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Heinz Fricks Biografie "Mein Gloria Palast" ist in 14 Kapitel gegliedert.

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(1) Die Amme war bestellt

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24.12.1910 - Zwillinge sind angekommen

Sonnabend, den 24. Dezember 1910, fand in der Berliner Wohnung meiner Eltern am Kaiserplatz eine ungewöhnliche Bescherung statt. Unser Hausarzt, Dr. Masur, kam gegen acht Uhr abends zu meinem Vater in das Herrenzimmer, um ihm zu der Ankunft von zwei Buben zu gratulieren.

Unser Erscheinen in dem Kosmos war nicht von allgemeinem Interesse. In diesem Jahr schlug auch die Geburtsstunde für ein Unternehmen in der Hauptstadt, das als Unterhaltungsmedium einen festen Platz in unserem heutigen Leben einnimmt. Es wurde für mich von Bedeutung.

Am Alexanderplatz wurde das erste Großkino, das Uniontheater eröffnet. Fünfundzwanzig Jahre später hatte ich in dem Haus Dienst.

Eine Flasche Rotwein für mich und meinen Bruder Klaus

Von unserer guten Louise, die als Köchin eine Vertrauensstellung in der Familie hatte, war vorsorglich eine Flasche Rotwein bereitgestellt worden und die Herren stießen auf die neuen Erdenbürger an. Danach beglückwünschte Papa unsere Mutter mit einem Blumenstrauß und begrüßte seine Söhne.

Da mein Bruder Klaus begabter und intelligenter war, hatte ich ihm bei dem Eintritt in die Welt den Vorrang gelassen. Einige Tage später traf aus dem Spreewald eine Amme in Tracht ein und nahm uns für zwei Jahre unter ihre Fittiche.

Unser Bruder Hans war 4 Jahre älter

Unser vier Jahre älterer Bruder Hans fand Gefallen an der Frau und wollte öfters mit ihr spielen. Sie lehnte dies aber ab, um sich nicht von ihren eigentlichen Aufgaben ablenken zu lassen. An unsere Wohnung kann ich mich nicht mehr erinnern, weiß nur, daß sie im ersten Stock lag. Es gab einmal ein großes Hallo, als die Mädchen in der Küche eine Maus gefangen hatten. Aufregung gab es auch, als ich den rechten Zeigefinger in eine der Öffnungen eines brennenden Spiritusplätteisens gesteckt hatte.

2 Berliner Ereignisse in 1910

In das Jahr 1910 fielen zwei weitere Berliner Ereignisse. Der Polizeipräsident von Jagow gab seine scharfe Anordnung bekannt: »Die Straße dient lediglich dem Verkehr.

Ich warne Neugierige!« Der »Hohenzollern-Sportpalast« in der Potsdamerstraße wurde als Eisbahn eröffnet. Meine Eltern hatten Einladungen und Mama erzählte mir, daß unser Vater sich gewundert hatte, daß die Neunte Sinfonie von Beethoven gespielt wurde. Diese Musik empfand er zu feierlich.

Bevor die frühere Sportstätte ihre Pforten schloß, um einem Wohnblock Platz zu machen, vereinte sie zum letzten Male viele Berliner und wir hörten mit gemischten Gefühlen den »Sport-Palast-Walzer«. So nannten die Berliner das Musikstück »Praterleben« von Translateur. Man sah zahlreiche bekannte Gesichter und hörte immer wieder »Weißt Du noch ... ?«

1914 - Umzug in eine moderne Wohnung

Daß Thomas Mann 1910 seinen Roman »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull« begonnen hatte, erfuhr ich erst 1957 von seiner Tochter Erika, als wir die Premiere des gleichnamigen Films im »Gloria-Palast« hatten.

Wir zogen 1914 um und nahmen eine moderne Wohnung in einem gerade fertiggestellten Neubau in der Freiherr-vom-Stein-Straße 10 am Schöneberger Stadtpark. Das war für uns Kinder ideal. Dort gab es verschiedene Spielplätze, Ententeich und Buddelplatz. Im Winter standen Eis- und Rodelbahn zur Verfügung.

