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Will Tremper war 16 Jahre alt, als der 2. Weltkrieg zuende ging.

In seiner Biografie von 1993 beschreibt Will Tremper, wie er als überzeugter Hitlerjunge die Zeit ab 1939 erlebt hatte und was davon bei ihm unauslösch- lich im Kopf hängen geblieben war. Und er erzählt von seinen Erlebnissen in Berlin unter den Bomben. Lesenswert ist dazu auch "Als Berlin brannte" (Hans-Georg von Studnitz). Der Zusammenhang schließt sich über die Curt Riess'sche Biografie "BERLIN 1945-1953" und dessen beide dicken Film-Bücher, in der der Name Tremper aber nicht genannt wird. Will Tremper hingegen schreibt daher sehr genüsslich über "die anderen Seiten" bekannter Personen aus Politik und Film - natürlich auch über Curt Riess. Die einführende Seite steht hier.

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Schon wieder ausgebombt und nochmal Glück gehabt

Die lebensrettenden Wunder dieses Jahres 1944 wollten überhaupt kein Ende nehmen: An dem Tag Ende Oktober, an dem ein amerikanischer Bombenteppich den ganzen Häuserblock meines Jugendwohnheims samt dem angeschlossenen Mädchenheim des BDM, dem Reichsarbeitsdienst-Wohnheim und der HJ-Bannführung Weißensee in Schutt und Asche legte, war ich von unserem Bannarzt Dr. Wraßmann mit Verdacht auf Gelenkrheuma ins Virchow-Krankenhaus eingewiesen worden.

Zwei Tage vorher hatte ich so geschwollene Fußgelenke bekommen, daß ich in keinen Schuh mehr paßte. Der Heimleiter rief den Arzt, und der energische Dr. Wraßmann fackelte nicht lange und ließ - auch das gab's noch - einen Krankenwagen kommen: »Gelenkrheuma geht unweigerlich aufs Herz!«

In einem bequemen Bett in einem der Pavillons im Garten des Rudolf-Virchow- Krankenhauses im Wedding liegend, von einer kulleräugigen Lernschwester liebevoll umsorgt, hörte ich von Krüger am Abend, daß die Bomben zwei Stunden nach meinem Abtransport gefallen waren und 22 Mitglieder des Personals sowie einige bettlägerige Lehrlinge getötet hätten.

Meine kulleräugige "Lernschwester" und ich ......

Und ich hatte geglaubt, es wäre wieder mal blinder Alarm gewesen, als sie mich bei meiner Ankunft im Wedding zuerst auf einer Bahre in einem zugigen Kellerdurchgang abgestellt hatten!

Krüger drückte mir lange die Hand zum Abschied und meinte, er würde bei einer Großmutter in Bernau (bei Berlin) unterkommen können.

Als nächste kam Frau Spudich mich besuchen und brachte gleich wieder ein Bündel Formulare für »Luftkriegsgeschädigte« mit, die sie, am Bett sitzend, für mich ausfüllte, denn alle meine neuen Klamotten waren im Jugendwohnheim in Flammen aufgegangen.

Ich hielt mich für einen solchen Glückspilz, daß ich mich auch im Virchow-Pavillon bei Fliegeralarm nie in den Splittergraben rollen ließ. Worauf meine süße Lernschwester es ebenfalls ablehnte, ihren Lieblingskranken von der »Reichsjugendführung« allein zu lassen.

Und sie blieb zitternd auf dem Bett neben mir sitzen, wenn die schweren Flakgeschütze vom Hochbunker im Humboldthain herüber dröhnten und die Erde von Bombeneinschlägen wackelte. Wenns ganz schlimm wurde, nahm ich sie in die Arme. Aber mehr als von der Decke rieselnder Kalk ist nie auf uns draufgefallen.
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Also so sehen Juden aus!

Innerhalb von 14 Tagen hatten mich die Ärzte wieder fit, und ich rannte wieder einmal zum Wirtschaftsamt, um mich ans Ende einer langen Schlange von »Bombengeschädigten« zu gesellen.

