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Will Tremper war 16 Jahre alt, als der 2. Weltkrieg zuende ging.

In seiner Biografie von 1993 beschreibt Will Tremper, wie er als überzeugter Hitlerjunge die Zeit ab 1939 erlebt hatte und was davon bei ihm unauslösch- lich im Kopf hängen geblieben war. Und er erzählt von seinen Erlebnissen in Berlin unter den Bomben. Lesenswert ist dazu auch "Als Berlin brannte" (Hans-Georg von Studnitz). Der Zusammenhang schließt sich über die Curt Riess'sche Biografie "BERLIN 1945-1953" und dessen beide dicken Film-Bücher, in der der Name Tremper aber nicht genannt wird. Will Tremper hingegen schreibt daher sehr genüsslich über "die anderen Seiten" bekannter Personen aus Politik und Film - natürlich auch über Curt Riess. Die einführende Seite steht hier.

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In Berlin gabs bis Juni 1949 eine Polizeistunde

Die großen Ereignisse des Jahres 1949 sind in den Geschichtsbüchern verewigt: Ende der Blockade und Luftbrücke, Gründung der Bundes- und der Deutschen Demokratischen Republik.

Doch das Ereignis, das im Juni 1949 positiver ins Leben der Berliner eingriff als jedes andere und ihr Leben heute noch bestimmt, ist nirgendwo festgehalten.

Fragst du den berühmten Berliner Taxifahrer, seit wann es in Berlin keine Polizeistunde mehr gibt und das Fremdenverkehrsamt den Spruch von der »Stadt, die nie schläft« auf seine Fahne schreiben kann, kriegst du die dumme Antwort: »Det war doch schon imma so, wa?«

Fragst du ein Mitglied der gebildeten Stände, einen Politiker gar, kann es passieren, daß du, nach längerem Nachdenken, ein schlaues Lächeln erbst: »Der Alte Fritz, natürlich!«

Denn alles, was in Berlin anders ist als anderswo, verdanken wir Friedrich dem Großen, nicht wahr. Nur die Aufhebung der Polizeistunde nicht: Die verdanken wir Heinz, dem Großen - meinem fast zwei Meter langen Freund Heinz Zellermayer, der fast vierzig Jahre lang der Berliner Hotel- und Gaststätten-Innung vorstand und heute noch ihr Ehrenpräsident ist.
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Heinz Zellermayer - der beliebteste deutsche Besatzer

Der schlanke, gutaussehende Erbe des bekannten Hotels am Steinplatz, ein Liebling der Damen, hat die Gastronomie von der Pike auf gelernt und leitete im Krieg, ganze fünfundzwanzig Jahre alt, als Obergefreiter der deutschen Wehrmacht das weltberühmte »Maxim's« in Paris.

Er dürfte der beliebteste deutsche Besatzer gewesen sein, denn noch zehn Jahre nach dem Krieg habe ich gesehen, wie die alten Kellner im »Maxim's« die Tabletts fallen ließen und den blonden Monsieur Heinz umarmten.

»Bis zum Ende des Krieges«, sagte er, »gab es in Groß-Berlin, wie in jeder anderen Kommune der Welt, den >Feierabend!<-Ruf der Wirte. Um Mitternacht, in Ausnahmefällen um zwei Uhr früh, war Schluß. Als die Russen in Berlin einmarschierten, verhängten sie ohnehin eine Ausgangssperre für die deutsche Bevölkerung.

Um 21 Uhr schlossen die Kneipen, um 22 Uhr mußten die Berliner von der Straße sein. Die bald darauf eintreffenden Amerikaner, Briten und Franzosen schlossen sich dieser Regelung an - es gab ja sowieso nichts zu essen und zu trinken...«
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Heinz und die bildhübsche Schauspielerin Winnie Markus

Obermeister der Berliner Gastwirte-Innung war damals ein alter Kneipier aus der Stadtmitte, später »Ost-Sektor«, der die Welt nicht mehr verstand.

Der gewählte Magistrat sorgte dafür, daß er einen jungen Stellvertreter aus den West-Sektoren bekam, der um so mehr von der Welt verstand. Ich habe Heinz 1947 zum erstenmal fotografiert, als er im Rathaus Schmargendorf - das auch mein Lieblingsstandesamt wurde - die bildhübsche Schauspielerin Winnie Markus heiratete.

Die war bei Kriegsende von einem betrunkenen Russen ins Knie geschossen worden, und Heinz, der sich als Arzt ausgegeben hatte, um dem Heldentod zu entgehen, sorgte für ihre umgehende Behandlung durch einen Sowjetchirurgen.

Um nicht selbst in die Verlegenheit zu geraten, nach dem Skalpell greifen zu müssen, hatte er sich den rechten Arm eingipsen lassen; so einer ist der Heinz.

Ein paar hundert übriggebliebenen Kneipen

»Nach dem Bombenkrieg sah unsere Branche wirklich schlimm aus«, erzählte er. »Von den vierundzwanzigtausend Betten im Vorkriegs-Berlin existierten in der ganzen Stadt noch sage und schreibe eintausendfünfhundert! (Beim Fall der Mauer waren es, allein in West-Berlin, wieder 25.000.)