Unser Hauspersonal und die Zeugnisse

Vor unserem Haus war zu jener Zeit noch freies Gelände, auf dem Genesenden-Kompagnien bisweilen Sport trieben. Wenn die Soldaten beim Tauziehen und lautem »Hau-Ruck« auf den Rücken fielen, fanden wir Jungen dies spaßig und mußten lachen. Unser Fräulein, eine üppige Blondine aus Schlesien, wurde öfters von den Landsern umworben. Manchmal schmuggelte sie einen Freier über die Hintertreppe in unsere Wohnung. Als Mama bei einem solchen Besuch überraschend auftauchte, wurde das Mädchen entlassen. Wir Kinder haben das sehr bedauert, wurden jedoch nicht gefragt.

In den Zeugnissen für das Hauspersonal wurde häufig der stereotype Satz verwendet: »Sie war stets treu, fleißig, reinlich und ging der gnädigen Frau gut zur Hand.« Daß dies Verhalten manchmal auch dem »gnädigen Herrn« gegenüber erwiesen wurde, pflegte man nicht zu bescheinigen.

Der Paternoster im Bürgerhaus

Jeden Freitag fand vor dem benachbarten Rathaus Markt statt. Wir begleiteten unsere Köchin gern dahin und benutzten die Gelegenheit, um in dem Bürgerhaus Paternoster zu fahren. Außerdem baten wir Louise, nach Möglichkeit lebende Fische zu kaufen, was sie trotz der damit verbundenen Mühe auch tat.

Zu Hause ließen wir die Meerestiere in der Badewanne schwimmen, fütterten sie und fingen sie wieder mit einem Schmetterlingskescher ein, bevor sie in die Küche gebracht wurden. Daß die Küche zwei Klappenverschlüsse für Müllschluckerkanäle enthielt, einer war nur für Nahrungsabfälle bestimmt, fanden wir besonders interessant.

Lieder als Schluchzer und Schmachtfetzen

Louise war musisch veranlagt, konnte etwas singen und begleitete ihre Lieder mit der Zither. Meistens waren es Schluchzer und Schmachtfetzen. »Warum weinst Du, liebe Bauernfrau ..« Oder »Schatz, mein Schatz, reise nicht so weit von hier ...« Ihr Lieblingsstück, das sie noch von ihrer Mutter gelernt, hatte »patriotischen« Charakter. Es klang aber nicht so kriegerisch wie ein Ruf aus der besungenen Zeit: »Mac-Ma-hon, wir komm'!«

Die erste Berührung mit : Gewalt geht vor Recht

Vor unserem Haus wurde ich als kleiner Bub zum ersten Mal Zeuge, wie Gewalt vor Recht geht. Zufällig hatte ich gesehen, wie ein lahmer Invalide mit Handwagen auf dem Hof aus einer Mülltonne Küchenabfälle entnommen hatte und sie mit seinem kleinen Gefährt abtransportierte. Plötzlich tauchte ein Fuhrwerk auf, das mit zwei Pferden bespannt war und drei Mann Besatzung hatte. Der Kutscher hatte erspäht, daß der Versehrte aus unserem einzeln stehenden Haus kam, hielt neben ihm und fragte im barschen Ton, wie er dazu käme, die Abfälle wegzufahren. Der Invalide erwiderte, daß dies mit Erlaubnis des Portiers geschehe. Auf einen Wink des Rosselenkers sprangen die Gehilfen vom Wagen, nahmen dem verdutzten Sammler seine drei Säcke von dem Vehikel und luden sie bei sich auf. Mit rohem Gelächter und drohenden Fäusten rollten sie davon.

Der Vorfall hat mein kindliches Gemüt lange beschäftigt.
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Wie mein Bruder und ich ausgetrickst wurden

Bald fielen Klaus und ich auf den Trick eines Bösewichtes herein. Früher konnte sich nicht jede Familie einen Rodelschlitten leisten. Es war durchaus üblich, daß sich auf den Abfahrtplätzen Jungens ohne Rodel einfanden, die von den Schlittenbesitzern für die Talfahrten mitgenommen wurden. Nachdem ein solcher Beifahrer mehrmals bei uns aufsitzen konnte, fragte er, ob er auch mal allein fahren dürfte. Wir willigten ohne Bedenken ein. Nachdem unser ehemaliger Sozius nach einer halben Stunde noch nicht zurückgekehrt war, dämmerte es bei uns. Als Siebenjährige waren wir zum ersten Mal im Leben bestohlen worden.

Im Privatleben fehlte mir fast immer die notwendige Portion Mißtrauen und ich bin häufig hereingeflogen. Geschäftlich war ich stets vorsichtig, weil es sich um fremdes Eigentum handelte.