Es war um die Mittagszeit und nur ein Schalter geöffnet - ein Irrtum, wie sich drei Minuten später herausstellte. Da kam ein sogenannter Goldfasan vorbei - ein Parteifunktionär in goldbrauner Uniform -, sah mich in meiner HJ-Uniform am Ende der Schlange stehen und brüllte mich an: »Bist du etwa ein Jude? Mach sofort, daß du da wegkommst!«

Er winkte mich herrisch an der Schlange vorbei zu einem leeren Schalter, hinter dem eine Beamtin döste. Mich im Vorbeigehen umdrehend, sah ich, wer die Schlange bildete, in der ich gestanden hatte: lauter blasse, verhärmt aussehende Menschen mit einem gelben Judenstern auf dem Revers, ein häßlicher, zur antisemitischen Propaganda passender Anblick.

Also, so sahen Juden aus! Mich gruselte, aber das war auch alles. Ich wunderte mich nur ein bißchen, denn irgendwo hatte ich gelesen, daß »Berlin jetzt judenfrei ist«.

Ich muß es nocheinmal wiederholen :

Noch einmal: Ich habe in diesem letzten Kriegsjahr in Berlin nie sonst einen Juden mit gelbem Stern gesehen, habe auch nie jemanden von »Massenvernichtung der Juden« reden hören.

Die daran beteiligt waren, so dachte ich nach dem Krieg, müßten ja auch ganz schön blöde gewesen sein, wenn sie darüber gesprochen hätten.

Als dann die grauenhaften Nachrichten von Auschwitz kamen, zerbrach ich mir jahrelang den Kopf über meine Unwissenheit, entschuldigte sie mit der Blindheit der Jugend, meiner Ignoranz für alles, was mich nicht direkt und persönlich interessierte.

Bis zur Holocaust-Serie des amerikanischen Fernsehens lebte ich tatsächlich in der Vorstellung, daß es Millionen Juden in Deutschland gegeben haben müßte, die mir alle aus dem Weg gegangen waren.

Dann mußte ich zum ersten Mal darüber schreiben, fing an, Material zu sammeln - und entdeckte im "Statistischen Jahrbuch des Deutschen Reiches" aus dem Sommer 1932 die Zahl sechshundert und soundsovieltausend Juden, weniger als ein Prozent der Bevölkerung, wovon über die Hälfte offenbar bis zur Kristallnacht 1938 schon ausgewandert war und von den verbliebenen 300.000 bis zum Beginn des Krieges am 1. September 1939 noch einmal über die Hälfte »unter erschwerten Bedingungen« auswanderte.
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In Berlin 9.000 Juden am 8. Mai 1945

Dann verloren sich die Zahlen, bis sich am 8. Mai 1945, nach Auskunft der Jüdischen Gemeinde, etwa 9.000 Juden auf den Berliner Ernährungsämtern meldeten, die in den Trümmern der Reichshauptstadt überlebt hatten.

Einige davon sah ich vor dem Schalter meines Wirtschaftsamtes stehen. Nun konnte ich aufatmen, mir erklären, warum ich nie zuvor einem Juden begegnet war: Es war, rein statistisch schon, kaum möglich gewesen.

Selbst Hitler scheint an eine sehr viel größere Zahl von Juden geglaubt zu haben, denn in seiner ersten Rede vor dem Reichstag stellte er die rhetorische Frage, wer wohl mehr Rechte zu beanspruchen habe, »zwei Millionen Juden oder sechzig Millionen Deutsche«. - Doch Hitler war ja ursprünglich ein Österreicher und dort gab es prozentual viel mehr Juden als im deutschen Reichsgebiet.
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Sechs Millionen ermordete Juden

Natürlich zweifelte ich nicht an der im Nürnberger Prozeß bekannt gewordenen Zahl von sechs Millionen ermordeter Juden, aber die kamen zur Hälfte aus Polen, zur anderen Hälfte aus ganz Europa, und sie wurden vorwiegend in Auschwitz umgebracht.

Die Sorgfalt, mit der die Massenmörder vermieden, innerhalb der Reichsgrenzen tätig zu werden, mag erklären, warum so wenig Deutsche etwas von ihren Untaten mitbekommen haben.

