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Institutionelles Umfeld in Deutschland und der Ansatz des Deutschen Fernsehmuseums Wiesbaden

Welche verwandten Institutionen gibt es bereits und wie soll sich das Wiesbadener Museum davon unterscheiden?

Auch wenn es bislang noch kein Fernsehmuseum im eigentlichen Sinne gibt, lassen sich doch Trends in der musealen Beschäftigung mit dem Thema in Deutschland ausmachen.
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  • Deutsches Technikmuseum in Berlin
  • Museen für Kommunikation in Frankfurt, Hamburg, Berlin und Nürnberg
    (Hamburg und Nürnberg bereits geschlossen - Stand 2010)
  • Deutschen Museum in München
  • Rundfunk-Museum in Fürth
  • Deutsche Mediathek in Berlin
  • Künstlergruppe Reproducts
  • „Fernsehmuseum" Filmhaus Hamburg
  • Medienpark des ZDF in Mainz (wurde nicht realisiert)

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Beschreibung und Einblick in diverse Museen

Einige Museen richten aus unterschiedlichen Perspektiven den Fokus auf Fernsehtechnik
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Das Deutsche Technikmuseum in Berlin

Das Deutsche Technikmuseum in Berlin, das zu den größten Technikmuseen der Welt gehören wird, wenn sein Neubau fertig ist, behandelt in zwei Räumen auch das Thema Fernsehen. Zu sehen sind u.a. ein Nachbau der elektronischen Fernsehanlage von Manfred von Ardenne (1931), sowie Geräte, Fotos und Kurztexte vor allem zum Vorkriegsfernsehen und zur frühen Nachkriegszeit. Im zweiten Raum befindet sich eine Rarität, ein noch funktionsfähiges Schwarz-weiß-Fernseh-Studio von 1958.

Entsprechend dem Konzept des Technikmuseums „Alte und neue Technik zum Erleben und Begreifen - zuschauen, ausprobieren, mitmachen, Lernen erwünscht" können Besucher in der echten historischen Studiokulisse des SFB die Nachrichten verlesen und sich dabei aufnehmen lassen. Von besonderer Bedeutung ist für die Berliner dabei die Uhr, die im Studio hing, denn anhand ihres Aussehens wurde bei den Schulkindern in Ostdeutschland überprüft, ob sie Westfernsehen gesehen haben. Das Studio ist mit einem „Vorführer" besetzt, der sich nicht nur technisch gut auskennt und die Geräte wartet, sondern auch auf alle Fragen antwortet.

Der Leiter der Abteilung Nachrichtentechnik (wozu neben Fernsehen auch Telegrafie, Telephonie, Funk, Rundfunk und Tonaufzeichnung gehört), Joseph Hoppe, baut seit 1987 engagiert die Sammlung aus. Sie umfasst gute Bestände zur Frühzeit und frühen Nachkriegsentwicklung des deutschen Fernsehens sowie eine sehr gute Dokumentation der Studiotechnik (vor allem SFB). Programmgeschichte ist kein Schwerpunkt im Deutschen Technikmuseum. Die Sammlung enthält sehr interessante Nachlässe, beispielsweise des frühen Fernsehkritikers Kurt Wagenführ, des Technikhistorikers Gerhart Goebels sowie Firmenarchive, u.a. der Fernseh-GmbH und von Telefunken.
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Die Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Die Museumsstiftung Post und Telekommunikation, 1995 gegründet, unterhält Museen für Kommunikation in Frankfurt, Hamburg, Berlin und Nürnberg, die sich der Darstellung der Geschichte der Post widmen. Im Zusammenhang mit dem Thema Nachrichtentechnik spielt dabei auch Fernsehen eine Rolle. So gibt es im Museum für Kommunikation in Frankfurt eine Themeninsel zu „Funk und Fernsehen" (vgl. auch Machbarkeitsstudie S. 104).

Nach der Zusammenführung der Postmuseen aus Ost und West wurde das Museum für Kommunikation Berlin im März 2000 im frisch sanierten Gebäude auch mit einer neuen Dauerausstellung eröffnet. Es kombiniert in seinem Konzept jeweils eine „Themengalerie" mit einem sich anschließenden „Sammlungssaal". Eine der Einheiten beschäftigt sich auch mit „Fernsehen". In der Galerie steht unter dem Titel „Massenmedien-Medienmassen" die Wirkung des Fernsehens im Vordergrund, im Sammlungssaal dagegen die technologische Entwicklung (z.B. Röhren).