1914 - es war Krieg und wir haben fast nichts gemerkt

Von den allgemeinen Entbehrungen der ersten Kriegsjahre merkten wir wenig. Wenn uns allerdings Besucher Schokolade und Süßigkeiten mitbrachten, mußten wir diese Leckereien als Feldpostpäckchen umpacken und an Soldaten schicken. Verständlich, daß dabei manch ein Saugbonbon für uns abfiel.

Wiederholt bekamen wir von unseren Hausangestellten, die vom Lande waren und »Futterpakete« erhielten, ein Stück Dauerwurst geschenkt.

1917 - als es ernst wurde - auch in Berlin

In dem Kohlrübenwinter 1917 merkten wir Buben, daß mit der Ernährung etwas nicht stimmte. Der penetrante Rübengeruch, der allmählich die ganze Wohnung erfüllte, wurde unerträglich.

Die mit Sacharin gesüßten Speisen waren ebensowenig ein Genuß wie die häufig servierten Dörrgemüsesuppen.

Zum ersten Male in einem Kino

Bei einer günstigen Gelegenheit nahm uns das Kindermädchen heimlich in ein Kino mit. In dem Saal der Schöneberger Hauptstraße gab es auch Stehplätze.

Es fiel mir auf, wie stickig die Luft war. Mit einer Handspritze wurde Duftstoff in dem Raum versprüht. Unter der Bildfläche stand ein Piano und der Klavierspieler führte die Begleitmusik aus. Es lief eine Grotesk-Komödie aus Amerika mit dem beliebten Schauspieler Fatty. Die Zuschauer jauchzten vor Vergnügen. Wir waren beeindruckt und begeistert.
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Eine Laterna magica vom Onkel

Als ich mir später von einem Onkel etwas schenken lassen durfte, bat ich um eine Laterna magica (ein ziemlich primitiver Dia oder Filmprojektor). Mit diesem Gerät konnten wir für uns und Schulkameraden Vorstellungen geben. Damals ahnte ich nicht, daß diese Spielerei einst mein Leben bestimmen wird.

Die deutschen Flugzeuge waren Rumpler-Tauben

Unsere Eltern hatten in Groß-Mölln bei Köslin ein Haus, in dem wir einen Teil der Sommerzeit verbrachten. Ein Bruder meines Vaters, der Königsberger Architekt Kurt Frick, hatte es erbaut. In der Nähe befand sich ein Militärflugplatz und die Doppeldecker flogen manchmal so niedrig über die Strandpromenade, daß wir glaubten, sie würden die Sonnenschirme der Damen berühren.

In dem dort gelegenen Hotel fand einmal eine Soiree statt, in der ein Unterhalter als Beitrag eine zeitgemäße Strophe brachte:
»Ich glaube, ich glaube, da oben fliegt 5ne Taube. Sie kommt aus einem fremden Nest, daß sie hier bloß nichts fallen läßt.«

Die nach dem österreichischen Konstrukteur benannten Rumpler-Tauben galten in der Zeit als die erfolgreichsten deutschen Flugzeuge.

1917 wurde unser Vater eingezogen.

Er hatte vorher nicht gedient und rückte bei dem IL Garderegiment zu Fuß ein. Seine Mitarbeiter schenkten ihm einen Holzschnitt mit der Darstellung von abmarschierenden Soldaten, denen eine junge Frau Rosensträuße an Helm und Gewehr steckt. Darunter stand die Zeile: »Ein Tag der Rosen im August, da hat die Garde fortgemußt.« Der Text stammt aus dem Gedicht »Die Mädchen und die Garde« von Erdmann Graeser.

Weihnachten bekam Papa Urlaub, und wir waren glücklich, das Fest gemeinsam begehen zu können. Damals schenkte er Mama eine Biedermeierkommode für 350.-, die durch Zufall im Keller erhalten geblieben ist. Ebenso die Rechnung der Tischlerei Dennewitz in Berlin W 62, Kleiststraße 11-12. Das Möbel steht noch in unserer Diele.

1917 - wir Zwillinge wurden eingeschult

Inzwischen wurden wir Zwillinge im Prinz-Heinrich-Gymnasium in der Grunewaldstraße eingeschult. Zu den Zuckertütenträgern gehörte unser

Im März 1918 erhielt Papa abermals Urlaub. Wir waren zusammen im Variete, dem späteren UFA-Palast am Zoo. Ich erinnere mich, wie ein Jongleur flache Herrenstrohhüte ins Parkett warf, die nach Art von Bumerangs im weiten Bogen auf die Bühne zurückflogen und dort von dem Artisten aufgefangen wurden. Eine von den »Kreissägen« landete allerdings unter der Rampe im Orchesterraum.

