Titel: Unser Leben im Real Existierenden Sozialismus



Freiburg (!), 1.März 2001
ES IST GESCHEHEN.
ES IST GESCHEHEN,
UND ES IST ALLES NOCH VIEL SCHLIMMER GEKOMMEN ALS BEFÜRCHTET.
DER SUPERGAU(CK)
HAT SICH SELBST ÜBERTROFFEN.
MEIN BISHERIGES
LEBEN IST KAPUTT, EIN TRÜMMERHAUFEN, WENN MICH NUN AUCH K. NOCH VERLÄSST ICH
WEIGERE MICH, DAS ZU DENKEN.
Gestern gegen 17
Uhr, ich bin in der Stadt, komme gerade von einer Besprechung in der TU, klingelt mein
Handy. Die Direktorin des Landesfunkhauses Sachsen beim MDR, Frau W., ist am Apparat. Sie
sagt, mitfühlend fast: Nun hat die Stasidiskussion auch Sie erreicht.
Sie teilt mir mit,
dass die Hallesche Zeitung Name ist mir entfallen für den nächsten Tag
einen Artikel gesetzt hat, in welchem u.a. mitgeteilt wird, dass ich als IM
Brien rd. 30 Jahre für das MfS gearbeitet hätte, dass ich u.a. jemand zu 2
½ Jahren Zuchthaus verholfen hätte, dass ich Briefe von Kollegen geöffnet und deren
Inhalt mitgeteilt hätte und dass das MfS mich für meine Mitarbeit gelobt hätte.
Grauenhaft.
Egal, wie viel
daran einer näheren Prüfung standhielte.
Tödlich, wenn es
in der Zeitung steht. Und heute steht es drin.
Zudem fand gestern
abend eine vielgesehene MDR-Fernsehdiskussion statt mit dem Thema Der MDR und die
Stasi, in welchem natürlich auch die neusten Erkenntnisse, also mein
Fall, mit ausgewertet wurden.
Ich fuhr gestern
nach dem Anruf noch relativ ruhig, irgendwie betäubt, nach Hause. Ich faxte der
Direktorin, wie ich es ihr am Telefon versprochen hatte, jene 11 Seiten, die ich 1993 für
den Fall des Outings aufgeschrieben hatte.
In dieser Zeit
klingelte schon laufend das Telefon. Ich ging nicht ran, aber per Anrufbeantworter bekam
ich zumindest mit, dass die Zeitung Super-Illu ein Interview wollte.
Kriechend , von
Minute zu Minute plastischer, wurde mir klar, was mich erwartete. Hektik, Panik erfasste
mich. Ich musste verschwinden.
Ich legte K. die
11 Seiten auf den Tisch sie weiß ja von nichts und beschwor sie, dass ich
sie liebe.
Dann packte ich in
aller Eile alle meine Tagebücher in eine große Tasche und fuhr los. Planlos.
Ostsee? Berlin?
Österreich?
Ich orientierte
mich südwärts, Richtung Nürnberg, München, dachte zunächst an Österreich
(deutschsprachig und weit genug weg, um nicht von MDR und deutschen Zeitungen infiziert zu
sein).
Solange das Auto
lief, überlagerte der Aktionismus irgendwie die Trostlosigkeit.
Irgendwann geriet
ich gedanklich in die Schweiz. Das gefiel mir. Eine Ferienwohnung nehmen und vielleicht
ein bisschen arbeiten, um die Miete zu verdienen.
Später spielte
dann auch immer wieder Freiburg, das ja an der Strecke liegt und das ich vor Jahren so
toll fand, gedanklich eine Rolle.
22 Uhr, das
könnte kurz nach Nürnberg gewesen sein, 22 Uhr war die Anfangszeit der
MDR-Sondersendung. Jetzt endlich fuhr mirs brennend ins Gemüt. Ich bekam einen unangenehm
ausgetrockneten Mund.
Als die Sendung
vermutlich zu Ende war, hielt ich an der nächsten Raststätte (Schnellstadt
oder so ähnlich, an der Autobahn Richtung Heilbronn).
Ich trank
widerwillig ein kleines Bier, aß fast nichts und versuchte dann zu schlafen. Es war
grauenhaft. Die Formulierungen, die nun in die Welt hinausgetragen wurden, die Bilder, die
Aussichtslosigkeit bedrängten mich, heizten mich auf vom Bauch bis zur Stirn.
Morgens um 7 hielt
ich es nicht mehr aus und rief Kerstin an..
Sie wirkte, als
sie ihren Namen sagte, halbwegs gefasst. Ich verlor die Nerven, brachte nicht ein Wort
heraus, würgte nur an einem trockenen Schluchzen. Und legte auf.
Als ich mich
gefasst hatte, rief ich meinen Praktikanten an und gab ihm ein paar Anweisungen, u.a. dass
er Kerstin sagen soll, ich käme zurück, aber nicht so bald.
Frühstück, halbe
Tasse Kaffe, gerade so ein Brötchen, ich kriegte nichts runter.
Dann fuhr ich
weiter, Richtung Basel, über Freiburg, in stundenlangen Staus, die mich zusätzlich
quälten.
Mehr und mehr
hatte ich mich nun doch für Freiburg entschieden, vage Vorstellung, das könnte
vielleicht der erste Baustein sein zu einer neuen Existenz.
Aber nun bin ich
in Freiburg, sitze auf einem Hotelbett und grübele, stundenlang schon, und verzweifle an
der Aussichtslosigkeit. Natürlich denke ich auch an Selbstmord.
Vorhin habe ich
mir Schlaftabletten gekauft, die werden wohl zum Suizid nicht taugen.
Morgen früh will
ich noch einmal versuchen, Kerstin anzurufen.
Morgen werden alle
anderen Zeitungen berichten, am Wochenanfang dann Spiegel und Focus. Grauenhaft, ein Leben
lang als Gezeichneter herumlaufen. Durch diese Veröffentlichung ist jede Möglichkeit
genommen, die Dinge zu relativieren.
Irgendwie habe ich
das Gefühl, dass das Schicksal die ganze Stasi-Geschichte um den MDR nur deshalb
inszeniert hat, um meine Enttarnung so wirkungsvoll, so zerstörerisch wie
möglich zu machen.
Es sieht wirklich
so aus.
Mein Herz macht
mir Sorgen. Es springt hin und her und lässt sich nicht beruhigen.
3 Stunden später
Ich hatte Kerstin
heute morgen aus diesem Schnellstadt o.ä. einen kurzen Brief geschrieben. Darin beschrieb
ich meinen Zustand: Ich taumele in einem Meer brennenden Seelenblutes. Ringsherum
stehen schwarze, steile Klippen. Kein Entrinnen.
Trostlos,
hoffnungslos, ein schwarzes Verließ ohne jeden Lichtstrahl. So war mir. Bis vorhin.
Da stellte ich
endlich mein Handy an und hörte die Ansagen ab. Und da war zuvorderst ein einziges,
dutzendfachwiederholtes Flehen von Kerstin, ich möge doch nach Haus kommen, ich solle sie
nicht allein lassen. Gewimmert hat sie.
Und ich Idiot
hatte mir vorgestellt, sie sei froh, dass ich nicht da bin.
Ich rief sie an.
Und sie sagte, ich solle sofort nach Hause kommen, und dass niemand ein Scherbengericht
abgehalten hätte, und sie sagte, wer alles fürsorglich und besorgt angerufen habe oder
sogar vorbeigekommen sei, ich zähle jetzt mal wahllos auf:
Türps und Elli,
Knättel,
Richters,
Walter Meier,
Erhard Schanta,
Stefan Bischof
Und Markus,
Markus, Markus.
Ich glaube, es
waren noch mehr, und das kam für mich so unerwartet, so wunderbar hell-lichtig
überraschend, dass ich geweint habe, zwischendurch immer mal, aber jetzt, nachdem ich
auch mit Markus gesprochen habe, lang und laut und hemmungslos.
Es ist vielleicht
doch nicht alles ganz schwarz, ich oder wir sind vielleicht doch nicht ganz
allein, ein bisschen Grün hat die verbrannte Erde vielleicht überdauert.
Lichtblick,
Lichtblick.
Es wird trotzdem
schwer, schlimm, böse, aber es gibt diese Lichtblicke.
Ich beginne wieder
zu leben.
11 Tage später
(12.3.01)
WELCH GRAUSAMER
IRRTUM, sage ich 10 Tage später. Ich beginne nicht wieder zu leben, mein Sterben ist nur
unterbrochen worden, die Hinrichtung wird in Raten vollzogen., der nächste schlimme
Schlag steht noch bevor. Er erfolgt vermutlich Donnerstag, nicht diesen, sondern den
nächsten Donnerstag, bis dahin sind es noch zehn grauenvolle Tage in dumpfer, fiebriger,
grüblerischer, angstvoller Erwartung.
