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Februar 1955 - Grundig treibt Alle vor sich her.
aus Rdaio-Magazin 2/1955

Mitte Februar (1955) hatten sich die Kontroversen zwischen Groß- und Einzelhandel bzw. Industrie, ausgelöst durch die Vorgänge am Fernsehmarkt, noch nicht beruhigt, so daß nur die Aufgabe übrig bleibt, nachstehend eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Es begann, wie man weiß, bereits im vergangenen Jahr mit internen Überlegungen der Produzenten, in welcher Form eine Verbilligung der Fernsehgeräte zu erreichen sei. Die Handelsspannen schienen zu hoch zu sein. Ehe jedoch eine klare Meinung erarbeitet werden konnte, brachte Grundig seinen „Standard-Empfänger" für 698DM mit stark gekürzten Rabatten heraus, rasch gefolgt von einigen anderen Firmen, so daß das gesamte Preisgefüge genau zu Beginn der Stuttgarter Fernsehschau ins Wanken geriet.

Nachdem einige 43-cm-Tischgeräte auf 698 oder 748DM gesenkt worden waren, klaffte eine unverhältnismäßig große Lücke zu den übrigen Empfängertypen wie etwa Stand- und Kombinationsgeräte. Ihre Preise mußten ebenfalls gesenkt werden (vgl. Tabelle der alten und neuen Preise auf Seite 66 dieser Ausgabe), jedoch glaubte die Industrie dieses nur bei gleichzeitiger Ermäßigung der Rabatte um einige Punkte verantworten zu können. Grundig hingegen hielt (und hält) seine übrigen Geräte außer dem „330" auf dem alten Preis und verkauft zu alten Rabattsätzen.

Der Einzelhandel wehrt sich kräftig gegen diese Verminderung seiner Spanne und bestreitet, daß die neuen Rabattsätze im angemessenen Verhältnis zu Handels"un"kosten und Serviceaufwendungen stehen. Streitpunkte erster Ordnung sind die Gutschriften für Lagergeräte, die von der Preissenkung überrascht worden sind. Nicht minder schwierig ist die Lage des Einzelhandels jenen Kunden gegenüber, die erst vor kurzer Zeit einen Fernsehempfänger auf Teilzahlung gekauft haben und nunmehr an den alten Preis gebunden sind. Kleine, aber bezeichnende regionale Unterschiede: in Hamburg ist wegen der bekannten „Fernseh-Zurückhaltung" der Zeitungen, die den Preiskampf auf dem Fernsehgebiet kaum erwähnen, mit weniger Schwierigkeiten dieser Art zu rechnen. Dagegen klagen die Händler im Rhein- und Ruhrgebiet sehr, denn die dortigen Zeitungen schlugen Alarm.

Die Preis- und Rabattsenkungen werden von der Industrie mit dem Hinweis auf die künftigen starken Umsatzsteigerungen begründet. Fernsehen, so wird argumentiert, ist sozusagen ein Zusatzgeschäft zu dem nur wenig verminderten Rundfunkgeräteumsatz und kräftig ansteigenden Phonomaterial- und Musikschrankverkäufen. Das Statistische Bundesamt habe immerhin eine elfprozentige Umsatzausweitung des Einzelhandels von 1953 auf 1954 (und eine lOprozentige des Großhandels) errechnet. Demzufolge werden die meisten Geschäftsunkosten weiterhin von den bisherigen Sparten getragen werden.
Der Einzelhandel konterte mit Angriffen, vor allem aus dem Rheinland, gegen die angeblich rapide zunehmenden Direktverkäufe mancher Werksvertretungen und Großhändler, gegen die zu lasche Verfolgung von Verstößen gegen die Preisbindungsvorschriften usw. Schließlich kündigten die sich stets als besonders streitbar erwiesenen Dortmunder Einzelhändler am 3. Februar die Preisbindungsvereinbarungen mit den Grundig-Werken. Zwar geschah dies nicht formgerecht, aber das dürfte weniger entscheidend sein.

Die Lage ist reichlich verworren, zumal nicht immer mit sachlichen Argumenten gearbeitet wird, sondern manche Zeile geschrieben und manches Wort gesprochen werden, ohne daß man sie vorher auf die Goldwaage gelegt hätte. Allerdings ist die Situation auch schwierig genug, denn es trat genau das ein, was gute Marktkenner beim Bekanntwerden dieser Preissenkungen vorhersagten: das Publikum verhält sich abwartend. Hier und da wird eines der besonders billigen 43-cm-Tischgeräte verkauft, aber ganz allgemein gesehen ist das Fernsehgerätegeschäft tot. Die ganz Klugen erwarten sofortige weitere Preissenkungen, andere meinen, daß die Ausstellung in Düsseldorf neue und noch billigere Fernsehmodelle bringen wird. Insofern ist die Preissenkung ein Fehlschlag gewesen; sie wird sich nur bei Beruhigung der Lage günstig auswirken, denn dann wird der Fernsehinteressent die beinahe einmalige Chance erkennen, die hier geboten wird.

In Nordrhein-Westfalen, zweifellos das wichtigste und daher entscheidende Fernsehgebiet der Bundesrepublik, wollte der Einzelhandel Mitte Februar keine festen Aufträge mehr erteilen, sondern Fernsehempfänger nur noch in Konsignation nehmen, solange sich das Preisgefüge nicht beruhigt und die Frage der Gutschriften und Rabatte in seinem Sinne entschieden ist. Es wird offen davon gesprochen, daß der Handel spätestens im Sommer seine alten Rabatte wieder erreicht haben wird, denn bis dahin haben hohe Produktion auf der einen und Käuferzurückhaltung auf der anderen Seite die Situation der Produzenten erheblich verschlechtert. Das ist eine gewagte Spekulation, denn die neuen Preise vertragen sich auf keinen Fall mit den alten Rabattsätzen. Das gilt speziell für das billige „Standard-Gerät", aber wohl auch für die übrigen Typen.

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