Und auch die paar hundert übriggebliebenen Kneipen befanden sich in einem bejammernswerten Zustand (beim Mauerfall waren es allein in West-Berlin schon wieder fünftausend!) ... Wir konnten, bei diesen Verhältnissen, nur wieder auf die Beine kommen, wenn die Berliner abends ausgehen würden ... Aber da war die frühe Sperrstunde!«

Wir brauchten die Nachtstunden wie das liebe Brot

Im Winter 1945/46 verlängerten die Sowjets in ihrem Sektor auf 22 Uhr, und die West-Kommandanten zogen nach. Bis zur Blockade 1948/49 war die alte Polizeistunde von vor dem Krieg wieder in Kraft. Doch Heinz Zellermayer, inzwischen Mitglied der Stadtverordnetenversammlung für die CDU, verlangte von dem neuen Polizeipräsidenten der Weststadt, Dr. Johannes Stumm, immer neue Ausnahmegenehmigungen.

»Die Berliner waren, nach all den Entbehrungen, hungrig nach einem bißchen Vergnügen. Wir brauchten die Nachtstunden wie das liebe Brot...«

Die Frechheit, nach Aufhebung der Blockade auch um Aufhebung der ganzen Polizeistunde zu ersuchen, hätte kein anderer als der junge Zellermayer aufgebracht. Aber da mußte der Polizeipräsident passen, und schon damals fielen die Sätze: »Sie sind wohl wahnsinnig! Das gibt's doch auf der ganzen Welt nicht!«

Heinz, der Polyglotte, parlierte zuerst mit General Ganeval, dem französischen Stadtkommandanten, doch der traute sich nicht, so etwas Revolutionäres wie die Aufhebung gleich der ganzen Polizeistunde in den wöchentlichen Sitzungen der Alliierten Kommandantur auf die Tagesordnung zu setzen:

»Sprechen Sie lieber zuerst mit den Briten, ohne die und die Amerikaner läuft in West-Berlin sowieso nichts...« Der britische General war natürlich ein Puritaner, der Heinz Zellermayer nicht nur an die uralten Londoner Vorschriften erinnerte - kein Alkohol vor Einbruch der Dunkelheit, kein Tanz am Sonntag -, sondern auch daran, wer den Krieg verloren hatte: »May I remind you...«

Wie Heinz Zellermayer den Colonel Howley rumdrehte

Am Ende landete der Obermeister bei genau jenem Colonel Howley, von dem er sich am wenigsten versprach, weil er ihn für den uneinsichtigsten Kommißkopp hielt. Und der ließ ihn prompt auch wissen: »Ihre Argumente interessieren mich nicht. Meine Aufgabe ist es allein, für die Sicherheit Berlins zu sorgen. Keine Polizeistunde mehr heißt keine Sicherheit auf den Straßen mehr. Right?«

Dem wollte Heinz so ohne weiteres nicht zustimmen. Ohne Scheu vor dem Helden der Blockade fragte er Howley: »Sind Sie überhaupt schon mal in einer deutschen Kneipe gewesen, Colonel?« Der machte nur »Hoho!« und wollte den Unterschied zwischen einer deutschen Kneipe und einem amerikanischen Saloon wissen.

Zellermayer erklärte ihm, daß es keinen gebe, und erwischte den Stadtkommandanten kalt mit Logik:

»Es ist doch so, daß ein Gast, solange er in einer Kneipe oder einem Saloon was zu trinken bekommt, sich friedlich und gesittet verhält, von den üblichen Ausnahmen abgesehen. Der Krawall entsteht doch erst, wenn der Wirt >Schluß!< ruft und die Besoffenen auf die Straße gesetzt werden!«

Howley starrte ihn an und schien sich an etwas zu erinnern. »Damn
it!« rief er schließlich. »You have a point, Obermeister!«
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Solange die Berliner in der Kneipe sitzen und saufen ...

Und setzte die Aufhebung der Berliner Sperrstunde auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung, wurde vom französischen Stadtkommandanten unterstützt, und beide überstimmten General Bourne, den Briten.

»It's all fixed!« sagte er nach der Sitzung am Telefon zu Heinz Zellermayer. Der informierte sofort den Polizeipräsidenten: »Ab heute nacht wird durchgefeiert in Berlin!« Dr. Stumm wollte es nicht glauben: »Moment mal - ich brauche was Schriftliches!«

Aber der Obermeister hatte seine Bezirksmeister schon angewiesen, nicht mehr zu schließen, und die Gaststätten-Innung konnte endlich steile Aufwärtsraten verzeichnen.

Das geschah am 20. Juni 1949, und seitdem hat Berlin nicht wieder geschlossen, Jubel, Trubel, Heiterkeit herrschen rund um die Uhr. Las Vegas hat erst im Jahr darauf diese Lizenz bekommen.
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  • Anmeriung : Am 30. Juni kam (gr) ich zur Welt, wenn auch nicht im zerstörten Berlin sondern im Postamt in dem abgelegenen Ellrich im Südharz mitten in der 5km Sperrzone. Dort "verblieb" ich gerade mal 3 Monate und dann wurde ich "republikflüchtig". Ich habe es nicht bereut.