Die
Super-Illu, ein Blatt, das sich besonders mit Ossi-Prominenten beschäftigt,
war unten an der Haustür. Unangemeldet. Ich war nicht da, Kerstin wies sie ab, sie
beschwerte sich später telefonisch bei der Redaktion in Berlin, sagte, ihr Mann suche
zwar die Öffentlichkeit, aber nicht in einem Boulevard-Blatt (worauf die beleidigt
reagierten).
Am nächsten Tag,
meinem 63.Geburtstag, stehen die Typen wieder unten an der Tür, sagen, sie hätten meine
Akte dabei, bringen müssten sie sowieso etwas, und da wäre es doch besser,
ich würde mit ihnen reden und manches erklären, als wenn sie die Aktenauszüge
kommentarlos veröffentlichten. Der Redakteur spricht einen kurzen, harten, gewöhnlichen
Berliner Dialekt.. Ich gehe runter zu den beiden, Kerstin kann mich nicht daran hindern,
weil sie gerade im Arbeitszimmer telefoniert.
Sie haben
tatsächlich die Akte unterm Arm, laden mich heiter ein, doch mal reinzuschauen. Ich lehne
ab.
Also bringen
müssten sie etwas, betonen sie noch einmal, aber ich solle mir nichts daraus machen, in
14 Tagen rede kein Mensch mehr darüber, da seien die nächsten dran.
Der Redakteur ist
ein Mann meines Alters, er kennt mich noch aus DDR-Zeiten, als ich auch für Illustrierte
arbeitete.
Ich rede mit
ihnen, fast zwei Stunden, folge im Prinzip dem Manuskript, das ich 1993 für
den fall meines Outings vorbereitet hatte.
Sie fotografieren
mich schnell noch, ich bitte sie eindringlich um Fairness, dann drücke ich ihnen noch die
ersten 4 Seiten des 93er Papiers in die Hand, und sie verschwinden.
Kerstin ist nicht
sicher, ob es richtig war, mit denen zu reden, schließt es jedoch nicht aus.
Am selben Tag, es
war ein Donnerstag, erscheint in der Super-Illu ein Beitrag über meinen
Kollegen O.N., den es wenige Tage vor mir erwischt hatte. Es wird in dem Bericht zumindest
nicht mehr Porzellan zerschlagen, als ohnehin kaputt ist, und es wurde auch um ein
gewisses menschliches Verständnis geworben, eigentlich das, was auch wir erhoffen.
Dennoch waren die
nächsten Tage furchtbar. Beide grübelten wir angstvoll, was denn am kommenden Donnerstag
wohl in der Zeitung stehen mag. Noch 6 qualvoll lange Tage bis dahin.
Ich wendete das
Thema hin und her, gestern, Sonntag, rief ich den Redakteur an und teilte ihm mit, dass
ich auf meinem Recht bestehe, den Interviewteil vorher zu sehen und zu autorisieren.
Das passte ihm
offenbar gar nicht (ich sags dem Chef, meinte er widerwillig), und dann brach
er mir das Genick. In meiner Akte seien ein paar ganz harte Dinger entdeck
worden, da wird einiges noch offenbart werden.
Es folgte der
übliche Satz aber in ein paar Wochen spricht keiner mehr
darüber, und danach kam die schlimmste Mitteilung. Der Beitrag wird nicht am
kommenden, sondern erst am darauffolgenden Donnerstag erscheinen, also nicht in 4, sondern
erst in 11 Tagen.
Ich schrie auf vor
Entsetzen, brüllte ihn durchs Telefon an das könnt Ihr mit mir nicht machen, das
könnt Ihr vor allem mit meiner Frau nicht machen, Ihr macht uns fertig, das hält sie
nicht durch! Da fauchte er in seinem gewöhnlichen Berlinerisch zurück, das müsse
er sich nicht bieten lassen, das solle ich lieber nicht sagen, und schließlich hätte ich
mir das alles selbst zuzuschreiben.
Da war ich wieder
drin in meinem schwarzen, ausweglosen Kasten, ringsum nur senkrechte Wände, kein Ausweg
Und da bin ich immer noch.
Zwischenzeitlich
gabs ein kleines Luftholen zur Erholung. Ich hatte den Besitzer unserer Wohnung angerufen,
buhlte bei ihm um Nachlaß bei unserer horrenden Miete, natürlich vergeblich. Zu meiner
Situation meinte der Wessi-Unternehmer ganz kühl, ich solle nach vorn blicken, solle mir
ein Beispiel an Markus Wolf und Schalck-Golotkowski nehmen, die, viel stärker verstrick
als ich, mit erhobenem Kopf alles abgeschmettert haben. Ich solle sagen, man möge mich an
dem messen, was ich in der neuen Zeit, in dem Neuen Land, im Neuen System geleistet
hätte. Das andere sei der, bedauerliche, gewiss, Schnee von gestern.
Für eine halbe
Stunde richtete mich das ein bisschen auf, aber eben nur für eine halbe Stunde.
K. ist, im
Unterschied zu mir, der ich wieder in tiefste Tiefen gefallen bin, ein wenig
ausgeglichener, leider auf Grund eines Trugschlusses, aber ich lasse sie in diesem
Glauben.
Als ich ihr am
Telefon mitteilte, dass der Beitrag erst nächste Woche käme, versüßte ich ihr die
Pille mit der erfundenen Bemerkung ..aber die sagten, das sei alles gar nicht so
schlimm. Darauf sie: Na, das klingt gut, dann kommts vielleicht überhaupt
nicht mehr.
In dieser Hoffnung
lebt sie nun, und das macht es ihr etwas leichter und damit auch mir.
Denn meine
Hauptsorge ist ja immer noch, dass K. mich verlassen könnte. Davor habe ich mehr Angst
als vor allem anderen. Die Vorstellung lähmt.
Was ist, wenn die
Dinge in der Zeitung so furchtbar ehrenrührig sind, dass ihre Toleranz und Liebe
endgültig überfordert sind?
Ich grabe in
meinem Gedächtnis, um Fakten, Ereignisse, Berichte, Situationen zu finden, die
bisher noch nicht veröffentlicht in der Akte und damit in der Zeitung stehen
könnten. Dieses und jenes kommt mir in den Sinn, und es wäre wirklich eine Art Ironie
des Schicksals, wenn man mir gerade jene Sätze um die Ohren schlüge, mit welchen ich die
uns würgenden Parteibonzen mit ihrem Machtmissbrauch, häufig zum eigenen Vorteil,
entlarven wollte.
Wenn das so
ankommt, als wären das brave Bürger gewesen, dann wird es fürchterlich.
Meine derzeit
grausligste Vorstellung: Titelblatt, mein Foto, groß darunter: Der Verräter.
Ich war gestern,
Sonntag, allein zu Haus. Ich wollte den Mann in Halle, den bewussten, anrufen. Er war
nicht da. Die Super-Illu, die ihn offenbar auch sprechen wollte, meinte zu mir:
Könnte es sein, dass der sich auch mit der Stasi eingelassen hat? Weiß
ich nicht, habe ich gesagt, ich halte es aber für möglich, denn sonst hätte er
sich vermutlich viel früher bei mir gemeldet.
K. rief gerade an.
In der Mitteldeutschen Zeitung Halle stand am Freitag ein Artikel über D. und mich. Sie
drängte mich, über den Reporter die Dienstnummer von D. zu ermitteln und ihn anzurufen.
Ich habe den
Reporter der Zeitung angerufen, S.R. heißt er, derselbe Mann, der das Ganze ins Rollen
gebracht hat. Klingt sympathisch, der Mann, der mein Leben zerstört hat. Wir haben eine
Viertelstunde miteinander geredet. Ich weiß nicht, weshalb ich ihm nicht verbal an die
Gurgel gegangen bin. Verderben konnte ich ja nichts mehr.
D. ist auch im
Dienst zunächst nicht da.
Mir ist die Lust
zum Schreiben vergangen.
Werde ich das
alles überleben?
Wahrscheinlich.
Aber wie?
Und ganz sicher
bin ich nicht, dass ich in einer spontanen Aufwallung tue, was nicht wider gutzumachen
ist.
1 Stunde später
Die Leipziger
Volkszeitung rief gerade an. Ob ich für ein Streitgespräch zur Verfügung stünde mit
einem Kameramann, der in der DDR verfolgt wurde, und drei Angehörigen der Redaktion.