Mich hat das »beruhigt«, und mich hat der Judenmord um so mehr aufgebracht, je mehr nach dem Krieg von der »Kollektivschuld« der Deutschen geschrieben wurde.
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Verdrängung oder blanke Heuchelei ?

Der Satz in der berühmten Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 im Bundestag, der sinngemäß besagt, daß »jeder, der hören wollte, die Züge rollen hören konnte« - mit deportierten Juden aus Westeuropa, die im Krieg durch das Reichsgebiet nach Osteuropa befördert wurden -, dieser Satz regt mich bis heute auf, denn er ist die blanke Heuchelei.

Ich habe viele Züge »für den Sieg« rollen hören, besonders im Rheinland und besonders »bei Nacht«. Aber wie hätte ich oder eine andere harmlose Seele sich vorstellen sollen, daß die Züge in den Tod rollten?

Selbst wenn wir von den deportierten Juden in den Zügen gewußt hätten - wie hätten wir uns etwas anderes vorstellen können, als daß sie »umgesiedelt« werden würden, die Juden aus Frankreich, Belgien, Holland?

Die Anschuldigung des Bundespräsidenten aber wiegt doppelt schwer, denn es war die Verteidigung seines Vaters Ernst von Weizsäcker aus dem Auswärtigen Amt Hitlers, mit der er im sogenannten Wilhelmstraßenprozeß die Genehmigung des Staatssekretärs zur Deportation der westeuropäischen Juden mit dem Hinweis zu entschuldigen versuchte, daß Herr von Weizsäcker »Auschwitz für eine Sommerfrische« gehalten hätte, in der die französischen Juden während des Krieges besser aufgehoben wären als in Paris.

An dieser »Verteidigung« nahm der spätere Bundespräsident als Referendar teil, wie man weiß.
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3. Februar 1945 - Besuch zuhause in Braubach

Noch einmal war ich mit einer neuen Garderobe ausgestattet worden und hatte Weihnachten die Familie in Braubach durch meinen großstädtischen Anblick verblüfft.

Aber an jenem 3. Februar 1945, als Berlin den größten und furchtbarsten Luftangriff des Krieges erlebte, steckte ich dummerweise in der HJ-Uniform.

Darin hoffte ich leichter eine Eintrittskarte für den »Kolberg«-Film von Veit Harlan zu ergattern, auf den wir alle warteten und der am 30. Januar, zum zwölften Jahrestag der Machtergreifung, in der sogenannten Atlantikfestung La Rochelle und einen Tag später in Berlin festlich uraufgeführt wurde.

Da er Goebbels' wichtigstes Projekt war und bei der UFA bis zuletzt daran gearbeitet wurde, hatte ich keine Einladung für eine Sondervorführung erhalten; ich bekam nur noch eine Eintrittskarte für die Vormittagsvorstellung im UFA-Theater am Alexanderplatz, die kurz nach zehn Uhr mit der neuesten Wochenschau begann.

Ich erlebte, wie ich mich gut erinnern kann, genau das Durchhaltegefühl, das Goebbels sich erhofft hatte, als auf der riesigen Leinwand Horst Caspar als Gneisenau erschien und mit Heinrich George als Nettelbeck jede Kapitulation vor Napoleons Truppen ablehnte. Ein gewaltiger Film!
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Dann heulten die Sirenen - Luftalarm

Doch dann heulten die Sirenen, mitten am lichten Samstagvormittag, und während es hell im Kino wurde und die Zuschauer in den vollbesetzten Reihen sich erhoben und fluchend den Ausgängen zustrebten, hörten wir draußen bereits die Flak schießen.

Eine kleine Panik brach aus, und ich ergriff ein weinendes Mädchen, das seine Handtasche verloren hatte, und zerrte es hinter mir her in die Neue Königstraße, hinterm Alex, aber bis zum Flakbunker am Friedrichshain schafften wir es nicht mehr.

Auf der Höhe des neuen Reichsbankgebäudes, in dem ich mir vor meiner Rußlandreise 5.000 Ostmark abgeholt hatte, fielen die ersten Brandbomben und regnete es Flaksplitter. Der Himmel war bedeckt, aber ein unheimliches Geräusch von vielen, vielen amerikanischen »Fliegenden Festungen« wurde immer lauter.