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Wie immer - Macher waren und sind gefragte Leute

Es sind Männer wie Heinz Zellermayer, wie Karl Heinz Pepper, der das Europa-Center baute, die das Gesicht einer Stadt prägen und für ihren unverwechselbaren Charakter sorgen, nicht die Politiker. Die feiern sich lieber selbst. »Sag's nicht weiter«, meinte mein Freund Heinz erst kürzlich, »aber ich fürchte, die Kommandanten haben dem Polizeipräsidenten nie etwas Schriftliches über die Abschaffung der Polizeistunde gegebea Die Macht des Faktischen ist stärker gewesen.«

Von meiner 1. Frau Ingrid und auch von Curt Riess getrennt

Das letzte der vierziger Jahre war eine wilde Angelegenheit, wenn ich so in meinen alten Notizbüchern blättere. Gewiß auch, weil ich mich von Ingrid getrennt hatte und in die Joachim-Friedrich-Straße in Halensee gezogen war, für mich allein in einem romantischen 68qm-Atelier lebte, ein Junggeselle mit eigener Wohnung.

Das zog die Mädchen an wie der Honigtopf die Bienen. In meiner Erinnerung wimmelt's von hübschen, lustigen Weiblichkeiten, die wie in einem Taubenschlag bei mir ein- und ausflogen.

Wahrscheinlich wollte ich Ingrid oder mir selbst nur beweisen, daß ich allein ein besseres Leben führen könnte. Von Riess hatte ich mich kurz nach unserer Rückkehr von der Reise durch Westdeutschland wieder einmal wütend getrennt, war so rabiat geworden durch einen zynischen Wortwechsel, daß er Handgreiflichkeiten fürchtete und nach der Militärpolizei rief.
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Die Geschichten mit Klaus Kinski

Dafür hing Klaus Kinski wochenlang bei mir rum, brachte jede Nacht eine andere Frau in mein Atelier und veranstaltete die größten Sauereien.

Den längsten Teil der Blockade hatte er in München verbracht, jetzt gedachte er, selbst Intendant zu werden, »die Kohlen einzusacken«. Eines Tages schleppte er jede Menge Stühle in den sechsten Stock hinauf und verwandelte mein Atelier in ein Theater, begann meine Klamotten samt dem Bett von einer Ecke in die andere zu schieben und den Verputz von der Decke zu klopfen, um eine Vorhangschiene anzubringen - ich bekam es mit der Angst zu tun und schmiß ihn raus.

Die Memoiren der Adlon Erbin - gegen eine Dachwohnung

Das unzerstört gebliebene Haus Nr. 53 an der Ecke Joachim-Friedrich- / Halberstädter Straße gehörte der umfangreichen Hedda Adlon, die selbst den ganzen ersten Stock bewohnte.

Ich hatte die letzte Besitzerin des Hotels Adlon (Anmerkung : eines der edelsten und teuersten Hotels von Berlin - direkt neben dem Brandenburger Tor) , dessen Restruine am Pariser Platz nun abgetragen wurde, auf einer Party bei Riess kennengelernt. Er wollte die Adlon-Geschichte schreiben, und ich sollte sie recherchieren, was der klugen Hedda nicht ganz geheuer vorkam.

Gleich am ersten Nachmittag in ihrem Boudoir hatte sie resolut einen Entschluß gefaßt: »Wenn Sie mir helfen, meine Memoiren selbst zu schreiben, lasse ich Sie in dem Atelier unterm Dach mietfrei wohnen - wozu brauchen wir den Riess?«

Ich zog schon ein, bevor ich mich mit Riess verkrachte, aber ich war mit zu vielen anderen interessanten Dingen beschäftigt, um mich ernsthaft um das Leben der dicken alten Frau zu kümmern, ich Schwein.

Ein paar Nachmittage lang hockte ich auf ihrem roten Diwan und machte mir Notizen, dann hatte ich den Dreh raus und schlug ihr vor, doch erst mal selbst - und schön chronologisch - ihr Leben zu Papier zu bringen, ich könnte mit einem vorliegenden Text mehr anfangen.
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Natürlich können Sie schreiben!

»Aber ich kann doch nicht schreiben!« rief sie entsetzt. »Natürlich können Sie schreiben!« habe ich sie ermutigt und aus dem Handgelenk eine Theorie entwickelt, die heute noch hält, was sie verspricht. »Es gibt überhaupt nur zwei Arten von Schriftstellern«, habe ich getönt.