Kerstin riet mir
zu. Ich hoffe, es wird nicht ein ähnliches Fiasko wie mit der Super-Illu.
Dies noch, obwohl
ich kaum noch Lust, besser: Kraft, habe zum schreiben.
Am Mittwoch
voriger Woche sollte und wollte ich mich vor der versammelten Redaktion des
MDR-Landesfunkhauses verantworten.
Über 100 Leute,
ich redete eine halbe Stunde, gestand die D.-Sache aus den 50er Jahren in Halle, las dann
aus meinem Tagebuch von 1979, wo ich damals schon wegen der Stasi-Geschichte
kopfschüttelnd neben mir stand.. Entschuldigte mich. Ließ erkennen, dass auch nach
meiner Meinung meine Tätigkeit beim MDR beendet sei. Einige zuvorderst die
Selbstgerechten, ich hätte sie vorher benennen können machten ihrer Enttäuschung
Luft. Einer, ein Kameramann, den ich früher wegen schlechter Arbeitsmoral aus meiner
Sendung entfernt hatte, zeigte gleichzeitig Haß und Freude. Die meisten schweigen. Für
mich äußert sich keiner.
K., sie ist auch
mit da, will ein paar Sätze über die Psychologie sagen, verhaspelt sich und bricht,
schreiend fast, in Tränen aus.
Ich bin seltsam
ruhig und wenig berührt.
Am Ende der
Zusammenkunft Pogromstimmung, aber weniger gegen mich als gegen ein paar andere, weniger
namhafte IM.
Abends bricht K.
seelisch zusammen.
Am nächsten
Morgen, es ist mein Geburtstag, will sie nicht aufstehen. Verlangt, ich solle ihre Mutter,
die Mittag aus Berlin kommen will, ausladen.
Sie ahnt, dass sie
künftig an ihrer Arbeitsstelle die Front, die sich am Abend zeigte, unsichtbar immer auch
gegen sich haben wird. Das lähmt sie zusätzlich.
Ihre Mutter und
der Stiefvater kommen trotzdem (ich finde es gut), aber K. wird erst lockerer, als abends
ein paar Bergfreunde kommen (Elli und Türps).
Eine halbe Stunde
später
Habe soeben mit D.
gesprochen. Er war relativ defensiv, hatte den Anruf offenbar erwartet. Eine bittere Pille
er hat nicht 6 Monate, wie ich bisher glaubte, sondern 21 gesessen.
Erleichterung
hingegen, dass der dritte Skatbruder auch IM war und sich somit meine Version bestätigte,
dass die Stasi von der Fluchtabsicht schon wusste.
Wir haben
verabredet, im April persönlich miteinander zu sprechen.
Er will mich
anrufen.
29.3.01
Es wäre wichtig
zu schreiben, täglich, stündlich fast, aber ich bin der Äußerungen überdrüssig, in
Abständen überfällt mich ohnehin eine Art Lähmung, und geht es mir mal nicht ganz so
schlecht, dann winselt K. aus tiefsten Tiefen, und schon bin auch ich wieder ganz unten.
Natürlich hat die
Super-Illu exakt jene Stellen zitiert, in welchen ich versucht habe, unseren lokalen
Machthabern die Hose runterzuziehen, und natürlich wurde der Einruck erweckt, als seien
diese brave Bürger. Zwar hätte alles noch schlimmer kommen können, aber es langt auch
so. Eine lange Woche lag die Zeitung mit meinen Großfotos in den Regalen, erst heute ist
die neue Ausgabe erschienen, und es ist nicht auszuschließen, dass ich erneut zitiert
werde, denn ein wesentlicher Beitrag beschäftigt sich erneut mit dem Stasi-Sender
MDR.
Ich kann keine
Zeitung mehr aufschlagen ohne Herzklopfen, ob sich das jemals gibt die Akte bleibt
ja in den Redaktionen weiß ich nicht.
Beim Psychiater
bin ich gewesen in der Woche vor der Super-Illu, ich habe Leute aufgesucht, die ich Jahre,
Jahrzehnte nicht gesehen hab, Trainer Walter Meier, E.P. in Potsdam.
In der Nacht vor
dem Erscheinen nahm ich Atom-Pillen, schlief in M.s Wohnung in Potsdam (er war verreist),
morgens 6 Uhr weckte mich Kerstin per Telefon, sie konnte vor Unglück kaum sprechen, ich
solle die Zeitung holen.
Ich tat das (von
einer Tankstelle), las ihr vor, danach lag Kerstin 2 Stunden wie gelähmt in der
Badewanne, weil sie glaubte, mit einer Frau, von der in meinen Aktenzitaten die Rede war,
sei sie gemeint gewesen, was nicht stimmte.
Ich wollte, um
Dresden zu meiden, weiterfahren nach Blankenburg zu einem Klassenkameraden, auf der
Autobahn sah ich den Mittelstreifen doppelt wegen der Atompillen, da rief K. erneut an,
bat mich weinend, nach Haus zu kommen, das tat ich natürlich.
Seitdem ist alles
bei uns von Depression gezeichnet, mal gehts, meist ist es fürchterlich, besonders
morgens, und da besonders K.
Vorhin habe ich
beim Arbeitsam angerufen, erstmals, und da ich vom Radfahren kam und mir das den Frust
etwas vertrieben hatte, gab ich mich nicht gerade demütig und unterwürfig. Irgendwann
musste ich meinen Namen nennen, und sofort änderte sich die Stimme am anderen Ende der
Leitung, verwies in jedem 2. Satz darauf, dass ein künftiger Arbeitgeber natürlich meine
Vergangenheit akzeptieren müsse, und kühl bis ans Herz wurde das Gespräch schließlich
beendet. Und mein Optimismus war verflogen, und meine tolle Idee, morgen schon
zu annoncieren Ich suche Arbeit, darunter mein voller Name, finde ich nun
lächerlich.
Ich werde grau,
ich kann nicht mehr richtig gucken (Bilder in der Totalen doppelt), ich schwitze nachts
zwei, drei Hemden naß, schlafe in der Regel mit der Hilfe dreier Flaschen Bier
bis halb vier, danach, wenn überhaupt, nur noch mit Schlaftabletten.
Und immerfort die
Angst vor neuen Veröffentlichungen.
Und ich will meine
Akte nicht sehen.
Ich kann es nicht.
Ich kann es nicht.
3.4.01
Ich habe erneut
einen Kampf verloren. Seit gestern abend nehme ich nun doch die Langzeit-Antidepressiva
(Stangyl), die ich schon seit 3 Wochen mit mir herumtrug, die ich aber nicht nehmen
wollte, weil ich hoffte, ohne sie auszukommen.
Aber die
morgendlichen, oft bis in den frühen Nachmittag reichenden Depressionen sind so
erbärmlich, dass ich gestern abend schwach wurde. Tatsächlich habe ich von einer
halben Tablette erstmals durchgeschlafen (wenngleich auch klitschnaß), und die
Vierteltablette am Morgen bewahrt mich bis jetzt (15.30 Uhr) vor den bösen Geistern.
Gestern übrigens
bin ich, tief in schlimme Gedanken versunken, mit dem Fahrrad jemandem in die Quere
gefahren. Beide Fahrräder kaputt, meins hat eine Acht, seins Rahmenbruch
ist Schrott.
Ich habe begonnen,
Bewerbungs- bzw. Bettelbriefe um Beschäftigung zu verschicken, an kleine
Stadtfernsehstudios in der Umgebung, an Bekannte in leitenden Positionen irgendwelcher
Betriebe und an B., den Chef des Sächsischen Tourismusverbandes, MdB, der mir bis vor
kurzem, natürlich vor dem Crash, regelrecht in den Hintern gekrochen ist.
6.5.01
Es geht mir
besser. Es geht mir sogar wesentlich besser. Die eigentlich tödliche Vision, für
Millionen im Lande und vor allem für jeden, der irgendwann einmal im Leben mit mir
zu tun hatte ein Schurke zu sein, ein gewissenloser Verräter, diese lähmende
Vision martert mich kaum noch. Sie gelangt einfach nicht mehr ins Zentrum meines
Bewusstseins. Mit kühler Distanz nehme ich die Begebenheiten des täglichen Lebens wahr.
Selbst eigentlich verletzende Details oder Erkenntnisse registriere ich nahezu ungerührt.
Ich bin mir
sicher, dass das in erster Linie eine Wirkung der Antidepressiva ist. Begleitend könnte
wirken, dass ich nahezu täglich in der Öffentlichkeit Sympathiebeweise erhalte.
