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Artur Brauner's Biografie aus 1976

Artur Brauner's Traum war schon in jungen Jahren, Filmschauspieler zu werden oder einmal selbst Filme zu "machen" - und dieser Traum war so ähnlich wie bei dem Kollegen Will Tremper. Beide waren unter anderem ihre Ideengeber und ihre Produzenten. Beide hatten einen sehr unterschiedlichen Erfolg. Brauner war der taktische Kopf seiner CCC und hatte auch ein Händchen fürs Geld. Will Tremper hatte die fantastischen genialen Ideen und war darum fast immer kurz vor der Pleite. Beide hatten ihre Ideale und Prinzipien, die sie in ihren Filmen vermitteln und darstellen wollten und konnten und beide entdeckten hier bei uns in Deutschland West viele junge Talente. - Die einführende Seite steht hier.

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1946 - Eine Filmlizenz muß her, sonst geht gar nichts.

Um einen Film drehen zu können, brauchte man damals nicht nur eine Filmfirma und das nötige Filmkapital, man brauchte auch eine Filmlizenz. Die Lizenz mußte man sich von einer der vier Besatzungsmächte besorgen.

Um sie zu bekommen, bedurfte es einer »Filmvergangenheit«? Hatte ich eine solche? Nach Meinung der zuständigen Besatzungsoffiziere hatte ich keine. Und meine beiden Kulturfilme? »Können Sie uns die vorführen?« Ich konnte es nicht. Weiß der Teufel, wo sie abgeblieben waren.

Ich ließ von Gustav Kampendonk das Drehbuch zu »Morituri« schreiben und machte mich noch einmal auf zu den Herren Besatzern. Mit diesem Buch würde ich ihnen beweisen, daß ich vielleicht keine Filmvergangenheit hatte, aber bestimmt eine Filmzukunft.

Es war ein Drehbuch nach den Herzen der Großen Vier: ein Denkmal für die Opfer des Krieges, ein Dokument der Menschlichkeit, ein Fanal im Sinne der Charta der Vereinten Nationen. Solche Filme brauchte die Welt hier und jetzt. Dachte ich.
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Meine künftige Schwiegermutter und ihre Tochter Maria

»Sie werden begeistert sein«, sagte ich zu meiner künftigen Schwiegermutter. Ihre Tochter Maria stand dabei und strahlte mich an. Offensichtlich liebte Maria mich sehr.

Aber Liebe kann blind und taub machen für die Wirklichkeit. Und für die Warnungen der Verwandten, die da meinten: »Ein Mann, der in dieser Trümmerwüste Filme machen will, anstatt wie wir nach Amerika auszuwandern, ein solcher Mann ist ein Idiot. Und einen Idioten heiratet man nicht.«

Vielleicht dachte meine Schwiegermutter ähnlich, aber sie sagte es nicht. Sie öffnete einen Koffer und gab mir einen Nerzmantel, den sie gerade von Freunden aus den USA geschickt bekommen hatte. »Du wirst etwa 200.000 Reichsmark dafür kriegen. Ich habe mich erkundigt.«

Schwiegermutter kannte die Preise. Der Film war mit 800.000 Mark kalkuliert.
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Mir fehlten also noch drei Nerzmäntel.

Die Zweihunderttausend, die ich in einer alten Aktentasche bei mir trug, waren dann auch das einzige, was einen gewissen Eindruck auf die Film-Offiziere machte. Weniger beeindruckt waren sie vom Drehbuch. Die ganze Richtung schien ihnen nicht zu passen.

Mein Denkmal für die wehrlosen Opfer des Krieges interessierte sie nicht. Den Grund habe ich nie erfahren. Ich war zutiefst enttäuscht, verbittert, fühlte mich verraten.

Die Amerikaner waren noch am ehrlichsten. Sie sagten schlicht »no«. Die Engländer als die geborenen Kompromißler sagten weder »ja« noch »nein«, sie sagten »j-ein«. Die Russen waren einerseits dafür und andererseits dagegen. Dagegen deshalb, weil sie in ihrer Zone eine eigene Filmgesellschaft gegründet hatten. Die Defa. Und der wollten sie keine Konkurrenz machen.

Die Franzosen taten etwas Überraschendes. Sie gaben mir eine Lizenz. »Aber nicht für >Morituri<, Monsieur. So ein Thema bedarf einer sorgfältigen Prüfung. Höheren Orts, Monsieur. In Paris, Monsieur.«

Das konnte Monate dauern. So wie ich die Militärbehörden kannte. Mein Geld würde dahinschmelzen wie die Butter unter der Sonne. Ich war zum erstenmal in meinem Leben mutlos.
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»Ich will keinen Schrott«

In solchen Momenten kommen die guten Freunde und geben einem billige Ratschläge. »Mach irgendwas in Schrott«, rieten sie mir. »Oder steig in Büchsenmarmelade ein. Da ist jetzt groß was zu holen.«

»Ich will keinen Schrott«, sagte ich bockig wie ein Kind, dem man Spinat vorsetzt, »und Marmelade will ich auch nicht. Ich will >Morituri<!«

Meine Freunde verließen mich in der festen Überzeugung, daß es nun endgültig mit mir zu Ende ging. Sie irrten sich. Wie so oft. Ich machte nämlich meinen Film. Wenn auch einen ganz anderen.
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Der grausige Hungerwinter 1946/47 in Berlin

»Heimweh nach der Vergangenheit«, dieses Gefühl ist heutzutage große Mode. Nostalgie heißt es mit dem Fremdwort und wird dadurch noch schicker. Es gibt Leute, die sich vor lauter Heimweh in Omas Schaukelstuhl setzen, um sich aus dem Trichtergrammophon eine Caruso-Schallplatte anzuhören, die so klingt, als heule Nachbars Dackel den Mond an, während die treusorgende Gattin beim Licht der Petroleumlampe ein Büchlein von der Courths-Mahler liest.