»Das eine sind die, die etwas Großes, Interessantes erlebt haben - von denen erwartet der Leser nur anständiges Deutsch. Das andere sind die kleinen Genies, die formvollendeten Formulierer, die mit siebzehn Jahren schon Literaturpreise einheimsen - die interessieren uns sowieso nicht! Also, fangen Sie schon mal an, und ich schaue dann wieder rein und bringe alles auf Vordermann!«

So geschah es, sie schrieb mit ihrer gestochenen Sütterlinschrift mehrere Schulhefte voll, genau wie Leni Riefenstahl vierzig Jahre später, und legte sie mir verschämt unter die Fußmatte des Ateliers. Ich Schwein nahm mir nicht einmal die Zeit, alles zu lesen, was sie schrieb, erfand immer neue Gründe, warum ich »im Augenblick« noch mit etwas anderem Wichtigem beschäftigt sei, und ermunterte sie, fleißig weiterzuschreiben.

Das ging fast ein ganzes Jahr so, und die liebe Hedda ließ sich von mir nach Strich und Faden verkohlen. Ich hatte mir längst angewöhnt, die Schuhe auszuziehen, wenn ich an ihrer Wohnungstür im ersten Stock vorbeimußte, denn sie ließ die Tür nur angelehnt, um mich abzupassen auf dem Weg nach oben. Schrecklich!
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Und jetzt kam der Nachschlag - ich hatte Kinski rausgeworfen

Sie hätte meintwegen überfallen und ausgeraubt werden können! Fahrstuhl gab's entweder keinen, oder er war immer außer Betrieb. Vor Scham in die Erde versank ich endgültig an dem Tag, an dem sie schweratmend, schon röchelnd, ihre drei Zentner all die Treppen heraufgeschleppt hatte und an meiner Ateliertür klopfte: »Ist es wahr? Stimmt es denn wirklich, was ich gerade höre? - Sie machen mit Klaus Kinski zusammen ein Theater hier oben?

Oh, mein Gott, ist das phantastisch! Ist er gerade da, der Herr Kinski?« - Ich hatte Herrn Kinski, mitsamt seinen zwanzig Stühlen, gerade vor die Tür gesetzt. Und das nahm mir Hedda Adlon noch übler, vermute ich, als die nicht geschriebenen Memoiren.

Kinski spielt beide Rollen, auch die des Epileptikers

Aber, um einen Brocken Kinski wieder abzuhaken, der wie Geröll auf meinem Lebensweg herumliegt: Mein Atelier inspirierte ihn jedenfalls dazu, in einem größeren Atelier in der nun bald Bundesallee genannten Kaiserallee Cocteaus »Die Schreibmaschine« zu spielen, beide Rollen, auch die des Epileptikers. Wie hatte er mich damit schon auf meiner Bude genervt!

In seinen Memoiren »Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund«, die er mir 25 Jahre später als Manuskript in meinen Garten in Grünwald warf und für die ich das Vergnügen hatte, einen Verleger zu suchen, schreibt er, er sei in die Charite gefahren, um sich die Krankheit am lebenden Objekt vorführen zu lassen - erstunken und gelogen!
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Kinski, der Sexbold

Ich war es, dem er mit seinen Veitstänzen so auf die Nerven ging, daß ich ihn anflehte, sich doch einen Epileptiker erst mal anzugucken, bevor er ihn so maßlos übertrieben spielte.

Er hat das damals mit einem Achselzucken ignoriert, aber auf Seite 116 seines Buches beschreibt er, daß die Ärzte in der Charite ihm eine »junge Patientin« - natürlich - unter Elektroschock vorgeführt hätten; sie hatten wohl nichts Besseres zu tun, die kunstsinnigen Arzte: »Der Strom wird eingeschaltet. Mit einem schrecklichen Ruck zieht sie die Beine an und spreizt sie, daß ihr Nachthemd nach oben fliegt und ich ihre offene Scham sehen kann. Ihr Unterleib stößt mit solcher Gewalt nach oben, als schreie sie nach Liebe...«

Daß Frauen nervös werden, wenn er sie anguckt, hat er schon immer behauptet, der Sexbold.
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Bringt mir Bert Brecht! - Kinski in Hochform

Es war, wenn ich nicht irre, das Atelier des bekannten Modefotografen Hellmuth von Gaza, in dem Klaus Kinski seine Shows veranstaltete. Es war größer als meines, achtzig Sitzplätze schätze ich, und es hatte vor allem einen Fahrstuhl.

Was er da im Winter 1949/50 vorführte, war ein solcher Horror, daß er jede Vorstellung bis auf den letzten Zentimeter zu Wucherpreisen verkaufen konnte. Die Leute lagen und standen aufeinander, nur um seine Anfälle zu sehen, die so echt wirkten, daß es jedesmal zu einem Eklat kam.

Schon bei der Premiere wühlten sich zwei Männer mit dem Ruf »Ich bin Arzt!« nach vorne, um dem Schauspieler eine krampflösende Spritze zu geben. Kinski trat dem einen ins Gesicht, schlug dem anderen die Brille von der Nase, tobte »Scheißpublikum!« - und rannte über die Hintertreppe davon.

Die Vorstellung mußte für zwei Stunden unterbrochen werden, dann kam er wieder und fing von vorne an. Langweilig war ein Kinski-Abend nie.

Seine Exzesse haben sich rumgesprochen

Seine Exzesse sprachen sich bis nach Paris herum. Darum war bei der 160. Aufführung der Autor Jean Cocteau selbst dabei, ich leider nicht.

