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Ein Artikel über die Architektur der Berliner Paläste

Insbesondere die "UFA" hatte von Anfang an nur ihre Kino-Paläste im Fokus. Die Menschen sollten bereits von dem Drumherum begeistert sein und möglichst oft ins Kino gehen. Der überwiegende Text stammt aus einem Architektur-Büchlein eines Frankfurter Historikers. Die einführende Seite steht hier.

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«Lichteffekte: noch nie dagewesen»
Kino und Lichtarchitektur im Dritten Reich

Bild 17 - «Lichtdom» auf dem Reichsparteitag 1936

«... die menschlichen Wohnstätten zu Kathedralen machen ... die Erde mit einem Brillanten- und Emailschmuck umkleiden, wir hätten dann überall Köstlicheres als die Gärten aus Tausendundeiner Nacht.» - (Faul Scheerbart)

Die Schlagworte von deutscher Baukunst, in deren «Klarheit» «deutsches Wesen» widergespiegelt sei, fanden sprechenden Ausdruck in Albert Speers Lichtdomen.

Die 1971 publizierte Untersuchung Klaus Vondungs über «Magie und Manipulation im Dritten Reich» legt dar, daß Lichtkult - und als dessen Bestandteil der Lichtdom - Zentralpunkte des faschistischen Weltbilds und der Veranstaltungen darstellten, die dieser Ideologie Leben verleihen sollten.

Über das Weltbild der nationalsozialistischen Ideologie

Vondung schreibt über die nächtlichen Massenzusammenkünfte:

«Was hier in Szene gesetzt wird, ist eine Traumwirklichkeit... bestehend aus Kulissen, Requisiten und Lichteffekten ... Das beherrschende szenische Element und Regiemittel ... ist das Licht, das ... eindeutig symbolische Funktion besitzt.

Die räumliche Unterscheidung zwischen einer Sphäre des Lichts und dem feindlichen Dunkel der Umgebung verweist auf das dualistische Weltbild der nationalsozialistischen Ideologie. *23)

Auch beim gezielten Einsatz von Lichteffekten wiederholt sich der auf allen Gebieten des Baugeschehens beobachtete Prozeß, daß die Provisorien der Anfangszeit dauerhaften Formen wichen.

So blieb zwar Speers Lichtdom unverzichtbarer Bestandteil der Massenveranstaltungen, im realen Bauen aber bemühte man sich um gleichwertig kristalline Erscheinungsformen:

1937 - ein Ehrenmal in Braunschweig geplant

Bild 18 - Modell einer Weihestätte, Braunschweig, Architekt unbekannt

1937 wurde in der Presse das Modell eines Ehrenmals vorgestellt, welches in Braunschweig einer Weihestätte den feierlichen Mittelpunkt geben sollte. Ein 60 Meter hoher Turm, umgeben von Bastionen, Treppen und Tribünen, war vorgesehen. *24)

Die Grundform zeigt das Gewohnte: Ein auf quadratischem Grundriß gigantisch aufwuchtender Turmschaft, abgeschlossen von einer steinernen Dacharchitektur in den Formen einer untersetzten Pyramide auf Stufensockeln. Gotisierende Spitzbögen reißen in regelmäßigen Abständen den Baukörper auf; waghalsig hohe, figurenbekrönte Werksteinpfeiler, durch Stege mit dem Turm verbunden, umstehen auf drei Seiten das Ehrenmal.

An der Eingangsseite werden von den voluminösen Pfeilern und Stürzen einer reliefbeladenen Vorhalle dem Betrachter die Botschaften von Tempel- und Memorialwürde förmlich eingehämmert.

Als Vorbilder sind Speers Ausstellungspavillon und (womit die an den verpönten expressionistischen Baustil erinnernden Gotizismen erklärt wären) Ernst von Brandeis Hermannsdenkmal von 1875 zu nennen.

Wir nennen es die Überwältigungsarchitektur

Der gesamte Aufwand dieser Überwältigungsarchitektur aber gewinnt Leben durch den Einsatz künstlicher Lichtquellen; ihnen verdankt das Ehrenmal letztlich seine faszinierende Ausstrahlung.

Die Fotografie zeigt das Modell als strahlendes Prisma, an welchem die Pfeiler und Stege, als sei der künftige Turm ein tausendfach vergrößertes Abbild des heiligen Gral, einen selbstleuchtenden, immateriellen Kern zu umschließen scheinen.