Ich weiß mich in
der Regel nicht zu verhalten, wenn Leute, meist unbekannte, mich wissen lassen, wie sehr
sie mich und meine Sendung schätzten, und dass alles sehr schade sei, und man möge doch
die alten Sachen ruhen lassen. Und ganz eigenartig wird es, wenn Sympathisanten oder gar
ehemalige Mitglieder der Staatssicherheit mich ihrer Solidarität versichern nicht
ahnend, dass ich nie mit Herz und Verstand hinter der Stasi stand, sondern nur
leider für lange Zeit durch Tun.
Ja, und dann, um
bei den Ursachen für meine seelische Festigkeit zu bleiben, habe ich eine Beschäftigung
gefunden, die mich fesselt, Zeit bindet und vielleicht sogar irgendwann einmal recht gutes
Geld bringen kann: Ich produziere, das heißt, ich drehe selbst, ein Video über die
Sächsische Schweiz.
Zu diesem Video
später einmal mehr, zunächst einmal weiter zu den Begebenheiten seit der letzten
Eintragung.
Es stand noch
etwas im Focus (ca.5 Mio. Auflage), ich entdeckte darin zufällig beim
Zahnarzt mein Foto. Ich legte das Heft daraufhin hastig weg, den Text habe ich nicht
gelesen und werde ich auch nicht lesen.
Die Schwester von
D., des Hallensers also, rief mich an. Beschuldigte mich, ich hätte ihr das Leben
vermasselt, weil sie wegen des Bruders im Knast nicht den Beruf erlernen konnte, den sie
wollte. Schließlich schloß sie nicht aus, dass ich auch etwas mit dem Selbstmord des
Vaters, geschehen 1969, also elf Jahre nach dem Vorfall, zu tun
haben könnte. Diese Anwürfe ducken mich nicht, weil sie die beruflichen Schwierigkeiten
mit Sicherheit auch bekommen hätte, wenn ihrem Bruder die Flucht gelungen wäre, und das
Drama mit dem Vater gehört schon zeitlich überhaupt nicht dazu. Irgendwie hat mich das
gegen D. aufgebracht. Ich denke, sagte ich zu K., D. und ich sind quitt.
Ich habe damals nicht verhindert, dass er in den Knast kam, dafür bin ich jetzt für den
gesamten Rest meines Lebens ein Gezeichneter. K. widerspricht. Sie sieht das anders.
Und ich solle mich trotzdem mit ihm treffen. Ich tue jedoch nichts dafür, umsomehr, als
er gesagt hatte, e r rufe an.
Die
Leipziger Volkszeitung, auf deren Angebot, mit einem Opfer zu
diskutieren, ich mich vor allem wegen K.s Drängen und im Vertrauen auf die zugesagte
Fairness eingelassen hatte, hat zwar wörtliche Tonbandprotokolle veröffentlicht. Aber
die Auswahl, die kommentierenden Bemerkungen und vor allem die böse Überschrift
(Ein Charakterfels und ein Charakterzwerg, nach einer deutlich ironisch
gemeinten Anmerkung von mir) ließen mich das Ganze schließlich doch bereuen.
Bergfreunde
bemühen sich um mich, Bekannte schreiben mir liebe Briefe, Unbekannte bekunden mir
Sympathie ich habe fast täglich mutmachende, die Psyche stärkende Begegnungen.
Die paar
Dorfbewohner in W. hatte ich in die Kneipe eingeladen, sie waren fast alle da,
pikanterweise auch die Frau des hier schon besprochenen Vorzeige-IM, also der
mit dem Wohnwagen, und auch die Familie S., die in mehreren Generationen hauptamtlich bei
der Stasi arbeitete.Ich beschönigte nichts, bat um angemessene Einordnung meiner
Verfehlungen und begründete die ganze Veranstaltung mit dem Wunsch, mit ihnen, den
Dorfbewohnern, auch zukünftig im Einvernehmen zu leben. Der Erfolg meiner Bemühungen
kann schöner nicht sein, ich werde im Dorf freudiger gegrüßt als jemals zuvor.
Vorgestern ein
harscher Rückschlag in der fast kontinuierlichen Erholung von den Folgen des
Supergau(ck): Ein ehemaliger Kollege hat an die MDR-Redaktion die Kopie eines
Berichtes gefaxt, den ich über ihn 1978 der Stasi übermittelt hatte.
Ihm waren
an der Grenze zum Kriminellen Unregelmäßigkeiten nachgewiesen worden, die Leitung
der Sportredaktion hatte eine Untersuchung angeordnet. So stand es, ebenso lakonisch, in
dem Bericht. Er gab sich fassungslos, enttäuscht, meinte (nach dem Muster der Schwester
von D.), er hätte meinetwegen damals sein Studium abbrechen müssen, und schloß mit den
Worten, er hoffe, dass ich irgendwann einmal wieder ruhig schlafen könne.
Ich rief ihn an,
er war nett und freundlich. Als ich sagte, ich könne ihn beruhigen, ich hätte meine
Höchststrafe gleich mehrfach erhalten und werde deshalb wohl niemals wieder ruhig
schlafen können, da beschwichtigte er mich, meinte, die Zeit brächte Ruhe in die
Konflikte, und bald wäre alles vergessen und ich wieder ein ganz normaler Bürger. Eine
eigenartige Reaktion nach dem Fax.
Ich schickte ihm
trotzdem 4 Seiten, die ich als Extrakt aus den 11 Seiten von 1993, versehen mit einigen
neuen Erkenntnissen, zusammengestellt habe.
Dieselben 4 Seiten
habe ich an mehrere Leute geschickt, Bekannte, Verwandte, das Verschicken ist noch nicht
beendet. Ich will mit den Zeilen eine Relativierung erreichen, nicht mehr, aber auch nicht
weniger.
Mehr auf K.
Drängen als auf meins habe ich meine Opferakte bei der Gauck-Behörde beantragt und im
Gefolge Kontakt zu Peter-Michael Diestel aufgenommen, zu dem letzten DDR-Innenminister,
der seit Jahren mit dem Stasi-Unterlagengesetz hadert.
Meine Opferakte
kennt niemand. Mehr zu dem Thema, wenn ich sie in den Händen halte (das wird Monate
dauern).
Ich bin jetzt
kaputtgeschrieben. So viel noch: K. macht mir Sorgen. Sie wird ihre Depressionen nicht
los. Sie leidet unter meiner Stasi-Geschichte, konnte deshalb vier Wochen lang nicht
arbeiten und hat deshalb zudem auf Arbeit noch mehr Streß als sonst.
Was wird das
werden?
27.5.01
Die deutliche
Besserung in meinem Befinden war augenscheinlich ausschließlich auf die Zaubertabletten
zurückzuführen. Seit knapp 14 Tagen sind sie alle, und nun gleite ich langsam, aber
spürbar wieder ab in meine unbezwingbaren Ängste. Wieder wache ich morgens vor 5 Uhr
auf, wieder steigt das Brennen aus der Bauchgegend hinauf bis zum Hals, wieder scheint
alles hoffnungslos, und jeder Versuch, sich noch in ein paar Stunden Schlaf zu retten,
scheitert.
Die Gespenster
haben sich gewandelt, war es vor vier Wochen noch der irreparable Ehr- und
Ansehensverlust, so peinigt mich jetzt in erster Linie die Aussichtslosigkeit, jemals
wieder Arbeit zu bekommen. Ab jetzt und immerdar ein nutzloses Rentnerdasein zu führen,
ist eine lähmende Vorstellung.
Ich habe einiges
getan, um diesem Schicksal auszuweichen, Bewerbungen, Annoncen, aber sie bewirkten, da sie
erfolglos blieben, nur noch eine Verstärkung meiner Ängste.
Ich erwäge, mir
noch einmal Tabletten verschreiben zu lassen, aber ich zögere, weil ich natürlich weiß,
dass damit nichts wirklich gebessert wird.
Zu all dem gesellt
sich mehr und mehr die Sorge um K. Sie findet an nichts mehr Freude, quält sich jeden
Morgen beim Erwachen mit schlimmen Depressionen, oft muß sie weinen, manchmal sich
würgend erbrechen. Sie kann mir nicht helfen, und ich zumindest jetzt, da ich
meine Pseudo-Festigkeit wieder eingebüßt habe ihr auch nicht.
Hin und wieder
gibt es schon auch Erfreuliches. Da ist M., der jetzt mit seiner neuen Freundin und
weiteren vier Freunden in W. war, fröhlich, glücklich, liebenswert. Oder gestern ein
Anruf aus Nepal. Die sächsische Everest-Mannschaft hat erstmals einen Mann bis auf den
Gipfel gebracht, der Expeditionsleiter G.W. bedankte sich bei mir, weil ich durch die
journalistische Begleitung ihrer seit 1996 andauernden Versuche auch einen Anteil an ihrem
Erfolg hätte. Dieser Anruf erreichte mich gerade in einer Tiefst-Situation, ich würgte
danach vor Rührung an einem Schluchzen.