Das Deutsche Museum in München

Im Deutschen Museum in München wird die technische Entwicklung des Fernsehens von der mechanischen Abtastung und Wiedergabe mit Hilfe der Nipkowscheibe über das vollelektronische Fernsehen bis hin zu den verschiedenen Farbfernsehsystemen nachgezeichnet.
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Das Rundfunkmuseum Fürth

Die ehemalige Grundig-Zentrale in Fürth wurde zum Rundfunk-Museum der Stadt Fürth. Dort gibt es einen Raum (Anmerkung: im Keller) zu Rundfunk und Fernsehen der DDR und einen zur Technik-Geschichte des Fernsehens.
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Die Deutsche Mediathek in Berlin

Eine im Entstehen begriffene Institution, die Deutsche Mediathek in Berlin, hat sich der Programmgeschichte verschrieben. Im Sony-Haus am Potsdamer Platz, wo (in der) auch das Filmmuseum untergebracht ist, plant die Stiftung Deutsche Kinemathek diese selbstständige Unterabteilung, eine Art Bibliothek für Sendungen. Die Mediathek "soll" zunächst einen Kanon von 1.000 Titeln für die Öffentlichkeit bereithalten, die von den einzelnen Senderarchiven zur Verfügung gestellt werden. Pro Jahr sollen 500 weitere dazukommen, die Mediathek will dann selbst mitschneiden.

Auch eine ständige Ausstellung zur Fernsehprogrammgeschichte ist geplant. Ein etwa zwanzigminütiges Programm aus Ausschnitten soll chronologisch durch die Dekaden der Programmgeschichte führen. Objekte und Texte will man nur ganz vereinzelt einsetzen, im Vordergrund stehen Monitorwände. Außerdem ist ein „Technologie-Schaufenster" vorgesehen und ein multifunktionaler Seminarraum (Medienlabor/ Medienpädagogik), die auch gemeinsam als Sonderausstellungsfläche dienen können.

Die Idee einer „Mediathek" ist schon rund fünfzehn Jahre alt. Der Stiftung Deutsche Kinemathek war es vergangenes Jahr gelungen, die Medienanstalt und das Medienbüro Berlin-Brandenburg, die Landesmedienanstalten, die öffentlichrechtlichen Anstalten und großen Privatsender zur Kooperation zu bewegen.

Zugang zu den Archiven der Sender - aber nur versprochen .....

Die Sender hatten nicht nur ihre Zustimmung gegeben, sondern auch Zugang zu den Archiven und finanzielle Unterstützung versprochen, der Vertrag war bereits unterschriftsreif. Die Räume im Sony-Center sind angemietet, ein mehrköpfiges Team der Kinemathek arbeitet schon (vor allem an der aufwendigen Rechteklärung). Die Vertragsunterzeichnung kam dann aber nicht zustande, da die Kirch-Sender, Sat.1 und ProSieben, sich zurückzogen.

Um die vorhandenen Ressourcen dennoch zu nutzen und öffentlichkeitswirksam einzusetzen, wurde kurzfristig eine Ausstellung kuratiert: „Fernsehen macht glücklich" (13.12.02 bis 30.03.03). In ihr gibt es, dem Konzept vom reinen „Museum für Programmgeschichte" konsequent entsprechend, keine Vitrinen und keine Objekte, sondern nur Monitore, auf denen Ausschnitte und vollständige Sendungen aus den letzten 50 Jahren laufen.

Im Konzept der Ausstellung heißt es (und dies dürfte auch den Ansatz der geplanten ständigen Ausstellung beschreiben): „Die Ausstellung versammelt alle diese Fernseh-Bilder vom Glück. Sie stellt sie zusammen, arrangiert sie zu einem großen TV-Tableaur auf dem sich ein Subtext bilden kann, ein Subtext im Kopf des Besuchers, des Zuschauers, ein Subtext mit mancherlei Fragezeichen: zum Fernsehglück. Aber bitte keine Didaktik, keine Medienpädagogik, Denunziation schon gar nicht! Diese Ausstellung nimmt die Fernseh-Bilder zwar aus ihrem jeweiligen Kontext heraus, aber sie schneidet sie nicht zu einer einzigen großen aufklärerischen These, zu einer umfassenden Fernsehkritik zusammen und zurecht."

