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Filmgeschichte(n) und Filmchronik(en) - Von 0 bis 1957

überarbeitet, korrigiert und kommentiert von Gert Redlich im Juli 2016 - Hier findenSie die bislang umfangreichste und detailierteste Historie der weltweiten Entwicklung des Films, der Filmwirtschaft (und des Kinos). Der Deutsch-Engländer Heinrich Fraenkel (geb. 1897) war hautnah dabei gewesen und beschreibt 1956/57 zwei weltweite Epochen des Films :
Es beginnt mit Teil I "Von der Laterna Magica bis zum Tonfilm" und geht weiter mit Teil II "Vom Tonfilm bis zum Farbfilm"

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Teil I - KAPITEL 03
"FLEGELJAHRE"

Von ersten Eindrücken und letzten Weisheiten / Von Klamauk und Dynamik / Vom Kintop der Urzeit / Vom Mutterwitz der „Ansager" / Von toller Komik und tiefergreifenden Dramen / Von einem hochdramatische Schlager, Länge 185m

Von Menschen für Menschen

Schon aus der Kapitelüberschrift ersieht man, daß eine chronologisch genaue Determination unerwünscht ist. Sie war auch kaum möglich, denn wer könnte sich anmaßen, Flegeljahre zeitlich zu fixieren; sei es im Leben des heranwachsenden Knaben - die kleinen Mädchen kommen wohl nie in die Flegeljahre - oder in der Entwicklung jener Kunst, jenes Kunstgewerbes, jenes der Unterhaltung und Belehrung dienenden Wirtschaftszweiges, jener Industrie oder wie immer wir sonst das seltsame und heute so weitverzweigte und tiefverwurzelte Gebilde definieren wollen, das uns durch die Worte „Film" und „Kino" vertraut ist.

Nun wird zwar jedes Industrieprodukt von Menschen für Menschen hergestellt; aber es liegt in der Natur der Sache, daß bei diesem Industrie- (oder Kunst- oder Kunstgewerbe-) Produkt Film, mit dem wir uns befassen, das „Menschliche" mehr zur Geltung kommt als etwa in der Produktion von Schraubenziehern oder Glühbirnen.

Vergleich der Entwicklung : Mensch und Filmindustrie

Machen wir jedoch den Versuch, die Entwicklung von sechzig Jahren Film mit der eines Menschenlebens zu vergleichen, dann kommen wir bald zu der Einsicht, daß man in keinem Fall verallgemeinern sollte und daß die Entwicklung der Filmindustrie viel zu sprunghaft ist, um sich in bestimmten Phasen (und Kapitelüberschriften) fein säuberlich abgrenzen zu lassen.

Auch in der Entwicklung des heranwachsenden Mannes sind die Flegeljahre nicht leicht bestimmbar; man sagt, sie seien im Knabenalter kurz vor der Pubertät fällig; aber manchmal sind sie schon früher bemerkbar, und vielfach erscheinen sie sporadisch bis ins reife Mannesalter, um mitunter noch einmal mit besonderer Virulenz im hohen Greisenalter aufzutreten.

Auch in der Entwicklung des Filmgewerbes, das noch längst nicht das Greisenalter erreicht hat, werden wir mehrfach Perioden von Flegeljahren begegnen, wie etwa in der Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg, als gleichzeitig schon die ersten und keineswegs zaghaften Versuche gemacht wurden, dem Film eine ureigene und künstlerisch ungemein ambitiöse (um nicht zu sagen prätentiöse) Note zu geben. Man sieht also, daß von einer geradlinigen Entwicklung keine Rede sein kann und daß wir jede Schematisierung vermeiden müssen.

Die Unbekümmertheit der „Flegeljahre"

Wenn ich schon die allererste Frühzeit mit dem Prädikat „Flegeljahre" bezeichne, denke ich an die Unbekümmertheit, die jene mehr für den Knaben selbst als für seine Umgebung so erfreuliche Periode auszeichnet.

Man kannte noch keine anderen Probleme, als möglichst viel Kundschaft an die nagelneue Kinokasse zu locken. Zugegeben: das ist auch heute das wesentliche Anliegen, nur daß im Wettlauf mit der Vielfalt der Konkurrenz die Anforderungen und Schwierigkeiten wuchsen, seit das Kino den primitiven Reiz der Neuheit verloren hat und seit es darum geht, nicht mehr ein paar hundert Mark mit Groschen, sondern ein paar Millionen mit Silbermünzen zu amortisieren.