Ich muß jetzt
schließen, es ist 23.20 Uhr, K. rief aus der Redaktion an, ich versprach, sie abzuholen,
und jetzt ist es so weit.
Am Morgen danach
(28.5.01)
Nach drei Stunden
Schlaf bin ich aufgewacht, wieder klitschnaß, wieder Brennen im Bauch,
das Hemd
gewechselt, nach einer Stunde war auch das naß, ich konnte nicht mehr schlafen, habe nur noch mit der Seele gekämpft, Kerstins Tröstungsversuche
bewirkten wenig, irgendwann schaffe ich es aufzustehen, als ich vor dem Bett stehe,
beginne ich plötzlich zu schreien, zu brüllen, laut, tierisch, der ganze Frust in
grausigen Tönen.
Danach rufe ich
den Arzt an. Ich lasse mir wieder Tabletten verschreiben.
5.6.01
Ein neues Buch.
Das letzte?
Das vorhergehende
Tagebuch, beschrieben vom November 99 bis zum Mai 2001, hat zwischen Anfang und Ende ein
riesiges Gefälle. Was wird mit diesem Buch hier? Bringe ich es noch zu Ende? Gibt es noch
einmal einen solchen Höhenunterschied, geht es noch einmal steil bergab (denkbar wären
Krankheit oder Kerstin-Verlust), oder bleibt das festgehaltene Leben auf demselben
greinenden Niveau, nicht höher, aber auch nicht tiefer?
Klagend wollte ich
es beginnen, das neue Buch, aber das geht nun doch nicht. Weil M. angerufen hat, Sohn M..,
fröhlich, frech (Na, Fettbacke), verständnisvoll, rundherum erquickend.
Weshalb kann ich
mich daran nicht länger festhalten, aufrichten. Es könnte doch alles ganz anders sein
mit M., er könnte krank sein oder rauschgiftsüchtig oder ein Dieb oder ein Dummkopf,
oder er könnte nichts von mir wissen wollen - all das ist nicht.
Und so selbstverständlich, wie es scheint, ist es ja nicht.
Aber für viel
mehr als ein paar Minuten hellt er mein Gemüt auch nicht auf.
Ich gebe zu, immer
öfter, nie konkret, immer nur vage, flattern Selbstmordgedanken durch meinen Kopf, meine
Seele. Das verführerische Ende des Nichtendenwollenden. Wem täte ich damit wohl Böses
an? M. wirds verschmerzen, und K. wäre, auf Dauer gesehen, um eine Last ärmer.
Was soll, was kann
das Leben denn noch bereithalten für mich, für uns? Die Schande bleibt sowieso wie ein
Schmierfilm über allem, und wenn ich keine Arbeit finde, was immer wahrscheinlicher wird,
dann vegetiere ich doch nur noch, lebe ohne Sinn und Zweck.
Ich habe mich
beworben und mehrere Annoncen aufgegeben. Alles ohne sinnvolles Ergebnis. Mehr noch,
Freunde und Bekannte meinen, ich hätte mir mit der Formulierung Ich
suche Arbeit. Irgendeine. Ich suche dringend irgendeine Arbeit, darunter mein voller
Name, einen Bärendienst erweisen, das mache mich klein, das hätte ich nicht nötig.
Neuer Grund zum Grübeln.
Eben hat K.
angerufen, aus der Redaktion, Mittagspause. Ich bin traurig, sagte sie, und ob
ich in den Offerten etwas gefunden hätte.
Es gibt zwar 20
Offerten, aber alles von Leuten, für die ich etwas verkaufen soll, Versicherungen,
Kosmetik, Haushaltsgegenstände usw.
Ich nehme wieder
mein Wundermittel Stangyl, aber diesmal wirkt es nicht, die Tabletten
verhelfen mir lediglich zu ruhigem, langem Schlaf, danach umtanzen mich wieder die bösen
Geister.
Mein
Kurzzeitgedächtnis leidet enorm, außerdem beginne ich, wie vor 50 Jahren als
Jugendlicher, zu stottern.
Der Verfall
zeichnet sich ab.
Ich müsste etwas
schreiben. Das bindet mich, lenkt ab. Aber was, wozu, für wen? Ganz vom Tisch ist dieser
Gedanke nicht, aber dazu später einmal mehr.
26.6.01
An meiner
Situation haben die vergangenen drei Wochen seit der letzten Eintragung
nicht viel, eigentlich gar nichts geändert. Nur dass meine Hände immer stärker zu
zittern beginnen. Ich rede mir ein, das sei eine Folge des Tablettenkonsums. Muß aber
nicht so sein.
Die Ergebnisse
meines Bemühens um Arbeit sind lähmend. Inzwischen habe ich auf meine Annonce über 30
Angebote erhalten, neun Zehntel davon die gehabten Offerten mit Hausiererjobs, die anderen
unannehmbar (Maurer-Hilfsarbeit) oder nach persönlicher Vorstellung als
Ergebnis klare Ablehnung (Immobilienfirma).
Auch meine
Bewerbung als Verkäufer in einem Outdoorgeschäft, zu dem ich als Reporter beste
Verbindung hatte, wurde abgewiesen (der Geschäftsführer: Die Kollegen meinten, wir
sollten es lassen.). Ähnliche Reaktionen von der Tourismuszentrale, dem Dresdner
Stadtfernsehen und einem Magazin, für das ich erst im vergangenen Jahr einen von ihnen
hochgeschätzten Artikel geschrieben hatte. Der Sächsische Bundestagsabgeordnete, der mir
früher bei jeder Gelegenheit in den Hintern gekrochen war, hat mir auf meinen
schriftlichen Hilferuf nicht einmal geantwortet.
Es hat, am 6.Juni,
erstmals wieder beim MDR das Bergsportmagazin gegeben. Es war gut, der junge Moderator
sympathisch. Ich habe das ziemlich kühl registriert, denn mein Problem ist nicht, dass
ich diese Sendung nicht mehr machen kann, sondern dass ich überhaupt keine Arbeit mehr
habe. Nicht einmal irgendeine.
Ich bin zur Zeit
in Berlin, weil ich hier bei einer privaten TV-Produktionsfirma, die von einem ehemaligen
Kollegen geführt wird, um Arbeit buhlen will. Und morgen ich
schlafe bei M. in Potsdam kann ich bei der Gauckbehörde meine Opferakte einsehen.
Ich hege dabei keine besonderen Erwartungen, schließe aber nicht aus, dass mich die
Erkenntnisse doch ganz schön durcheinander wirbeln.
Ich habe, als ich
vor ein paar Wochen bei der Gauckbehörde war, um die Einsicht in meine Opferakte zu
beantragen, einen ziemlichen Aufstand veranstaltet.
Habe ihnen rüde
meine Meinung gesagt, habe von Inquisition gesprochen, von der Zerstörung der
Persönlichkeit, habe das Öffentlich-zur-Schaustellen in den
Medien verglichen mit dem mittelalterlichen Pranger, habe von Rache-Motiven gesprochen und
von Stigmatisierung, und zum Schluß habe ich geschworen, dass ich alles festhalten, alles
aufschreiben werde als Zeitzeugnis. Die Dame war sichtlich verstört, versuchte mich zu
verunsichern, indem sie sagte Sind Sie nicht der Mann, von dem in der Zeitung stand,
er hätte einen anderen ins Gefängnis gebracht, und als das nicht funktionierte,
klagte sie, dass sie schon mit einigen meiner Kollegen zu tun hatte (u.a. O.N.vom MDR),
und dass die alle viel netter gewesen seien und sich nicht so aufgeregt hätten.
Was könnte mich
da morgen erwarten?
Ich gehe davon
aus, dass wegen meines kritischen Geistes und aufmüpfigen Gehabes zu DDR-Zeiten ich eine
ziemlich umfangreiche Opferakte habe, angelegt insbesondere nach dem Einmarsch in die CSR
und seit dem Beginn der Gorbatschow-Ära. Das hoffe und wünsche ich, das würde mir
helfen, mein seelisches Gleichgewicht wiederzufinden.
Es ist aber nicht
auszuschließen, dass ich mein Revoluzzertum überschätze und sich nur sehr
wenig findet.
Es könnte sein,
dass der Hallenser, also D., in meiner Akte als Täter auftaucht (weil ihn die Stasi im
Knast angeworben hat).Das würde mich nicht entlasten, aber Probleme bringen bei der noch
immer nicht aufgegebenen Absicht, mich mit D. zu treffen und auszusprechen.
