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Will Tremper war 16 Jahre alt, als der 2. Weltkrieg zuende ging.

In seiner Biografie von 1993 beschreibt Will Tremper, wie er als überzeugter Hitlerjunge die Zeit ab 1939 erlebt hatte und was davon bei ihm unauslösch- lich im Kopf hängen geblieben war. Und er erzählt von seinen Erlebnissen in Berlin unter den Bomben. Lesenswert ist dazu auch "Als Berlin brannte" (Hans-Georg von Studnitz). Der Zusammenhang schließt sich über die Curt Riess'sche Biografie "BERLIN 1945-1953" und dessen beide dicken Film-Bücher, in der der Name Tremper aber nicht genannt wird. Will Tremper hingegen schreibt daher sehr genüsslich über "die anderen Seiten" bekannter Personen aus Politik und Film - natürlich auch über Curt Riess. Die einführende Seite steht hier.

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General Wlassow

Wer General Andrej Andrejewitsch Wlassow war, wußte ich natürlich genau. Ich las ja alles Gedruckte, und der Name des Russen, der 1942 in deutsche Gefangenschaft geraten war, tauchte als
Überläufer, nein, als »Kämpfer gegen den Bolschewismus«, ständig in allen Zeitungen und Illustrierten auf.

Ende April 1944 also fotografierte ich ihn im Auftrag des Ost-Ministeriums von Alfred Rosenberg, als er in einer Halle der Schokoladenfabrik Sarotti in Tempelhof vor tausend oder mehr sogenannten Ostarbeiterinnen eine anfangs ruhige, dann immer leidenschaftlicher werdende Rede hielt.

Vor der ersten Zuhörerreihe kniend, die mit vielen russischen und ukrainischen Offizieren in deutscher Uniform besetzt war, hörte ich einen deutschen Zivilisten hinter mir zu einem anderen sagen: »Das ist der lange Lulatsch, der einundvierzig dafür gesorgt hat, daß wir vor Moskau steckengeblieben sind!« General Wlassow war fast zwei Meter groß.
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Fritz Dettmann, Deutscher Verlag

Nach der Vormittagsveranstaltung, als die Fabrikleitung in der Kantine noch einen kleinen Empfang gab, schlich ich ganz nahe um Wlassow herum. Unter den Offizieren, die im Halbkreis um den »langen Lulatsch« standen, entdeckte ich auch einen der beiden deutschen Zivilisten wieder.

Bereitwillig machte er mir Platz und erkundigte sich, für wen ich fotografierte. Als er »Ostministerium« hörte, nickte er und sagte: »Richtig, der Rosenberg ist ja für die Ostarbeiter zuständig...«

Das wußte ich nicht einmal. Meinen schicken neuen Anzug musternd, streckte er mir die Hand hin und stellte sich vor: »Fritz Dettmann, Deutscher Verlag. Ich bin PK-Mann, früher Deutsche Allgemeine, auf Urlaub und nur gekommen, um Wlassow wiederzusehen.«

In der Runde wurde schallend gelacht, und jemand übersetzte: »Der General hat gesagt, daß Stalin ihn erschießen läßt, wenn er ihm noch einmal in die Hände fällt - aber das spielt keine Rolle, hat er gesagt: Stalin läßt sowieso jeden erschießen, der in deutsche Kriegsgefangenschaft gerät... hahaha!«
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Es war gar keine Propaganda, es wurde leider alles wahr

Fritz Dettmann hielt das für Propaganda, als ich mit ihm die Schokoladenfabrik verließ. »Das hat Wlassow doch gar nicht nötig!« Aber genau das tat Stalin nach dem Krieg. Er ließ Zehntausende, die von Engländern und Amerikanern befreit worden waren, gar nicht erst in die Sowjetunion zurücktransportieren, sondern gleich hinter der nächsten Biegung mit Maschinengewehren umlegen. Auch General Wlassow, der in amerikanische Gefangenschaft geraten war, ist prompt an Stalin ausgeliefert und in Moskau gehängt worden.
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Dettmanns Freundin Ilse Urbach

Dettmann nahm mich auf die andere Straßenseite mit, zum UFA-Filmstudio, in welchem seine Freundin Ilse Urbach auf ihn wartete, eine fröhliche, quicklebendige Journalistin, die gehofft hatte, irgendwelche befreundeten Filmstars zu treffen, doch es war Sonntagvormittag, und sie hatte sich mit dem UFA-Pförtner begnügen müssen - und die Nase "begossen".

Fritz Dettmann schimpfte mit ihr, die ebenfalls im Deutschen Verlag arbeitete, und flüsterte mir später in der Straßenbahn, als wir dicht aneinandergedrängt Richtung Hallesches Tor zuckelten, den Satz zu, der mich an meine Mutter erinnerte: »Wenn ich nicht auf sie aufpasse, kommt sie mir noch unter die Räder!«
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Fritze Dettmanns trauriges Schicksal

Wir kannten uns gerade eine Stunde, aber Sympathien wurden in dieser Zeit, in der niemand wußte, ob er den nächsten Tag erleben würde, ohne Umschweife realisiert.

Und so flüsterte ich tollkühn zurück: »Ich kann mich ja 'n bißchen um sie kümmern, wenn Sie wieder an die Front müssen!« Fritze Dettmann legte mir die Hand auf die Schulter: »Tu das, mein Junge, tu das!«

Der arme Kerl. Er ist in russische Gefangenschaft geraten und, gesundheitlich ruiniert, erst 1956 zurückgekommen. In dieser ganzen Zeit habe ich die lebenslustige Ilse, die nach dem Krieg beim französisch lizensierten Abendblatt »Kurier« das Feuilleton schmiß, nach der Schnapsflasche greifen sehen, wenn der Name Dettmann fiel.

»Ich bin zu allen Schandtaten fähig«, drohte sie mir. »Aber ich lasse mich mit keinem ernsthaft ein. Ich warte auf Fritz!« Und das hat sie tatsächlich getan. Fritz Dettmann kam nach elf Jahren zurück und erlebte bei der »Welt« noch einmal ein paar gute Jahre. Aber geheiratet haben sie nicht mehr, die fesche Ilse und er.
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Berlin 1944 - ein Dorado der Lebenslust ?

