlich. Und auch manch ein Vorgesetzter zeigte in dieser Hinsicht keine besondere Neigung, sich mit den Details zu beschäftigen. Wichtig schien nur, in den entscheidenden Kommissionen zu sein und möglichst viele einflußreiche Leute zu kennen, denn wer in diesem Sinne eine Firma vertrat, gehörte schon halbwegs zu denen, die für den Fortschritt eintraten, ob sie persönlich wirklich dafür waren, sei mal dahingestellt.

Am Anfang war das Wort. So steht es in der Bibel. Diese Botschaft setzt sich immer mehr durch, doch oft fehlt der zweite Schritt, das Handeln!

Unsere Vorstellungen sind halt anders - ein anderer Maßstab

Früher, wann war das noch? wurde einfach gehandelt, ohne viel zu reden, heute ist es genau umgekehrt. "Ihr Serviceteam", heißt es oft mit hohem Anspruch, das aber oft enttäuschend ist, wie scharenweise leidgeprüfte Konsumenten berichten. Diese Entwicklung hat weder ihr Ende gefunden, noch jemanden ausgelassen. Beklagt wird im allgemeinen die mangelnde Zuverlässigkeit und der Verlust jener Werte, die über Generationen als verläßlicher Maßstab galten.

Aber alles hat seine Vorgeschichte und nichts kommt überraschend, auch wenn man es nicht glauben mochte, weil es einige Jahre dauerte, bis die Saat aufging. Diese vereinfachte gesellschaftliche Betrachtung gilt für alle Bereiche! Sollte ausgerechnet der Rundfunk davon ausgenommen sein, dort, wo üblicherweise Informationen tagtäglich über Hörfunk und Fernsehen verbreitet werden?

So habe ich 5 Intendanten erlebt (überlebt)

Aufgrund meiner langen Zugehörigkeit zu Radio Bremen hatte ich inzwischen fünf Intendanten und deren Wirken sowie die sich damit geänderten Verhältnisse erlebt. Bereits Mitte der 1970er Jahre sorgte eine neue Generation dafür, daß profilierte Mitarbeiter, sogenannte Einzelkämpfer, kaum noch eine Chance hatten, ihre Vorstellungen allein durchzusetzen und zu verantworten, und daß bald eine "Pluralverantwortung" eingeführt wurde, die politisch gewollt war, aber den Betrieb letztlich nur behinderte!

Die "Gleichmacherei" hat nichts hervorgebracht

Zur politischen Entwicklung und zum Zeitgeist der 1968er Generation will ich mich hier nicht noch weiter äußern, nur soviel: durch eine "Gleichmacherei" wurde das Engagement Einzelner mehr und mehr abgewertet und die über Jahre gewachsenen Erfahrungen in bekannter Manier in Frage gestellt oder ganz einfach nur lächerlich gemacht!

Unser damaliger Intendant, Herr Abich, hatte offenbar den sich abzeichnenden Wandel erkannt und diesen zum Anlaß genommen, als er Anfang der 1970er Jahre auf einer Betriebsversammlung verkündete, daß er nicht für die ganze Amtsperiode zur Verfügung stehen würde. Andere arrangierten sich später mit den Verhältnissen. Sein Nachfolger, Klaus Bölling, setzte dann auch bald neue Maßstäbe, besonders in der Tarifpolitik.

"Die Privaten" haben einiges nachhaltig verändert

Die wirklich grundsätzlichen Veränderungen wurden aber erst viel später deutlich! Und ganz gewiß hat auch das Aufkommen der privaten Rundfunkanbieter erheblich dazu beigetragen und die Gewohnheiten der Hörer und Zuschauer nachhaltig verändert.

Noch in den 198oer Jahren hatte ein leitender Mitarbeiter einer Rundfunkanstalt aus dem Südwesten mir einmal gesagt: "jeder Auftritt vor der Kamera oder dem Mikrofon darf bei uns nur im Namen der Anstalt erfolgen und keine persönliche Kommentare enthalten".

