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Will Tremper war 16 Jahre alt, als der 2. Weltkrieg zuende ging.

In seiner Biografie von 1993 beschreibt Will Tremper, wie er als überzeugter Hitlerjunge die Zeit ab 1939 erlebt hatte und was davon bei ihm unauslösch- lich im Kopf hängen geblieben war. Und er erzählt von seinen Erlebnissen in Berlin unter den Bomben. Lesenswert ist dazu auch "Als Berlin brannte" (Hans-Georg von Studnitz). Der Zusammenhang schließt sich über die Curt Riess'sche Biografie "BERLIN 1945-1953" und dessen beide dicken Film-Bücher, in der der Name Tremper aber nicht genannt wird. Will Tremper hingegen schreibt daher sehr genüsslich über "die anderen Seiten" bekannter Personen aus Politik und Film - natürlich auch über Curt Riess. Die einführende Seite steht hier.

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Die Geschichte von : "Onkel Koenig soll ausziehen"

Wenn ich das Polizeipräsidium in der Dircksenstraße hinterm Alexanderplatz betrat, riefen die Wachhabenden die einzelnen Abteilungen der Kriminalpolizei an: »Tremper ist im Haus - schließt die Akten weg!«

Was nur ein Scherz sein konnte, wie mir Dr. Johannes Stumm versicherte, der Amtschef des Polizeipräsidenten, aber es war keiner. Tatsächlich schleppte ich Interna der Kripo zum »Tagesspiegel«, die nur aus Akten stammen konnten, aber ich klaute die Akten natürlich nicht. Ich ließ sie mir von Kriminalkommissar Jupp Kleindin zustecken.

Das war eine merkwürdige Atmosphäre damals bei der Berliner Polizei. Anmeldezettel, wie heute in jedem Bürohaus üblich, oder Sicherheitsüberprüfungen der Besucher fanden nicht statt, vielleicht der neuen Freiheit wegen, sicherlich nicht wegen der neuen Pressefreiheit.
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Die Presse-Abwehrstelle der Berliner Polizei

Die sogenannte Pressestelle der Polizei war eher eine Presse-Abwehrstelle. Jeder Reporter, der etwas auf sich hielt, besorgte sich seine Informationen in den einzelnen Abteilungen der Kripo selbst.

Uns alle schlug dabei mein Freund Kajo Reutlinger vom »Telegraf«, der zehn Jahre älter war als ich, aber zwanzigmal frecher: Kajo hatte sich direkt an die russische Frau des Polizeipräsidenten herangemacht und rief sie ungeniert sogar nachts an, wenn »Polenten-Paule« neben ihr schnarchte. Paul Herbert Markgraf hieß der Polizeipräsident, den die Russen aus dem Hut gezaubert hatten; kein Mensch wußte, wo er eigentlich herkam.

Zwei Faktoren erleichterten unsere Arbeit: Einmal war das Personal der Kriminalpolizei von den Russen noch nicht von »politisch unzuverlässigen Elementen« gesäubert und durch Kommunisten ersetzt worden; so schnell ging das nicht, und es durfte vor allem nicht auffallen.
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Die Amerikaner, Briten und Franzosen waren bislang arglos

Die Amerikaner, Briten und Franzosen befanden sich gerade mal sechs Monate in Berlin und standen ihren sowjetischen Waffenbrüdern noch relativ arglos gegenüber. Zum anderen wurde so viel geraubt und gemordet in Groß-Berlin wie noch nie zuvor in seiner Kriminalgeschichte - und auffallend viele Untaten mußten von der Polizei als »unerledigt« abgelegt werden, weil sowjetische Soldaten daran beteiligt waren.

Die Kriminalbeamten wußten zwar, daß ein Kontrollratsbefehl der deutschen Presse verbot, etwas zu veröffentlichen, was als Kritik an einer der Besatzungsmächte verstanden werden konnte. Sie wußten aber auch, daß die Redaktionen gewisses Material, die Russen betreffend, den Westalliierten zur Prüfung vorlegten, und darauf kam es ihnen an: die Amerikaner, Briten und Franzosen über die täglichen Vertuschungen zu informieren.
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Wenn ein Puff erstürmt wurde, war ich dabei

Mit Kommissar Jupp Kleindin von der Abteilung F wie Fahndung hatte ich mich auf der Basis jener Klarinette angefreundet, die sein Bruder Teddy in der Band von Freddy Brocksieper in München so meisterlich spielte.