Berlin schien 1944 ein Dorado der Lebenslust zu sein. Offiziell gab es kaum Alkohol, inoffiziell floß er in Strömen.

Offiziell war die »deutsche Frau« treu bis ins Grab, inoffiziell schlief jede, die ich kennenlernte, mit jedem, den sie fünf Minuten kannte. Wie oft fand ich nachts, wenn ich in die Nürnberger Straße kam, die Tür von Bille verschlossen.

Ich rüttelte daran, und sie rief von innen: »Ich habe Besuch... In der Küche steht was zu essen... Schlaf schön, Kleiner!« Einmal schlich ich nachts ins Bad und begegnete einem ihrer Freier, einem grauhaarigen Künstlertyp in einem mächtigen russischen Pelzmantel, der ungeniert meine Blöße musterte, sich als »Professor Victor Hohenfels« vorstellte und mir gönnerhaft auf den Rücken klopfte: »Besuchen Sie mich doch mal, junger Mann. Ich höre, Sie sind ein ausgezeichneter Frauenfotograf. Ich habe da eine süße Freundin ...«

Die Konzertagentur Victor Hohenfels gibt es heute noch am Kurfürstendamm. Ich lese ständig ihre Anzeigen in der Zeitung.
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Heftige Diskussionen mit Bille

Mit Bille gab es nach solchen »Treuebrüchen« heftige Diskussionen und noch heftigere Versöhnungen. Sie hatte eine unnachahmlich leichte Art, wie ich sie nur noch bei ganz wenigen Frauen fand, sich über das, was mir in meiner jugendlichen Naivität so heilig war, hinwegzusetzen:

»Sei doch kein Frosch!« Diesen Spruch hörte ich zum erstenmal aus ihrem kirschrot geschminkten Mund. »

Die Leckereien, die ich dir abends hinstelle, ißt du doch mit Vergnügen! Wo, glaubst du, kommen die her? Soll ich mich etwa kasteien und die schönsten Jahre meiner Jugend mit Feldpostbriefeschreiben verbringen?

Habe ich den Krieg gewollt? Habe ich meinem Manne geraten, sich freiwillig zu den U-Booten zu melden? Heute abend besucht mich ein wichtiger Herr vom Arbeitsamt - mach also kein Theater! Wenn der will, schickt er mich in die Rüstungsfabrik, dann kannst du sehen, wo du bleibst!«

Zum Glück wollte der Herr vom Arbeitsamt das nicht, sonst hätte Bille noch ganz andere Verbindungn »zur höchsten Führung« spielen lassen müssen. Bei ihr verkehrten Ritterkreuzträger und braune Bonzen in Massen, wie mir schien.

Aber ich war ihr »Liebling«, der »fürs Herz«, ihr »Maskottchen«. Ich habe sie mit meinen fünfzehn Jahren so lange nackt fotografiert, bis mir ihre rasierte Scham zum Halse heraushing.
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Freund Krüger und seine Träume

Die Filme von Bille nahm ich mit zu Spudich, entwickelte sie heimlich in seinem Labor und machte ebenso heimlich Vergrößerungen, die ich dann Freund Krüger schenkte. »Haste nich 'ne neue Wichsvorlage?« fragte er eines Tages, und als ich verneinte, stellte er mich einer kastanienbraunen Anita vor, aus dem Ballett des Metropol-Theaters.

»Mann! Wo hast du denn die her?« wollte ich wissen. »In der S-Bahn kennengelernt!« antwortete mein Heinz. Das bewunderte ich maßlos an ihm, diese freche Berliner Schnauze. Doch dann vertraute mir Anita, die sich nur ganz züchtig fotografieren ließ, an: »Den Heinz kenne ich aus dem Sandkasten. Wir sind doch im selben Haus in der Florastraße in Pankow aufgewachsen...«

Ich habe es nicht übers Herz gebracht, seine Erinnerung zu korrigieren, zumal ich den Eindruck hatte, daß er sich nicht nur eine Phantasiewelt zusammenbastelte, sondern mit der Zeit auch fest an sie glaubte.

Nachts hörte ich ihn onanieren und stöhnen, besonders nach Nächten, die ich in der Nürnberger Straße verbracht hatte. Dann war er »stinksauer« auf mich, eifersüchtig wie eine Ehefrau und verlangte detailgenaue Berichte über meine Erlebnisse. Er war der einzige, der von meiner Zweitwohnung bei Bille wußte.
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Bis zum bitteren Ende - als die Bombe das Wohnheim traf

Wie oft gab es, mitten in unseren nächtlichen Erzählungen, Fliegeralarm, und während das ganze Jugendwohnheim aus den Betten sprang und in den Keller sauste, verlangte Krüger, daß ich weitererzählte. »Auf uns fallen keine Bomben! Laß doch die Ärsche in'n Keller rennen, wir bleiben oben! Erzähl schon weiter...!«

Mit der Zeit wurde ein Sport daraus, kühl über nahe Bombeneinschläge hinwegzuplaudera Einmal erwischte uns der Fähnleinführer: »Wieso seid ihr nicht im Keller!?« Krüger schlug gelassen die Bettdecke zurück: »Mit dem Been, Fähnleinführer? Tremper is' der einzje, der bei mir bleibt, wenn ihr in den Keller rennt! Mach die Tür zu, Mann!«

Ich hielt den Atem an, der Fähnleinführer druckste ein bißchen herum und verschwand. Als das Haus dann doch von Bomben getroffen wurde, fühlte ich mich echt vereinsamt ohne Krüger.

Ein Auftrag in Breslau

Zehn Tage nach meinem ersten Bildbericht über den Auftritt General Wlassows in Tempelhof schickte Hanns Spudich mich, wieder »im Auftrag des Ostministeriums«, nach Breslau, um eine Delegation baltischer Großbauern auf Einladung der Reichsregierung, so hieß es offiziell, durch eine Anzahl schlesischer und pommerscher Mustergüter zu begleiten.