Die feierlich-gleißenden Formen des SA-Ehrenmals sind, wie die übrigen angeblich der neuen Ordnung entsprungenen Bauformen, keineswegs Errungenschaften des Dritten Reiches.

Glas und künstliches Licht - als Symbol von Reinheit

Bild 19 - B. Taut: Glashaus, Werkbundausstellung, Köln, 1914

Die unmittelbaren Vorläufer finden sich in Leitmotiven des Neuen Bauens. Über die Grenzen von Funktionalismus und Expressionismus hinweg einte die Architekten der zwanziger Jahre die Begeisterung im Umgang mit natürlichem und künstlichem Licht.

Glas, als Symbol von Reinheit, als Möglichkeit, Bauwerke sinnbildlich wie realiter mit Lichtfluten durchschaubar zu machen, fand Verwendung in Mies van der Rohes vordergründig nüch-tern-funktionalistischen Hochhausmodellen wie in den mythisierend-expressiven Glashäusern Bruno Tauts.

Dem Lichtkult Tauts - «ganz selbständige Illuminationskörper» forderte sein Mentor Paul Scheerbart, nachts verzaubert durch «Scheinwerfer in allen Makartfarben *25) - entsprach bei aller betont kühlen Sachlichkeit der strahlend helle Glanz, in den van der Rohe seine Glas- und Bürohäuser tauchte.

Ein Kristall als Symbol der reinen Welt

Beider Urbild war der als Symbol einer künftigen, architektonisch wie gesellschaftlich und sozial durchbaubaren, reinen Welt verstandene Kristall.

«Wir wollen die Unendlichkeit des Kosmos kristallisieren und in Formen zum Ausdruck bringen *26), hieß es 1923 enthusiastisch.

  • Anmerkung : 1945 zeigte sich, unser "europäischer Kosmos" war nicht kristallisiert, sondern pulverisiert.


Die im Freiraum von Skizzenblatt und Modell in phantastische Dimensionen von ekstatischer Dramatik getriebenen Utopien versandeten zwar rasch in den Sparzwängen republikanischen Daseins, dennoch bewahrte die Pragmatik der sachlich vorgetragenen Überlegungen über menschenwürdig angemessene Belichtung von Wohnsiedlungen und Großbauten einen Rest der Ideale.

Ein neuer Begriff der «Lichtarchitektur»

Mit dem Begriff der «Lichtarchitektur», entstanden aus der Begeisterung für die nachts leuchtenden Großstadtstraßen, erhielten die Kristallvisionen neuen Auftrieb.

Jenseits des Rentabilitätsdenkens der Werbung, welche mit Leuchtreklamen den Lichtzauber der Verkaufsstraßen inszenierte, unabhängig von der Notwendigkeit, großstädtisches Nachtleben mit zweckmäßiger Beleuchtung zu versorgen und Sehenswürdigkeiten auch nachts ins rechte Licht zu rücken, träumten Architekten des Neuen Bauens von Städten, deren Gebäude lediglich als durchscheinende Gerüste für Lichtreklame zu dienen hätten:

«Das Geschäftshaus hat keine Architekturfassade mehr, und seine Außenhaut ist lediglich ... Gerüst für ... Lichtreklame *27), stellte Ludwig Hilbersheimer 1929 in der Zeitschrift Das Neue Frankfurt fest.
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1934 - Richtlinien der künftigen Baukunst

Bild 20 - H. Poelzig: Verwaltungsgebäude
der IG Farben, Frankfurt am Main, 1928/30

1934, als es darum ging, Richtlinien der künftigen Baukunst festzulegen, zählte Lichtarchitektur zu den bevorzugten Themen. Bemerkenswert offen erläuterte ein Artikel der Deutschen Bauzeitung, wo wichtige Vorbilder für effektvollen Lichteinsatz zu suchen seien.

Nach den einleitenden Sätzen: «Noch aber ist nicht vorhanden eine Architektur, die ... aufgebaut ist, am Tag mit Anstand dazusein und bei Dunkelheit, mit dem Licht, zur Erfüllung ihres Wesens aufzugehen, indem sie im Licht aufgeht», heißt es, daß künftig «sowohl Maler als auch Filmleute viel zu sagen hätten, nicht zu vergessen die Architekten ...