Hört man heute die stündlichen Nachrichten im Radio, die bis auf wenige Ausnahmen (DLF, Deutschlandradio, usw.), zweifelsfrei kommentierte Berichte sind, dann scheint dieser einstige Wertmaßstab längst der Vergangenheit anzugehören. Das aber paßt genau in das heutige Erscheinungsbild. Nicht ein Einzelner, sondern ein Team ist für die Nachricht verantwortlich, letztlich vielleicht nur noch eine Agentur.

Wo ist die Verantwortung geblieben ?

Der Begriff "Verantwortung" ist schon längst zu einer Worthülse verkommen. Wer in einer Firma außer für sich selbst, sondern auch für andere die Verantwortung trägt, müßte Antworten auf getroffene Entscheidungen, die nicht zum Gedeihen des Ganzen ausgefallen sind, und nicht Sprüche abgeben nach dem Motto: "dafür halte ich meinen Kopf hin"!

Für seine Handlungen wirklich persönlich einzustehen, ist eine Tugend, die in unserer Gesellschaft schon eher zu den Ausnahmen zählt. Die Beispiele in der Politik und Wirtschaft häufen sich, in denen irgendjemand für persönliche Fehlentscheidungen als Konsequenz lediglich seinen Rücktritt anbietet!

Ausnahme von dieser Regel sind meist kleinere, persönlich geführte Unternehmen. In der Wirtschaft wird ein derartiges Verhalten oft noch mit besseren Angeboten unterstützt. In der Welt der Angestellten ist der Fluchthafen - wenn es das Alter zuläßt - letztlich die Vorruhestandsregelung.

Es ist ein Verlust unserer Kultur zu spüren

Sie macht den Verlust einer Kultur deutlich, die das Verantwortungsgefühl längst verloren hat und zu einer "Konsumgesellschaft" verkommen ist, die westlich - oder typisch amerikanisch - geprägt ist. Zum Zeitstil gehören auch möglichst viele englische Wortschöpfungen, die nicht einmal mehr Amerikaner verstehen, obwohl gerade sie es waren, die für viele dieser schlampigen Abkürzungen gesorgt haben.

Unsere heutige Gesellschaft fordert von allen möglichen Institutionen ständig Schutz, Sicherheit, Wohlergehen, usw., ohne selbst bereit zu sein dafür etwas zu leisten, gleichzeitig aber die Befriedigung all ihrer Bedürfnisse.

Ich nenne das eine reine "Kinderwelt"

Diese Haltung entspricht einer reinen Kinderwelt! Dazu gehört auch der Mythos: nur jungen dynamischen Menschen gehört die Zukunft (natürlich müssen die Jüngeren die Zukunft gestalten), aber ihnen wäre mehr damit gedient, wenn sie auf die Erfahrungen der Älteren aufbauen würden.

Viele Altgediente sehen oft keinen Sinn mehr in ihre Tätigkeit, wenn Werte wie Sorgfalt, Können, Gewissenhaftigkeit usw. von den Jüngeren ignoriert werden, ja oftmals sogar als lästig empfunden werden. Ist es daher ein Wunder, wenn sich in diesem verändernden Umfeld ältere Menschen, die Jahre, manchmal Jahrzehnte in einem Unternehmen tätig waren und mit dem sie sich verbunden fühlten, froh sind, wenn sie endlich in den "wohlverdienten Ruhestand" wechseln dürfen? Sie sehen es als eine Erlösung an, wenn sie die aus ihrer Sicht unerfreulichen Verhältnisse möglichst rasch verlassen können!

Ein schwieriges Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden

Obgleich sich in diesem Sinne in den letzten Jahren vieles verändert hat (aber nicht nur im Rundfunk), kann ich trotzdem nicht schreiben, daß ich froh war, endlich den Zeitpunkt meines Abschieds erreicht zu haben. Mir war jedoch bewußt geworden, daß ich nicht mehr gebraucht wurde!

Zwei Tage vor meiner Abschiedsfeier konnte ich noch Jürgen Howaldt und Eberhard Kolakowski, mit denen ich über viele Jahre (36 und 32 Jahre) gut und konstruktiv zusammengearbeitet habe, in den vorzeitigen Ruhestand verabschieden. Eine derart lange Zeitspanne, in der natürlich auch zahlreiche Geschehnisse den Alltag geprägt haben, führt zu einer sehr persönlichen Bindung, so daß mich ihr Abschied emotionell tiefbewegt hat.