Ich sollte sie dabei fotografieren, und am Ende der Reise sollte jeder ein Album zur Erinnerung bekommen. Von einem Hotel in Breslau ging es per Bus über die Dörfer zu prächtigen schlesischen Bauernhöfen, zu Sehenswürdigkeiten wie der Zackelfallbaude und dem Haus von Gerhart Hauptmann in Agnetendorf, das wir nur in geziemendem Abstand betrachten durften, dann zu einer Zigarettenfabrik in Oppeln und weiter nach Pommern.

Den stärksten Eindruck machte die gewaltige Kuppel der Breslauer Jahrhunderthalle auf mich, den geringsten ein Besuch der Oper, in der »Turandot« gegeben wurde, sehr dunkel, sehr grün - ich schlief ein, wie eine Reihe von Balten auch.

»Skandal!« wütete anschließend der uns begleitende Funktionär des Ostministeriums. »Diese Balten verstehen ja nichts von unserer Kultur! Die Oper wäre beinahe abgebrochen worden, so haben die Schweine geschnarcht!«
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Frau Spudich weinte, ihr Mann müsse nach Rußland

Die Esten, Litauer und Letten sahen alle wohlgenährt bis dick aus, trugen schwarze Anzüge wie zu einer Beerdigung und sprachen selten ein Wort. Meine beiden Contax-Kleinbildkameras schienen sie oft mehr zu interessieren als die landwirtschaftlichen Einrichtungen des Großdeutschen Reiches.

Bevor es weiterging nach Posen und Zoppot, kam Frau Spudich aus Berlin angereist, um ein Säckchen voll belichteter Filme abzuholen; wenn jeder der dreißig Balten ein Album bekommen sollte, mußten sie sich ranhalten im Labor.

Frau Spudich sah verweint aus und erzählte mir, daß ihr Mann nach Rußland müsse: »So ein Unglück! So ein Unglück!« wiederholte sie immer wieder. Ich aber war Feuer und Flamme: »Kann ich das nicht machen?«

Die ganze Rundreise durch Schlesien und Pommern dauerte drei Wochen. Aus Berlin hörte ich, daß mein Chef »hochzufrieden« mit meiner Arbeit sei, auch im Ministerium sei man »angetan«.

Ich war glücklich und spielte den rasenden Reporter, kletterte auf Silos und Bäume, um interessante Perspektiven zu kriegen, und bedauerte nur, daß ich noch zu jung war, um den »richtigen Krieg« an der Front zu fotografieren. Aber das schaffe ich auch noch, redete ich mir ein und ahnte nicht, wie nahe daran ich war.
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Die Invasion und der Schlieffen-Plan

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Die Zensur meiner Briefe

An meine Mutter in Braubach und meinen Vater in Luxemburg schrieb ich phantasievolle Briefe, in denen unentwegt die bedeutenden Worte »Reichsregierung« und »Delegation der Reichsregierung« vorkamen. Und der Satz: »Ein, zwei Jahre noch, dann bin ich bei der PK!«

Auch meine Lehrer in Oberlahnstein bekamen Ansichtskarten aus Breslau und geheimnisvolle Botschaften über eine »Mission der Reichsregierung«. Auf einer Karte war, wie ich später hörte, das Wort »Reichsregierung« von der Zensur geschwärzt worden, auf einer anderen an meine Englischlehrerin die Feststellung, daß in Breslau noch nicht eine einzige Bombe gefallen sei. So lernte ich früh, über Zensoren den Kopf zu schütteln.
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Erneut nach Breslau - der 6. Juni 1944

Kaum zurück, wurde ich von Spudich erneut nach Breslau geschickt, um noch einige Sehenswürdigkeiten der Stadt für das Album aufzunehmen. Ich erwähne diesen Blitzbesuch nicht, weil ich lernte, daß eine Reportage mehr zeigen muß als ihre Objekte, sondern des besonderen Erlebnisses wegen, das ich gleich nach meiner Ankunft an einem sonnigen Spätnachmittag auf dem weiten Bahnhofsvorplatz von Breslau hatte:

Da donnerte Marschmusik aus Dutzenden von Lautsprechersäulen, die über den Platz verteilt standen, und auf einmal ertönte die bekannte Sondermeldungs-Fanfare des Großdeutschen Rundfunks, und ein Sprecher verlas mit markiger Stimme die Nachricht vom Beginn der alliierten Invasion in Frankreich.

Es war der 6. Juni 1944, und bis heute erinnere ich mich, der ich so wenig über Politik nachdachte, an ein ganz fatales Gefühl des Erstaunens:

Donnerwetter

Donnerwetter, haben die tatsächlich den Mut, gegen unseren Atlantikwall anzurennen! In den Zeitungen standen ja immer wieder ironische Kommentare über die alliierten Absichten einer Invasion im Westen, in der Art etwa: Na, wo bleibt sie denn, die Invasion?

Und: Stalins Verbündete lassen ihn im Stich, sie denken gar nicht daran, sich blutige Köpfe zu holen, und so weiter. Ich war nicht erschüttert oder gar entsetzt, ich war nur erstaunt.

Erst nachts, auf dem langen Weg zurück nach Berlin, als der D-Zug wieder einmal stehenblieb und sich nur im Schrittempo weiterbewegte, dachte ich an den Schlieffen-Plan und die Gefahr eines Zweifrontenkrieges, dem Deutschland sich keinesfalls aussetzen dürfe - das Leben des preußischen Generalstabschefs gehörte schon als Kind zu meiner Lieblingslektüre -, und mir wurde etwas beklommen zumute.
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Eine ferne Ahnung deprimierte mich

Eine ferne Ahnung, daß wir den Krieg vielleicht auch verlieren könnten, deprimierte mich. Aber dieses Gefühl war gleich wieder vorüber, als der Zug in den Schlesischen Bahnhof von Berlin einlief.