Aber mindestens ein Dutzend Leute, die sie gesehen haben, erzählten mir anschließend alle die gleiche Geschichte: Als der Vorhang fiel, habe Cocteau sich mit einem seidenen Tüchlein die Augen betupft, Kinski umarmt und die Worte gesprochen:

»Du mußt an diesem magischen Ort meine "Vox humaine" spielen!« Sein Einpersonenstück von einer Frau, die auf dem Bett telefonisch Abschied nimmt von ihrem Geliebten und sich am Ende eines langen Monologs mit der Telefonschnur selbst erdrosselt. Kinski als Frau! ...

Aber vorerst schockierte er sein fanatisches Publikum bei der 161. Vorstellung mit der Mitteilung, daß er nicht mehr spielen könne:

»Der Besuch meines Freundes Jean Cocteau war der Höhepunkt! Ich beginne morgen mit den Proben zur "Menschlichen Stimme"! Geht bitte nach Hause, Freunde!«

Auch das habe ich nicht gesehen, nur gehört. Klaus hatte mich gebeten -Quatsch, der bat niemanden - aufgefordert, an seinem letzten Abend zu kommen, ihm Beistand zu leisten: »Es gibt einen Skandal!« Und wie nannte er die anderen 160 Abende? Aber ich verstand, daß die Luft heraus war aus der »Schreibmaschine«.
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Wenn Kinski völlig ausrastete

Ich stand, eingekeilt zwischen anderen, in dem kleinen Vorraum und hörte die Proteste, den ausbrechenden Tumult. Wie sollte ich dem Kerl helfen können?

Am besten wäre es, dachte ich noch, die Polizei zu rufen, aber mit den »Pupen«, wie Kinski sie nannte, hatte er wenig im Sinn. Sollen sie ihn doch ein bißchen verhauen! Doch dann wurde es plötzlich wieder still, Kinski war noch einmal vor dem grünen Vorhang erschienen und hatte, wie Jesus, die Arme erhoben:

»Also, gut!... Wenn sich eine Dame bereit findet, vorzutreten und mir hier, vor versammeltem Publikum, einen zu blasen, dann spiele ich euch noch einmal - ein letztes Mal! - die Schreibmaschine!«

Fünf junge Herren stürzten gleichzeitig nach vorne, um sich zu produzieren, aber Kinski wies sie empört von sich. Wenn es sein mußte, hielt er schon mal seinen Arsch hin - mit Cocteau, zum Beispiel, war er in der Nacht zuvor im Hotel am Zoo verschwunden, und in Zeiten der Not arbeitete er, ohne Hemmungen, auch mal als Stricher -, aber »Weiberfleisch« war es, das allein ihn in Erregung zu setzen vermochte

Darum rief er »Du -!« und deutete auf eine Schönheit im festlichen Abendkleid, die ausgesehen haben soll wie die chilenische Nachtigall Rosita Serrano. Die scheint nicht lange gezögert zu haben, trat auf die winzige Bühne, kniete sich vor Kinski hin, öffnete seinen Hosenschlitz, nahm sein Dingsbums oder Bumsdings heraus und begann »mit arroganter Miene« daran zu lutschen.

Totenstille. Nur Kinski, der mit rollenden Augen ins Publikum starrte, keuchte und schrie schließlich Obszönitäten.
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Jedesmal, wenn wir zusammentrafen, gab es Krach ....

Ich habe mich oft gefragt, was ich überhaupt am Hut hatte mit dem Kerl. Jedesmal, wenn wir zusammentrafen, gab es Krach, war ich es, der Schaden nahm, meine Zeit verplemperte, mich gegen seine Zumutungen wehren mußte.

Da in der Kaiserallee erschien dann doch noch ein Überfallkommando, nachdem er seinen exhibitionistischen Orgasmus gehabt hatte - »Eine Tücke«, sagte er, »hat die Pupen alarmiert!« Wer weiß, ob's stimmte.

Mich hat bei Klaus Kinski auch aufgeregt, daß er dauernd am Spinnen war, in seinen beiden Memoirenbüchern, soweit ich es überprüfen konnte, das Blaue vom Himmel herunter phantasierte, die besten Geschichten aber glatt ignorierte.

Über Bertolt Brecht, zum Beispiel, wußte er nichts anderes mehr zu sagen, als daß der ihn »haben wollte«. Ich habe Kinski damals in München, als er mir das Manuskript brachte, beschimpft:

»Wo ist die Szene auf dem Dach des Deutschen Theaters? Was schreibst du da von der Kantine? Du wolltest dich nackt vom Dach stürzen, weil du Brecht nicht sprechen konntest!« Er hat mich nur angeguckt und die Schultern gehoben: »Keine Ahnung, von was du redest!«

Kinski splitternackt auf dem "Deutschen Theater"

Brecht probte im Schiffbauerdamm-Theater, und ganz Berlin sprach davon.

Für uns Nachgeborene war er Literatur, ein sogenannter revolutionärer Dramatiker, der aus den USA zurückgekommen war, um in der Schweiz oder in Österreich zu leben, dann aber überraschend die kommunistische Diktatur in Ost-Berlin vorzog, auch nur einer von diesen intellektuellen Sozialismus-Heuchlern.