Aus Angst vor der Lustseuche verlangten die Alliierten intensive Razzien im noch dürftigen Berliner Nachtleben; die Zahl der geschlechtskranken Besatzungssoldaten stieg scheinbar unaufhaltsam.

KK Kleindin wußte, womit er einen blutjungen Reporter erfreuen konnte: Er lud mich regelmäßig ein, an den Razzien seiner Leute teilzunehmen.

Anfangs regte mich das maßlos auf, wie ein Kriminalbeamter und in Begleitung alliierter Militärpolizisten eine Bar an der Jannowitzbrücke zu stürmen, wo sich ein Dutzend deutscher Frauen mit allerlei Ausländern amüsierte, oder eine Altberliner Zwölfzimmerwohnung in Charlottenburg, die als Pension deklariert, aber längst zum Puff geworden war.

Vor der Tür wartete ein Lastwagen der Polizei, und immer wenn vierzig Frauen auf den rohen Holzbänken Platz genommen hatten, ging's mit Vollgas zurück zum Alex in eine Massenzelle.

Mein Kommissar hatte mir sogar gestattet, mich mit den Prostituierten einschließen zu lassen, und so verbrachte ich manche Nacht in intensivem Gespräch mit einer Nutte, die mir der Rettung noch wert schien, bevor sie der Lastwagen am nächsten Morgen zur Untersuchung in eben jenes Gesundheitsamt in der Fischerstraße brachte, in welchem ich für die Waffen-SS gemustert worden war.
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Meyer-Dietrich war ein abgebrühter Zyniker

Wie oft bin ich mit roten Ohren und gesträubtem Haar bei Meyer-Dietrich erschienen, um ihm vom herzzerbrechenden Schicksal dieser oder jener gefallenen Schönheit zu berichten!

Der abgebrühte Zyniker hörte mich mit interessierter Miene auch jedesmal an, holte sogar Zuhörer aus den Nebenzimmern herbei, bis sie sich vor Lachen nicht mehr halten konnten und sich lustig machten über ihren Polizeireporter.

In meinem Alter war ich natürlich hochempfänglich für all die tragischen und romantischen Geschichten von unschuldigen jungen Offiziersbräuten, die nach Brüssel gefahren waren, um ihren Helden zu besuchen, statt seiner ein Heldengrab vorfanden - und die gierigen Hände eines Etappenhengstes, der sich ihrer annahm.

»Mir war alles egal, mein Lebensglück zerstört - sollten sie doch mit mir machen, was sie wollten!« Auf dieses Fazit liefen die Schilderungen in der Massenzelle meistens hinaus, und oft handelte es sich um junge Mütter, die mir mit Tränen in den Augen anvertrauten, daß sie sich für ihre Kinder opferten:
»Mein Leben hat doch keinen Sinn mehr!« - Und M-D, dieser hartherzige Hund, wollte sich kaputtlachen darüber!
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Die Realität sah jedoch anders aus

Ganz so naiv war ich schon nicht mehr, als Jupp Kleindin mich mit Originalakten zu versorgen begann. Ich erhielt jede Menge wohlwollendes Schulterklopfen von den amerikanischen Kontrolloffizieren, bei denen die Akten landeten.

Dann bekam auch Felix Bernard vom »Deuxieme Bureau« Wind von meiner ausgezeichneten Kripo-Quelle und verlangte den Kommissar Kleindin kennenzulernen.

Aber Jupp stellte sich seltsam an, wollte mit der französischen Besatzungsmacht nichts zu tun haben, ohne mir zu verraten, warum.

