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Es gibt ein Museum für Film und Kino in Vollbüttel

Hier steckt viel Liebe drin
schon von außen zu erkennen

von Gert Redlich im Juli 2013 - Doch wo ist Vollbüttel ? Vollbüttel liegt etwa 15km nördlich von Braunschweig und ist ein ganz kleines Dorf. Mit einem Auto und etwas Glück schafft der interessierte Besucher den Besuch des Grammophon-Museums, des Kuba-Museums und dieses Kino-Museums hier an einem Sonntag Nachmittag.

Natürlich gibt es noch mehrere ähnlich ambitionierte Museen
in Deutschland, doch die liegen auch alle an den Enden der Welt, nämlich in Bad Bertrich in den Tälern abseits der Mosel und in Deidesheim in der Nähe von Landau. Natürlich gibt es auch das Deutsche Film-Museum in Frankfurt am Museumsufer und das Filmhaus in Berlin am Alexanderplatz.

Alle diese Museen haben unterschiedliche Schwerpunkte. In der Ausstellung in Vollbüttel sind die echten Kino-Fans und Vollblut-Techniker richtig, weniger die Film-Fans. Die Film-Fans kommen aber auch einmal im Jahr zur Open-Air Veranstaltung auf ihre Kosten.
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Und natürlich hat jedes Film- und Kinomuseum auch ein Kino ...

Beim Abbau der letzten Kinos wurden so gut wie immer die letzen Generationen an Bestuhlungen "vacant". Hier sind es die Kunststoff bezogenen, nur leicht gepolsterten "Economy" Klappsessel der 1950er Jahre - sicherlich aus einem kleinen Kino. Wenige Kinos hatten die uralten harten Holzstühle aufheben können, auf die sich natürlich heute niemand mehr setzen möchte. Doch eigentlich gehört das Urgestein der Billigsessel zum Ambiente dazu. So war nämlich der Anfang der Kinos nach 1946.
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Herr Graewert, einer der engagierten Macher dort in Vollbüttel, hat uns stolz den alten motorisch getriebenen "Saalverdunkler" mit den uralten nostalgischen Leuchten vorgeführt. Diese Teile wurden nämlich in den Kinos alle entsorgt und mit modernen ektronischen Dimmern ersetzt.

Im Hintergrund sieht man die drei funktionstüchtigen 16mm und 35mm Projektoren neben einem ehemals sehr sehr teuren Eidophor Fernsehbild Projektor.

eine Wurlitzer Orgel

und - ein Museum hat eine Kino-Orgel !

In der Stummfilmzeit wollte das Publikum auch akustisch unterhalten werden, entweder über einen Sprecher oder Entertainer oder aber mit Musik. Und je nach Größe des Kinos gab es eine kleine oder eine große Kino-Orgel. Die Firma Welte zum Beispiel baute viele davon, auch ganz große - wie (leider ehemals) im Frankfurter Film-Museum. Hier steht ein etwas moderneres Gerät mit eingebautem Verstärker. Wer Kino-Orgeln mag, sollte mal in den Wilhelmsbau nach Speyer neben dem Technikmuseum fahren, dort stehen gigantisch schöne Orchestrions.
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eine Mono Schallplattenscheideanlage
Ein gewichtiger Umformer
Ein Quecksilberdampfgleichrichter

Hier gibt es mehr als nur Kino

Weil das Museum privat betrieben wird und das Gebäude dazu einem der Macher gehört, kann man wirklich viel mehr anbieten und auch auf die Beine stellen als in einem Mietobjekt. Man muß weder auf die Vorgaben der Gemeinde-Bürokratie als zahlender Mitbetreiber Rücksicht nehmen - wie im Radiomuseum Fürth zum Beispiel - noch dauernd mit einem Vermieter kämpfen.

Und das sieht man hier richtig positiv. Die große Halle ist genial geeignet, weil man für die schweren Kinomaschinen und Verstärker auch die entsprechende Deckenbelastung verfügbar hat. Das muß man schon kalkulieren. Einer der urigen Filmprojektoren bringt locker 250 Kilo auf die Waage.

Und im Laufe der Zeit sammeln sich weitere schwere Geräte und ganze Stahl-Schränke an, auch aus dem Fernsehbereich und irgendwann wird dann noch etwas drauf gestellt und auf einmal sind es Tonnen an Gewicht, die dort stehen.