Damals die Goldgräberstimmung

Aber damals war man noch in der glücklichen Lage des Pioniers, der ohne viel Aufwand und Spesen nur irgendwo zu buddeln braucht, um Gold zu scheffeln.

Diese glückliche Chance des Reizes der Neuheit wiederholte sich dreißig Jahre später, als es in der Frühzeit des Tonfilms nur darauf ankam, daß möglichst viel geklopft und gedonnert, gezischt und gepfiffen, gesungen und geredet wurde.

Der Grundsatz des Stummfilms :

In der Frühzeit des Stummfilms dagegen kam es einzig und allein darauf an, daß die Leute möglichst viel zu sehen bekamen: kein schlechter Gedanke und, wie uns auch heute noch jeder gute Filmdramaturg bestätigen wird, ein allzeit gültiger und beherzigenswerter Grundsatz.

Damals, als es die neueste Sensation war, dem menschlichen Auge die Illusion bewegter Bilder zu geben, konnte man sich in der Darstellung der Bewegtheit nicht genugtun. Was an diesen Filmen am meisten auffällt, ist der Anblick von blitzschnell rasenden Lokomotiven und Automobilen und von Darstellern, die sich unentwegt im Laufschritt bewegten und dabei aufs heftigste gestikulierten.

Was das Publikum erwartete

Das allzu hastige Tempo war natürlich durch primitive Kamera- und Projektionstechnik bedingt, aber das tat dem Genuß keinen Abbruch: diese Filme boten genau das, was das Publikum zunächst von ihnen erwartete.

Es ist fast ein halbes Jahrhundert her, seit ich den ersten Film sah; aber der Eindruck war so unauslöschlich, daß ich heute noch dieses Kindheitserlebnis in allen Einzelheiten beschreiben kann.

Die unglaubliche Geschichte (der Film) von dem "Boten"

Der Hauptdarsteller war ein Bote, der den Auftrag bekam, eine besonders kostbare, zerbrechliche Lampe schleunigst zum Käufer zu bringen. Dabei passierten ihm die erstaunlichsten Dinge.

Er fällt die Treppe herunter, aber die Lampe bleibt heil; er wird im wilden Getümmel des Straßenverkehrs umgestoßen, erhebt sich aber blitzschnell und trägt die kostbare Last unversehrt weiter; im Park hemmt ein Teich seinen eilenden Schritt: da keine Zeit zu Umwegen, watet unser treuer Bote schnurstracks ins Wasser und schwimmt, hastig mit der Linken ausgreifend, während die Rechte das anvertraute Gut hoch über Wasser hält; behende watet er ans andere Ufer und eilt zum Parkausgang, wo er von einer Meute tollwütiger Hunde angegriffen wird, deren er sich mutig durch Fußtritte erwehrt, die Lampe hoch erhoben und gerade noch den Zähnen der springenden und schnappenden Bestien entzogen.

Weiter eilt er die Straße entlang und beflügelt den Schritt zum rasenden Lauf, während der Minutenzeiger auf der Kirchturmuhr in bedrohliche Nähe der Lieferfrist rückt; aber der schnelle Blick zur Uhr scheint ihm zum Verhängnis zu werden, denn schon kommt eine riesengroße Dampfwalze die Straße entlang; unser Held hat die drohende Gefahr offenbar nicht gesehen! Wird er noch rechtzeitig ausweichen können?

Nein! Das Ungetüm hat ihn erfaßt, reißt ihn zu Boden, rollt unaufhaltsam über ihn weg, rollt weiter; und jetzt sehen wir den Boten von der Schulter bis zum Knie plattgewalzt wie einen Pfannkuchen, aber die Lampe am gestreckten Arm ist heil.

Ein "Held" darf doch nicht scheitern . . .

Um eines Herzschlags Länge stockt jetzt das atemberaubende Tempo dieser Story. Was nun? Sollte unser Held so nahe dem Ziel gescheitert sein? Gewiß nicht!

Aber wie kommt er weiter? Ein plattgewalzter Pfannkuchen kann doch nicht laufen! Der nächste Herzschlag bringt die Erlösung. Eilends kommt ein Radfahrer des Weges, sieht die Bescherung, springt ab, greift zur Pumpe; und im Nu hat unser Pfannkuchen sich wieder zum Helden gerundet, er springt auf und rennt weiter, die Lampe hoch erhoben, während der Radfahrer unbekümmert und unbedankt die nützliche Pumpe verstaut und abfährt.