Kinski hatte mich zum zweitenmal in die »Möwe« zum »Kaviarfressen« eingeladen, war aber nicht erschienen. Also ging ich zum Deutschen Theater hinüber, in die Schumannstraße, und fand die Feuerwehr, plus eine Menschenmenge, vor.

Auf dem Dach stand ein splitternackter Mann und schrie: »Ihr Schweine!... Ihr Drecksäue, ihr!... Hunde!... Bestien!... Gelichter!... Ich will Brecht sehen!... Bringt mir Bert Brecht, ihr verdammten Spießer!«

Die Feuerwehr drängte mit dem aufgespannten Sprungtuch dicht an die Hauswand, ich hörte einen Feuerwehrmann rufen: »Bei einem Selbstmörder kann das Stunden dauern!«
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Das ist Klaus Kinski, der Schauspieler - ab in die Anstalt

Ich rief einem Polizeioffizier, der die Absperrung leitete, zu: »Das ist kein Selbstmörder! Das ist Klaus Kinski, der Schauspieler! Der will eine Rede halten!«

Und ich zeigte dem Ordnungshüter seinen Namen im Aushang des Deutschen Theaters, da stand Klaus Kinski in der Rolle des Claudio in Shakespeares »Maß für Maß«. Das verstand nun überhaupt keiner mehr. »Dann hat er doch zu tun!« sagte ein Feuerwehrmann, im Glauben, daß nur Arbeitslose sich umbringen wollen.

Der Polizeioffizier schickte jedenfalls einen Mann ins Theater, um den Chef zu suchen. Der kam zurück und rief: »Der Intendant ist auch auf dem Dach!« Der Intendant war Wolfgang Langhoff, der Vater des heutigen Intendanten; scheint eine Dynastie zu sein.

Ich lief um die Ecke zum Schiffbauerdamm, doch das Theater war verrammelt, auch am Bühneneingang rührte sich nichts. Ich lief zurück zum Deutschen Theater, und da transportierten sie ihren Claudio gerade ab, nach Wittenau, in die Nervenheilanstalt.
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Klaus Kinski in der Motzstraße

Monate später rennt mir am Nollendorfplatz eine hübsche Frau in die Arme, völlig aufgelöst, und ruft: »Da hinten ist er! Polizei! Polizei! Verhaften muß man den!«

Es war Klaus Kinski, der die Motzstraße entlanglief. Was hatte er der Frau angetan? Die Hübsche konnte es gar nicht über die Lippen bringen:

»Er hat ... Er hat ...« Ich wußte Bescheid, er hatte eine entgegenkommende Passantin, die ihm gefiel, wieder einmal auf die kürzeste Art und Weise angemacht: »Wollen Sie ficken?«

Kinski schwor, daß nur siebzig Prozent der so angesprochenen Frauen schreiend davonliefen, zwanzig Prozent sich auf eine Diskussion einließen und zehn Prozent angeblich sofort bereit waren.

Ich glaubte ihm kein Wort, da er es aber immer wieder tat, muß es irgendeine Erfolgsquote gegeben haben - oder er weidete sich nur an der Verlegenheit seiner Opfer, wie Fritz Kortner, dessen Lieblingsschauspieler er eine Zeitlang wurde.
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Kinski und die Story mit der schönen Gina

Ich rannte ihm in die Motzstraße nach (eine Querstrasse der Kleiststrasse - des verlängerten Kudamms direkt am Metropol-Haus) und erfuhr nun endlich, warum er vom Dach des Deutschen Theaters hatte springen wollen.

»Du bist dran schuld, daß ich in Wittenau gesessen habe, unter all den Irren! Deinetwegen bin ich aus dem Deutschen Theater geschmissen worden!« bekam ich erst mal zu hören.

Ich fühlte mich geehrt, aber wieso? Heraus kam eine typische Kinski-Geschichte: Im Frühjahr hatte er mich und eine Freundin, die schöne Gina, auf seine Essensmarken aus dem Deutschen Theater in die »Möwe« eingeladen.

»Aber ich war ja kein Mitglied, ich war ja selbst nur Gastdarsteller in diesem beschissenen Tempel. Und weil ich euch mitgenommen habe, hat mir der verschissene Verwaltungsdirektor die Essen-Bons für die Möwe gestrichen!«

Ach, komm, habe ich ihm geantwortet, du hast mich eingeladen, weil ich die schöne Gina bei mir hatte, der du schon bei der Suppe unter den Rock gegangen bist! - »Die blöde Kuh!« schimpfte er, denn Gina war uns noch vor dem Dessert weggelaufen, und es hatte Aufsehen gegeben im Künstler-Club.

Kinski hatte den Verwaltungsdirektor geohrfeigt und war gefeuert

»Darum ist dir der weitere Besuch verweigert worden!« Kinski hatte den Verwaltungsdirektor des Deutschen Theaters vor versammelter Mannschaft geohrfeigt, und als Intendant Langhoff einschritt, auch diesen.