»Warum bist du nicht auf dem Dach?«

Ich zerrte das Mädchen hinter mir her in den Bankeingang, wo mich ein Luftschutzwart, meine Uniform sehend, anbrüllte: »Warum bist du nicht auf dem Dach?« Das Mädchen verschwand im Luftschutzkeller, und mich brachte der Fahrstuhl bis zur letzten Treppe unter dem riesigen rechteckigen Flachdach, auf dem zwei drehbare Zweizentimeter-Flakgeschütze installiert waren.

Bedient wurden sie von Luftwaffenhelfern in meinem Alter, die aufgeregt darauf warteten, etwas von den Feindflugzeugen zu sehen. Gelegentlich verloren sie die Nerven und ballerten blind in die Wolken, und ein Unteroffizier von der Flak schrie sie an, Munition zu sparen.

Ich versuchte nur einmal, mich nützlich zu machen, und blieb dann wie gelähmt den ganzen Angriff über neben dem Feuerleit-Unteroffizier stehen, in Erwartung der Bombe, die uns mit einem Schlag »allemachen« würde.

Es war ein optisches und akustisches Inferno

Das schrille Heulen Tausender fallender Bomben ringsum, die aufspritzenden Erd-, Mörtel-, Betonfontänen, wohin das Auge blickte, die ungeheuren Staubschwaden, die langsam über die Riesenstadt zogen...

Aber eigentlich ist jeder Versuch einer Beschreibung sinnlos. Die Erinnerung gibt nicht einen Bruchteil des tatsächlichen Geschehens wieder. Es war der erste und letzte Luftangriff, den ich von oben erlebte, mit Panoramablick; es war der schlimmste, der bis dahin auf Berlin geflogen worden war.

Als wir aus dem Kino rannten, war es heller Tag gewesen - jetzt sah ich mit an, wie innerhalb von zwanzig Minuten die ganze Innenstadt in Flammen aufging und gigantische schwarze Rauchwolken, zusammen mit dem Staub, den Tag in schmutziggraue Nacht verwandelten.

Einige der Luftwaffenhelfer rannten schreiend davon, als eine Serie Bomben in unmittelbarer Nähe einschlug, andere blieben wie ich angewurzelt stehen und warteten, bis sich das erdbebengleich wackelnde Dach beruhigt hatte - oder unter uns zusammenbrechen würde -, wieder andere warfen sich dauernd hin, sprangen wieder auf und besetzten ihr Flakgeschütz.

Gefühlt waren es Stunden

Es schien Stunden zu dauern, aber als von fern ein paar heil gebliebene Sirenen »Entwarnung« gaben, war es mal gerade halb zwölf, das Ganze hatte nicht mehr als 30 Minuten gedauert.

Das vorher so saubere Flachdach war übersät von Steinen, Trümmerstücken, die von Gott weiß woher bis zu uns heraufgeflogen waren, darunter ein komplettes, nur zersprungenes Fenster in einem Metallrahmen.

Der andere Unteroffizier, der das gegenüberliegende Flakgeschütz befehligte, stand an der Dachbrüstung zum Alexanderplatz, starrte mit dem Fernrohr durch die lodernde Umgebung und sagte: »Das Schloß brennt, das Schloß brennt!« Es war eine heiße, stinkende Luft um uns, in der Millionen lodernder Einzelteilchen wie Glühwürmchen herumflatterten.

Einer der Jungen lag, von einem harten Gegenstand getroffen, besinnungslos am Boden, andere verzogen sich breitbeinig in die Ecken und entledigten sich vollgeschissener Hosen.
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22.000 Tote an diesem Tag in Berlin sollen es sein

Mit meinem Halstuch vor der Nase stieg ich die Treppen hinab und wanderte durch aufgescheuchte Menschenmassen zurück zum Alex, sah das UFA-Theater in Flammen, half unter dem S-Bahnbogen einer alten Frau, ihr zerbeultes Fahrrad wieder zurechtzubiegen, schwang mich auf einen vorbeifahrenden Lastwagen und fuhr mit bis zum brennenden Schloß des Kaisers, vor dem nichts als eine schwache Hausfeuerwehr damit beschäftigt war, einen einsamen Wasseranschluß vor dem Portal in Gang zu setzen.