Weiter rennt unser Held, an einer Normaluhr vorbei. Es ist jetzt eine Minute vor zehn. Bis zehn muß die Lampe geliefert werden! Aber schon nähert er sich dem Ziel, rast die Treppe hinauf, stolpert, läßt die Lampe fallen, fängt sie wieder, und das unversehrte kostbare Stück schwingend, stürzt er zur Tür des Empfängers.

Dieser blickt streng auf die Schreibtischuhr. Es ist Punkt zehn. Aber schon öffnet sich die Tür, und da steht der pünktliche Bote, reicht mit höflicher Verbeugung die Lampe - und läßt sie fallen; sie zerspringt in tausend Stücke.

Das war der erste Film, den ich sah.

Das war der erste Film, den ich sah; und obschon ich in den folgenden fünfzig Jahren Tausende von Filmen gesehen und Dutzende selbst geschrieben habe, obschon ich in Deutschland, in England, in Frankreich und in Hollywood wohl kaum einen Film ausgelassen habe, der zu seiner Zeit als Markstein filmhistorischer Entwicklung galt, obschon die Summe der von mir (bisher) gesehenen Filmmeter nach einer beiläufigen Schätzung ausreichen dürfte, den Äquator zu umspannen, kann ich nach reiflicher Überlegung mit gutem Gewissen behaupten, daß jener allererste Film zu den besten gehört, die ich je gesehen habe.

Eine ungemein „filmische" Geschichte

Technisch war er zwar primitiv, aber dramaturgisch hatte er alles, was man von einem Film dieses Typs verlangen kann: er hatte Tempo und richtig abgewogene Spannungsmomente, er hatte die auf dem Höhepunkt der Spannung nötige Fermate, er hatte Herz und Humor; er hatte all das, was zwanzig oder dreißig Jahre später in dicken Büchern mit hochgebildeten Worten wie „Dynamik" und „visuelle Gestaltung" bezeichnet wurde; es war, um ein damals geprägtes Wort zu benutzen, eine ungemein „filmische" Geschichte.

Kein Wunder also, daß mir mein erster Film unvergeßlich blieb; kein Wunder, daß er mir so gut gefiel, daß ich mein ganzes Taschengeld ausgab, um ihn gleich noch einmal und dann noch einmal zu sehen.

1906 - Das "Kino" in der Schloßstraße in Berlin-Steglitz

Wo war das? Was war das für ein Kino? Und wie spielte sich so etwas Anno 1906 ab?

Es war in der Schloßstraße in Berlin-Steglitz (aber es hätte ebensogut woanders sein können), jedoch ein Kino im heutigen Sinne oder gar ein Lichtspielpalast war es gewiß nicht.

Es war ein leerer, durch seine schlauchförmige Länge für diesen Zweck geeigneter Laden, den der Unternehmer gemietet hatte, um an einem Ende die Leinwand und am anderen das Vorführgerät aufzustellen, dazwischen zwei Dutzend Stuhlreihen. Vorn in der Ecke, gleich links von der Leinwand, stand auf einem Podest ein reichlich verstimmtes Piano; der Klavierspieler hatte alle Hände voll zu tun und mußte schon die vorhin erwähnte „dramaturgische Fermate" benutzen, um einen Schluck aus dem Bierglas zu tun, das griffbereit auf dem Klavierdeckel stand.

Die Musik zum Film

Sein Repertoire war ziemlich begrenzt: Offenbachs Unterweltsgalopp, wenn der Film soviel Tempo hatte wie der vorhin geschilderte, und die Barkarole aus Hoffmanns Erzählungen, wenn es galt, einer „schmalzigen" Szene die entsprechende musikalische Atmosphäre zu geben.

Doch die Hauptsache war . . . die Kasse.

Um nicht die Hauptsache zu vergessen: die Kasse war natürlich ganz hinten am Eingang, und da saß meist der Herr Kinobesitzer persönlich oder seine Gattin.

Eintrittspreis: zehn bis dreißig Pfennig, je nach der Platzgüte (Kinder und Militärpersonen die Hälfte); dafür wurde ein Programm von einer Stunde geboten, also etwa ein halbes Dutzend Filme.

Der Vorführer , der Klavierspieler und der „Ansager"

An Personal gab es außer dem Vorführer und dem Klavierspieler nur noch den „Ansager"; dieser stand rechts an der Wand des Ganges, durch den das Publikum zu seinen Plätzen gelangte, und paßte auf, daß niemand ohne Billett hineinschlüpfte.