Auf der gegenüberliegenden Bahnsteigseite stand ein eleganter roter Schlafwagenzug nach »Paris -Gare de l'Est«. Während ich in die S-Bahn zum Bahnhof Zoo sprang, um die Nacht bei Bille zu verbringen, wurde mir völlig klar, daß die mit ihrer Invasion ganz schnell scheitern würden.

Menschenskind, die müßten ja erst mal Paris erobern! Schon die Vorstellung, wie wir Paris »mit Zähnen und Klauen« verteidigen würden, verwies die ganze »Invasion« ins Lachhafte.
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Die Linken, die sich Sozialisten nannten

Ein paar Jahrzehnte später ist mir in diesem Zusammenhang jäh etwas anderes klargeworden: Die Arroganz der linken Intellektuellen, die sich nach dem Ersten Weltkrieg über die Dolchstoßlegende mokierten, der die Deutschen erlegen waren.

Wie hätte der kleine Mann auf der Straße nicht an einen Dolchstoß glauben sollen? Wir standen doch, als wir den fatalen Waffenstillstand akzeptierten, immer noch tief in Frankreich - und nicht etwa die Franzosen vor Berlin!

Wieso hatten wir plötzlich den Krieg verloren? Die Linken, die sich Sozialisten nannten, zeigten überhaupt wenig Verständnis für die »kleinen Leute«, die ihnen angeblich so am Herzen liegen.

Ich stieg dann doch am Alexanderplatz schon aus und fuhr ins Jugendwohnheim; eine nächtliche Debatte mit Freund Krüger erschien mir auf einmal interessanter als das Bett von Bille.
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Heinz Krügers scharfes Mundwerk

Zu Heinz Krügers scharfem Mundwerk gehörte natürlich auch eine starke Portion Defätismus (gefühlte Aussichtslosigkeit), und ich glaube, daß seine Haltung damals, im letzten Kriegsjahr, symptomatischer war für die große Mehrheit der Berliner als alles, was ich in Nachkriegsaussagen darüber gelesen und gehört habe.

Der Kerl konnte sich in einem Atemzug für Skorzenys Mussolini-Befreiung begeistern und den »Verrat der Italiener« als Symptom für den Kriegsausgang nehmen: »Wir verlieren - wie im Ersten Weltkrieg!«

Über die trockene Schlußfolgerung konnte ich lachen, über den Inhalt seiner Aussage nicht. Aber der Gedanke, ihn wegen seiner ständigen »wehrkraftzersetzenden« Reden zur Anzeige zu bringen, lag mir ferner als der Mond.
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Denunzianten gab es viele, ich habe keinen erlebt

Ich geriet ständig in die Gesellschaft von Leuten, die Gift und Galle spuckten, Goebbels und die SS verfluchten, doch ich habe nie erlebt, daß einer, der anderer Meinung war, sich solche Äußerungen verbeten hätte, sondern es wurde immer nur lautstark und wütend diskutiert.

Was müssen das für Leute sein, habe ich mir als Fünfzehnjähriger schon gesagt, die hingehen und einen anderen denunzieren, nur weil er in der Hitze der Debatte etwas geäußert hat, auf das die Todesstrafe stand!

Man las ab und zu von Aburteilungen durch den Volksgerichtshof, und hinter vorgehaltener Hand wurde, besonders in Schauspielerkreisen, über diese oder jene Denunzianten geflüstert, aber ich habe so etwas nie miterlebt, auch nicht aus der Entfernung.
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Mit der »Jüdin Ebert« unter einem Dach zu wohnen

Im übrigen waren alle diese Überlegungen höchst nebensächlich, gemessen an den täglichen und nächtlichen Problemen der Berliner. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, daß auch die Gestapo-Beamten nicht alles über einen Kamm schoren, was ihnen täglich auf den Schreibtisch flatterte.

Ich habe das nach dem Krieg am Fall meines Freundes Wolfgang Ebert feststellen können, dessen Mutter, eine radikale kommunistische Jüdin, Russin noch dazu, ständig von der Gestapo besucht und verwarnt wurde: Wenn sie nicht den vorlauten Mund halte, werde man sie mitnehmen müssen - sie wurde nie mitgenommen.

Ins KZ gebracht wurde die Denunziantin, die über ihr wohnte und dauernd bei der Kreisleitung der NSDAP in Zehlendorf anfragte, wie lange man ihr noch zumuten wolle, mit der »Jüdin Ebert« unter einem Dach zu wohnen: Diese Denunziantin war selbst Jüdin und tarnte sich solchermaßen.

Wolfgang Ebert hat die Geschichte in seinem Buch »Das Porzellan war immer so nervös«, das in den 19siebziger Jahren erschien, detailliert beschrieben.
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Der einzige Mann, vor dem ich den Mund hielt, mein Chef

Es gab einen einzigen Mann, vor dem ich den Mund hielt, dem ich den Griff nach dem Telefon zugetraut hätte - »Ist da die Gestapo? Ich habe hier einen Volksschädling!« -, und das war mein Chef, Hanns Spudich.

Von ihm hörte ich nie ein abschätziges Wort über die Führung, er kam mir in dieser Beziehung richtig gefährlich vor. Als er mir Mitte Juni 1944, wie jeden Morgen, die Tür im ersten Stock der Winsstraße 13 öffnete, trug er wieder braune Hosen und Stiefel, braunes Hemd und braunen Schlips - und schob mich nicht, wie üblich, gleich nach hinten, ins Labor, sondern ins Herrenzimmer, wo auch Frau Spudich wartete.