Seit November 1998 existiert in Hamburg ein von der Künstlergruppe Reproducts betriebenes „Fernsehmuseum", das sich dadurch definiert, dass im Filmhaus Hamburg kostenlos alte Sendungen gezeigt und Sonderprogramme zusammengestellt werden. Seit Dezember 2001 gibt es auch eine Art Filiale in der Berliner Z-Bar.
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Der Medienpark des ZDF (inzwischen abgesagt)

Eine dritte Form der Beschäftigung mit Fernsehen, allerdings nicht Rahmen eines Museums, wird in Mainz geplant: Im Medienpark des ZDF ist Fernsehen als inszeniertes Freizeit-Erlebnis vorgesehen.

Kaffeetrinken auf dem Traumschiff soll ebenso möglich sein wie Kandidat bei einer Quizshow spielen („Wetten dass?" und „1,2 oder 3"). Es geht um die Fiktion des „hinter die Kulissen schauen", ähnlich wie bei Studiotouren oder im Warner Moviepark.

In dem vom ZDF geplanten Medienpark sollen wie in anderen Freizeit- und Erlebnisparks Fahrgeschäfte und Simulatoren betrieben werden, nur hier mit dem Bezug zum Fernsehen: beispielsweise wird es einen „Trip of the Byte" geben - „die rasante Reise eines Fernsehsignals". Außerdem sind Gaststätten und ein Hotel vorgesehen. Inhaltlich sollen alle Attraktionen des Medienparks Bezug zu dem vom ZDF ausgestrahlten Fernsehprogramm haben, z.B. zu der Sendereihe Terra X, zum Aktuellen Sportstudio oder zur Knoff-Hoff-Show.

Anliegen des ZDF ist es, durch den Betrieb des Medienparks für sich Werbung zu machen. Die Sendungen sollen den Fernsehzuschauern durch eigenes Erleben der Produktionen im Medienpark näher gebracht und die Publikumsbindung so erhöht werden. Weitere Attraktionen sind: „Die Wetterfrösche bei der Arbeit"; das heute-Nachrichtenstudio; ein „Sportstudio", in dem Wettkämpfe ausgetragen werden können; ein Exploratorium mit Peter Lustig von „Löwenzahn" oder der Trödelladen von „Siebenstein".

Juristische Streitereien mit anderen Freizeitparks und einer aktiven Bürgerinitiative aus Mainz haben bislang für Verzögerungen gesorgt. Auch konnte nicht so schnell ein Investor gefunden werden. Die zunächst für 2004 geplante Eröffnung wurde daher verschoben.
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Das Deutsche Fernsehmuseum Wiesbaden

Das Deutsche Fernsehmuseum Wiesbaden wählt einen anderen Ansatz als die oben aufgeführten. Es soll weder ein Museum werden, das die Technik in den Mittelpunkt stellt, noch ein reines Museum für Programmgeschichte und auch kein Freizeitpark.

Ein weiteres reines Technikmuseum ließe sich nur schwer begründen. Die Aufgabe der Darstellung und Vermittlung des Phänomens Fernsehen erschöpft sich aber nicht in der Wiederaufführung von Sendungen - auch wenn Programmgeschichte unbestritten das Herz des Themas darstellt (vgl. Machbarkeitstudie, S. 82).

Dem Wiesbadener Konzept liegt die Ansicht zugrunde, dass Technik und Programm untrennbar zusammen gehören, wie auch die Institution (die öffentlich-rechtlichen Anstalten und privaten Sender) als Thema nicht fehlen darf. Ein weiterer wichtiger Aspekt, wenn man die Geschichte des Fernsehens darstellen möchte, sind die Zuschauerinnen und Zuschauer, das Publikum, für das Fernsehen überhaupt erst produziert wird.

In Wiesbaden soll Rezeptionsgeschichte zum Thema gemacht werden. Die „Geschichte des Zuschauens", im Wiesbadener Fernsehmuseum ein ganz zentraler Themenkomplex (vgl. Machbarkeitstudie S. 79), wird bislang noch nirgendwo, auch nicht in den internationalen Museen, thematisiert und verspricht dementsprechend ein ganz eigenes Profil.

Das Wiesbadener Fernsehmuseum vertritt also inhaltlich einen ganzheitlichen Ansatz. Es möchte seinen Besuchern das Erinnerungspotential, das Fernsehbilder aus vergangenen Jahrzehnten besitzen, keineswegs vorenthalten. Museen waren von Anbeginn ihrer Geschichte immer auch Orte der Schaulust. An zwei Stellen im Museum, in den Screening-Räumen, in denen thematisch zusammengestellte Programme laufen und in der „Fernsehwelt", wo (in der) Formate chronologisch in Ausschnitten vorgestellt werden, gibt es viele bewegte Bilder (wieder-) zu entdecken.