Im übrigen - da es damals noch keine gedruckten „Zwischentitel" gab, denn die kamen erst 1907/1908 - hatte der Ansager die Aufgabe, den Gang der Handlung zu erläutern, soweit das nötig war; und manch einer machte das mit viel Witz und Laune.

Die prosaischere Aufgabe des Ansagers bestand darin, im gegebenen Moment, also fast nach jedem der Fünf- oder Zehnminutenfilme, auszurufen, welche Seriennummern der gelösten Eintrittskarten jeweils abgelaufen waren.

Über die ersten Filme . . .

Was waren das nun für Filme, die man damals zu sehen bekam - also um die Mitte des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts oder gar in den zehn vorhergegangenen Jahren, den allerersten, in denen Filme vorgeführt wurden - und was waren das für Kinos?

Daß es sich noch nicht um ständige Kinotheater handelte, wurde schon erwähnt. Auch die schon 1896 in der Berliner Friedrichstraße gebauten „Edison-Lichtspiele" hielten sich nicht viel länger als das kurz vorher "Unter den Linden" eröffnete allererste deutsche Kino: dessen Programm bestand noch aus Filmchen mit einer Länge von etwa 15 bis 20 Metern, also einer Vorführungsdauer von weniger als einer Minute.

Aus 1 Minute wurden 10 Minuten Film-Länge

Aber auch in den nächsten Jahren, als man schon Filme mit einer für damalige Begriffe ausgewachsenen Handlung und einer Vorführungsdauer bis zu zehn Minuten herstellte, lohnte es sich noch keineswegs, richtige Kinotheater zu bauen.

„Ladenkinos" und "Wanderkinos"

Man begnügte sich mit den provisorisch hergerichteten und jederzeit wieder kündigungsbereiten „Ladenkinos" des oben geschilderten Typs; oder man legte sich nicht einmal für einen Zeitraum von Wochen oder Monaten fest, sondern ging gleich auf die Wanderschaft.

Wanderkinos zogen damals von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt, wobei sie jeweils nach ein paar Tagen ihre Zelte abbrachen, weil das karge Feld abgegrast und der Reiz der Neuheit verblaßt war.

Primitiv und nicht von Dauer

Die Programme waren primitiv und konnten auf die Dauer ein anspruchsvolleres Publikum nicht fesseln. Der oben geschilderte Film, der mich als kleinen Jungen so beeindruckte, war insofern eine Ausnahme, als er ganz auf Tempo und auf die dem neuen Ausdrucksmittel ureigenen Möglichkeiten eingestellt war. Das war ein seltener Glücksfall.

Die Filmproduzenten tappten noch im Dunkeln und waren sich technisch und dramaturgisch weder ihrer Möglichkeiten noch ihrer Grenzen bewußt; auch standen ihnen meistens nur dritt- oder viert-klassige Schauspieler zur Verfügung, denn ein Künstler von Rang gab sich nicht für „so einen Unfug" her, zumindest noch nicht in Deutschland.

In Frankreich war das schon in den ersten Jahren des Jahrhunderts anders, sehr bald auch in Italien, in den skandinavischen Ländern und in Amerika.

Ein Beispiel eines italienischen Films:

Sehr groß war freilich der Niveauunterschied nicht, wie man aus der folgenden Beschreibung eines italienischen Filmes ersehen kann, die in dem Fachorgan „Der Deutsche Lichtbildtheater-Besitzer" im Jahre 1909 erschien:

TIEFERGREIFENDES DRAMA
DIE LETZTE ZUFLUCHT

Hochdramatische packende Darstellung aus dem italienischen Landleben.

SPANNENDE HANDLUNG

Zwischentitel: Eine Begegnung. - Die Flucht. — Die Täuschung. - Nach 1 Jahr.
- „Da du mich nicht mehr liebst, kehre ich zu meinen Eltern zurück." - Die
Ehre eines Betrogenen. - Alles verloren! Die Täuschung wird zur Wahrheit.
Die hübsche Tochter einer italienischen Bauernfamilie, die mit einem armen, aber ehrlichen und braven Manne verlobt ist, läßt sich von einem vornehmen Herrn betören und flieht bei Nacht aus ihrem Elternhause, nachdem sie am nahen Teiche ihre Kleidungsstücke zerstreut hat, um einen Selbstmord vorzutäuschen. Als am andern Tage das Verschwinden bemerkt und die Kleidungsstücke gefunden werden, betrauert man die Tochter als Tote.