Man kann sich vorstellen, daß sich die feierlich denkmalhafte Form der bisherigen Anstrahlungen auch in die Wechselaufgabe der Kaufstraßen umsetzen läßt.

Kinopaläste - die längst die ersehnten Kristall-Bauten

Geglückte Kinoreklame ist der Beweis dafür. *28) Mit den Kinopalästen waren längst die ersehnten Kristall-Bauten Wirklichkeit geworden, waren die geschlossenen Wandflächen, phantasiereich-sparsam gestaltet, «bei Tag mit Anstand da», um nachts dann «im Licht aufzugehen»:

«Flächen, Flächen und immer wieder Flächen *29) forderte ein Ratgeber für Kinoarchitekten vom idealen Lichtspielhaus. Zwei Gründe waren maßgebend: Werbezwang und das Angewiesensein auf künstliches Licht.

Vom Cines, dem ersten eigenständigen Kinobau, hieß es bereits, daß nach anfänglichem Befremden ob der «fensterlosen Baumassen» das vollendete Gebäude allgemein geschätzt wurde:

«... der straffe Rhythmus trat zutage, und jetzt... kann behauptet werden, daß ... Oskar Kaufmann ... eine baukünstlerische Leistung vollbrachte, die Charakter hat und Achtung abnötigt, wenngleich sie nicht erheblich zu erwärmen vermag *30).

Man erwärmte sich rasch, wie der Überblick über die Kinos der folgenden Jahrzehnte zeigt. Flächen, fensterlose Baumassen wurden nicht nur zum Charakteristikum des Lichtspielhauses, sondern dessen baulich-künstlerischer Ausdruck.

Siegfried Kracauer beschrieb Ende der zwanziger Jahre, auf welche ihm verdächtige Höhen sich die Fassadenkunst der Kinoarchitekturen geschwungen hatte:

«Der architektonische Rahmen schon neigt zur Betonung der Würde ... Er beliebt das Gehobene und Sakrale, als umfinge er Gebilde von ewiger Dauer; noch ein Schritt weiter, und die Weihekerzen leuchten... *31)

Das Kino als ein Idealtypus des "Würdebaus"

Unterstützt vom psychologisch geschulten Einfühlungsvermögen der Werbestrategen, hatte sich mit den massiv-geschlossenen Kuben, weitab von technischen Notwendigkeiten und der lapidaren Aufgabe, überdimensionaler Träger von Filmplakaten zu sein, das Kino als ein Idealtypus des Würdebaus etabliert.

Die Signalwirkung aufragender geschlossener Wandflächen, wo die Konkurrenz zwischen attraktivem Bildschmuck (dem Plakat) und umgebender Leerfläche wechselseitiger Wirkungssteigerung diente, konnte nirgendwo besser studiert werden als an Kinofronten.

Die Paläste des Dritten Reiches

Den von Kracauer annoncierten «Schritt weiter» gingen die Paläste des Dritten Reiches.

Ihre endlos sich dehnenden Wandflächen, sparsam durchfenstert und mit den «Weihekerzen» von Leuchtern und Kandelabern gesäumt, adaptierten ebenso die Gehobenheit der Lichtspielhäuser wie die effektvoll isolierten Hoheitszeichen oder Plastiken, welche an exponierter Stelle den Fassaden Gütesiegel von Würde und Weihe aufprägten; Werbeträger letzten Endes auch sie; im Gegensatz zu denen des Kinos bestand ihre Aufgabe aber einzig und allein im Beteuern von Dignität.

Beispiel : 1927 - Die Premiere von Fritz Langs «Metropolis»

Bild 21 - Premiere des Film «Metropolis» im Kino Cines, Berlin, 1927


Befreit vom Zwielicht des Jahrmarkts, der das Kino vor endgültigem Abgleiten in die Seriosität bewahrt hatte, war es den nach gleichen Prinzipien gestalteten Fassaden der Staatsbauten ein leichtes, mit ihrer Architektur zu wirken, als «umfingen sie Gebilde von ewiger Dauer».
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Zur Premiere von Fritz Langs «Metropolis», so berichteten 1927 Berliner Tageszeitungen, sei das UFA-Kino "Cine" in einen glänzenden Silbertempel verwandelt worden. (Das "Cine" - zwischendurch hieß es auch mal "UNION-Theater" - mit etwa 1000 Plätzen sei in der Chaussestraße 30/31 gelegen. Das stimmt natürlich nicht. Andere Quellen sprechen jedoch vom UFA-Pavillon am Nollendorfplatz - heute steht auf dem Gelände Kleiststraße EckeMotzstrasse am Nollendorfplatz ein Hochhaus.)