Daraufhin war er fristlos gefeuert worden, doch er wollte sein Claudio-Kostüm nicht abgeben, hatte sich in der Garderobe eingeschlossen, ins Kostüm gekleidet und war aus dem Fenster geflüchtet - nicht in die Kantine, wie er im Buch später schrieb, sondern aufs Dach, verfolgt von Bühnenarbeitern.

Dort zog er sich dann wieder aus und warf das schöne Kostüm stückchenweise auf die Straße. Ich verstand immer noch nicht, warum er im Buch behauptete, sich des Kostüms schon in der Kantine entledigt zu haben.

»Mensch«, rief er ungeduldig »wenn ich schreibe >auf dem Dach<, halten mich die Leser doch für verrückt!« Das war natürlich ein Argument.
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Im Sommer 1950 - Mädchen! Mädchen! Mädchen!

Im Sommer 1950 hatten sie mich voll am Wickel. Ich kann mich an überhaupt keine Arbeit mehr erinnern, nur noch an Sex! Sex! Sex! Was natürlich auf Gegenseitigkeit beruhte. Berlin erlebte quasi seine erste Friedenszeit, nach zehn Jahren Krieg und Nachkrieg. Zum erstenmal liefen Mädchen nicht mehr in plumpen Männerhosen herum und sahen abgearbeitet aus.

Zum erstenmal gab es in den Geschäften wieder etwas zum Anziehen, eine Art Mode. Jede Menge Tanzlokale schossen aus den Ruinen, an allen Ecken und Enden wurde gebaut und sich am Abend amüsiert.

Wovon habe ich gelebt damals? Einige meiner alten Korrespondenten waren zurückgekommen, aber wenn James Wakefield Burke mich besuchte, fragte er nicht mehr, was die Kommunisten vorhatten, sondern wollte ein hübsches Mädchen kennenlernen, das bereit war, für ein kleines Geschenk mit ihm in die Falle zu gehen.

Und die meisten waren nur zu gern bereit, sich für ein neues Fähnchen mit dem »alten Ami« hinzulegen (Großer Gott, er muß zweiundvierzig gewesen sein - aber ich war eben einundzwanzig!).
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Nein - ich hatte (noch) strenge moralische Grundsätze

Da war diese »wild Woman«, wie Jim Burke sie augenrollend nannte, die er mit Geschenken überhäufte. Eine gut ausgestattete Rotblonde mit milchweißer Haut aus Lichtenberg, noch keine zwanzig Jahre alt, die mit ihrer langen, spitzen Zunge Sachen machte, von denen die meisten Amerikaner noch nie etwas gehört hatten.

»Frenchie« riefen sie Rita, genau wie Marlene Dietrich in ihrem Western »Destry Rides Again« von 1939, der nun endlich auch am Kurfürstendamm lief.

Ich habe mit Rita, auf ihren eigenen Wunsch hin, gewagte Aktaufnahmen in meinem Atelier gemacht, die sie für fünf Mark das Stück an Liebhaber erotischer Kunst verkaufte.

Mindestens ein halbes Dutzend Korrespondenten haben mir Whisky und Zigaretten für die Bekanntschaft mit Rita geschenkt; ich hätte Zuhälter werden können. »Warum tust du es denn nicht?« hat mich Rita gefragt und eine Freundin aus dem Ostsektor mitgebracht, die sich auch sofort hinlegte, um mir ihre Künste vorzuführen. Soweit kommt das noch, habe ich gedacht, denn ich hatte strenge moralische Grundsätze.

Mein Beruf machte mir keinen Spaß mehr

Aber ich war beruflich nicht glücklich. Der Ausnahmezustand der Blockade war vorbei, das Leben normalisierte sich zusehends, und ich hing mit meiner Leica II und dem einen Objektiv immer noch in diesem Nicht-Fisch-nicht-Fleisch-Zustand herum, lebte von gelegentlichen Fotoverkäufen an westdeutsche Illustrierte, von Brosamen meiner übriggebliebenen Korrespondenten und konnte mich nicht zu einem festen Job bei einer Zeitung aufraffen.

Ich war regelrecht verdorben für eine strebsame Karriere mit jährlichen Gehaltserhöhungen, liebte mein freies Leben mit zwanzig Mark in der Tasche, ließ mich von meinen Fotografenfreunden Hilde Zenker, Hans Schaller und Friedrich Seidenstücker mehr zufällig zu irgendwelchen Ereignissen mitnehmen und wartete auf die große Eingebung.
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Was war aus meinen frühen Plänen geworden?

Mein Roman »Moskau-Berlin-Expreß«

Im Winter hatte ich mich ein paar Wochen zu meiner Familie nach Braubach verzogen und einen Roman geschrieben, »Moskau-Berlin-Expreß«, über die Rückkehr des Nationalkomitees Freies Deutschland ins unfreie Deutschland, aber ich scheute mich, ihn jemandem zu zeigen.

Ich wurde nicht einmal mehr neidisch, wenn Hans Schaller, ein netter PK-Mann der Luftwaffe und Freund von Udet, mir seine neueste Blitzlichtanlage vorführte oder Seidenstücker ein neues Tele-Objektiv.