Nur das Dach brannte an zwei Stellen und ein oder zwei Fensterreihen im obersten Stock. Wäre genügend Berufsfeuerwehr zur Stelle gewesen, hätte das Schloß wohl gerettet werden können. Im Lustgarten hatte ein Volltreffer eine der vier schweren 8,8cm-Flakbatterien erwischt; um Verletzte und mindestens zehn Tote bemühte sich ein Arzt, unterstützt von Passanten; auch ich drückte einem leblosen jungen Gesicht die Augen zu. 22.000 sollen an diesem Tag in Berlin gestorben sein.
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Zehn noch warme Schusterjungs ohne Marken

Über die Spreebrücke, die Monbijou, zurückgehend, fand ich in der Münzstraße, neben meinem alten Tageskino, eine offene Bäckerei, merkwürdigerweise ohne Schlange davor, und bekam von einem völlig verwirrten Franzosen in Pepita-Bäckerhosen zehn noch warme Schusterjungs ohne Marken.

Mit der Tüte unterm Arm fand ich mich um zwei Uhr nachmittags im Tiergarten wieder, wohin sich eine Menge Ausgebombter geflüchtet hatten, als Sirenengeheul den nächsten Luftangriff ankündigte.

Hinter das Brandenburger Tor, wo alles zu brennen schien, wollte ich nicht wieder zurück, darum lief ich Richtung Großer Stern, in der Hoffnung, unter den vier Ehrentempeln einen Bunker zu finden.

Doch da war nichts als eine Unterführung, und schon wieder bebte die Erde unter näher kommenden Bombeneinschlägen. Diesmal hatte ich die schlimmsten Befürchtungen und schlang wie verrückt meine Schusterjungs hinunter.

Ein zweiter Angriff - "nur" 20 Minuten

Wenn ich schon sterben mußte, dann wollte ich wenigstens etwas von den Roggenschrippen gehabt haben, die ich eigentlich mit zu Bille nehmen wollte. Die hätte bestimmt etwas zum Bestreichen im Kühlschrank gehabt, wenn sie nicht auch ausgebombt worden war.

In keiner Situation vorher, weder in Minsk noch in Sluzk, weder im verschütteten Keller noch auf dem Flachdach der Bank, wurde mir so mulmig wie unter diesem lächerlich zierlichen Tempelchen und seinem Fußgängertunnel unter der Ost-West-Achse.

Die 8. US-Luftflotte schien diesen zweiten Angriff voll auf den Großen Stern und seine Siegessäule führen zu wollen: Es hagelte Bomben vom Himmel, der Betonboden unter mir hüpfte, von der Decke fiel der Putz, und zum Überfluß kam auch noch ein kläffender kleiner Köter in einer Preßwolke aus Staub das Treppchen heruntergerast und fiel in seiner Todesangst über mein Hosenbein her.

Ich schlug ihm die Tüte mit den restlichen Schusterjungs um die Ohren, und er verschwand, wie auch die Amerikaner schließlich genug hatten.

Ein Baum zwischen mir und dem Blindgänger

Zwanzig Minuten nach der Entwarnung, auf dem Weg in die Nürnberger Straße, wäre ich dann doch beinahe noch hopsgegangen, als wenige Meter vor mir urplötzlich ein Blindgänger explodierte. Wie durch ein Wunder - schon wieder! - stand ich hinter einem schützenden Baum und sah einer unglaublichen Szene auf dem Neuen See im Tiergarten zu: Ein Pärchen ruderte und schnäbelte bereits wieder in einem alten Kahn.

Dann platzte die Bombe, und als ich wieder atmen konnte, sah ich das Pärchen durch jähe Wellen an Land schwimmen. Mein Baum war an der Frontseite von Splittern zerfetzt.
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Zurück in der Tauentzienstraße - meine Klamotten waren weg

Auf der Tauentzienstraße spielten sich dramatische Szenen ab, hier wimmelte es von Feuerwehrleuten. In der Nürnberger Straße sah ich zwar Bille, aber meine Garderobe nicht wieder, die ich bei ihr im Keller hinterlassen hatte, weil es das Jugendwohnheim nicht mehr gab.