In einem Wohnhaus geht soetwas nicht. In dem ehenmaligen Hotel in Bad Bertrich sind die schweren Kino-Projektoren fein säuberlich reihum außen an den Wänden plaziert, sonst würde es irgendwann mal sehr eng werden mit der Stabilität der Decke.

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Und hier hängen viele alte Kino-Lautsprecher

Kinolautsprecher waren etwas Besonderes. Diese Art von Lautsprecher musste mit ganz wenigen Watt möglichst viel Sound erzeugen. Dabei mussten die Chassis hocheffizient sein und die Schallwände groß sein, damit da doch noch etwas Bass raus kam. Der ursprüngliche Kino-Lichtton hatte eigentlich ganz bescheidene Eigenschaften verglichen mit den 1960er Jahren und vor allem mit dem 4-Kanal Magnetton. Dennoch haben sich manche Klangfilm Lautsprecher Kombinationen sehr wacker geschlagen und mit einem 6 Watt Röhren-Verstärker auch 250 Personen beeindruckend beschallt. Das ist heutzutage mit der aktuellen Technik fast nicht mehr möglich.

Wenn ein Kino dann auch noch drei solcher Exponential-Schallwände mit 4 Tiefton-Wandlern und zwei Hochtontrichtern mit insgesamt 4 x 25Watt Zeiss-Ikon oder Uniphon oder Siemens Klangfilm Verstärkern hinter der Bildwand hatte, dann kam da richtig Dampf raus, auch bei über 2000 Besuchern.

In der ersten größeren Diskothek, die ich als Techniker etwa 1974 betreut hatte, mühte sich ein edler McIntosh 275 mit 2 x 75 Watt und 2 JBL Hörnern und 2 Exponantial Rutschen, die 600 Personen mit Disco-Power zu beschallen. Es reichte nicht immer. Wenn der Laden leer war, konnte man eine brüllende Lautstärke erzeugen, wenn er voll war, ging die Lautstärke rasant in die Knie.

In der Sturm- und Drang Zeit . . .

waren viele Hersteller mit der Flut der Aufträge überfordert. Vor allem Kinoverstärker waren ein Engpass. Die Kinomaschinen kamen sowieso von ganz wenigen Herstellern wie Bosch-Bauer, Zeiss Ikon und Philips. Es gab da noch  ein paar andere kleinere Hersteller. Bis 1952 wurden die Zeiss Ikon Maschinen sogar noch aus dem Werk Dresden aus der Ostzone in den Westen "importiert". Bei den frühen Verstärkern hatte Siemens Klangfilm einen guten (und teuren) Namen, aber auch andere konnten das prächtig, wie zum Beispiel Körting. Und alle hatten bei ihren 25 Watt Sprechleistung (2 x EL34) mehr als 4% Klirrfaktor, vor allem, wenn die Röhren mal ein ganzes Jahr gelaufen waren.

Zeiss Dominar L
Siemens Klangfilm
Körting Verstärker

Viele große Filme wurden mit der "Vinten" gedreht

Die berühmten ersten professionellen 35mm Kinofilm-Kameras kamen von Vinten aus England oder von Mitchel aus USA, bevor ARRI seinen Siegeszug antrat. An die Mitchel Kameras kommt ein Museum nur noch durch Zufall und Glück heran, und bei den Vinten Kameras ist es noch seltener. Die hier haben eine große Vinten zum Zeigen, ein beachtliches Gerät.
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Eine richtige Lichtbogenlampe zum Zeigen

Wir hier in Rhein Main sind verwöhnt, haben wir doch ein kleines privates Kino mit zwei betriebsbereiten Lichtbogen Bauer B8 Projektoren hier bei uns im Taunus. Diese Lampen habe ich nur noch als tote Exponate in allen möglichen Museen gesehen. Hier im Kinomuseum kann der Laie noch mal richtig staunen, wie zwischen zwei Kohlestäben ein Lichtbogen ein gleißend helles Licht macht. Daß die Bildwand dann auch noch vor einem historischen 35mm Fernseh-Filmabtaster der Fernseh GmbH hängt, ist reiner Zufall und dem inzwischen knappen Platz geschuldet.