  • Weitere Anmerkung : Diese letzte Umbenennung in "UFA Pavillion" erfolgte anlässlich der Aufführung des Films Metropolis von Fritz Lang. Der Film war jedoch ein kommerzielles Fiasko: Er wurde nach der Premiere am 10. Januar 1927 im Ufa-Palast am Zoo in nur einem einzigen Berliner Kino aufgeführt – dem "UFA-Pavillon am Nollendorfplatz" – und zog dort bis zum 13. Mai 1927, dem Schwarzen Freitag in Berlin, lediglich 15.000 Zuschauer an. Allerdings war es bis heute der einzige Ort, an dem dieser Film in seiner Originallänge von zweieinhalb Stunden gezeigt wurde.


Nachtaufnahmen zeigen, daß der Bau tatsächlich wirkte, als sei einer von Fritz Längs bizarren Kristallpalästen vom Film in die Wirklichkeit übergewechselt.

Die Dekoration des "Cine" als selbstleuchtender Tempel war ein festlicher Höhepunkt der Lichtarchitektur, die ihre bis dahin überzeugendsten Lösungen dem Kino verdankte:

«Das Kino schläft bei Tag, so wie andere Gebäude bei Nacht *32), stellt P. Morton-Shand 1930 in seinem Sammelband über moderne Kino- und Theaterbauten fest.
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  • Anmerkung : Der Kinobau lag direkt gegenüber dem Mozartsaal, getrennt durch die Motzstrasse. Die Adresse Nollendorfplatz war damals imageträchtiger. Er wurde im Nov. 1943 durch Bombentreffer schwer beschädigt und mußte in nden 1960ern einem großen Wohnhaus weichen.

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Die Lichterstadt hinter dem Gesicht der Metropolen

Wie vielleicht die vorangegangenen Beschreibungen deutlich gemacht haben, wußte das Kino sich bereits bei Tag eindrucksvoll in Szene zu setzen. Die Faszination früher Schilderungen über das Erscheinungsbild nächtlicher Großstadtstraßen jedoch belegt, daß die allabendlich erstrahlenden Kinofronten als Höhepunkte von Lichtarchitektur erlebt wurden.

Schriftsteller, Journalisten und Architekten entdeckten hinter dem alltäglichen Gesicht der Metropolen ein zweites, das der Lichterstadt. (Fritz Lang zum Beispiel berichtet, daß sein Film <Metropolis> aus dem überwältigenden Eindruck des nächtlich funkelnden Manhattan entstanden sei.)

Eine «Traumstadt Berlin über dem alten» fand der eingangs zitierte Autor des Bauzeitungs-Artikels», «wenn abends dem Wanderer durch die Straßen plötzlich am Kaiser-Friedrich-Platz ... die Märchentürme von Karstadt *33) aufgingen.

Die Berliner Lichtburg - ein Lichtspielpalast

Bild 22 - Rudolf Fränkel, Kino Lichtburg, Berlin, 1929/30
Bild 23 - Foyer der Lichtburg, Berlin

Die Spitzenstellung unter solchen Märchentürmen hielt der Lichtspielpalast. So trug zum Beispiel die Berliner Lichtburg (Rudolf Fränkel, 1929/30) ihren Namen mit vollem Recht.

Tagsüber ein geradezu ultramodern-dynamisches Architekturgebilde aus Zylinder und Kurve, wie die besten Bauten Mendelsohns geformt, strahlte nachts das Kinohaus gleich einer Mischung aus Gralsburg und orientalischem Palast.

«Der beherrschend vortretende Turmbau betont in seiner großartigen Sachlichkeit den repräsentativen Charakter des Theaterpalasts. Die hellen Fensterbänder ... rufen ... wenn sie zur Nachtzeit von innen erleuchtet wie magische Lichtsäulen über dem Dunkel der Straße schweben, einen starken Eindruck hervor *34), schwärmte man in den Monatsheften für Literatur, Kunst und Wissenschaft.