Ich sollte an seiner Stelle nach Minsk fahren

Sie sah unglücklich, aber gefaßt aus, und Spudich machte es kurz: »Ich gebe Ihnen die Chance Ihres Lebens! Wollen Sie, an meiner Stelle, nach Minsk fahren?«

Ich machte innerlich einen Luftsprung und platzte, ohne zu überlegen, heraus: »Ich - ??? Au, Mann, das ist ja... Meinen Sie das wirklich ernst? Ich werde wahnsinnig!«

Frau Spudich, die gute Seele, fiel mir heftig ins Wort. Es war das einzige Mal, daß ich sie energisch und laut werden sah: »Also wirklich«, rief sie, »so geht das doch nicht, Will! Sie müssen sich das doch erst mal anhören, gründlich überlegen und nicht gleich jaja rufen!«

Ihr Mann reagierte ärgerlich darauf: »Würdest du das bitte uns überlassen?« Er schickte sie schließlich hinaus, was mir nur recht war. Ich wollte von meinem Chef alles über die Chance meines Lebens erfahren und keine Bedenken seiner Frau hören. Ich war überglücklich.
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Die Reise nach Russland

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Aufhören!... Hier ist was passiert!

Meinen ersten Toten sah ich in Rußland, nicht in Berlin. Ich weiß noch, daß ich mich von seinem Anblick nicht losreißen konnte, daß ich mit mir kämpfte, ob ich ihn nicht anfassen und vielleicht bequemer hinlegen sollte.

Menschen, die vor deinen Augen sterben, üben diesen Zwang auf dich aus, scheinen nach einer letzten Berührung zu verlangen, einer Geste des Abschieds.

Aber darauf bin ich in späteren Jahren erst gekommen. Was wußte ich damals schon vom Sterben? In den Zeitungen standen »Gefallene«, und in den täglichen Bekanntmachungen war von »Opfern des Luftkrieges« die Rede; abstraktes Zeug alles.

»Mein« erster Toter war noch warm

Doch der hier, »mein« erster Toter, war noch warm, war vor Sekunden noch quicklebending gewesen, hatte mich mit dem Gewehrkolben zurückgestoßen, als ich vor ihm aus dem Zugabteil springen wollte, all den anderen hinterher, die seit dem Abend zuvor röchelnd, schnarchend, rülpsend, furzend in den Ecken des fast finsteren Abteils lagen, die Köpfe hinter ihren Mänteln versteckt, die ausgestreckten Beine ineinander verknäult, so daß ich, auf meinem unbequemen Mittelplatz, nicht mehr aufzustehen wagte - bis sie alle auf einmal, wie elektrisiert, in Bewegung geraten und aus dem jäh zum Halten gekommenen Zug gehechtet waren.

Er war nach rechts auf die Seite gefallen, so, wie ihn die Kugel im Laufen erwischt und wie er sich in seinem kurzen Todeskampf gekrümmt hatte: Oberkörper und Oberschenkel berührten sich fast, der Kopf war nach vorne gesunken, der viel zu große Stahlhelm, den er in der Eile nicht mehr hatte festmachen können, war ihm über die Augen gerutscht, darunter leuchtete eine gelbe Zahnreihe aus dem offenen Mund.
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Er schien jünger als ich .......

Er sah, trotz der Uniform, jünger aus als ich. Mit meinem ersten Toten hielt ich mich viel zu lange auf, er verriet mich als »blutigen Laien«, gewissermaßen »Was stehst'n noch rum, Mensch!« brüllte einer. »Was gibt's denn da zu sehen!... Halt bloß keine Maulaffen feil!... Verschwinde endlich!« kam es von allen Seiten.

Ich muß provozierend gewirkt haben auf all die Männer, die hin und her rannten und schrien und schossen, sich Mut machten und Schrecken zu verbreiten suchten, während von der Spitze des Zuges ein unbeschreibliches Heulkonzert ertönte, das mir durch Mark und Bein fuhr.

Ich würde gern schreiben, daß mir der plötzliche Tod dieses jungen Soldaten naheging, daß ich so etwas wie Trauer empfand über den Toten, oder über den Lebenden, ich meine, über den Toten, als er noch lebte, vor zwei Minuten.

Als er einer von denen war, die sich lustig machten über meinen Schlips und die Windjacke und die Contax, die ich auf der Brust baumeln hatte. Doch ich erinnere mich nur an den Schock, mehr noch an die Wut gleich darauf, daß auf diesem sandigen Bahndamm vor Iwazewitschi der erste tote deutsche Soldat lag, den ich zu sehen bekam, im vierten Kriegsjahrund keineswegs an der Front, wo gekämpft und geschossen wurde, beileibe doch nicht an der Front!
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Ich war entrüstet, wie soetwas weit hinter der Front .......

Oh, ich war außer mir vor Entrüstung, »so was von wütend!«, wie ich später in Berlin erzählte, weil sich das Unglaubliche gut und gern fünfhundert Kilometer hinter dem eigentlichen »Kampfgeschehen« abspielte.

Schließlich war doch halb Rußland von der Wehrmacht besetzt, und es schien mir einfach unmöglich, daß irgendwelche Bolschewiken es wagen konnten, weit hinten in der Etappe auf einen Fronturlauberzug zu schießen, daß da auf einmal einer tot dalag, der ebensogut ich hätte sein können!
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Es wurde blutiger Ernst - in der Wirklichkeit angekommen

Auf alles war ich gefaßt, als dieser gewaltige Ruck durch den Zug ging und die Soldaten schrien: »Bleib im Kabuff, Kleiner!« und »Versteck dich, Presseheini!« - aber nicht auf blutigen Ernst.

Niemand hatte es für nötig gehalten, mich auf das Geschehnis vorzubereiten, ein Wort über Partisanen zu verlieren. Eben noch hockte ich zwischen all diesen Murmeltieren, mit denen ich abends um zehn in Brest-Litowsk in diesen »Fronturlauberzug« verfrachtet worden war, hatte die Beine angezogen, als einer aufstand und endlos im Gepäcknetz über mir hantierte, und hatte unendlich erleichtert die erste vage Helligkeit draußen verspürt.

Konturen eines Waldes entwickelten sich im fahlen Morgenlicht, eine breite, abgeholzte Fläche voller Baumstummel, über der ein weißlicher Dunst schwebte, geriet in mein Blickfeld. Das mußte Rußland sein!...
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Rußland! ... Ich in Rußland!