Das Wiesbadener Fernsehmuseum möchte aber nicht dabei stehen bleiben, Wiederholungen zu zeigen - dieser Aufgabe widmet sich das Fernsehen in hohem Maße schon selbst. Das Deutsche Fernsehmuseum nimmt seinen Bildungsauftrag genauso ernst wie die Aufgabe, die Besucher zu unterhalten, es hat keine Berührungsängste gegenüber der Medienpädagogik. Mit Fernsehbildern verbundene persönliche Erinnerungen sollen nicht nur ausgelöst, sondern in ein Verhältnis gesetzt werden zum kollektiven Bildervorrat eines Volkes, zu der Rolle des Fernsehens in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und der DDR.

„Wissen" und „Lernen" auf dem Feld Medien, die auch kritische Auseinandersetzung mit ihren Inhalten sind in der heutigen Gesellschaft zu wichtig, um sich nicht der Herausforderung zu stellen, ein attraktives und auch unterhaltsames Umfeld dafür zu schaffen.
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  • Ganzheitlicher kulturgeschichtlicher Ansatz: Programm, Technik, Institution und Rezeption
  • Schaulust und Erinnerung
  • Bildungsauftrag und Medienpädagogik
  • Persönlicher und kollektiver Bildervorrat
  • Rolle des Fernsehens in der Geschichte der BRD und DDR
  • Attraktiver Ort für Reflexion über Medien
  • Kunstgalerie Television Culture

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Einbeziehung von Kunst

Von besonderer inhaltlicher Bedeutung ist außerdem die Einbeziehung von Kunst in das Museumskonzept. Geplant ist eine Kunstgalerie zur „Television Culture". Künstlerinnen und Künstler verhalten sich seismografisch zur gesellschaftlichen Entwicklung. Ein Museum, das es sich zur Aufgabe macht, zu zeigen, welchen Einfluss das Medium Fernsehen hatte und hat, welchen Veränderungen unser Alltag, unser Denken, unsere Wahrnehmung und unsere Vorstellung von Welt durch den Einzug der Flimmerkiste in die Wohnzimmer unterliegen, muss daher die künstlerischen Werke, die in Auseinandersetzung mit diesem Thema entstanden sind, einbeziehen.

Die Idee, eine Kunstgalerie in das Deutsche Fernsehmuseum zu integrieren, erfuhr von verschiedenen Seiten Inspiration und Bestätigung: von der Ausstellung „Der Traum vom Sehen" (dort waren verschiedene Installationen zu sehen) in Oberhausen, der Kunstausstellung und dem Katalog „Televisions. Kunst sieht fern" 2001/02 in Wien, vor allem aber durch die umfangreiche Publikation „TV Kultur. Fernsehen in der bildenden Kunst seit 1879", herausgegeben von Wulf Herzogenrath, Thomas W. Gaehtgens, Sven Thomas und Peter Hoenisch.

Die eigenständige Kunstgalerie (?????)

Ein weiterer Gedanke war ausschlaggebend: Joachim Kallinich, der Direktor des Museums für Kommunikation in Berlin, schreibt im Katalog zu seiner Dauerausstellung: um das „Unding" Kommunikation darzustellen, muss man neue Wege gehen. Dies gilt auch für ein Deutsches Fernsehmuseum. Gerade moderne Medienmuseen müssen die (deutschen) Grenzen zwischen kunst- und kulturgeschichtlichen Museen überschreiten. Künstler wie beispielsweise Antonio Muntadas, der in der Diainstallation „Emission/Reception" Menschen beim Fern-Sehen zeigt, oder Fotografinnen wie Herlinde Koelbl, die in den siebziger Jahren deutsche Wohnzimmer festhielt, machen Aspekte des Themas „Rezeption" erst sichtbar.

Die eigenständige Kunstgalerie ist dabei nicht als „Kommentar" zu den einzelnen Themenkomplexen der Dauerausstellung (miss-) zu verstehen. Es soll nicht darum gehen, Kunstwerke zu instrumentalisieren und sie gerade dadurch ihrer Vielschichtigkeit zu berauben. Andererseits wäre es auch ein Fehler, die künstlerischen Exponate ganz von der übrigen Dauerausstellung zu isolieren. Die Galerie könnte, wenn sie sich durchs Haus zieht, sozusagen die Funktion eines Zentralen Nervensystems übernehmen und immer neue Blickwinkel auf die Themenkomplexe ermöglichen.