Über den Lichtaufwand der Kinos

Selbst die trockene enzyklopädische Sachlichkeit von Wasmuths Lexikon der Baukunst läßt noch Anerkennung für den beispielgebenden Lichtaufwand des Kinos durchscheinen:

«Das Bestreben nach auffallender Wirkung ist jedoch meistens vorhanden und dürfte auch berechtigt sein. Beliebt sind in den letzten Jahren indirekte Beleuchtungen und Effektwirkungen. *35)

Außenlicht ist unbrauchbar für das Kino. Angewiesen auf Dunkelheit und künstliche Lichtquellen, kultivierte die Kinoarchitektur, aus der Not eine Tugend machend, bei der Gestaltung von Innenräumen Beleuchtungstechniken, die den Kinobesuch zum Erlebnis wahrer Lichtkulte gestalteten.

1911 - die Raumeindrücke des Prinzeßtheaters

So bestätigte Heinz Schliepmann dem schon 1911 eingerichteten Prinzeßtheater (Lucian Bernhard) Raumeindrücke von «mystischen Licht- und Schatten (wirkungen»), die «eine eigenartige, intime, warme, erwartungsvolle, ja feierliche Stimmung *36) erzeugten.

Vom Dämmer, in welchen während der Vorstellung der Zuschauerraum des Bayreuther Festspielhauses versank, erklärt Wolfgang Schivelbusch in seiner Geschichte des künstlichen Lichts, er sei ein Versuch, «das Theater als einen sozialen Ort aufzuheben und es in einen mystischen zu verwandeln *37).

Der Übergang vom einander Erkennen zum einander Fühlen

Nicht zuletzt die Lichtarchitekturen im Dritten Reich zeigen, daß Lichtmagie Orte hervorbrachte, die - soziale und mystische zugleich - dazu beitrugen, Ansammlungen von Individuen in gleichgestimmte, verschworene Gemeinschaften zu transformieren: das künstliche Licht, effektvoll eingesetzt, erleichterte offenkundig den für Massenekstasen unerläßlichen Übergang vom einander Erkennen zum einander Fühlen.

Die Innenräume der Lichtspielhäuser waren die Orte, an denen solche Effekte erprobt und studiert werden konnten: Kassenhallen, Vestibüle, Foyers und Zuschauerräume wurden nicht schlicht erhellt oder verdunkelt; indirekte Lichtquellen, Deckenleuchten, Lüster, Lichtschalen und umlaufende Leuchtröhren erzeugten je nach Bedarf strahlende Helle oder ansprechend-geheimnisvolles Halbdunkel.

Die Lichtorgeln, unterstützt von einfühlsam-dramatischer Orchesterbegleitung

Das gab es wirklich - echte Wasserspiele mitsamt Lichtorgel vor der Bildwand im Kassler "Cinema"

Die Zuschauersäle - Gipfelleistungen stellten die zu selbstleuchtenden Riesenhöhlen verwandelbaren Säle von Capitol und Universum in Berlin dar - erschienen als stimmungsvolle Festhallen.

Und «Lichtspiele» im buchstäblichen Sinn des Worts leiteten in den großen Häusern die Vorführungen ein.

Lichtorgeln, unterstützt von einfühlsam-dramatischer Orchesterbegleitung, jagten das willig folgende Publikum durch wahre Wirbelstürme von Effekten.
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  • Anmerkung : In Kassel gab es (nach 1945) sogar eine richtge Wasserorgel mit hohen Springbrunnen direkt vor der Bildwand, die vor dem Hauptfilm die Zuschauer in Stimmung versetzte.

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Eine fast märchenhafte Ausleuchtung des Zuschauerraums

Hingerissen berichtet A. Wedemeyer von Poelzigs Berliner Capitol: Es «wird eine fast märchenhafte Ausleuchtung des Zuschauerraums erreicht... Bei Beginn der Vorstellung schießt das blaue Licht plötzlich wie eine Fontäne in die Höhe, weswegen die Körper <Geisire> genannt werden. *38)

Für die meisten der das «Blaue Licht» der Romantik so effektvoll in Szene setzenden Kinos galt, was man in der Zeitschrift "Die Form" Poelzigs Breslauer «Deli» bestätigte: «Das Licht ist nicht mehr dienende, sondern formbildende Kraft. *39)

«Lichteffekte: noch nie dagewesen *40) versprach 1927, des neugierdeerregenden Erfolgs gewiß, eine Reklametafel vor der Baustelle von Wilms' Mercedes-Palast in Berlin-Neukölln.