Bei einer anderen Nummer wurde von dem Akteur eine wacklige Pyramide aus Tischen, Stühlen und Bierfässern errichtet. Nachdem er aufgestiegen war und sich an dem Quervorhang die Nase putzen wollte, stürzte das Gestell zusammen und der Künstler landete im eleganten Sprung auf der Bühne. Es trat eine Girl-Truppe auf, deren Körper von Hals bis Fuß in Trikots verhüllt waren. Nach dem Variete-Programm lief eine Wochenschau.
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(2) Das Schicksal setzt den Hobel an . . .

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Diesen Tag vergaß ich nie mehr.

In der letzten Woche des Monats hatte unser Vater eine Besprechung mit Geschäftsleuten in der Stadt verabredet, zu der er nicht erschien. Da er auch nicht nach Hause kam, verbrachten wir bange Tage des Wartens und waren voller Sorgen.

Nachdem meine Mutter eine Vermißtenanzeige aufgegeben hatte, erhielt sie nach einer weiteren Wartezeit von mehr als zehn Tagen eine Ladung für das Leichenschauhaus. Mit großer Mühe konnte sie dort unseren Vater identifizieren.

Einige Tage später wurde ihr vom Standesamt eine Sterbeurkunde ausgehändigt, die besagte, daß der kaufmännische Direktor Walter Frick, geb. am 12. Februar 1880 zu Königsberg in Preußen, am 3. April 1918 im Landwehrkanal, Königin-Augusta-Straße 22, nachmittags um vier Uhr tot aufgefunden worden sei.

April 1918 - Unser Vater war ermordet worden

Er ist einem nie aufgeklärten Verbrechen zum Opfer gefallen. Unsere Mutter muß wie gelähmt gewesen sein. Sie ließ sich tagelang nicht sehen und brachte es nicht einmal fertig, uns Zwillingen von dem Unglück zu berichten.

Louise kam zu uns ins Kinderzimmer, legte Klaus und mir ihre Hände auf die Schultern und stammelte unter Tränen: »Meine lieben Kinder, Euer guter Vater lebt nicht mehr.« Wir waren wie betäubt, vermochten es nicht zu glauben und wollten es auch nicht wahrhaben.

Die Tragweite des Geschehens konnten wir nicht erfassen. In der Schule wollten wir mit keinem darüber sprechen. Die Mitschüler wußten es aber schon, die Zeitungen hatten davon berichtet.

Unverständlich blieb, daß Klaus und ich nicht an dem Begräbnis teilnehmen durften. Mama meinte später, daß wir damals noch zu klein waren.

Herbst 1918 - Gravierende Einschränkungen folgten

Im Herbst mußten wir die teure Wohnung aufgeben und zogen in die Joachimsthalerstraße, nahe dem Zoo. Louise hatte wegen Heirat gekündigt und das Kindermädchen mußten wir entlassen. Fräulein Grete blieb bei uns.
Ein Teil vom Kurfürstendamm hatte damals noch einen Reitweg in der Mitte. Unter den S-Bahnbögen am Savigny-platz befanden sich Pferdeställe. Es war ein schöner Anblick, wenn die Reiter aus der Grolmanstraße kamen, den Boulevard hinunterritten und an der Ecke Jo-achimsthalerstraße zum Tiergarten abbogen.

Die Frauen im Damensattel und flachem Zylinder. Einmal sahen wir, wie aus der Toreinfahrt der heute noch bestehenden »Hotel-Pension Lloyd« neben Mampe eine Kutsche mit vier Pferden rollte. Es war wie in einem Gedicht von Detlev von Liliencron: »Viere lang, vorne Jean, fährt meine süße Lady.«

Ein großzügiges Anbebot der "Baltic-Separator GmbH"

Die Firma, der Papa angehört hatte, die Baltic-Separator GmbH in Berlin-Schöneberg, machte Mama das Angebot über die Gewährung einer Pension und Beihilfe für uns drei Kinder bis zum 21. Lebensjahr, oder die Auszahlung einer einmaligen Abfindung.

Mama, die niemals im Erwerbsleben gestanden und nichts von kaufmännischen Dingen verstand, wählte die Auszahlung.