Mit einer „Wechselgalerie", in der in bestimmten Abständen (etwa 2-4 mal im Jahr) jeweils andere Kunstwerke gezeigt würden, könnte man auch die Neugier auf das Haus konstant auf einem hohen Level halten, da es sich immer wieder anders präsentiert.

Das Deutsche Fernsehmuseum Wiesbaden wird anders.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Das Deutsche Fernsehmuseum Wiesbaden unterscheidet sich von den wenigen bislang in Deutschland existierenden oder im Aufbau befindlichen Institutionen mit ähnlicher Thematik durch seinen Ansatz. Die unterschiedlichen inhaltlichen Aspekte des Phänomens Fernsehen, also Programm, Technik, Institution und Rezeption sollen sich ebenso wie künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Thema in der Dauerausstellung des Museums wiederfinden.
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Fernseh-Geschichtsschreibung und Fernsehmuseum

Die neuere Fernsehforschung und Medienpädagogik vermeidet die Vorstellung vom hilflos den Bilderfluten ausgelieferten Zuschauer. Zuschauer können sich entziehen, ihre Aufmerksamkeit verweigern und durch ihr Nutzungsverhalten langfristig auch auf das Programm einwirken. Ziel eines Fernsehmuseums kann es nicht sein, Fernsehen zu „dämonisieren". Es ist vielmehr die kritische und differenzierte Darstellung der Geschichte dieses Mediums anzustreben. Die Ausarbeitung des Feinkonzepts für das Deutsche Fernsehmuseum muss nicht bei Null anfangen, sondern kann auf in anderen Zusammenhängen sorgfältig recherchierte Inhalte zurückgreifen. Die Bündelung und Strukturierung des enormen Materials wurde bereits geleistet.

In den Kommunikations- und Medienwissenschaften war man sich früh bewusst, dass es notwendig ist, Fernsehen historisch zu erforschen. Es entwickelten sich unterschiedliche Linien der Geschichtsschreibung. 1969 gründete sich der Studienkreis „Rundfunk und Geschichte", bei dem sich Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen, Archivare und Journalisten trafen, um sich mit der Geschichte von Radio und Fernsehen zu beschäftigen. Im Zentrum standen insti-tutions- und technikgeschichtliche Forschungen, die Geschichte des Fernsehens wurde in mehreren Publikationen als Geschichte der einzelnen Sendeanstalten beschrieben.
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Ein wesentliches Werk der organisationsgeschichtlich ausgerichteten Forschung stammt vom ehemaligen SDR-Intendanten Hans Bausch und erschien 1980: „Rundfunk in Deutschland" (Radio- und Fernsehentwicklung in Deutschland von 1923 bis 1980).

Heide Riedel, ehemalige Direktorin des mittlerweile geschlossenen Rundfunkmuseums in Berlin, steht ebenfalls für den Übergang zur senderübergreifenden Rundfunkgeschichte. Ihre Publikationen widmen sich neben der Organisations- und Technikgeschichte auch zunehmend der Herstellung und Verbreitung von Programm (beispielsweise: „Fernsehen - Von der Vision zum Programm. 50 Jahre Programmdienst in Deutschland, Berlin 1985").

  • Anmerkung: Ein Buch mit sehr umstrittenen historischen Darstellungen, die die Zeit vor 1945 betreffen.

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Nach einer wissenschaftlichen Debatte Mitte der siebziger Jahre wurden in der Programmgeschichtsschreibung zwei unterschiedliche Richtungen eingeschlagen. Während sich die Projektgruppe des Deutschen Rundfunkarchivs um eine „integrale" Darstellung von Programm bemühte (Rundfunk in der Weimarer Republik), setzte der Sonderforschungsbereich „Bildschirmmedien" (1986 gegründet und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert) auf die Erarbeitung von „Bausteinen", also auf Geschichtsschreibung durch Addition.

Über die Programmgeschichte

1993 erschien der erste Band einer fünfbändigen Darstellung der Fernsehgeschichte, herausgegeben von Helmut Kreuzer und Christian W. Thomsen. Die drei mittleren Bände widmen sich der Programmgeschichte (Spielfilm, Fernsehspiel, Serien, Informationssendungen, Dokumentarfilme, Kinderfernsehen, Unterhaltung), der erste und letzte Band gehören den Rahmenbedingungen: Institution, Technik, Zuschauergeschichte, Geschichte der Handlungsrollen (Star, Autor, Kritiker, etc.).