Sie hatte meine Anzüge in einen Koffer gepackt und einer Freundin mitgegeben, die an diesem Sonnabend, etwa zur Zeit, als der erste Luftangriff begann, nach Thüringen fahren wollte.

Von der Freundin und ihrem Gepäck haben Bille und ich nie wieder etwas gehört. Sie wohnte am Anhalter Bahnhof und muß den Bomben zum Opfer gefallen sein, die noch dichter als anderswo zwischen dem Belle-Alliance-Platz und dem Anhalter Bahnhof gefallen waren.

»Glaube mir, am Tegernsee sind wir sicher!«

Bille redete geradezu hysterisch auf mich ein, mit ihr aus Berlin wegzugehen, ein Freund von der bayerischen Gauleitung habe einen Wagen organisiert, der am Abend vorbeikomme und uns beide mitnehmen könnte: »Glaube mir, am Tegernsee sind wir sicher!«

Ich versuchte ihr klarzumachen, daß ich kriegsdienstverpflichtet wäre und ohne Marschbefehl nicht reisen dürfte. An allen Ausfallstraßen Berlins wurde jetzt scharf kontrolliert, und die Zeitungen waren voll von Todesurteilen gegen Deserteure, Drückeberger, Volksschädlinge und wie all die genannt wurden, die ihre Haut schnell noch in Sicherheit bringen wollten, anstatt dem »Volkssturm« beizutreten, zu dem Goebbels am 18. Oktober 1944 »jeden wehrfähigen Mann von 16 bis 60« aufgerufen hatte.

Auch ich hatte bereits zweimal eine Vorladung zur Heerstraße erhalten, zur dortigen Reichsjugendführung, und sollte bei Memminger im Garten offenbar noch für meinen Abgang von der SS-Standarte büßen und an der Panzerfaust ausgebildet werden. Bille beschimpfte mich mit allen nur denkbaren Kraftausdrücken und schlug mir am Ende die Tür vor der Nase zu. Ich habe sie nicht wiedergesehen.

Ein Tiefflieger und sein Beschuß

Dauernd schickten mich die diversen Chefs der Reichsjugendführung als Kurier irgendwohin, der eine nach Hamburg seiner Mutter helfen, Trümmer nach einem Schmuckkästchen zu durchwühlen, der andere nach Dresden, eine Mappe mit Dokumenten abholen, jedoch kam ich nie dort an:

Die ganze Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 stand ich vor Coswig im Zug auf freiem Feld vor einem geschlossenen Signal, betrachtete eine vom Widerschein der Brände rot angehauchte Landschaft und mußte am nächsten Morgen zurück nach Berlin fahren - »Bis auf weiteres kein Verkehr mit Dresden!« sagte ein Reichsbahner.
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Damals - Ich wollte nocheinmal nach Braubach am Rhein ....

Als ich Anfang März 1945 zur Frau eines Bannführers nach Bad Hersfeld geschickt wurde, um mehrere Koffer abzugeben, bedrängte ich Fritz Emde, den Marschbefehl bis nach Braubach am Rhein zu dehnen.

Ich wollte meine besten Freunde, Günter Stehl und Walter Feiler, unbedingt vor den anrückenden Amerikanern retten, nicht etwa meine Mutter und Geschwister. Ich wußte, daß Mama sich nicht von der Stelle rühren und ihre Brut nicht hergeben würde. - Am 5. März, die Amerikaner standen schon auf der anderen Rheinseite, hielt mein Zug im Bahnhof von Rüdesheim, und ich...

Die Geschichte ist viel besser so erzählt .........

In den 1960er Jahren - unser british-amerikanischer Gast ....

Aber laßt mich die Geschichte doch mal andersherum erzählen, nämlich »Back to the Future«, wie einer der schönsten amerikanischen Filmerfolge heißt:

Anfang der 19sechziger Jahre komme ich hungrig aus der Stadt nach Hause, meine Frau Karin sitzt mit einem »very British« aussehenden Amerikaner auf der Terrasse, begießt sich kichernd die Nase und hat das Mittagessen ganz vergessen.