Das Licht als Bauelement benutzen

Bild 24 - W. March: Glockenturm auf dem Reichssportfeld, Berlin, 1936

Kein Zweifel, daß das Versprechen eingelöst wurde. Noch nie Dagewesenes also boten die Bauten im Dritten Reich nicht, als ihre Fassaden und Innenräume mit ausgeklügelten Lichteffekten wirkungssteigernd gestaltet wurden.
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«Die Erkenntnis, daß man Bauwerke nicht nur nach der Tageslichtwirkung gestalten darf», verkündete 1938 die Deutsche Bauzeitung, «setzt sich immer mehr durch ...

Aus diesem Grund geht man in letzter Zeit immer mehr dazu über, das Licht geradezu als Bauelement zu benutzen. *41)

Man hatte eindringliche Beispiele parat. So hieß es zu einer Nachtaufnahme des Glockenturms von Werner Marchs Reichssportfeld:

«Bewußt ließ man die Lichtstärke (der Ausleuchtung) an der Turmspitze schwächer werden, um dem Beschauer die Höhe des Turms voll zum Bewußtsein zu bringen», und über die pathetische Kubik der Berliner Deutschlandhalle urteilte man: «Auch den Monumentalbau ... können wir in seinem ganzen Umfang erst richtig beurteilen, wenn er in den Abendstunden aus seiner Umgebung durch das helle Licht der Zonenspiegel und Parabolspiegelleuchten hervorgehoben wird. *42)

Der nächtliche Überwältigungszauber der Reichskanzleifassade

Bild 25 - Neue Reichskanzlei, Berlin, Modell des Ehrenhofs mit Haupteingang

Dem Kino abgeschaut waren die nächtlichen Überwältigungszauber der Reichskanzleifassade oder des Reichsluftfahrtministeriums, der Nord-Süd-Achse oder des Königsplatzes. Was zuvor Mischung aus Amüsement und Kult, Jahrmarkt und Festspiel war, verfeinerten die Dekorateure nun zum integralen Bestandteil des architektonischen Staatskults.

«Schatten, und zwar richtige, sprechende Schatten *43) hatte man 1934 von bedeutungssteigernden Scheinwerfern gefordert. Unter der Förderung des architekturbesessenen Systems wurde auch dies Realität.

Aus Schatten wurden Schlagschatten

Schlagschatten, so undurchdringlich wie auf Gemälden Makarts oder Stucks, erhöhten die dröhnende Massivität von Säulen und Pfeilern, abgestufte Lichtwerte betonten materialfetischistisch die Oberflächentöne körnigen Muschelkalks oder geschliffenen Marmors etc. Indirekte Lichtquellen, feierlicher noch als die des Kinos, hüllten Ehrenhallen in magischen Dämmer, perfektionierten die einschüchternde Würde endloser Flure.

«Im allgemeinen ist die nächtliche Beleuchtung ein neues, fremdes Element, das zur Architektur hinzukommt.

Hier ist sie ein Element der Architektur selbst *44), schrieb Paul Zucker 1931 über den Berliner Titania-Palast.

Der zur Staatsreligion mißbrauchte Kristallkult

Bedenkenlos hätte er wenige Jahre später dasselbe von der Baukunst im neuen Reich erklären können. Daß in ihr aber die Künste des Kinos in den Bannkreis des nun zur Staatsreligion mißbrauchten Kristallkults der vorangegangenen Jahrzehnte gerückt wurden, verdeutlicht ein Kommentar zur Albert Speers Pariser Weltausstellungspavillon.

Werner Rittich, nachdem er dargelegt hatte, daß in dem Bau der Inbegriff deutschen Bauens im Dritten Reich zu sehen sei, schrieb über den Lichtzauber des Pavillons: «Schalen und indirekte Lichtquellen ließen abends den Turm so aufleuchten, daß er mit seinem reflektierenden Werk- und Mosaikstein wie ein geschliffener Kristall wirkte, der selbst Lichtquelle ist. *45)

Eine große Rolle spielte die Lichtbogenlampe

Ein 10 KW Flugabwehrscheinwerfer

Die Lichtbogenlampe wurde eigentlich für militärische Zwecke hochentwickelt, nämlich um für die Flugabwehr- kanonen die Ziele dort oben im Himmel zu beleuchten.

Da gab es die großen 10 Kilowatt Kohlebogenlampen mit 150cm Spiegeln, jeweils mit einem eigenen 10KW Stromerzeuger neben dran.