Ein Jahr ist vergangen. Der treue Bauer wallfahrt allsonntäglich zu der vermeintlichen Unglücksstelle, an der er ein Erinnerungszeichen angebracht hat. Währenddessen sucht die Ungetreue in der Stadt im Taumel der Genüsse ihre Gedanken an die Heimat zu verscheuchen. Doch auch sie muß einsehen, daß ein solches nicht von Dauer ist. Sie sieht immer mehr ein, daß sie ihrem Verehrer nur ein Spielzeug war, welches bald den Reiz der Neuheit verloren hat.

Als sie eines Tages ihren Geliebten in den Armen einer anderen findet, kommt ihr das Unwürdige ihrer Lage ins Bewußtsein, und sie beschließt, in ihre Heimat zurückzukehren.

Ihre Eltern sind jedoch inzwischen gestorben. Sie trifft ihren früheren Verlobten, welcher aber die feine Dame nicht wiedererkennt; als sie sich zu erkennen gibt und um Vergebung fleht und vor ihm niedersinkt, bäumt sich sein Stolz auf, und entrüstet wendet er sich von der Unwürdigen ab.

Verzweiflungsvoll sucht sie als letzte Zuflucht den Ort auf, an dem sie die Täuschung damals beging, und macht dieselbe zur Wahrheit. GROSSARTIGE DARSTELLUNG - Länge 185m -

Bis dahin noch kein „Happy-End"

Vom „Happy-End" war, wie man sieht, noch keine Rede. Hier zur Erholung zwei Lustspiele deutscher Herkunft.

TOLLE KOMIK DAS FALSCHE WEIB ODER EIN NEUER GAUNERTRICK ZUM TOTLACHEN

Der unternehmungslustige Herr R. beäugt alle vorübergehenden Damen. Eine von ihnen läßt sich mit ihm ein, und er bietet ihr seine Liebe und eine Erfrischung an. Sie ist bereit, mit ihm nach seiner Wohnung zu gehen. Hier angekommen, sieht er zu seinem Schrecken, wie die Schöne ihre Perücke absetzt, ihre falschen Zähne und ein Glasauge herausnimmt usw. Erschreckt ergreift Herr R. die Flucht. Seine Eroberung, welche nichts anderes als ein verkleideter Dieb war, stiehlt ihm die Brieftasche und macht sich ebenfalls aus dem Staube.
- Länge 75 m -

Zumindest gab es eine straffe Handlung

Immerhin ein Stoff mit straffer Handlung und nicht minder „filmischen" Möglichkeiten wie der nächste, dessen Vorführung ebenfalls kaum drei Minuten benötigte.

HUMORISTISCHER SCHLAGER
DAS GLITSCHPULVER oder DIE WIRKUNGEN DES TALKUMS

Ein loser Bursche quält sich ab, seine Stiefel anzuziehen. Da macht ihn ein Drogist auf sein Talkum aufmerksam, und leicht und glatt kann er jetzt die Stiefel anziehen. Da erwacht in dem Burschen der böse Schelm. Er benutzt die Gelegenheit, während der der Drogist abberufen wird, und nimmt die Büchse mit dem Pulver an sich, das er auf der Straße ausstreut, um hiermit zahllose Personen zu Fall zu bringen. Die hierdurch hervorgerufenen Situationen entwickeln eine ungezügelte Heiterkeit, sie steigert sich Szene um Szene und erreicht ihren Höhepunkt, als er ein ganzes Damenpensionat zu Falle bringt.
Alle Vorgänge spielen sich so natürlich ab, daß dieser Film tatsächlich als ein Schlager allerersten Ranges bezeichnet werden muß. - Länge 82 m -
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Es gab auch noch längere Filme

Die folgende Beschreibung eines erheblich anspruchsvolleren (und längeren) Filmes von nicht minder unmißverständlich deutscher Herkunft entbehrt nicht eines gewissen historischen Interesses, denn man sieht daraus, daß bereits damals, genau wie zu verschiedenen späteren Perioden der deutschen Filmgeschichte, der Kassenappell an die „militaristischen" Neigungen des Publikums versucht wurde:

PRACHTVOLLES SPANNENDES DRAMA
UNTER DER FAHNE
oder
EIN OPFER DES SCHICKSALS

Ein junger Unteroffizier wird, um die Launen seiner Geliebten befriedigen zu können, zum Diebe. Er bestiehlt die Regimentskasse, ohne sich die Folgen klarzumachen, und eilt mit dem geraubten Geld zu seiner Mätresse, um sich ihrer Liebe aufs neue zu versichern.