Sie stellt mir »einen lieben alten Freund aus Washington, D.C.« vor: George Wertenbaker, neuer Regionaldirektor der FAA (Federal Aviation Agency, also des amerikanischen Bundesluftfahrtamtes), stationiert in der Tempelhof Air Base und zuständig für die Sicherheit im Berlin-Luftverkehr.

Sind Sie verwandt mit Charles Wertenbaker?

Ich bekomme auch einen Martini und frage den Ami: »Wertenbaker? Sind Sie verwandt mit Charles Wertenbaker?« Das war nämlich einer meiner journalistischen Helden der Nachkriegszeit, ein Freund von TIME/LIFE-Gründer Henry R. Luce und einer seiner ältesten Mitarbeiter, der einen aufsehenerregenden Schlüsselroman, »The Death of Kings«, über die verblichenen Ideale des ersten Nachrichtenmagazins geschrieben hatte, einer breiteren Öffentlichkeit aber erst durch sein langes Krebssterben bekannt geworden war, das seine Frau Lael in einem bewegenden Bestseller, »Death of a Man«, verewigt hat.

»No, Sir«, sagt George Wertenbaker, »ich bin nur ein Vetter von Charles, pensionierter Air Force Colonel und im Krieg über Deutschland abgeschossen worden.«
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Und dann erzählte er seine Version der Story ..

Worauf ich, in Erinnerung an die Berliner Bombennächte, mir nicht verkneifen kann, ihn zu fragen, ob er denn nach seinem Abschuß auch ordentlich verhauen wurde.

»Not at all«, meint George, nun schon ein bißchen beschickert, »ich war kein Bomber-, ich war ein Fighter-Pilot, und ich kam ganz gemütlich an meinem Fallschirm auf einem Acker bei Wiesbaden herunter und bin von ein paar charming Germans gleich ins Hospital gebracht worden.«

Wie, bitte? »Ja«, sagt George, »das war am 5. März 1945, unsere Army stand schon auf der anderen Rheinseite, und die Deutschen bemühten sich bereits, sich nur noch von ihrer besten Seite zu zeigen.«

Am 5. März? »You son of a bitch«, sage ich, denn der Martini wirkt, »am 5. März stand ich in Rüdesheim am Fenster eines Zuges und sah, wie amerikanische Tiefflieger uns angriffen. Weil ich das gleiche schon mal in Bebra erlebt hatte, wartete ich nicht, bis alles brannte, sondern sprang aus dem Zug und rannte über die Gleise zum Rheinufer hinunter. Ich sah noch, wie so ein Ami die Lokomotive voll traf, in eine Kurve ging und, tief über dem Rhein zurückkommend, auch mich persönlich unter Beschuß nahm. Mein lieber Mann, ich bin Hals über Kopf ins Wasser gesprungen und untergetaucht, in voller Kleidung, an einem 5. März! Als ich bibbernd wieder hochkam, sah ich, wie der Ami von unserer Flak getroffen worden war und mit einer langen Rauchfahne hinter den Bergen Richtung Wiesbaden verschwand.«
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Also er war es, der mich im Rhein baden gelehrt hatte ....

»Jesus«, ruft Wertenbaker, »das muß ich gewesen sein! Ich hatte gerade einen Zug angegriffen, als mich eure Flak in Brand schoß! Das tut mir schrecklich leid, dear boy, aber wir hatten in diesen letzten Wochen des Krieges nun mal den Befehl, auf alles zu schießen, was sich bewegt.

Darauf müssen wir unbedingt noch einen trinken!«

Das haben wir getan, bis spät in die Nacht. Ich kann mich im Zusammenhang mit George Wertebaker überhaupt nur an schreckliche Besäufnisse erinnern. Aber die Sicherheit im Berlin-Luftverkehr litt darunter keinen Schaden.

Ich habe mich übrigens noch ein bißchen gerächt für die Unbill vom 5. März 1945 und den guten George überredet, in meinem Film »Playgirl« eine Rolle zu übernehmen - mit wahnsinnig viel Text. Selten hat ein Laie so verzweifelt vor der Kamera gestanden wie er .......
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