Mehr über diese gigantischen Kohlebogenlampen lesen Sie in dem Buch von Prof. Wolfgang Finkelnburg aus 1947

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Anmerkungen und Referenzen (nur Bereich Kinoarchitektur)

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  1. 1 N.N.: Festliche Raumgestaltung, in: Deutsche Bauzeitung, 16/1935, S.315
  2. 2 Hans Schliepmann: Lichtspieltheater - eine Sammlung ausgeführter Kinohäuser in Groß-Berlin, Berlin 1914, S.4
  3. 3 Leo Nachtlicht (vermutlich Oskar Kaufmann): Das Kinotheater Cines am Nollendorfplatz, in: Berliner Architekturwelt, 2/1914, S.58
  4. 4 L. Nachtlicht, a. a. O, S.59
  5. 5 H. Schliepmann, a. a. O., S. 33
  6. 6 N.N.: Ein Tempel der Kinomuse, in: Die Bauwelt, 13/1913, S.33
  7. 7 L. Nachtlicht, a. a. O., S. 60
  8. 8 So Schliepmann über die ähnlich gestalteten U. T.-Lichtspiele im Bavaria-Haus, Berlin, a. a. O., S.22
  9. 9 R. Breuer: Ein neues Lichtspiel in Berlin, in: Deutsche Kunst und Dekoration, 12/1913, S.433
  10. 10 H. Schliepmann, a. a. O., S. 28
  11. 11 Emilie Altenloh: Zur Soziologie des Kinos - Die Kinounternehmen und die sozialen Schichten ihrer Besucher, Diss. Jena 1914, S.94
  12. 12 N. N.: Deutsche Bauhütte, 1913, S. 139
  13. 13 Hans Hauptmann: Ein selbständiger Bau für Lichtspiele - Das Lichtspielhaus Wittelsbach, in: Die Bauwelt, Kunstbeilage 1913, S.22
  14. 14 J.Toeplitz: Geschichte des Films 1895-1928, Bd. 1, München 1973, S. 211
  15. 15 Siegfried Kracauer: Kult der Zerstreuung - Über die Berliner Lichtspielhäuser (1926), in: Das Ornament der Masse, Frankfurt am Main, 1963, S.311
  16. 16 P. Zucker, G. O. Stindt: Lichtspielhäuser - Tonfilmtheater; Berlin 1931, S.74
  17. 17 Rolf-Peter Baacke: Lichtspielhausarchitektur in Deutschland - von der Schaubude bis zum Kinopalast, Berlin 1981, S. 10
  18. 18 A. Wedemeyer: Fritz Wilms-Lichtspieltheaterbauten, Berlin, Leipzig, Wien 1928, S. VII
  19. 19 Erich Mendelsohn, 1928; zit. nach: R.-P. Baacke, a. a. O., S. 47
  20. 20 P. Zucker, G. O. Stindt, a. a. O., S.48
  21. 21 P. Zucker, G. O. Stindt, a. a. O., S. 87
  22. 22 S. Kracauer: Die Angestellten - Aus dem neuesten Deutschland (1930), in: ders.: Die Angestellten, Frankfurt am Main 1971, S. 91 ff
  23. 23 Klaus Vondung: Magie und Manipulation - Ideologischer Kult und politische Religion im Nationalsozialismus, Göttingen 1971, S. 191 f
  24. 24 Im Ullstein-Bildarchiv wird der Bau durch einen unbetitelten Zeitungsausschnitt des Jahres 1937 als «SA-Weihestätte» bezeichnet. Im Stadtarchiv Braunschweig ist das Projekt unbekannt
  25. 25 Paul Scheerbart: Glasarchitektur, Berlin 1914; zit. nach: Wend Fischer: Geborgenheit und Freiheit - Vom Bauen mit Glas, Krefeld 1970, S. 156
  26. 26 Hendrikus Theodorus Wijdeveld, in: Wendigen, 8-9/1923; zit. nach: Wolfgang Pehnt: Die Architektur des Expressionismus, Stuttgart 1973, S.38
  27. 27 Ludwig Hilbersheimer: Die neue Geschäftsstraße; in: Das Neue Frankfurt, 4/1929, S.71f
  28. 28 Dr. Gamma: Lichtarchitektur; in: Deutsche Bauzeitung, 4/1934, S.789f, S.796
  29. 29 G. Herkt: Das Tonfilmtheater. Umbau, Neubau, Tongerät, Betrieb, Vorführung, Wirtschaftlichkeit, Berlin 1931, S.93
  30. 30 N.N.: Ein Tempel der Kinomuse, in: Die Bauwelt, 13/1913, S. 33
  31. 31 Siegfried Kracauer: Kult der Zerstreuung - Über die Berliner Lichtspielhäuser (1927), in: ders.: Ornament der Masse, Frankfurt am Main 1977, S. 313 bis 315
  32. 32 P. Morton-Shand: Modern Theatres and Cinemas; London 1930, S. 62
  33. 33 Dr. Gamma, a.a.O., S. 1001
  34. 34 H. W. Ludwig: Die <Lichtburg> als Typus eines modernen Theaterbaues, in: Monatshefte für Literatur, Kunst und Wissenschaft, 3/1931, S. 194
  35. 35 Max Bischoff: Lichtspieltheater, in: Wasmuths Lexikon der Baukunst, Bd. IIL, Berlin 1931, S. 528
  36. 36 Hans Schliepmann: Lichtspieltheater. Eine Sammlung ausgeführter Lichtspielhäuser in Groß-Berlin, Berlin 1914, S. 14
  37. 37 Wolf gang Schivelbusch: Lichtblicke - Zur Geschichte der künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert, München/Wien 1938, S. 198
  38. 38 A. Wedemeyer: Das Berliner Filmtheater <Capitol>, in: Deutsche Bauzeitung, 43/1926, S. 354
  39. 39 N. N.: Hans Poelzigs Deutsches Lichtspieltheater in Breslau, in: Die Form 5/1927, S.153
  40. 40 Zit. nach: Rolf Peter Baacke, a. a. O., S. 10
  41. 41 Dr. F.: Licht als Gestaltungsmittel, in: Deutsche Bauzeitung/Kunstdruckteil, August 1938, S. 250
  42. 42 Dr. F., a.a.O., S. 251
  43. 43 Dr. Gamma: Bau und Licht, in: Deutsche Bauzeitung, 51 /1934, S. 998
  44. 44 P. Zucker, G. O. Stindt: Lichtspielhäuser - Tonfilmtheater, Berlin 1931, S.86
  45. 45 Werner Rittich: Architektur und Bauplastik der Gegenwart, Berlin 1938, S.43