Eines Tages kam es heraus, als ich Jupp in seiner armseligen Behausung in Neukölln besuchte, wo er mit Frau und Kind vegetierte. Ich sah mich in den elenden zwei Zimmern um und meinte, da lebten ja die alten Nazis besser. Da fing die verhärmte Frau Kleindin an zu weinen, und das halbverhungerte Töchterchen schlug nach mir und rief: »Onkel Koenig soll ausziehen!«

Die Allmacht des französischen Geheimdienstes

Und da bequemte sich Jupp endlich, mir sein Geheimnis zu offenbaren: Sein Schwager, der größte Milchhändler von Berlin und ein fanatischer Anhänger des Führers, hatte sich mit Frau und Kindern, wie so viele, beim Eintreffen der Russen vergiftet.

Die Kleindins waren ihre Erben, konnten aber die noble Villa in Frohnau nicht übernehmen, weil die Franzosen sie beschlagnahmt hatten und ihrem Oberbefehlshaber, General Koenig, als Quartier zur Verfügung stellten, wenn er einmal im Monat aus Baden-Baden anreiste.

Noch am selben Abend informierte ich Felix Bernard, der auf der Stelle eine andere Villa in Frohnau für »Onkel Koenig« beschlagnahmen ließ - die Kleindins hatten endlich eine vernünftige Bleibe. Ich staunte über die Allmacht des französischen Geheimdienstes.

»Wieso?« fragte Felix. »Haben Sie nicht selbst verlangt, der Onkel Koenig müßte ausziehen? Ich bin sein Neffe! Mein Onkel hat überhaupt nicht bemerkt, daß er in Berlin jetzt in einer anderen Villa schläft...«

Kein Wunder, daß selbst die Briten mit der Zeit zugeben mußten: Der französische Geheimdienst war am besten informiert über die Zustände in der Berliner Kriminalpolizei.
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Die nächste Geschichte ......

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»Im März vereinigen wir uns!«

Heute liest sich die Entwicklung klar und folgerichtig, aber damals stand ganz Berlin doch bis über die Augen im politischen Nebel. Die Russen traten stark und siegessicher auf, schon damals unter Parolen wie "Friedenssicherung" und "Antifaschismus", und ihre westlichen Alliierten ließen sich alles gefallen.

So sah es wenigstens aus. Im »Tagesspiegel« kam es immer öfter zu Streit zwischen Reger und den amerikanischen Kontrolloffizieren, die ihm vorwerfen zu müssen glaubten, daß er »zwischen den Zeilen« dem sowjetischen Verbündeten unlautere Motive unterstelle.

Eines Tages sagte M-D: »Da hat schon wieder so'n Ami angerufen, ist bestimmt der Geheimdienst, will dich allein sprechen. Ich kann nur warnen!«
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Ich soll den Kontakt zu Hanns Spudich knüpfen

Sie kamen und wollten mit Hanns Spudich, dem Generalsekretär, privat in Verbindung gebracht werden. Jedoch alle meine Versuche, zu ihm vorzudringen, wurden im Neuen Stadthaus schon vom Pförtner abgeblockt.

Ich suchte Frau Spudich auf und fand sie tagelang nicht in der Wohnung Winsstraße, bis mir ein Nachbar berichtete: »Sie hat jetzt einen eigenen Fotoladen, Paßbilder und Kindtaufen und Hochzeiten und so. Unten auf der Greifswalder Straße!«

Ich wollte es nicht glauben, bis ich sie selber hinter dem Ladentisch stehen sah Sie hatte sich tatsächlich ein kleines Fotoatelier eingerichtet und schien ganz glücklich mit ihrer Selbständigkeit zu sein.

Sie sagte: »Ich weiß nicht, was vorgefallen ist, Will, aber mein Mann hat sich über Sie geärgert. Er meinte, es sei lebensgefährlich für ihn, sich mit einem Tagesspiegel-Mitarbeiter zu unterhalten. Tun Sie mir einen Gefallen und bleiben Sie weg!«

Dennoch wurde ich zum Gänsebratenessen bei Spudichs eingeladen

Aber Weihnachten 1945 bekam ich eine Einladung von ihr zum Gänsebratenessen am zweiten Feiertag. Hanns Spudich öffnete mir die Tür in der Winsstraße, es roch zum Verrücktwerden nach Knusprigem, und er tat so, als habe es nie eine Verstimmung zwischen uns gegeben.