Das Ende des Krieges zeichnete sich ab

Deutschland hatte damals schon Friedensfühler ausgestreckt. In Verbindung mit den öffentlichen Regierungsmaßnahmen konnte man ohne viel Mühe aus den Zeitungen entnehmen, daß wir den Krieg verlieren würden.

Außerdem gab es am Kiosk an der Ecke Schweizer Journale zu kaufen, die das Thema Krieg und seine Folgen ausführlich behandelten. Das Verhängnis nahm seinen Lauf. Die Inflation griff um sich und unser Vermögen zerrann.

Mutter traf mehrere nicht besonders kluge Entscheidungen

Unsere Mutter, Tochter eines Dorfschullehrers bei Bromberg, stand der Situation hilflos gegenüber. Anstatt ihr Geld bei der Bank abzuheben und es wertbeständig anzulegen, was damals noch möglich war, lebte sie von dem Kapital.

Nach der letzten Einkommensteuererklärung von 1917 hatte Papa Mk 83.213,25 verdient. Außer der stattlichen Abfindung von der GmbH, deren Höhe sie uns nicht mitgeteilt hat, bekam die Mutter auch die Lebensversicherung von Papa ausgezahlt. Mit diesen hohen Beträgen hätte sie Immobilien erwerben oder Antiquitäten, Gold und Schmuckwaren kaufen können. Die benachbarte Kaiserallee, später Bundesallee, geriet zu jener Zeit fast völlig in ausländischen Besitz. Nur noch wenige Häuser gehörten Deutschen. In einer solchen Periode ließ sie sich von »guten Freunden« unser Haus in Groß-Mölln abschwatzen. Angeblich sollte es gegen ein Landhaus in Partenkirchen eingetauscht werden, da Mama den Ort besonders liebte.

1918 - »Es ist Waffenstillstand!«

Nach Verhandlungen mit unserer Hauswirtin, Frau Wanda Weihnacht, die in der gleichen Straße ein Früchtegeschäft betrieb, erhielten wir die Erlaubnis, drei bis vier Zimmer unserer Wohnung möbliert zu vermieten.

Bald erfolgte der militärische und politische Zusammenbruch Deutschlands. Als wir mit Grete vor einer Filiale »Pommersche Meiereien« nach Lebensmitteln anstanden, kam die Leiterin aufgeregt heraus und rief den Wartenden zu: »Es ist Waffenstillstand!« Ich fragte Grete, was das bedeute. Sie antwortete: »Jetzt schießen die Männer nicht mehr.«

Es passierten merkwürdige Dinge in Berlin

Bald bestaunten wir Tanks, die am Zoo aufgefahren waren, lasen die Plakate an der Gartenmauer: »Halt! Wer weitergeht, wird erschossen!« Hinter der Umzäunung standen Bewaffnete in Uniform. Nach acht Uhr abends durfte keiner mehr auf die Straße.

Wegen der Untermieter mußte unsere Familie zusammenrücken und ich fand es besonders verdrießlich, daß ich jedesmal auf der Lauer liegen mußte, wenn ich mir ein Buch aus der Bibliothek holen wollte.

Die Geldentwertung galoppierte förmlich. Wenn wir einkaufen gingen, passierte es häufig, daß der Inhaber zwischendurch den Laden schloß, um neu auszupreisen. Ein Lebensmittelhändler hatte an seinem Geschäft ein Plakat mit der Aufschrift: »Auf Preiserhöhungen kann gleich gewartet werden.«

In den Nachkriegsjahren herrschte bittere Not

In den Nachkriegsjahren fiel in den Straßen eine ungewöhnliche Bettelei auf. Männer der verschiedensten Jahrgänge, darunter Invaliden und entlassene Soldaten, hielten den Vorübergehenden ihre Hüte und Kappen entgegen.

Häufig trugen die Leute abgetragene Uniformen mit Orden und hatten ihre Soldbücher vor sich ausgebreitet. Die Mützen mit den schwarz-weiß-roten Kokarden, die unsere Truppen einst mit Stolz getragen hatten, dienten jetzt als Bettelgerät. Dachten die armen Kerle daran, daß ihnen einst der Dank des Vaterlandes versprochen wurde. Bei vielen herrschte bittere Not.

1920 - in den »Iden des März«

Als wir - es war in den »Iden des März« 1920 - mit Grete zu Wertheim fuhren, ballte sich am Potsdamer Platz eine große Menschenmenge. Wir vernahmen den Marschtritt von Kolonnen und sahen bald einen Zug Uniformierter in dem bekannten Feldgrau. Sie trugen Stahlhelme, geschulterte Gewehre und Handgranaten im Koppel. An ihrer Spitze wehte die ehemalige Reichskriegsflagge. Die Kompagnieführer waren hoch zu Roß.