Hier aber macht er die niederschmetternde Entdeckung, daß das Mädchen ihm nicht treu ist; sein eigener Leutnant ist der Nebenbuhler. Empört stürzt er sich auf die Ungetreue, um derentwillen er zum Dieb geworden ist, aber der Leutnant wirft sich dazwischen und schützt sie vor weiteren Mißhandlungen. Er wird nun mit seinem Vorgesetzten handgemein und schlägt ihn mit einer Reitpeitsche ins Gesicht. Um der ihm drohenden Strafe zu entgehen, flüchtet er ins Elternhaus, aber der rechtlich denkende Vater weist den Fahnenflüchtigen aus dem Hause, und so schleicht er sich in Verkleidung nachts über die Grenze.

Nach langen Jahren kehrt er zurück, aber nicht der lebensfrohe Soldat kommt zurück, ein Schwerkranker schleppt sich, von der Sehnsucht nach den Seinen getrieben, ins Heimatdorf.

Aber den Vater findet er nicht vor, der Gram über den ungeratenen Sohn hat seinen vorzeitigen Tod veranlaßt, und schmerzlich bewegt denkt der Heimgekehrte glücklicherer Zeiten.

Da hört er plötzlich wohlbekannte Töne, manövrierende Truppen ziehen durch das Dorf. Der alte Soldat erwacht in ihm. Mutter und Schwester versuchen den Schwerkranken zu halten, aber er reißt sich los und eilt hinaus.

Dem überraschten Fahnenträger reißt er das Feldzeichen aus der Hand, drückt die Fahne an seine Lippen und sinkt zu Boden, um in den Armen seiner Mutter den letzten Atemzug zu tun. - Länge 217 m -

Über das geistige Niveau der damaligen „Filmdirektoren"

Ich gebe diese (im führenden Fachblatt der „Branche" veröffentlichten) Beschreibungen absichtlich im vollen Wortlaut wieder, um einen Begriff vom geistigen Niveau der damaligen „Filmdirektoren" zu geben.

Ein maliziöser Leser mag hier einwenden, daß sich das auch in den folgenden Jahrzehnten nicht sehr gebessert hat, aber das stimmt nur bedingt, und schließlich hat man sich später mehr und mehr geschulter Kräfte bedient, nicht nur, um die Beschreibungen zu verfassen, sondern vor allem auch, um die Manuskripte zu schreiben und die Filme zu inszenieren, zu schneiden und herauszubringen.

Ein Film durfte ja nur ein paar hundert Mark kosten

In der Frühzeit machten das die Herrschaften noch mehr oder minder allein; ein „größerer" Film durfte ja nur ein paar hundert Mark kosten, und die „Fachkräfte", die man engagierte, mußten selbst erst in ihr nagelneues Fach hineinwachsen. An Ideen hat es ihnen nicht gefehlt, und manche davon haben sich als allgemeingültig erwiesen. So sei hier als letzte dieser schwülstigen Filmbeschreibungen aus der Frühzeit noch eine zitiert, in der immerhin schon eine Rückblendung (in eine Traumszene) vorkommt.

EINE WAHRE GESCHICHTE AUS DEM LEBEN
DAS KIND DES ZUCHTHÄUSLERS
oder
UNSCHULDIG VERURTEILT

Ein Schuhmacher bedient einen Kunden. Nach erfolgter Abfertigung greift er zur Flasche. Sein Weib wehrt ihn, aber die Leidenschaft ist größer als sein Eheglück.

Die Frau sinkt tot zusammen, und ein kleines Mädchen wirft sich weinend über die Mutter. - Der Mann wird des Totschlags beschuldigt und ins Zuchthaus geschickt.

Hier zieht sein früheres Leben im Traum an ihm vorüber: die Verzweiflung packt den unschuldig leidenden Mann. Inzwischen ist das Kind zur schönen Jungfrau erwachsen.

Wir sehen sie als Verkäuferin in einer Ausstellungshalle. Sie gewinnt die Liebe eines reichen jungen Mannes, mit dem sie den Bund für das Leben schließt. Nach dreißig Jahren wird der Vater aus dem Zuchthaus entlassen. Allein und verlassen durchirrt er die Straßen. Er sieht, wie ein Kind durch ein Automobil gefährdet wird, und rettet dasselbe. Hungrig und frierend steht er ohne Obdach.