Und schließlich
befürchte ich, dass nach meinem renitenten Auftreten anlässlich meines ersten Besuches
bei der Gauckbehörde und meiner Ankündigung, ich würde alles aufschreiben, um ein
Zeitzeugnis festzuhalten, die Behörde gewisse, mich moralisch entlastende Akten
zurückhält, um nicht nachträglich den rüden Umgang mit meiner Täterakte in den Medien
noch mehr in Frage zu stellen. Messbar wäre das daran, ob z.B. die Charakteristik, die
K.s ehemalige Freundin C. bei der Stasi abgeliefert hat (wir wissen davon durch eine
Veröffentlichung im Stern Anfang der 90er Jahre) in der Opferakte auftaucht.
Es gibt noch einige Fälle, bei denen ich mit Sicherheit weiß, dass die Stasi sich für
mich interessiert und Meinungen eingeholt hat.
Sind die also in
der Akte nicht enthalten was sie nach Lage der Dinge müssten dann ist
manipuliert worden, dann zeigen sie mir nicht alles.
Aber das sind wohl
doch Phantastereien.
Es hat eine Reihe
von Solidaritätsbekundungen gegeben, die mir, uns, eigentlich Mut machen könnten. Aber
ihre Auswirkung auf unsere Seele hält sich in Grenzen.
- Der Besitzer
eines Pirnaer Bergsportladens berichtete unaufgefordert, dass neun von zehn Leuten die Angelegenheit neutral betrachten und mich nicht
verurteilen.
- Eine Gruppe
junger Bergsteiger wollte sich unbedingt mit mir gemeinsam fotografieren lassen, obwohl
sie alles wussten,
ach, und so
weiter, mir fehlt die Lust, das alles aufzuzählen, nur eins vielleicht noch: G.W.,
Expeditionsleiter einer Gruppe von Sachsen, die jetzt erstmals einen Mann auf den Everest
gebracht hat, rief mich aus Nepal an und sagte, ein bisschen sei
dieser Erfolg auch mir zu verdanken, weil ich die Truppe über Jahre hinweg getreulich als
Journalist begleitet hätte, und er und alle anderen Alpinisten bedankten sich dafür bei
mir.
Das Telefonat
erwischte mich gerade während eines absoluten seelischen Tiefpunkts, ich fing schon beim
Reden an zu schlucken und bekam danach fast einen Weinkrampf (vor Rührung, nicht vor
Bitternis).
16.7.01
Ich musste meinen
Kalender aufschlagen und nachsehen, welches Datum wir heute haben. Ich weiß häufig nicht
einmal den Wochentag.
Viereinhalb Monate
ist der Crash jetzt her, und die Zeit fließt ohne große Veränderungen dahin.
Langsam, ganz
langsam taste ich mich an die Vorstellung heran, dass ich tatsächlich nie wieder Arbeit
bekommen könnte. Und vermutlich dank Stangyl diese Aussicht schreckt mich
immer weniger.
Nur morgens, kurz
nach dem Aufstehen, bevor ich meine ¼ Stangyl genommen habe, weht das ganze Elend
lähmend durch mein Gemüt, aber schon nach dem Frühstück umgibt mich wieder eine dumpfe
Empfindungsarmut, gepaart mit Antriebslosigkeit.
Meine
Akteneinsicht bei der Stasi hinterließ zwiespältige Gefühle.
Das meiste in der
Akte war versiegelt, durfte ich nicht einsehen, und in dem Rest war wenig zu finden, aus
der Zeit nach 1985 gar nichts (wo wir doch meinten, unser aufmüpfiges Verhalten hätte
sich gerade in dieser Zeit in den Akten niederschlagen müssen).
Auch die Beispiele, von denen wir wissen, dass wir observiert wurden (der Bericht von C.,
von Dr.R., von Nachbarn vor meiner ersten Westreise) fehlen. Also tatsächlich
manipuliert? Bzw. versiegelt, um mir keine Argumente in die Hand zu spielen?
Wichtig die
Erkenntnis, dass D., der Hallenser, von einer Westberliner Behörde auf mich angesetzt war
(er sollte mich abwerben) und dass sein hohes Strafmaß u.a. daraus resultiert, dass ihm
Militärspionage unterstellt wurde.
Wenn nicht er,
dann ich, so deutlich wusste ich das vorher nicht (hätte ich damals gegenüber der Stasi
nicht zugegeben, dass ich von D.s Fluchtabsichten wusste, sie
aber bereits informiert waren über sein Vorhaben und auch darüber, dass ich davon
Kenntnis hatte, dann hätte sie mich hoppgenommen, wegen des Verschweigens einer
Straftat.)
Aber ich denke
darüber nicht großartig nach, es ist zu lange her, die Dinge sind so, wie sie sind,
lediglich mein Schuldgefühl gegenüber D. wird etwas moderater.
Fakt ist, dass die
Öffentlichkeit und damit jeder, der mit mir je zu tun hatte, mitgeteilt bekam, ich hätte
D. kaltlächelnd um persönlicher Vorteile willen in den Bau gebracht. Diese Version ist
nicht mehr zu reparieren, und wenn D. noch mehr Dreck am Stecken hätte, dieser Verrat ist
es, der in erster Linie mich für mein ferneres Leben mit einem Schmutzfilm überzieht.
Und dann ging aus
der Akte noch hervor, dass man mich nach 68 und besonders Anfang der 70er Jahre beruflich
tatsächlich absichtlich gemobbt hat, bewusst unterdrückt, zunächst wegen meines
Aufbegehrens gegen den Einmarsch in die CSR und dann, weil ich angeblich die jungen
Reporter der Sportredaktion ( die mich fast vergötterten) zur Opposition
gegen die Leitung angestachelt hätte.
Es ist jedoch aus
heutiger Sicht in gewisser Weise fast wohltuend, dass ich mit dem Fall D. tatsächlich
erhebliche Schuld auf mich geladen habe. Wenn ich nur wegen all der sonstigen Bagatellen,
die vermutlich niemand wirklich geschadet haben, in dieses Elend gestürzt worden wäre,
ertrüge ich es noch schwerer. Und es gibt ja ausreichend Beispiele, wo die Verfehlungen
auch nicht annähernd in einem ausgewogenen Verhältnis zur sozialen Demontage des IM
stehen. Aber so habe ich selbst in der größten Verzweiflung immer auch Augenblicke, in
denen ich mir sage, D. gings damals im Knast noch schlechter.
Allerdings
ein Treff mit D. wird jetzt immer unwahrscheinlicher. Ich hatte noch zweimal bei ihm
angerufen, er war beide Male nicht da und rief nicht zurück, und mit dem jetzigen Wissen
um die Dinge von damals würde ich die klare Rollenverteilung, ich der Schuldige, er der
Unschuldige, nicht mehr akzeptieren wollen.
Hingegen würde
ich mich gern mit der Gauck-Behörde auf einen (journalistischen) Streit einlassen, aber
dazu müsste ich erst meine Täterakte kennen (um zu wissen, über welche Munition sie
verfügen, denn ich kann mich, außer an die dicken Brocken, die ohnehin veröffentlich
wurden, an kaum noch etwas erinnern). Mal abgesehen davon, dass ich gesetzlich nicht das
Recht habe, diese Täterakte einzusehen, und deshalb bei einem der Journalisten, die sie
im Schreibtisch haben, als Bittsteller anklopfen müsste ich habe auch Angst vor
dieser Akte. Ich fühle mich nicht stark genug, all das zu lesen. Als K. mir dringend dazu
riet, habe ich sie angeschrien.
Gewiß ist auch
diese Verweigerung eines genaueren Blicks in die eigene Vergangenheit ein Zeichen von
Schwäche, von Feigheit, aber dass ich nicht der Held bin, der ich so gern gewesen wäre,
ist ja ohnehin landesweit bekannt.
13. August 2001
Die Medien sind
voller Bezüge auf das obige Datum, 40 Jahre Mauerbau, natürlich ist viel von Stasi die
Rede, ich fühle mich betroffen, jedes Mal, wenn das Wort Stasi fällt.
Ich kriege mich
nicht ein, am Sonnabend hatte ich, trotz Stangyl, einen depressiven Anfall, ich musste
mich legen, K. legte sich daneben, sorgenvoll, redete, sagte, ich solle dies und jenes
tun, um der Tatenlosigkeit zu begegnen, ich reagierte unwirsch, sagte, sie solle mich
nicht unter Druck setzen, worauf nunmehr sie Zustände bekam, die fast in einem Weinkrampf
endeten.