Beim Essen wurde er programmatisch: »Demokratie ist was Schönes. Aber wir werden uns nie wieder von den Faschisten durch irgendeine Wahl die Macht aus den Händen nehmen lassen. Du hast ja gesehen, wohin das führt!«

Ich traute mich zu lachen. »Die Novemberwahlen in Österreich und Ungarn - da habt ihr Kommunisten überall nur fünf Prozent gemacht und die Sozialdemokraten über fünfzig!«

Frau Spudich räumte hastig ab und verschwand in der Küche.
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Hanns Spudich war auf der anderen Seite gelandet

 Spudich zündete sich eine Zigarre an, schmauchte ein paarmal, bis sie zog, und erklärte dann: »Wir haben gelernt ...

Es war ein Fehler, die angebotene Hand der Sozialdemokratie nicht anzunehmen ...« In ihrem Gründungsaufruf im Sommer hatte die SPD eine gemeinsame Parteiorganisation mit der KPD vorgeschlagen, was von den aus Moskau zurückgekehrten Genossen Ulbricht und Pieck noch hohnlachend abgelehnt worden war.

»Sozialfaschisten!« hatte Spudich die Sozialdemokraten bei meinem ersten Besuch im Stadthaus genannt. Nun hatten ihn die Wahlen in Ungarn und Österreich eines Besseren belehrt. »Wir werden uns zusammenschließen mit der SPD!« sagte Spudich jetzt.

Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte mit Franz Neumann gesprochen, dem starken Mann der SPD im Wedding, und ich wußte aus dem »Tagesspiegel«, daß der westdeutsche SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher dauernd in Berlin war, um den ostdeutschen Vorsitzenden Otto Grotewohl vor der KPD zu warnen.

Spudich ging nach nebenan, um zu telefonieren, kehrte zurück und rief strahlend: »Otto macht mit! Im März vereinigen wir uns!«

Es war das letzte lange Gespräch, das ich mit Hanns Spudich hatte, besser gesagt das einzige überhaupt, das er mit mir in völliger Offenheit führte, in dem er mich nicht als grünen Jungen ansah - das machte mein »Tagesspiegel«-Hintergrund.

Damals die Story mit dem "Entwurf der Berliner Verfassung"

Er erwähnte, daß er mir den Entwurf der Berliner Verfassung zur »privaten Lektüre« mitgegeben habe, doch ich hätte ihn Erik Reger gezeigt, was ihm, Spudich, »so manchen Ärger« eingebrockt habe. Aber das sei nun »vorbei und gegessen«, und wenn es noch eine Gerechtigkeit auf der Welt gäbe, dann müßte Arthur Pieck »an die Wand gestellt« werden.

(Es gab keine Gerechtigkeit: Arthur Pieck wurde klammheimlich aus dem Verkehr gezogen, seine schwerwiegenden Verfehlungen vertuscht und der Mann, der ihn entlarvt hatte - Hanns Spudich -, wurde in die Wüste geschickt.) Zum Abschied umarmte mich mein ehemaliger Chef und versprach feierlich: »Wir sehen uns wieder!« Ich war zu Tränen gerührt.
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Nichts davon wurde veröffentlicht

Wer heute ins Archiv geht, um in den Zeitungen des Frühjahrs 1946 nachzulesen, wie die kleine KPD die große SPD mit Hilfe sowjetischer Bajonette schluckte, wird sich wundern: Davon steht kaum etwas drin.

Laut Alliiertem Kontrollratsgesetz war es den deutschen Zeitungen verboten - ich sagte es schon -, eine der Siegermächte zu verunglimpfen. Und »verunglimpfen« ist ein viel zu schwaches Wort für das, was in der »Tagesspiegel«-Redaktion über die Russen gesagt, aber nicht geschrieben wurde.

Rote Köpfe in der Redaktion. wegen Otto Grotewohl

Ich war gleich nach meinem Gespräch mit Hanns Spudich zu Dr. Zentner geeilt - das muß also am 27. Dezember gewesen sein -, um ihm zu versichern, daß Otto Grotewohl »umgefallen« wäre.