Die Trennung wurde mir dabei erst richtig bewußt. Meine eigene Abschiedsstunde hat mich merkwürdigerweise weit weniger betroffen gemacht, bis auf den später noch erwähnten MAZ-Zusammenschnitt (ein Zeitraffer) über meine Mitarbeit im Hause.

Und noch eine Danksagung liegt mir am Herzen

An dieser Stelle möchte ich besonders die mehr als 25jährige, vertrauensvolle und mehr als angenehme Zusammenarbeit mit meiner Sekretärin, Barbara Langfort, erwähnen und ihr für die vielen Jahre gemeinsamer Arbeit danken. Ich hoffe, daß sie sich ihre spontane, jugendliche Art noch recht lange erhält.

Marlies Simonis danke ich für die gute Mitarbeit bei den ARD-Themen und der umfangreichen Kursbelegung für die SRT, die sie stets gewissenhaft betreut hat. Schließlich möchte ich mich bei den Bereichsleitern für ihre gute und kollegiale Zusammenarbeit herzlich bedanken.

Und am Ende war ich auch mal im Fernsehen

Als amüsante Zugabe gab es zu meinem Abschied einen MAZ-Zusammenschnitt mit vielen kleinen Episoden meines Wirkens bei Radio Bremen. Es ist der ausschließliche Verdienst von Nick Sternberg aus der MAZ, daß sehr viele historische Aufnahmen aus den Anfangsjahren gerettet wurden!

Mein Auftritt in den 60er Jahren in einem Interview mit Inka Eckermann, damalige Redakteurin der Nordschau, hier in einer Sondersendung von Radio Bremen, ist eine Lachnummer, wie sie selbst Loriot nicht besser hätte erfinden können.

Auf fast jede Frage von Frau Eckermann antwortete ich damals mit den umständlichsten Erklärungen. Wenn ich diese Aufnahme heute ansehe, dann bewundere ich die Haltung und Disziplin von Frau Eckermann, und daß sie damals nicht vom Stuhl gefallen ist, ob meiner Antworten.

Gerd Widmer (Redakteur) hat den MAZ-Zusammenschnitt nicht nur vortrefflich kommentiert, sondern den Text selbst gesprochen. Es war eine schöne Ergänzung, und einige Aufnahmen, besonders die von unserer ersten Hafenmelodie, haben in mir sentimentale Gefühle ausgelöst.

Un dann gabs noch ein herrliches Juni-Gewitter

Was mir von diesem Tag besonders gut in Erinnerung geblieben ist, war ein herrliches Gewitter am Nachmittag. Es war schon den ganzen Tag sehr schwül gewesen und ich war froh, daß wir diese Feier in dem gut klimatisierten Sitzungssaal des Fernsehens im fünften Stock abhalten konnten. Besonders wegen des noch zusätzlich warmen Büfetts.

Etwa gegen 15 Uhr zogen erste dunkle Wolken auf und bald war der ganze Himmel schwarz bedeckt. Aus den Fenstern von hier oben hat man einen weiten Blick, der nach Westen bis zu den Bremer Domtürmen reicht und nach Osten die Anhöhe von Oyten erkennen läßt. Das Wetter zog rasch heran und als die ersten nahen Blitze zuckten, die Donner grollten und heftiger Regen gegen die Fensterscheiben prasselte, empfand ich ein wunderbares Glücksgefühl und jene Harmonie, die ich immer dann verspüre, wenn derartige Naturereignisse stattfinden.

Das war ein richtiges Geschenk zu meinem Abschied und ein Andenken an einige Stunden, die ich in dieser Form niemals wieder erleben werde.

Zum Abschluß des offiziellen Teils habe ich einige Gedanken über die
Zeitqualität vorgetragen. Sie sollen auch hier als Nachwort an meine lange Erlebnisreise im öffentlich-rechtlichen Rundfunk stehen.