Da erfaßt ihn die Verzweiflung, er dringt in eine Wohnung ein, wo ihn der Besitzer überrascht. Es kommt zu einer Szene, die durch die Zwischenkunft des Kindes, das er vom Tode gerettet hat, sich zu einer hochdramatischen steigert. Er weiß es nicht, daß er der Tochter, deren Gatten und seinem Enkelkind gegenübersteht. Ein Bild seiner verstorbenen Frau, das er auf dem Schreibtisch stehen sieht, läßt ihn ahnen, wo er sich befindet, und ein in seinem Besitz befindliches Medaillon, das er mit zitternden Händen öffnet, öffnet ihm auch die Herzen seiner wiedergefundenen Familie.

Man erkennt in diesem Bild, wie verschieden die Würfel des Lebens fallen. Unschuldig zu Zuchthaus verurteilt, strahlt auch ihm noch einmal das Glück; er war ein Opfer des Trunkes und hat schwer dafür büßen müssen. - Länge 255 m -
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Stilblüten einer entwicklungsgeschichtlichen Bedeutung

Man mag an diesen Stilblüten noch heute sein Vergnügen haben, aber ich hätte ihnen keineswegs so viel Raum gegeben, wenn diese sozusagen „offiziellen" Beschreibungen nicht eine gewisse entwicklungsgeschichtliche Bedeutung hätten.

Es war die Periode, in der man gerade anfing, gedruckte Zwischentitel zu benutzen (um sehr bald die Neuerung so sehr zu überspitzen, daß manche Filme fast zur Hälfte aus Titeln bestanden). Zuvor hatten die meisten Filme noch gar keine Titel, die Kinobesitzer waren also noch auf die „Ansager" angewiesen, und diesen die Stichworte zu geben, war der Hauptzweck der in der Fachpresse veröffentlichten Beschreibungen.

Gute und bessere Ansager

Die besseren Ansager hatten freilich solche „Krücken" nicht nötig. Sie hatten genügend eigenen Witz, um sich ihre Stilblüten selber zu machen, und mancher Leser wird sich noch aus seiner Kinderzeit dieser schlagfertigen Dolmetscher der flimmernden Leinwand erinnern. (Anmerkung : Von denen, die das vielleicht noch erlebt hatten, lebt inzwischen keiner mehr. Selbst der Vater des Autors gr ist in 2016 bereits 97 Jahre alt und kann sich nicht mehr erinnern.)

Ansager-Anekdoten

Man denke nur an jenen Berliner Ansager, der einen „Königin-Luise-Film" während einer rührseligen Szene nach der Schlacht von Jena etwa so zu kommentieren pflegte: „Und jetzt - wie Sie ja selber sehen können, meine Herrschaften - muß die unglückliche Königin gar bitterlich weinen. Aber tröste dir man, Luischen, es kommt ja noch die Schlacht von Leipzig, und dann wird allens wieder jut!"

Eine noch unveröffentlichte Ansager-Anekdote wurde mir von Max Mach erzählt, einem der ersten deutschen Film-Regisseure, der dieses Titels würdig war; in einem seiner allerersten Filme „Der Mutter Augen" gab es eine rührende Szene eines kleinen Waisenjungen, der in einem Schneesturm seine eigene Bettdecke über das Grab der Mutter breitet. Mack erzählte mir, wie er den Film einmal in einem kleinen Kino in der Münzstraße in Berlin-O. sah, in welchem der Ansager die Szene folgendermaßen kommentierte: „Der Junge tut das natürlich, damit Mütterchen nicht friert, und wenn Ihnen, meine Herrschaften, bei dieser Szene nicht die hellen Tränen kommen, dann haben Sie kein Herz im Leibe!"

Auch die Bühnenschauspieler mußte neu lernen

Ich habe vorhin schon erwähnt, daß in jener Frühzeit die damals dominierende französische Filmproduktion den Vorzug hatte, mit bekannten Bühnenschauspielern zu arbeiten, sogar mit einigen Mitgliedern der "Comedie Francaise". Aber man merkte bald, daß damit allein nicht viel gewonnen war. Es dauerte noch Jahre, bis einige der großen Bühnenschauspieler es lernten, sich der neuen Kunstform anzupassen.

Neue schöpferische Kräfte aus "unverbildeten Bezirken"

Inzwischen holte sich die junge Filmindustrie schöpferische und gestaltende Kräfte aus anderen, von der Bühnentechnik unverbildeten Bezirken.

In Frankreich waren es besonders zwei Künstler, die dem Film neue und eigene Impulse gaben; der eine war Georges Melles, von Haus aus Zauberer, der als erster die „filmischen" Möglichkeiten der Märchenwelt und phantastischer Traumdarstellungen erfaßte; der andere war Max Linder, ein junger Komiker, der es verstand, sich von der Bühnentechnik loszulösen und bei der Gestaltung seiner mimischen Ausdruckskunst von den Erfordernissen des Films auszugehen. Etwa so:

HOCHHUMORISTISCHER SCHLAGER
AMERIKANISCHE HOCHZEIT

Gespielt von Max Linder vom Variete-Theater.