Ich schlage mich
damit herum, ob ich mir eine eigene Seite im Internet zulegen soll oder nicht. K. redet
mir zu. Kernpunkt sollte eine Kollage sein aus Tagebuchaufzeichnungen, aus Dokumenten,
Briefen, Notizen. Das sollte mein Leben in einem differenzierteren Licht erscheinen lassen
als diese tödliche Reduzierung auf die Stasi-Kontakte. Internet wäre eben auch eine,
wenngleich natürlich bescheidene, Öffentlichkeit. Vermutlich wäre das mehr zur
Selbstheilung für mich als für die paar Leute, die es dann wirklich läsen. Aber ich
habe Angst. Ich befürchte, die Medien könnten die Homepage zum Anlass nehmen, sich
wieder mit meinem Fall auf ihre Art zu beschäftigen. Und so lange mich meine Täterakte,
gewissermaßen deren Munition gegen mich, nicht gelesen habe, weiß ich nicht, welche
grausligen Tiefschläge mich dann erwarten könnten.
Vielleicht sollte
ich erst einmal alles sammeln und aufschreiben und diesem oder jenem zu lesen geben, um
die Reaktionen zu testen.
29.10.01
Ich kann nicht
mehr joggen. Seit dem Ende meiner Zehnkämpferlaufbahn vor 35 Jahren bin ich mit
Unterbrechungen regelmäßig gelaufen. Jetzt springt nach zehn bis fünfzehn
Minuten der Gang raus, d.h. ohne innere Ankündigung falle ich von einer
Sekunde zur anderen in Schritt-Tempo. Vielleicht liegts an den Tabletten, ich nehme noch
immer täglich eine Stangyl.
Die
Internet-Seite, die eigene, habe ich beerdigt. Ich bekam Angstzustände bei der
Vorstellung, die Medien könnten sich erneut mit mir beschäftigen.
Am Sonnabend hatte
ich wieder einmal eine Annonce in der Zeitung, allerdings nur mit Telefonnummer, ohne
Namen. Suche ehrenamtliche, gemeinnützige Arbeit.
Bis heute, Montag,
hat sich wieder nur ein halbes Dutzend jener Aasgeier gemeldet, die mir Reichtum
vorgaukeln, wenn ich etwas für die verkaufe. Den letzten habe
ich angeschrien am Telefon.
L.P., ein
Bergfreund, groß, schlank, blond, gesund, ein Urbild von Kraft, war zu Besuch. Ich
versuchte, ihm meine beschissene Situation begreiflich zu machen (wir waren in den letzten
Jahren recht eng befreundet). Mittendrin eröffnet er mir, bei ihm wäre Krebs
festgestellt worden. Prostatakrebs.
Ich war beschämt,
sah sofort ein, dass es viel Schlimmeres als mein Unglück gibt, aber als L. weg war,
verfiel ich wieder in meinen Trübsinn.
Ich gehe seit 4
Wochen zu einer Psychotherapeutin. Ich habe wenig Vertrauen. Die Treffs sind wertvoll,
weil es einen Termin mehr gibt in der Woche, eine Möglichkeit, sich zu unterhalten. Mehr
nicht.
22.11.01
Ich taumele. Ich
bin haltlos, vom Augenblick bestimmt, insgesamt voll böser Ahnungen, ohne jede positive
Erwartung.
Besonders morgens
und vormittags wirft es mich, häufig im wahrsten Sinne des Wortes, denn dann verkrieche
ich mich auf die Couch oder gar ins Bett, starre grübeln an die Decke oder rolle mich
zusammen und ziehe mir die Bettdecke über den Kopf.
Mit Stangyl,
meinem Anti-Depressivum, hielt sichs immer noch in Grenzen, aber jetzt, da ich mich
aus eigenem Entschluß schleichend davon befreite, die letzte
Vierteltablette habe ich gestern abend genommen, jetzt krallt es mich wieder. Zu allem
Übel scheine ich nun auch noch tablettenabhängig geworden zu sein.
Manchmal ist das
Schlafen noch schlimmer als das Wachen. Ich träume immer wieder, dass ich, meist bei
einer meiner früheren Arbeitsstellen in Adlershof oder beim MDR, gedemütigt,
ausgeschlossen, gemobbt oder vertrieben werde. Beim Aufwachen bin ich fix und fertig.
29.11.01
Ich bin wieder
umgefallen. Bin zu einer Nervenärztin gegangen, um sie um Rat zu fragen. Ohne Stangyl
sind die Vormittagsstunden unerträglich. Eigentlich gibt es bis zum Jahresende keine
Termine mehr bei der Ärztin, auf Fürsprache durch meine Psychotherapeutin nahm sie mich
schließlich doch an. Sie sagte als erstes, und das leuchtete mir auch ein, dass es ein
Fehler gewesen sei, jetzt im dunklen Spätherbst und zudem in
einem Augenblick, da meine einzige Aufgabe, die Arbeit an meiner
Videokassette über die Sächsische Schweiz, beendet sei, die Tabletten abzusetzen. Sie
will mich umstellen auf ein moderneres Mittel namens Trevilor.
Vorhin habe ich im
Radio eine Sendung über Arbeitslosigkeit gehört. Ein Psychologe stellte u.a. fest, dass
60 % seiner Patienten ihre Arbeitslosigkeit nicht verkraften.
Ich war bei der sog.
Dresdner Tafel, jener Einrichtung, die in der Stadt bei Supermärkten,
Bäckern usw. übriggebliebene Lebensmittel einsammelt und an Bedürftige verteilt. Hab
mich als Helfer beworben. Die Chefin, eine Frau Dr.F. ist eine intellektuell und
tatkräftig wirkende Frau, allem Anschein nach DDR-Nostalgikerin, sie hat an der TU
ehemals hohe Funktionen bekleidet. Meine Stasi-Verquickung sei für sie kein Thema, sagt
sie, sie kommt aber immer wieder darauf zurück, um an meinem und ähnlichen Beispielen
die Fragwürdigkeit und das Sieger-Gehabe des neuen Systems zu demonstrieren. Mehr zur
Dresdner Tafel, wenn sich mehr getan hat.
10.4.02
Mehr als ein Jahr
ist verstrichen seit dem Crash, und noch immer ist kein Ende meiner Depression abzusehen.
Ich habe vor wütender Hoffnungslosigkeit schon in meine Hand gebissen und mit dem Kopf an
die Wand geschlagen. Einen Hörsturz hatte ich zwischendurch auch, die Folgen, stetes
Rauschen und leichte Schwerhörigkeit, werde ich wohl nicht mehr los, aber sie belasten
mich nicht weiter. Zwischendurch gings mir mal ganz gut, das war in jenen Wochen, da ich
mein Tagebuch aus den Jahren 88 bis Ende 89 abschrieb. Diese Beschäftigung hat mich
deutlich befriedet (vielleicht lags aber auch an den Tabletten ¾ Stangyl am Abend,
37,5 Trevilor am Morgen, und gegen Abend noch einmal 150 Trevilor retard).
Jetzt leide ich in
erster Linie unter der Arbeitslosigkeit, unter der Sinnlosigkeit des Seins, und
verschlimmert wird das noch, weil ich meinen Zustand möglichst vor K. verheimlichen muß.
Sie hat, obwohl selbst depressions-erfahren, kaum Verständnis
für meine Trägheit, wird misslaunig oder treibt mich an.
Um auch einmal
etwas Positives zu vermelden meine selbstgedrehte Sächsische-Schweiz-Kassette
wird überall gut bewertet und ließ sich bisher so gut verkaufen, dass
die Unkosten von rd. 5.000,- DM wohl inzwischen schon wieder drin sind.
Übrigens jetzt,
da ich schreibe, ist die Welt irgendwie in Ordnung, kein Kribbeln im Körper, keine
Unruhe, kein Bedürfnis nach Hinlegen. Aber ich kann ja nicht 12 Stunden am Tag schreiben.
Seit ca. 4 Wochen
nehme ich bei der Volkshochschule an einem Computerkurs (für Senioren) teil. Ganz
interessant, aber leider nur einmal in der Woche. In ein Fitness-Studio gehe ich auch,
ebenfalls einmal die Woche, aber das kostet mich immer gehörige Überwindung. Um mich zu
zwingen, bin ich Clubmitglied geworden, das kostet 45 im Monat, dieser finanzielle
Antrieb funktioniert tatsächlich.
Einmal in der
Woche spiele ich auch noch eine Art Babysitter ich fahre die 5-jährige Tochter
eines Bekannten quer durch die Stadt zur Musikhochschule und bringe sie dann wieder nach
Hause.