Zentner war zu Reger gestürmt und eine Minute später mit rotem Kopf wieder herausgekommen: »Sie haben mich blamiert, Tremper! Kümmern Sie sich um die Polizei, aber nicht um die Politik! Reger hat heute vormittag erst mit Grotewohl lange am Telefon gesprochen! Grotewohl steht wie 'ne Eins!«

Otto Grotewohl log wie gedruckt: Am 3. Januar 1946 »schenkte er«, so kam es über die Nachrichtenagenturen, dem KPD-Vorsitzenden Wilhelm Pieck »die Einheit der beiden Arbeiterparteien«, mit anderen Worten: Er ließ sich fressen.
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Die Russen spielten ihre Macht aus - aber nur im Ostsektor

Dr. Zentner lief wieder rot an, als er mich sah. Von nun an ging es rund in Berlin. Täglich konnte ich M-D melden, daß die Geschäftsstellen der SPD im Sowjetsektor von ganz offen auftretenden Russen in Zivil und Uniform regelrecht terrorisiert, daß SPD-Funktionäre überall in der sowjetischen Besatzungszone verhaftet wurden.

Bis auf Otto Grotewohl schien die ganze SPD gegen die Zwangsvereinigung mit der KPD zu sein. Wie oft lief ich mit Meyer-Dietrich zu Erik Reger und bekniete ihn: »Das müssen wir drucken!«

Aber selbst als die SPD eine Urabstimmung verlangte und Reger den Kontrolloffizier zu sich bat, drehte der uns den Rücken zu, schaute aus dem Fenster und schwieg sich aus.

Franz Neumann, inzwischen Vorsitzender der SPD in den vier Sektoren Berlins, setzte am 1. März 1946 die Urabstimmung durch, traute sich aber schon nicht mehr, in den Sowjetsektor zu fahren, denn die Russen verboten die Urabstimmung auf ihrem Hoheitsgebiet.
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Die Urabstimmung vom 31. März 1946

Sie fand am 31. März in den drei Westsektoren statt: 82% der SPD-Mitglieder sprachen sich gegen eine Vereinigung mit der KPD aus!

Es gelang mir, mit Hanns Spudich zu telefonieren. Seine Stimme klang ganz kühl: »Der Vereinigungsparteitag findet am 21. und 22. April im Admiralspalast statt, darauf gehe ich jede Wette ein!«

Ich sagte: »Machen Sie sich nicht lächerlich! Die ganze Welt guckt zu! So ein Affentheater könnt ihr euch nicht leisten!« Er sagte: »Ich weiß zwar nicht, ob Gäste vorgesehen sind, aber wenn, dann nehme ich Sie gern mit. Sie müssen mir nur versprechen, keinen Krawall zu inszenieren!«

Ich war wirklich neugierig, was das werden würde: Tausende kleiner Sozialdemokraten im sowjetischen Herrschaftsbereich hatten ihr »Nein!« mit dem Leben bezahlt, wurden nach Sibirien verschleppt, unter fadenscheinigen Vorwürfen ins Gefängnis geworfen oder, wie zuvor die Nazis, aus ihren Ämtern und Wohnungen geschmissen. Und nichts davon durften wir drucken.
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Am 21. April wurde ich von den Russen verhaftet

Am 21. April wurde ich in einer größeren Menschenmenge, die sich schweigend vor dem Admiralspalast versammelt hatte, von einem starken Polizeiaufgebot zurückgedrängt, auf der Weidendammer Brücke von zwei Kriminalbeamten ohne Angabe von Gründen verhaftet und in eine grüne Minna geladen.

Das heißt, der Grund war der ausgestreckte Zeigefinger eines Sowjetoffiziers und seine Stimme, die »Du! Du!« rief. Ich war ihm wohl unangenehm aufgefallen, weil ich mit meinem viersprachigen Presseausweis herumfuchtelte und dauernd »Ich bin vom Tagesspiegel!« rief.
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Der Russe brüllte : »Ab nach Sibirien!«

Die Minna brachte mich mit anderen Festgenommenen in die bekannte Massenzelle in der Dircksenstraße, und schon beim Ausladen auf dem Hof stand da wieder ein mit Orden geschmückter Sowjetoffizier und schrie: »Ab nach Sibirien!«