An die Erregung, die mich in diesem Augenblick erfaßte, habe ich noch heute eine deutliche Erinnerung. Rußland! ... Ich in Rußland! ... Ich hatte die Kamera hochgerissen, um den historischen Augenblick festzuhalten, obwohl eigentlich noch nichts zu sehen war, was mein 17-DIN-Film hätte exponieren können.

Ein umgestürzter Eisenbahnwaggon war plötzlich am Fenster vorübergeglitten, und ich fragte mich, warum den noch keiner weggeräumt hatte, wo doch schon drei Jahre vergangen waren, seit wir diese Gegend erobert hatten.

Ich muß ans Fenster, war mein letzter Gedanke, bevor alles drunter und drüber ging.

Auf einmal wurde geschossen - und wie sie ballerten

Und schon rannte ich, mit all den anderen, am Zug entlang und versuchte mir klarzuwerden, was denn bloß geschehen war, warum auf einmal geschossen wurde. Und wie sie ballerten!

Nie hatte ich ein so ohrenbetäubendes Krachen gehört, das Herz schlug mir, wie es sehr richtig heißt, bis zum Hals. Und dieses Gebrüll: »Alles hierher!... Volle Deckung!... Ziel dreihundert, Waldrand!... Wo ist der Sani!?«

Sie warfen sich in den Graben neben dem Bahndamm und krochen sogar unter den Zug, versteckten sich hinter den Rädern. Und ich, ich rannte instinktiv, wie irgendein Reisender, der erfahren will, warum es nicht weitergeht, in Richtung Lokomotive, von wo dieses fürchterlich gellende Pfeifen kam.

Es waren zwei Loks, die den langen Zug schleppten und vor sich her noch zwei, drei Flachwagen schoben, mit Sand beladen -»wegen der Partisanen!« hörte ich später, genauer, wegen der Sprengladungen, die von Partisanen unter die Schienen gebaut wurden.
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»Halt!« habe ich geschrien ......

Warum pfiffen die bloß so mit den Lokomotiven? Hörten die nicht, daß hinten geschossen wurde? Wie hätte ich darauf kommen sollen, daß sie Hilfe herbeipfiffen, wo wir doch drei- oder fünftausend Mann waren, vielleicht noch mehr, in diesem langen Zug nach Minsk, und jeder hatte ein Gewehr bei sich, außer mir. Der Damm war voller Löcher, ich bin gestolpert und hingefallen und habe mir das Knie aufgeschlagen.

Und da lag er vor mir und rührte sich nicht mehr. Sein Gewehr guckte unter dem einen Bein hervor. Ich wußte gleich, daß er tot war, und habe in meiner Aufregung etwas getan, für das ich mich lange danach noch schämte, das ich auch keinem erzählt habe, als ich wieder in Berlin war.

»Halt!« habe ich geschrien, aufspringend und wie ein Schiedsrichter nach allen Seiten mit den Armen fuchtelnd. »Aufhören!«... Hier ist was passiert!«

Als handelte es sich um ein Spiel, das man abbrechen und, mit veränderten Regeln, neu beginnen könnte.

Sie haben mich auf der ganzen Fahrt nach Minsk damit aufgezogen, jedesmal, wenn der Zug wieder mal abrupt zum Halten kam, weil eine Mine unter den Flachwagen vor den Lokomotiven hochging, wenn es in der Ferne krachte und das Schießen begann: »Da muß was passiert sein!« haben sie mich verhöhnt.

Ein sehr dubioser Zeitgenosse - »Hier brennt's!«

Ich war an diesem 23. Juni 1944 drei Monate vor meinem 16. Geburtstag, und mit jenem einzigen »Päng!«, dem der junge Soldat aus meinem Abteil zum Opfer fiel, hörte der Krieg für mich auf, ein phantastisches Abenteuer zu sein.

Mit diesem meinem ersten Toten muß ich angefangen haben, mir Gedanken zu machen - sagen wir ruhig, eigene Gedanken.

Nach all den Helden meiner Kindheit, von Old Shatterhand bis Rolf Torring und Alaska Jim, nach beinahe fünf Jahren lüsternen Nachempfindens siegreicher Feldzüge, Panzer- und Geleitzugschlachten, Fallschirm Jägerhandstreichen, Durchbruch- und Einkesselungsunternehmen bewirkte diese erste reale Kriegsbegegnung etwas bei mir, das als »Erwachsenwerden« definiert werden kann.

Hier, auf diesem Bahndamm nach Minsk, erging es mir zum letztenmal so wie meinem Freund LeViseur, der ein paar Jahre jünger ist als ich: Nach einem Luftangriff auf Berlin, einem Tagesangriff, erblickte Levi, von seiner Ausweichschule in Potsdam kommend, auf dem S-Bahnhof Schöneberg eine Straße in Flammen, nahm seinen Notgroschen aus dem Brustbeutel, betrat eine Telefonzelle und rief die Feuerwehr an: »Hier brennt's!«

Meinen Vorstellungen vom Krieg - damals als Junge

Es war ja nicht so, daß ich keine Vorstellungen vom Krieg gehabt hätte; ich hatte eher zu viele, wie wohl jeder Junge damals. Ich war in der »felsenfesten Überzeugung«, so hieß das Modewort, aus Berlin losgefahren, daß ich etwas Außergewöhnliches erleben würde, womöglich eine »Feindberührung«.

Ich träumte von dem schicksalhaften Zufall, der mich »in die Schlacht reißen« würde, rechnete fest damit, nicht nur das »ferne Grollen der Artillerie« zu hören, sondern auch das »Heulen der Granaten«.

Von meinem ersten Schuljahr an hatte ich »packende Kriegserlebnisse« wie ein Schwamm aufgesogen, war fasziniert von der fatalen, aber irgendwie beruhigenden Erfahrung alter Soldaten, daß »die Kugel, die dich trifft, nicht zu hören ist« und »eine Granate nie zweimal an derselben Stelle einschlägt«.
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Es waren merkwürdige Vorstellungen von einem Kriegserlebnis

Weiß Gott, ich fühlte mich vorbereitet auf mein Kriegserlebnis, ich brannte darauf, die Front endlich aus der Nähe zu erleben, von einem Hügel herab mit dem 180er Objektiv eine Panzerschlacht zu fotografieren, aus einem Erdloch heraus anstürmende Bolschewiken zu belichten, während ein MG 42 sie haufenweise ummähte, kurz: Bilder zu machen, wie die Welt sie noch nie gesehen hatte, Fotos, unter die sie, wohl oder übel, »PK-Tremper« schreiben müßten.