Vor vielen vielen Jahren - der Notstrom

Für ein Kino und auch sonstige öffentliche zugängliche fensterlose Räume mit Publikumsverkehr war eine Notstromanlage für die Notbeleuchtung zwingend erforderlich. Und das war gar nicht so einfach. Die musste nämlich akribisch gepflegt werden. So komfortabel pflegeleicht wie in unseren Autos waren diese offenen Bleibatterien damals nicht.
Der Prüfer schaltete nämlich einfach die Hauptsicherung aus und schaute dann gelangweilt auf die Uhr. Ich weiß nicht mehr, wie lange die Blei-Säure- Batterien bei uns im UFA im Park in Wiesbaden wirklich durchhielten mit den paar wenigen Notlicht-Leuchten, es war aber mindesten eine halbe Stunde. Und in der Zeit ging der Prüfer von Tür zu Tür und machte seine Häkchen und prüfte die Notausgänge. Am Ende seines Rundgangs durfte die Notlichtanlage noch nicht erloschen sein.
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Große Kinos hatten eine komplexe Technik

Da ich in das Kino "UFA im Park" gute Einblicke hatte, kann ich das nur als Beispiel nehmen. Unsere Schaltwand war noch viel größer als diese hier, denn im Keller werkelte eine riesen große Belüftungs- und Heizanlage mitsamt einem Frischwasser Staubfilter. Der Lüfter hatte an die 2 Meter Durchmesser und wurde vom Vorführraum aus gesteuert. Das feudale aber leicht düstere Foyer stammte aus der Kaiserzeit und war eines der feinsten in ganz Wiesbaden, fast vollkommen mit Marmor ausgekleidet und noch dazu indirekt beleuchtet. Das brauchte viel Strom. Dazu kamen Leuchtreklamen an beiden Seiten des langen Einganges in zwei parallelen Straßenzügen, also Schalter ohne Ende.
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Und natürlich gibt es auch Profi-Fernsehtechnik zu sehen

Profi-Fernsehtechnik
so sah es damals aus

Da ja angeblich das Fernsehen dem Kino den Hals abgedreht haben soll, ist die Fernsehtechnik nicht wegzudenken. In einem Raum ist die Fernsehtechnik exemplarisch vorhanden. Von jeder Epoche ab etwa 1952 ist ein Musterexemplar vorhanden. Herr Dipl. Ing. Graewert führt das gerne jedem interessierten Besucher vor. Erstaunlich ist, daß der alte Fernseher in der Mitte noch ein passables Bild hergibt. Die allermeisten dieser alten 220V Geräte geben bei 230 Volt den Geist auf.

Und damit ist der Appetit anregende Rundgang zuende.

Ein Besuch von Opa und Oma mit den Enkeln ist sehr empfehlenswert, zumal Herr Graewert sehr anschaulich erklärt, worum es sich handelt und auch Einiges zeigen kann. Es gibt Kindern und Jugendlichen einen interessanten Einblick in die Technik von damals, viel besser als irgendwelche langweiligen ausgestopften Dinosaurier in den üblichen Landes- und Stadtmuseen. Und wenn man dann noch einen richtigen 35mm Tonfilm hautnah miterleben kann, ist der Besuch perfekt - fast ebenso wie im Grammophonmuseum in Groß Lobke / Algermissen, das nur wenige Kilometer entfernt ist.

Übrigens dieses Museum wird vom "Verein der Freunde und Förderer des Museums für Kinematographie e. V." (www.kinomuseum.de) unter der Leitung von Herrn Peter Schade-Didschis getragen und betrieben. Er trägt auch das volle finanzielle Risiko des rein ehrenamtlich geführten Museums. Der Eintritt ist an Öffnungstagen und zum Open Air frei, Spenden werden gerne angenommen. Auch hier ist es wie im Grammophone Museum, Strom und Heizung wollen bezahlt werden.

Oh, hatte ich etwas vergessen ?

Die Cafeteria

Ja natürlich, da gibt es auch eine kleine gemütliche Cafeteria auch für größere Gruppen, um das Gesehene und Erlebte bei Kaffee und Kuchen zu verdauen oder aber nachzufragen. Laut Herrn Graewert wird keine noch so komplizierte Frage unbeantwortet zurückbleiben.

Und auch das ist bei Museen nicht immer so - es gibt direkt vor dem Museum einen Parkplatz, auf dem auch zwei Reisebusse Platz haben. Das habe ich bei vielen Museen vermisst. Damit lohnt sich ein Klassenausflug im Bereich Physik oder Technikhistorie allemale. Es sind also große und auch kleine Gruppen jederzeit willkommen.

(www.kinomuseum.de)
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