Ganz wesentlich gegenüber früheren Untersuchungen ist der Perspektivwechsel: „Programm" wird nun nicht mehr als Folge der Technik und/oder der Institution begriffen, sondern als Herzstück. Vom Programm aus wird nach den Bedingungen der Produktion gefragt und nicht umgekehrt. Knut Hickethier schreibt aber auch in der Einleitung dieser „Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland":

„Programmgeschichte ist als bloße Addition einzelner Ressort-, Gattungs-, und Programmformengeschichten nicht denkbar, sie braucht die historische Einbeziehung programmformenübergreifender Grundlagen und Voraussetzungen."

Im Wiesbadener Fernsehmuseum wird Programmgeschichte (Themenfeld „Fernsehwelt") an einzelnen Stationen, die jeweils einem Sendeformat bzw. einer Gattung gewidmet sind, in chronologisch sortierten Ausschnitten vermittelt.

Die Abteilung „Fernsehwelt" ist eingebettet, rundherum werden unterschiedliche „Teil-Geschichten" erzählt: Technikgeschichte, Institutionsgeschichte, Programmgeschichte, Prominenten- und Stargeschichte sowie die Geschichte des Zuschauens. Die „Geschichte des Zuschauens" geht nicht, wie sonst beim Fernsehen und der angewandten Fernsehforschung häufig üblich, vom statistisch erfassten und nach all seinen Vorlieben und seinem Kaufverhalten vermessenen Rezipienten aus - auch wenn die Rolle der „Quote" durchaus thematisiert werden wird. Vielmehr soll es um Zuschauen als kulturelle Tätigkeit mit langer Geschichte, als einen bedeutungsstiftenden und die Gesellschaft verändernden Vorgang gehen.

Auch in den anderen thematischen Komplexen wird es Ausschnitte geben, es wird immer vom Programm aus nach den Voraussetzungen und Hintergründen gefragt. Fernsehgeschichte muss aber auch eingebunden werden in die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Wechselwirkungen und gegenseitige Beeinflussungen sind spannende Höhepunkte der Dauerausstellung.

1998 - Hickethiers Untersuchungsperspektive

Anregend wirkte hier Knut Hickethiers Untersuchungsperspektive in der 1998 erschienenen einbändigen „Geschichte des deutschen Fernsehens", in der er der These nachgeht, dass Fernsehen „Produkt der gesellschaftlichen Modernisierung und zugleich Transmissionsriemen sozialer Veränderung" ist. Unter Modernisierung wird dabei „nicht nur die Veränderung von Staat und Gesellschaft, sondern auch die Veränderung der Subjekte, ihrer Auffassungen, Vorstellungen und ihres Verhaltens", die „Art, wie sie Welt verstehen und konstruieren" verstanden.

Das Adolf-Grimme-Institut, die Bundeszentrale für politische Bildung und die learn online Scio Gmbh haben eine CD-ROM mit dem Titel „Bildbox für Millionen. Fernseh- und Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland" herausgebracht, die mit umfangreichem Video- und Bildmaterial, sorgfältig recherchierten Kurztexten und zusätzlichen Materialien beeindruckt. Auch hier war der inhaltliche Ausgangspunkt die Überlegung, dass Fernsehen wie kein anderes Medium die kulturelle und politische Entwicklung der Bundesrepublik geprägt hat, und ein Blick auf seine Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte Voraussetzung für das Verstehen und Bewerten dieser komplexen Schlüsselrolle ist.

Der Ansatz des Fernsehmuseums geht davon aus, dass die einzelnen Themenfelder vom Besucher wechselseitig zueinander in Beziehung gesetzt werden. In der Ausarbeitung des Feinkonzepts ist darauf zu achten, dass immer wieder deutlich erkennbare Bezüge zwischen den unterschiedlichen „Teil-Geschichten'1 aber auch den nicht historisch angelegten Bereichen („Hinter den Kulissen", „Fernseh(en)-Wirklichkeitii und Kunstgalerie) hergestellt werden.

Die Beschäftigung mit Fernsehgeschichte ist nicht nur auf den Gedanken-, sondern auch auf den Materialien-Austausch mit den Fernsehanstalten angewiesen, die selbst ein Teil der Geschichte sind. Ohne ihre Unterstützung ist ein künftiges Museum zu diesem Thema nicht denkbar. Zugleich ist aber auch auf eine Unabhängigkeit in der Darstellung zu achten.

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