Natürlich war ich mit meinen 15 Jahren noch nicht »PK«, was »Propaganda-Kompanie« hieß, aber die Weichen zu meinen Helden, den schreibenden, fotografierenden, zeichnenden oder mit dem Mikrofon berichtenden Journalisten, waren gestellt:

Ich war jetzt »Bildberichterstatter i.A.«, in Ausbildung

Nicht nur stand seit dem 1. Juni 1944 in meinem Arbeitsbuch die Berufsbezeichnung »Bildberichterstatter i.A.«, in Ausbildung, nicht nur hatte ich die 8 in meinem Geburtsjahr 1928 in eine 5 umradiert - was mich permanent in Schwierigkeiten brachte, denn nun wollte jeder Kontrolleur wissen, warum ich mit 18 Jahren noch kein Soldbuch hatte, also Soldat war -, nein, seit vier Tagen trug ich in meinem Arbeitsbuch auch ein sorgfältig gefaltetes Schreiben im DIN-A4-Format mit dem Briefkopf des »Reichministers für Volksaufklärung und Propaganda«, unterzeichnet von einem Ministerialdirektor und besiegelt mit einem imponierenden Stempel, in dem der Hoheitsadler prangte:

  • »Der Bildberichterstatter Will Tremper, wohnhaft Berlin NO 55, Winsstr. 13, hat den Auftrag, einen Bildbericht >Ukrainische Jugend hilft mit am Wiederaufbau Europas< zu erstellen. Sämtliche Dienststellen der Wehrmacht und der Waffen-SS sowie des Reichministeriums für die besetzen Ostgebiete werden ersucht, Herrn Tremper bei der Erfüllung seiner Aufgabe größtmögliche Unterstützung zu gewähren. - Mit deutschem Gruß!«

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In acht Tagen kannst du wieder in Berlin sein...

Mein Chef hatte mir dieses Schreiben mit den Worten in die Hand gedrückt: »Hätte natürlich >weißrussische Jugend< heißen müssen, denn Kiew ist schon wieder in sowjetischer Hand, und so fährst du eben nach Minsk. Kommt ja auf dasselbe heraus. Der Wisch ist sowieso nur eine Amtshilfe des Promis, weil das Ost-Ministerium bei dem Gauleiter der Ukraine schlecht angeschrieben ist ... Du machst das schon, mein Junge! In acht Tagen kannst du wieder in Berlin sein...«

Das Papier rettete mich zehn Tage später vor Gefangenschaft und sicherem Tod. Aber wenn mir das einer in Berlin geweissagt hätte, hätte ich ihn ausgelacht. Ich fuhr ja nur nach Minsk und nicht an die Front.
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Mein Freund Krüger und das Gesicht von Bille

Ich rannte vor meiner Abreise noch zu Freund Krüger, um ihm von meiner »tollen Chance« zu erzählen: »Adios! Ich muß zur Ostfront, halt mir die Daumen!« Sein Gesicht, wie er den Brief liest, sehe ich noch heute. »Mach keen Ärjer!« hat er mir nachgerufen.

Auch das Gesicht von Bille war sehenswert. »Du spinnst dir doch schon wieder was zusammen!« rief sie. »Ich habe dir doch heute erst das Bett frisch bezogen!«

Und, als ich schon im Treppenhaus war, lautstark: »Die schicken doch keine Kinder an die Front!« Was ich ihr bis Warschau, ja, bis Brest-Litowsk furchtbar übelnahm ... Weiber!
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Von Warschau nach Minsk

Mittwochabend, am 21. Juni, um 19.32 Uhr war ich vom Bahnhof Zoo losgefahren und Donnerstagmorgen, mit nur zwei Stunden Verspätung, in Warschau eingetroffen. Der Anschlußzug sollte nachmittags um drei in Brest sein, kam aber erst um sechs Uhr abends an. Auf jedem Bahnhof waren wir auf einem Abstellgleis gelandet und hatten andere Züge vorbeilassen müssen, was von den Urlaubern in meinem Abteil mit Worten wie »Scheiße! Die Russen haben mit ihrer Offensive angefangen!« kommentiert wurde. Ich fühlte mich wenig betroffen davon.

Von »Offensiven« war ja seit fünf Jahren die Rede, und ich fuhr nur nach Minsk. Um das zu erobern, hätten die Sowjets die ganze mittlere Ostfront eindrücken müssen. Lächerlich. Ich weiß nicht mehr, ob ich den Soldaten in meinem Abteil durch arrogante Redensarten auf die Nerven ging, ob sie mich vielleicht für einen agent provocateur hielten, für einen 150prozentigen Nazi oder nur für dumm, jedenfalls schlossen sie mich durch Mißachtung von ihren Gesprächen aus.

Also ich war der "dubiose Zeitgenosse"

Wer war ich eigentlich in meiner lächerlichen Zivilkleidung, mit der Kleinbildkamera auf der Brust? Auf jeden Fall ein störender, ein sehr dubioser Zeitgenosse, der die Soldaten sprachlos machte, sobald er ihnen von seinem Auftrag erzählte und den Brief des Goebbels-Ministeriums herumreichte.

Die Wirklichkeit auf dem Bahnhof von Brest-Litowsk

In Brest-Litowsk sah ich, was unter einem »Hexenkessel« zu verstehen war: Massen von schwerbepackten Soldaten, die sich von einem Bahnsteig zum anderen schoben, auch ungarische und rumänische, sogar italienische in flott geschnittenen Offiziersuniformen, und auffallend viele Krankenschwestern.