Perspektiven (von Manfred Hemmerling)

Jeder Beginn enthält auch sein Ende! Ich will mich hier aber nicht mit philosophischen Überlegungen aufhalten, sondern vielmehr eine kurze Betrachtung über den Abschnitt anstellen, der zwischen diesen beiden Punkten liegt.

Meine 40jährige Mitarbeit bei Radio Bremen.
Dazu ist aber jene Datenreduktion nötig, die Kritikern wie Befürwortern recht geben wird. Der hierbei verwendete Algorithmus läßt sich leicht beim Bahnreisen finden. Schaut man nämlich aus dem Fenster eines durch die Landschaft rollenden Zuges, entdeckt man verschiedene Perspektiven des Betrachtens. So wird, für das Auge des Beobachters, die zurückbleibende Landschaft scheinbar immer kleiner, wie unzählige Ereignisse auf dem Lebensweg. Sie verlieren an Größe und Bedeutung.

Schaut man nach vorne, so verhält es sich genau umgekehrt, einiges stimmt erwartungsvoll, anderes wirkt gar bedrohlich. Wichtig ist, beides miteinander zu verbinden. Die Erfahrungen von gestern für die Aufgaben von morgen zu nutzen!

Aber dazu ist eine Position der Mitte nötig, um den Gesamteindruck, das Ganze, nicht aus den Augen zu verlieren. Das allerdings ist nur zu erhalten, wenn man Schritt hält mit dem beständigen Wandel. Sollte das Bild aber stehen bleiben, dann hat man ganz unweigerlich den Anschluß verpaßt oder man befindet sich gar schon auf einem Abstellgleis.

Irgendjemand hat nämlich inzwischen die Weichen verstellt, um seinen Zug schneller ans Ziel zu bringen!

Die Weisheit der Wanderer . . .

Als Wanderer weiß man aber, daß alle Wege zum Ziel führen und doch niemals enden.

Das gilt für alles, so auch fürs Fernsehen. Was gestern noch reizvoll war, verdankt seinen Erinnerungswert nicht nur jenen Wegbereitern, sondern oft auch heutigen Wegesuchenden! Es gilt aber nicht nur, mit modernen Mitteln der Gestaltung neue Formen zu finden, sondern auch den passenden Zeitpunkt, die richtige Stunde, in der etwas mit Aussicht auf Erfolg begonnen werden kann.

Und jeder Gestaltungsprozeß setzt nicht nur die treffende Idee, sondern auch die Unterstützung aller Beteiligten voraus. So ist die Einführung neuer Technologien nicht nur ein Ersatz veralteter Technik, sondern auch immer ein psychologischer Prozeß.

Für die genannten und viele andere Stationen meines beruflichen Weges bei Radio Bremen trafen diese Bedingungen über viele Jahre stets zu. Ein Glücksfall? Vielleicht. Ein Zufall gewiß nicht!

Es ist Zeit, sich zu verabschieden . . .

In wenigen Tagen endet dieser Abschnitt. Der Zeitpunkt ist gekommen, sich von vielen Mitreisenden zu verabschieden. Ich wünsche allen, die in diesem interessanten Zug verbleiben, weiterhin eine gute Fahrt.
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  1. Erhalten Sie sich die Verbindungswege von ARD und ZDF für die künftigen Nah-und Fernziele.
  2. Fördern Sie den Gemeinschaftsgeist, besonders im Hause, und tragen Sie ihn durch überzeugtes Handeln nach außen.
  3. Unterstützen Sie kreative Ansätze und jede engagierte Mitarbeit, denn sie sind unser höchstes Gut bei Radio Bremen.

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Ich wünsche allen Verantwortlichen den persönlichen Mut und dazu die notwendige Entschlossenheit, neue Wege zu beschreiten, zum Fortbestand von Radio Bremen, unseres Senders. Und Ihnen allen wünsche ich dazu den Erhalt Ihrer Schaffenskraft in guter Gesundheit.

Zum Schluß meiner Betrachtungen, von Eugen Roth noch ein Vierzeiler, etwas abgewandelt:

  • Ein Mensch lebt noch mit letzter List
  • In einer Welt, die nicht mehr ist
  • Ich hingegen, grad so unbeirrt,
  • leb schon für eine, die erst wird.


Adieu

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