Ich halte es nicht
für ausgeschlossen eine von mehreren Überlegungen dass die Hartnäckigkeit
meiner Depressionen zum Teil auf meinen Alkoholkonsum zurückzuführen ist. Ich trinke
wie schon seit 20 Jahren jeden Abend drei halbe Liter Bier (selten mehr) und
habe auch schon mal meine abendlichen Tabletten mit Bier eingenommen. Aber den Bierkonsum
einzustellen oder auch nur zu reduzieren, würde mich so viel Überwindung kosten, dass
ich es gar nicht erst versuche.
Die
harmonischen Abende, ich sitze vorm Fernseher, K. daneben liest oder schläft,
ich schlürfe das Bier in mich rein, diese Stunden sind häufig am Tag die einzige Zeit,
in der ich mich einigermaßen wohlfühle.
13.6.02
Ich kann es nicht
glauben. Aber es ist so. Es ist zumindest im Augenblick so: Meine Depressionen sind weg!
Möglicherweise nur vorübergehend. Vielleicht aber auch nicht nur vorübergehend.
Am Mittwoch
vergangener Woche, also vor immerhin schon 8 Tagen, wache ich morgens auf und habe beim
Aufstehen keinerlei Probleme. Will mich auch nicht gleich wieder hinlegen. Überlege, was
ich an dem Tag alles zu tun habe und freue mich drauf. Gehe aufrecht, habe eine feste
Stimme, fürchte mich vor nichts. Und so bleibt es. Nun schon über eine Woche lang.
Was ist der Grund?
Gibt es einen Anlaß? Ist möglicherweise einfach genug Zeit verstrichen seit dem Crash?
Ich weiß es
nicht.
Vor 14 Tagen habe
ich die abendliche, große Trevilor-Kapsel mehr zufällig weggelassen (also etwa eine
Woche, bevor es mir besser ging). Ich trank in den folgenden Tagen ebenfalls
zufällig auch weniger Bier als sonst. Und am Tag, bevor ich morgens wie Phönix
aus der Asche stieg, war ich mit dem Fahrrad unterwegs, 7 Stunden in praller Sonne mit
Sonnenbrand im Gesicht und an den Armen. Mehr Besonderheiten aus jener Zeit fallen mir
nicht ein.
Ich habe heute den
in der Regel wöchentlichen Kontakt zu meiner Psychotherapeutin abgebrochen, allerdings
haben wir vereinbart, dass ich mich bei einer Verschlechterung meines Zustandes sofort
wieder melden könnte.
Die Nervenärztin
bedeutete mir, dass es auch wieder eine Verschlechterung geben könne, die dann allerdings
auch nur vorübergehend sei.
Kann schon sein,
aber zur Zeit genieße ich meine neue Freiheit in vollen Zügen, ich fühle mich wie ein
neuer Mensch, und selbst das dröge Rentnerdasein ich beziehe seit März 02
Altersrente - kann mir nichts anhaben.
Die Umstände, das
Umfeld sind zur Zeit ebenfalls gemütsförderlich, ich unternehme viel gemeinsam mit
Freunden (Klettern, Sauna), der Verkauf der Kassette läuft gut, organisch gesund scheine
ich nach allerhand Untersuchungen auch zu sein, und dass ich nicht zum
Klassentreffen gefahren bin, weil ich da nicht allen willkommen gewesen wäre, kratzt mich
überhaupt nicht.
Hoffentlich
bleibts so.
Hoffentlich.
Ende Juli 02
Die Hoffnung hat
getrogen. Seit einer Woche hänge ich wieder durch, fürchte mich vor allem Möglichen,
sogar vor dem Urlaub (vermutlich Südengland mit Auto Linksverkehr!).
Ich schreibe in
dieses Büchlein hier nur noch in großen Abständen. Wenn mir schon zum Schreiben zumute
ist, setze ich mich eher an den Computer und tippe meine Aufzeichnungen aus der Wendezeit
ab (das sind inzwischen an die 70 Seiten geworden). Gelegentlich phantasiere ich, dass ich
mir damit eine Internetseite zulege, dann ein Verlag sich meldet und das Ganze
beträchtliches Aufsehen erregt. Aber gleich danach denke ich, dass man
mir darauf sofort meine Täterakte, natürlich ebenfalls öffentlich, um die Ohren hauen
würde, und dann fällt meine Euphorie sofort in sich zusammen.
Im Augenblick
warte ich auf meinen Termin bei der Nervenärztin. Ich hatte meinen Tablettenkonsum in den
Wochen der Hoch-Zeit selbständig stark reduziert, ich vermute, sie wird die Dosis wieder
heraufsetzen. Diese Abhängigkeit kotzt mich an.
19.8.02
In Dresden, in
ganz Ostdeutschland ist die Hölle los. Hochwasser!
1845 (!) gab es in
Dresden den höchsten je gemessenen Pegelstand der Elbe mit 8,77m. Vorgestern wurden 9,40
m gemessen.
Elbabwärts steigt
das Wasser immer noch. Städte wie Riesa, Torgau, Wittenberg, Dessau sind in höchster
Gefahr. Die Deiche sind brüchig, durchgeweicht oder werden einfach überlaufen. Auch
elbaufwärts hat das Wasser gewütet. Schmilka, Krippen, Bad Schandau, Rathen, Wehlen,
Pirna, überall wurde evakuiert, überall stand und steht das Wasser meterhoch in den
Häusern. Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Rotes Kreuz, Armee und Zehntausende
freiwillige Helfer sind pausenlos im Einsatz. Mehrere Millionen Sandsäcke wurden gefüllt
und verbaut, um Deiche zu befestigen oder zu erhöhen.
K.ist unentwegt
als Filmreporterin im Einsatz, ich selber komme mir, wen wunderts, jetzt noch
überflüssiger vor als sonst. Zwar habe ich auch an zwei Tagen bei den Sandsack-Aktionen
geholfen, habe auch drei große Rucksäcke voll Kleidung und Wäsche zum Roten Kreuz
gebracht, aber befriedigt hat mich das natürlich nicht. Ich habe schon den ganzen Morgen
telefonisch zu erfahren gesucht, wo ich heute bei der Hochwasserhilfe mit anpacken kann,
aber entweder war immer besetzt oder die Leute konnten mir keine Auskunft geben.
Meine Depressionen
haben mich also nach wie vor fest im Griff, nach dem letzten Arzt-Besuch nehme ich nun
täglich eine richtig geballte Ladung von Tabletten zu mir (morgens und mittags je 75,0
Trevilor, abends 150 Trevilor retard und zur Nacht 100,0 Stangyl.)
20.2.03
(ein halbes Jahr
Pause!!)
Ein halbes Jahr nichts Neues
geschrieben, weil Altes abgeschrieben. Damit bin ich jetzt im Prinzip fertig.
Meine Depressionen habe ich seit
einem Vierteljahr halbwegs im Griff. Aber ohne Tabletten gehts noch immer nicht. Ich
bin wieder beim sog. Rausschleichen angekommen, abends eine viertel
Trimipramin (entspricht Stangyl), morgens eine 75er Trevilor Retard. Das Bedürfnis nach
Hinlegen ist auch geringer geworden. Heute morgen wog ich
nackt, nach der Toilette, vor dem Frühstück 104,7 Kilogramm. Das ist Rekord.
Irgendein Mensch aus Berlin,
Politik-Wissenschaftler, hat mich gefragt, ob ich mittun würde an dem Forschungsauftrag
der ARD Die DDR-Medien und die Stasi. Ich habe schriftlich ziemlich schroff
abgelehnt. Er schloß, fairerweise, nicht aus, dass sich irgendwann die Medien mit dem
Forschungsergebnis beschäftigen könnten. Es graut mir davor, schrieb ich,
noch einmal in der Zeitung meinen Namen in Verbindung mit der Stasi zu lesen. Ich
bin daran schon beim ersten Mal fast zerbrochen.
22.August 03
Ich bin gesund. Nehme keine
Tabletten mehr. Habe vor nichts mehr Angst. Beschäftige mich. Leide nicht mehr unter der
Arbeitslosigkeit. Und schicke heute per E-Mail diese Aufzeichnungen an Markus, damit er
sie als ersten Beitrag in eine bereits vorgefertigte Hompage www.horstmempel.de einarbeiten kann.

Nachtrag der Redaktion im Oktober 2007

Am 30. Oktober 2007 hat mich (Autor gr) Herr Mempel aufgrund meiner E-Mail zurückgerufen und mir erlaubt, diese seine Texte hier zu verewigen.
Die ist mein ausdrücklicher Wunsch gewesen. Gert Redlich
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