Sie schleppten Verpflegungskisten und dampfende Suppenkessel zu endlos langen Lazarettzügen, die sich, mit verhängten Fenstern, dicht aufeinanderfolgend durch den Bahnhof bewegten, Richtung Westen.

überall Kopfschütteln

Ein Feldwebel der Bahnhofskommandantur ging mit meinem Brief zu verschiedenen Offizieren und erregte überall Kopfschütteln. »Warum warten Sie nicht«, fragte er mich, »bis wir Kiew zurückerobert haben?« Und die Herren lachten diskret.

Ich empfing einen Verpflegungssatz für zwei Tage, aus einem halben Kommißbrot, einer Wurst, einer Tube Schmelzkäse, einem Schokoladenriegel und einer Schachtel Zigaretten bestehend, und den Rat, »in der Nähe zu bleiben«, denn einen Fahrplan gab es nicht - ganz im Gegensatz zu der Auskunft der Berliner Reichsbahn.
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Beinahe im Puff gelandet

Aber ich wollte doch wenigstens die berühmte Zitadelle sehen und schlich mich in der beginnenden Dämmerung ein paar Schritte aus dem Bahnhof heraus.

Auf der harten Wurst kauend, trat ich wie von selbst zu einer Schlange Landser, die sich jedoch kaum vorwärts bewegte, und las dabei »Signal«, jene toll wie »Life« aufgemachte Vierfarb-Illustrierte, die im Deutschen Verlag in Berlin hergestellt wurde, aber nur außerhalb der Reichsgrenzen, im besetzten Europa, zu kaufen war.

So merkte ich erst kurz vor dem Eingang, daß ich im Begriff war, ein Bordell der Wehrmacht zu betreten. Erschrocken drückte ich dem hinter mir stehenden Soldaten mein kostbares »Signal« in die Hand, murmelte, ich hätte etwas liegengelassen, und flüchtete.

Mit 5.000 RM sogenanntem >Ostgeld< für die besetzten Gebiete in der Tasche, die mir die Reichsbank in der Neuen Königstraße mitgegeben hatte - genug wahrscheinlich, um das ganze Bordell zu kaufen. Doch den Besuch einer Hure stellte ich mir irgendwie romantischer vor. Wahrscheinlich genierte ich mich einfach.
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38 Stunden nicht mehr geschlafen - und jetzt ein Traum

Ich kam gerade noch zurecht, um von einem »Kettenhund« der Bahnhofskommandantur - das waren Feldgendarmen mit einer Kette um den Hals - in einen überfüllten, schon in Bewegung befindlichen Zug geschoben zu werden. Es war 22 Uhr.

Ich hatte mindestens 38 Stunden nicht mehr geschlafen, außer kurzen Nickerchen im D-Zug Berlin-Warschau, aber nun ging es nach Rußland hinein, und hellwach träumte ich schon wieder meinen Lieblingstraum: wie ich, nach Erledigung meines harmlosen Minsker Auftrags, mich in einen Zug nach Osten schmuggele, bis zu einem kleinen Bahnhof gleich hinter der Front, wo alle Züge enden und chaotische Zustände herrschen, mit tausend verwirrenden Hinweisschildern, wie sie in der Wochenschau zu sehen waren: »Division XY«,»AOKIII«, »Hauptverbandsplatz«, mit wartenden
LKWs, aufspringenden Landsern, die Handgranate am Koppel, einer kurzen Fahrt, dem Kommando »Achtung! Feindeinsicht!«, blitzschnellem Absitzen und Sammeln an einem Dorfrand.

Wo ein Haudegen mit Ritterkreuz und blutendem Arm in der Schlinge mich mustert und brüllt: »Was macht der Zivilist hier?« Doch mir dann auch eine Knarre zuwirft: »Ich brauche jeden Mann! Mir nach!«

Warum ein verwundeter, warum ein Infanterieoffizier mit Ritterkreuz? Weil ich ein phantastisches Titelbild der »Berliner Illustrirten« im Kopf hatte, wo genau so einer im Graben kniete, Befehle brüllte, sich den blutenden Arm hielt. Und ich schließe mich einem an, der mindestens die Nahkampfspange in Gold hat, und erlebe alles mit, wovon die zu Hause nur im Wehrmachtbericht lesen: Stoßtrupp, geballte Ladung, Panzerjagdkommando, Feindeinbruch, Gegenstoß, Frontbegradigung, zähes Ringen um jeden Fußbreit Boden - und am Abend sagt der Kompaniechef vor versammelter Mannschaft: »Tremper, ich würde Sie gern bei meinem Haufen behalten! Sie haben sich geschlagen wie einer von uns! Schade, daß Sie wieder nach Berlin zurückmüssen!«
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Die deprimierende Realität war völlig anders

So ein Traum - und dann die deprimierende Realität im warmen Mief des Zugabteils, der Partisanen-Anschlag in der feuchten Morgenkühle, der tote Soldat! Es war alles so unfair ...

Am liebsten hätte ich diesen traurigen Figuren von Fronturlaubern gesagt: »Ohne mich, ihr Idioten!«, und wäre sofort wieder nach Hause gefahren, so enttäuscht war ich auf einmal von diesem Krieg.

Aus Rachsucht, oder auch Reporterinstinkt schon, habe ich dann noch ein Foto von dem toten Soldaten gemacht, während um mich herum wild geschossen wurde: Blende 2,8, eine 25stel Sekunde, und zwar als beleidigte Leberwurst, stehend freihändig - »Soll mich doch eine Kugel treffen!«
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Wenn das einer sieht, sind wir geliefert!

In der Heimat hatte ich noch nie das Bild eines toten deutschen Soldaten gesehen, weder in der Wochenschau noch in den Illustrierten. Ich konnte mir natürlich denken, warum, und genau deswegen fotografierte ich den Toten mit dem HJ-Sportabzeichen, das auch ich erworben hatte.

Mein Chef beschlagnahmte Foto und Negativ und schrie mit rot anlaufendem Kopf: »Bist du wahnsinnig? Wenn das einer sieht, sind wir geliefert!«

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