Wir fanden das gar nicht komisch, die wir da wahllos aus der Menschenmenge herausgegriffen worden waren. Ein Jahr nach Kriegsende wußte jeder Berliner, daß sein Leben an einem seidenen Faden hing, wenn er mit den unberechenbaren »Befreiern« kollidierte. Im Handumdrehen konnte man sich in einem Güterzug wiederfinden und erst in Sibirien wieder ausgeladen werden.
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Als ich das ein dreiviertel Jahr später dem Sowjetoberst Tulpanow erzählte, klopfte er mir auf die Schulter: »Nicht jeder Berliner, nicht jeder - nur Kriegsverbrecher, hohe Nazis!«
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Die Geschichte des Juden Friedländer

Da kannte ich die Geschichte Friedländers noch nicht, der sich von Kriegsbeginn an im Keller jenes Hauses versteckt hielt, das bis zu dessen Bebauung im neunziger Jahr in den großen Parkplatz vom Bristol-Kempinski hineinragte. Das ganze Haus wußte über den Juden Friedländer Bescheid, deponierte sechs Jahre lang Eßbares wie Kulturelles, von der Zahnpasta bis zur Zeitung, an der Kellertür und schaute weg, wenn der alte Mann nach Mitternacht auf dem Parkplatz spazierenging.

Nie ist dem alten Friedländer etwas passiert - bis zu seiner »Befreiung«: Da erschien er, am 1. Mai, zum erstenmal bei Tageslicht auf dem Hof, tanzte vor Freude im Sonnenschein, lief auf die Uhlandstraße und den Kurfürstendamm hinaus, sah sich die »Bescherung« an und rief: »Das ist die Rache Gottes! Warum habt ihr auch an den Kerl aus Braunau geglaubt!? Das habt Ihr nun davon! Trümmer! Trümmer! Nichts wie Trümmer!«

Er genoß es, zu den Rechthabenden zu gehören, Sieger geblieben zu sein über den Unmenschen, der alle Juden vernichten wollte. Er genoß es so sehr, daß er tagelang herumlief, von einem Bezirk in den anderen, Trümmer anstarrte, mit überlebenden Berlinern diskutierte, schließlich am Alexanderplatz zuschaute, wie Zehntausende Kriegsgefangene in Züge nach Rußland getrieben wurden.

Und da machte es wieder einmal »Stoj!«, alle mußten stehenbleiben, es wurde gezählt und gezählt, soundso viele Gefangene fehlten wieder einmal, worauf sich die sowjetischen Wachsoldaten umdrehten und die nächstbesten Zuschauer mit Gewehrkolben in die Reihen der Kriegsgefangenen trieben.

Friedländers Schreien »Ich bin Jude! Ich bin Antifaschist!« half nichts - er ging noch einmal vier Jahre nach Workuta, ins Bergwerk Er hat mir die Geschichte selbst erzählt, als ich ihn 1949 mit seinem Sohn am Bahnhof Charlottenburg abholte.
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Kommisar Jupp holte mich da wieder raus

Vierzig Minuten nach meiner Verhaftung war ich wieder frei. Ich hatte einem der beiden Kriminalbeamten zugeflüstert, daß ich vor Kommissar Kleindin eine wichtige Aussage machen müßte.

Jupp ließ mich aus der Massenzelle vorführen und ordnungsgemäß entlassen. Beim »Tagesspiegel« bekam ich ausnahmsweise einmal nicht das Übliche zu hören, von wegen: »Wir haben dich gewarnt!«

Hier waren inzwischen so viele Horrormeldungen von überall her eingelaufen, daß es selbst den treuen Bundesgenossen der Sowjets zuviel wurde. Der amerikanische Kontrolloffizier telefonierte herum und versicherte mir dann, mein Name sei den sowjetischen Behörden gemeldet worden und ich brauchte nichts zu befürchten, wenn ich morgen am Höhepunkt des Vereinigungsparteitages teilnehmen wollte - als Privatperson allerdings und auf Einladung des KPD-Vorstandes, nicht als »Tagesspiegel«-Vertreter. Aha, das war Spudich.