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Wo die vielen Bilder herkamen : (Seite 147 bis 185)

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  1. S. 148: Deutsche Bauzeitung, April 1935;
  2. S. 151: Die Bauwelt. Kunstbeilage 1913,
  3. S. 33; S. 153: H. Schliepmann: Lichtspieltheater, Berlin 1914;
  4. S. 154: H. Schliepmann, a. a. O.;
  5. S. 156: Die Bauwelt. Kunstbeilage 1913,
  6. S. 22; S. 158: Ullstein Bilderdienst;
  7. S. 159: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München;
  8. S. 161: Ullstein Bilderdienst;
  9. S. 162: A. Wedemeyer: Fritz Wilms. Lichtspieltheaterbauten, Berlin, Leipzig, Wien 1928;
  10. S. 163: Der Architekt 3/1953, S. 44;
  11. S. 164: R.-P. Baacke: Lichtspielhausarchitektur in Deutschland. Von der Schaubude bis zum Kinopalast, Berlin 1982,
  12. S. 127, Fröhlich &c Kaufmann;
  13. S. 166 oben: D. Sharp: The Picture Palace and other Buildings for the Movies, New York,Washingtonl969,
  14. S.153;S.166unten:UllsteinBilderdienst;
  15. S. 168: P.Zucker, G. O. Stindt: Lichtspielhäuser - Tonfilmtheater, Berlin 1931;
  16. S. 169: P. Zucker, G. O. Stindt, a. a. O.; S. 170, S. 171,
  17. S. 173, S. 174: Ullstein Bilderdienst;
  18. S. 176: I. Boyd-White: Bru
  19. no Taut, Stuttgart 1981,
  20. S. 31, Verlag Gerd Hatje; S. 177f: Sammlung der Plankammer der Fakultät für Architektur der Technischen Universität Berlin, Foto: Dr. Paul Wolff;
  21. S. 180, S. 181, S. 183: Ullstein Bilderdienst;
  22. S. 184: Deutsche Bauzeitung 1938;
  23. S. 185, S. 187, S. 190: Ullstein Bilderdienst;

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