Die Truppen marschierten in Richtung »Unter den Linden«. Dort wurden Geschütze aufgestellt. Der Wilhelmsplatz wurde ebenfalls besetzt. Sie sangen ein Marschlied, das uns unbekannt war: »Hakenkreuz am Stahlhelm, schwarz-weiß-rotes Band. Die Brigade Erhardt werden wir genannt.« Der Kapp-Putsch war ausgebrochen.
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Ein konfuses Leben für uns Schüler

Zu Hause empfanden wir Jungen es als eine interessante Abwechslung, daß wir wegen des bald ausgerufenen Streiks von der Pumpe an der Kurfürstendamm-Ecke Wasser holen mußten. Dort tränkten noch die Droschkenkutscher ihre Pferde. Wir saßen bei Kerzenlicht im Zimmer und konnten zu spät zur Schule kommen, weil die öffentlichen Verkehrsmittel den Betrieb eingestellt hatten. Die ältesten Kutscher, Kremser und Kaleschen belebten das Straßenbild.

Die dilettantisch unternommene Revolte brach zusammen.

Nach einigen Tagen hatte sich das Leben normalisiert. Die Regierung, die erst nach Dresden geflohen war und von dort aus nach Stuttgart gegangen war, kehrte nach Berlin zurück.

Daß der spätere Reichskanzler und Außenminister Gustav Stresemann - 1926 Friedensnobelpreisträger - den Handstreich begrüßt hatte, zeugt von der damaligen Verwirrung. Dieser unterlag auch der Kultur- und Geschichtsphilosoph Oswald Spengler, der auf der Ministerliste von Wolfgang Kapp stand.

Die Restitution der Monarchie, an die manche geglaubt hatten, wurde nicht vollzogen. Im Kabarett konnte weiter gespöttelt werden:
»Wen haben sie nach Holland verschoben? Wilhelm, den Doofen, den Oberganoven, den haben sie nach Holland verschoben. Wer hat ihm die Krone geklaut? Eben, der Helle, der Sattlergeselle, der hat ihm die Krone geklaut.«

merkwürdige Kontrollen der Landesschützenkorps

An einem Vormittag klingelte bei uns eine schwer bewaffnete Patrouille von drei Mann. Sie wollten in der Wohnung eine Durchsuchung nach Waffen vor-
nehmen. Die Uniformierten waren höflich und kontrollierten die Räume nur flüchtig. Als Grete ihnen das noch unaufgeräumte Schlafzimmer unserer abwesenden Mutter öffnete, sagte der Streifenführer »Pardon« und ließ den Raum nicht betreten. Vermutlich gehörten die Männer zu dem Landesschützenkorps, das in der gegenüberliegenden Gemeindeschule sein Bezirkskommando hatte. Zwei Schrotflinten, die im Herrenzimmer an der Wand angebracht waren, nahmen sie ab, untersuchten sie kurz und hingen sie wieder zurück.

Wie wir später erfuhren, wurden die Kontrollen nur in vereinzelten Fällen und besonders in den vierten Etagen durchgeführt.

Angst, Not, Hunger und Krankheiten

Neben Angst und Not herrschten Hunger und Krankheiten. Der Ver-sailler Vertrag mit den Reparationen, deren Höhe und Laufzeit nicht einmal festgelegt waren, lastete auf der Bevölkerung.

Vor den Asylen für Obdachlose stauten sich jeden Abend Leute, die kein Quartier hatten. Ebenso sah es vor den Schlafsälen der Heilsarmee aus. Die städtischen Wohlfahrtsküchen, die gegen Ausweis Essen für zwanzig Pfennig ausgaben, waren belagert. Luxus und den Besuch von teuren Schlemmerlokalen konnten sich nur die Neureichen, die »Raffkes« sowie die Ausländer leisten.

Juni 1923 - die Inflation griff um sich

Am 23. Juni 1923 wurde der Dollar mit einer Million Mark notiert. Der Transport der Banknoten erfolgte häufig in Waschkörben auf Handkarren. Da die Bezahlung der Hilfskräfte zum Geldzählen in keinem Verhältnis zu ihren effektiven Leistungen stand, wurden die Geldscheine von manchen Instituten nach Gewicht ausgegeben.

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