Mit einem Extra-Ausweis am S-Bahnausgang Friedrichstraße

Viele, wie der junge Wolfgang Leonhard, hatten sich an der Vorstellung berauscht, daß die Arbeiterklasse sich von nun an nie wieder untereinander bekämpfen würde, hatten »den Atem der Geschichte« gespürt.

Mir war alles andere als weihevoll zumute, als ich an der Seite Spudichs, der mich mit einem Extra-Ausweis am S-Bahnausgang Friedrichstraße erwartet hatte, durch die Toreinfahrt auf den Innenhof des Admiralspalastes trat, pausenlos beklatscht von einem Spalier verdienter Genossen.

Der mit roten Fahnen und antifaschistischen Losungen ausgeschlagene Vergnügungspalast diente, wie so oft, wieder einmal als Ausweichquartier für ein ausgebombtes Theater - diesmal war es die Staatsoper Unter den Linden, zwischendurch auch die Komische Oper und heute ist es das Metropol-Theater.
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Lange Tische mit Pajoks - Lebensmittelpaketen

Ich hatte mir vorgenommen, die Augen weit aufzumachen, aber schon beim Betreten des Foyers wurde ich aufs Hinterhältigste abgelenkt, denn da waren links und rechts lange Tische mit Pajoks aufgebaut, sowjetischen Lebensmittelpaketen, mit denen hungrige Intellektuelle kirre gemacht wurden:

Berge von Würsten und Schinken, Eiern, Gurken und Speck quollen aus einladend geöffneten Kartons! Ich konnte nicht anders, als stehenzubleiben und die Hand auszustrecken, doch eine strahlende Genossin im weißen Kittel rief, schnell die Hände drüberhaltend:

»Nein, noch nicht! Erst nach der Vorstellung!« Sie sagte tatsächlich »Vorstellung« -und das war es dann auch.
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Es waren dieselben Musiker wie bei Goebbels im Sportpalast

Im Orchestergraben hockten dieselben Musiker der Staatsoper, die schon bei Goebbels im Sportpalast für feierliche Stimmung gesorgt hatten, und als alle Platz genommen hatten, hoben sie wie damals zur Fidelio-Ouvertüre an, die sich für solche Gelegenheiten offenbar am besten eignet.

Ich verfiel sofort in eine Lähmung, als ob ich eine Spritze bekommen hätte. Ich konnte mich nicht mal mit Spudich unterhalten, der starren Blicks, mit halboffenem Mund, neben mir in der 18. Reihe links saß und offenbar auch weggetreten war.

Von all den Reden, die in den nächsten zwei Stunden gehalten wurden, habe ich absolut nichts mitbekommen; erst als wir alle aufstehen mußten und wie aufgezogen klatschten - ich auch! -, kam ich wieder zu mir. An dem langen Tisch auf der Bühne, an dem die Vorstände saßen, erhoben sich Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl, reichten sich die Hand, trennten sich nach links und rechts, gingen um den Tisch herum und trafen sich vor demselben in der Mitte wieder, um erneut einen Händedruck für Fotografen und Wochenschaukameras zu zelebrieren, den historischen.

Ich war vielleicht der einzige westliche Journalist

Ich gebe zu, ich habe die Bedeutung der Angelegenheit unterschätzt, den Ernst der Stunde nicht begriffen. Dabei war ich vielleicht der einzige westliche Journalist, der daran teilnahm, dank Spudich.

Fünfundvierzig Jahre lang habe ich mich darüber geärgert, nicht besser aufgepaßt zu haben. Jedesmal, wenn das bekannte Emblem der SED mit den verschlungenen Händen zu sehen war und ich sagen konnte:

Ich war dabei - aber zugeben mußte, nichts gesehen zu haben. Dann traf ich, nach der Maueröffnung, Wolfgang Leonhard, nun auch schon grau geworden, und wir wechselten über das gemeinsame Erlebnis im Admiralspalast ein paar Worte.

Und als ich erwähnte, daß ich für eine historische Zeitschrift gerade etwas darüber geschrieben hätte, bat er mich plötzlich, ihm den Artikel zu schicken. Er schien auch nicht besser aufgepaßt zu haben.
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