Die Kollegen liefen alle mit schwerem Aufnahmegepäck herum, was mich, der ich die Leica in der Hosentasche trug, anwiderte, und je mehr die Industrie produzierte, desto mehr kauften sie und behängten sich wie die Packesel.

Das Halenseebad oder auch das »Nuttenaquarium«

Ich spazierte morgens ins »Nuttenaquarium«, so wurde das Halenseebad genannt, und fotografierte am liebsten immer noch hübsche Mädchen. Oder ich verabredete mich mit ein paar Bräuten im Strandbad Wannsee, die Kartoffelsalat in Einweckgläsern mitbrachten, wie im Krieg schon, und fotografierte sie.

Die Bilder von mir und den Zwillingen am Wannsee (auf der nächsten Seite) zeigen einen ziemlich ausgemergelten Tremper mit beinahe schon hageren Gesichtszügen, die mir hätten zu denken geben müssen - ein zynischer Junge, dem es wieder einmal gelungen war, an der angelehnten Tür von Frau Adlon und damit an jeder ernsthaften Arbeit vorbeizuhuschen.

So muß ich ausgesehen haben, als ich ein paar Wochen später Chris Baatz traf.
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Fäulein Chris Baatz auf dem Reichssportfeld

Das war auf dem Reichssportfeld, im Schwimmbad, und auf den ersten Blick war die süße Chris auch nichts weiter als eines der vielen knackigen Mädchen um mich herum.

Ich quatschte sie an, machte das übliche Foto - und bekam eine kalte Dusche: »Hauen Sie ab!« sagte die Kleine. »Sie gehen mir auf die Nerven!«

Was mir so noch nie passiert war und wodurch sie gleich interessant wurde. Ich deckte sie mit Gerede zu, entlockte ihr hier und da eine Antwort, aber nur einmal ein Lächeln: als ich ihr auf den Kopf zusagte, daß sie Schauspielerin sei. Sie war es nicht, sondern von Beruf Tochter eines Zahnarztes aus der Brandenburgischen Straße und 24 Jahre alt.

Worauf ich die "Sie-müssen-unbedingt-zum-Film-Platte" auflegte - mit noch weniger Erfolg. Schließlich zog sie sich an, ich auch, und wir wanderten zusammen zur S-Bahn und fuhren bis zum Bahnhof Zoo. »Ich will mir noch ein paar Schaufenster angucken«, sagte das hübsche Kind. Das war der Knackpunkt der Geschichte, die ich hier zu erzählen versuche.
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Ein Paar neue Hochhackige

Weil Chris Baatz sich noch ein paar Schaufenster angucken wollte, mußte der Parteivorstand der SPD Anfang September 1950 zu einer Sondersitzung in Hannover zusammentreten, der gesamtdeutsche Minister Jakob Kaiser im Namen der Bundesregierung eine geharnischte Erklärung abgeben, der Hohe Kommissar John McCloy überstürzt nach Washington reisen und mußten die USA Großbritannien und Frankreich feierlich ihre Berlin-Garantie vor der UN-Vollversammlung erneuern.

Denn die unnahbare Zahnarzttochter wünschte sich ihre ersten Hochhackigen mit Pfennigabsätzen. Bevor das Schicksal seinen Lauf nahm, hatten die Engel noch ein paar Hindernisse eingebaut, wie den glänzenden grünen Lincoln von Jim Burke, der vor dem Cafe Bristol am Kurfürstendamm parkte.

Ich lud Fräulein Baatz zu einem Cappuccino ein, wir begrüßten Jim und ein bildschönes Mädchen, das freilich nicht halb so entzückend angezogen war wie meine Eroberung mit ihrem Hütchen und den durchbrochenen Handschuhen.

Meiner Leica schenkte Chris sogar ein strahlendes Lächeln, ich bezahlte, statt mich von Jim einladen zu lassen, und wir traten wieder auf den Kudamm hinaus und vor das nächste Schaufenster.
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Die müssen es sein ....

Es war das des Schuhgeschäftes Mahlmeister, und im Schaufenster standen die ersten Hochhackigen mit Pfennigabsätzen. Wir deuteten beide auf das eleganteste Paar zum damaligen Spitzenpreis von 65 neuen DM und riefen: »Die!«, stürmten in den Laden und probierten.

In der Tasche hatte ich ein letztes Fünfmarkstück, das vorletzte Hindernis meiner Schutzengel, aber im Kopf natürlich Ausreden genug, warum ich nicht bezahlen konnte.

Dann kam das letzte Hindernis: Der Spann meiner Angebeteten war zu hoch, das Riemchen darüber zu kurz. Aber die Verkäuferin sagte: »Wenn Sie kurz vor sechs reinschauen, haben wir das korrigiert!«

Ich bezahlte meine fünf Mark an, bekam ein Küßchen von Chris Baatz auf die Wange und versprach, kurz nach achtzehn Uhr mit den Schuhen bei ihr zu sein; abends würden wir dann in die »Badewanne« in der Nürnberger Straße tanzen gehen.
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