Einem jungen und hübschen Mann wird vom Heiratsbureau die Nachricht
zuteil, daß dort eine reiche junge Dame auf ihn warte, welche ihn zu sehen
wünsche.

Der Heiratskandidat wird durch diese Mitteilung so aufgeregt, daß er in der Eile gar nicht weiß, was er macht. Er wirft in seiner Wohnung alles durcheinander, rennt auf der Straße alle Leute an und langt endlich mit zerlumpter Kleidung auf dem Bureau an. Aber groß ist die Enttäuschung des jungen Mädchens, als sie statt eines Kavaliers einen einem Vagabunden ähnlichen Menschen sieht. Erst als er sich mit der Kleidung des Heiratsvermittlers versehen hat, ist der Friede wiederhergestellt, und der junge Mann hat die Hand des Mädchens gewonnen. Inzwischen sind aber die Verfolger, welche unterwegs angerempelt und in Mitleidenschaft gezogen wurden, angelangt und verprügeln den armen Direktor des Bureaus, welcher die Kleidung des Heiratskandidaten anhatte. - Länge 185 m -

Aus der zeitgenössischen deutschen Fachpresse

Ich habe diese Beschreibung, ebenso wie die nächste, wörtlich aus der zeitgenössischen deutschen Fachpresse zitiert.

RACHE DES SCHUHHÄNDLERS
KOMISCHE SZENE VON MAX LINDER

Max will heute Verlobung feiern und zu dieser Feier natürlich recht elegant aussehen. Er wendet daher die größte Sorgfalt auf seine Toilette an; da seine Stiefel nicht recht passend sind, geht er auf dem Wege zu seiner Braut noch zu einem Schuhmacher.

Dort macht er die Entdeckung, daß die Frau des Schuhmachers recht nett ist, und als letzterer verschiedene Kästen mit Stiefeln heranschleppt, findet er seine Frau in zärtlichster Unterhaltung mit seinem Kunden.

Der Kaufmann hält seinen Zorn würdevoll zurück, doch er schwört, sich zu rächen. Zu diesem Zweck befestigt er an den Sohlen seines Kunden Rollen und läßt ihn so seiner Wege gehen.

Der junge Mann gerät natürlich ins Wanken und versucht vergeblich, sich im Gleichgewicht zu halten. Er ruft eine Droschke herbei und langt mit Hilfe dieser endlich bei seinen zukünftigen Schwiegereltern in einem bedauernswerten Zustande an. Die Braut hält ihn für betrunken, und ihr strenger Vater jagt den unwürdigen Bewerber aus dem Hause. Er gesteht nun sein Unglück ein und wird wieder in Gnaden aufgenommen. - Länge 181m -

Linder - der erste „Filmstar" um 1905 . . .

Linder war zweifellos der erste „Filmstar"; er hatte seine ersten Erfolge schon um 1905 und wurde bald weltberühmt. Bezog er doch die für damalige europäische Begriffe phantastische Jahresgage von 150.000 Francs, zu einer Zeit, als in Deutschland der Schauspieler Ernst Reicher sagen konnte, er sei recht teuer, denn er verlange 25 Mark pro Tag. Das war tatsächlich um mindestens fünf Mark mehr, als die anderen fordern durften. Aber ein richtiger „Star" wurde Reicher erst Jahre später, als er als Stuart Webbs dem Detektivfilm in Deutschland eine Bresche schlug.

So konnte sich im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts Max Linders „Stargage" nur mit denen messen, die man damals in Amerika zu zahlen begann und bald noch erheblich steigerte.

1907 kam Mary Pickford

Mary Pickford, bereits um 1907/08 entdeckt, und der etwa gleichzeitig mit raschen Schritten dem Weltruhm zusteuernde Regisseur D. W. Griftith verdienten sehr bald vierstellige Dollarbeträge pro Woche. Und selbst diese wurden schnell übertrumpft; fing man doch damals in New York schon an, recht große Filme zu machen.

In New York? Nicht in Hollywood? Nun, das kam erst später, so etwa um 1908/09. Hollywood mußte erst für den Film entdeckt werden; zunächst mußte es erst einmal selber geboren werden. Aber das ist ein eigenes Kapitel wert.

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