Was mich betrifft, so lebe ich lieber in der Gegenwart. Außerdem gibt es Zeiten in unserer Vergangenheit, nach denen ich nicht das geringste Heimweh habe. Ich müßte ja meschugge sein, wenn ich mich zum Beispiel nach dem grausigen Hungerwinter 1946/47 in Berlin sehnen würde.

Damals, als die Berliner ihren Grunewald abholzten, nach einer Sonderzuteilung von fünfzig Gramm Heringsrogen Schlange standen und Herr Krause abends vor dem Schlafengehen zu seiner Gattin sagte: »Zieh dich an, Frieda, wir gehen zu Bett.«

Es war wirklich grausam kalt

Auch im Kino mußte man sich ganz warm anziehen. Oder eng zusammenrücken. So kalt war es. Aber Hauptsache war, daß man überhaupt wieder ins Kino gehen konnte. Ja, man hatte sogar die Genugtuung, den ersten westdeutschen Nachkriegsfilm zu besichtigen.

Er hieß »Sag die Wahrheit«. Sein Titel erschien manchen Leuten ziemlich zweideutig. Weil sie so viele Fragebögen ausfüllen mußten, an deren Ende man schwören mußte: »Hiermit erkläre ich an Eides Statt, daß ich die Wahrheit gesagt habe.«

Nun, damit hatte dieser Film weiß Gott nichts zu tun. Er war so unpolitisch wie die Märchen der Gebrüder Grimm. Das war wohl auch der Grund, warum er sofort eine Lizenz bekommen hatte.

Produziert hatte ihn eine Gesellschaft namens »Studio 45 Film GmbH«. Und mitproduziert hatte ihn Artur Brauner. Das heißt, ich hatte ein bißchen Geld dazugegeben. Sie erinnern sich an Schwiegermutters Nerzmantel ?

Ein wenig mehr als das, was ich dafür bekommen hatte, investierte ich in das Projekt. Was etwas sehr Segensreiches zur Folge hatte: Einigen Darstellern konnte ihre restliche Gage ausgezahlt werden.
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Gustav Fröhlich war der Hauptdarsteller.

»Justav«, wie ihn die Berliner zärtlich nannten, denn er war sehr beliebt bei ihnen und ist es heute noch. Justav lernte ich draußen in Tempelhof kennen. In den Ateliers, die wunderbarerweise alles überstanden hatten, was auf Berlin abgeworfen und abgefeuert worden war.

»Worüber lachen Sie eigentlich dauernd?« war das erste Wort, das er an mich richtete. »Über Sie«, sagte ich wahrheitsgemäß. Ich hatte in den Kulissen gestanden und ihn bei der Arbeit vor der Kamera beobachtet. »Über mich persönlich oder über mich als Schauspieler?« fragte er mißtrauisch.

»Über Peter Hellmer«, sagte ich. So hieß der Gustav in diesem Film.
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»Sag die Wahrheit« - eigentlich eine Katastrophe

Hellmer ist ein junger Architekt, der mit seiner Braut eine Wette abgeschlossen hat: Er will für 24 Stunden in jeder Situation und jedem Menschen die Wahrheit sagen.

Das Ergebnis ist so katastrophal wie logisch: Er beleidigt reihenweise Partygäste, verrät sich beim Finanzamt, gibt Geschäftsgeheimnisse preis, widerruft eine falsche Aussage, die er nach einem Autounfall gemacht hatte, und sagt beim Scheidungsrichter ehrlich aus, anstatt auf Anraten seines Rechtsanwalts zu schwindeln. Schließlich landet er in einem Irrenhaus und wird in eine Zwangsjacke gesteckt. »Wer so wahrheitsliebend ist, muß verrückt sein«, meint der behandelnde Arzt.
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Zum erstenmal seit langer Zeit wieder aus vollem Herzen lachen

Gustav Fröhlich hatte schon vor der Kamera so umwerfend komisch gewirkt, daß ich zum erstenmal seit langer Zeit wieder aus vollem Herzen lachen konnte. Und das wollte etwas heißen. Denn viel zu lachen hatte man ja nicht im Berlin des Jahres 1946.

Alles das sagte ich Fröhlich, und er wurde mit einem Schlag zugänglicher. »Brauner, Brauner«, meinte er nachdenklich, »dann sind Sie wohl derjenige, welcher?« Er machte mit Daumen und Zeigefinger jene Geste, die bereits bei den Neandertalern mit dem Wort »Pinke-Pinke« übersetzt wurde.

»Ja«, sagte ich so bescheiden wie möglich. »Der bin ich.« Dann holte ich tief Luft, faßte meinen ganzen Mut als jüngster, unbeschriebenster, unerfahrenster Filmproduzent der Welt zusammen und sagte zu dem großen Star der einstigen Ufa:

»Herr Fröhlich, ich habe vor, einen sehr ernsten, sehr tragischen Film zu machen. >Morituri< soll er heißen. Das Drehbuch ist allerdings noch nicht genehmigt. Es kann sein, daß ich vorher noch einen anderen Film produzieren muß. Einen heiteren allerdings. Hätten Sie Lust, in so einem Film die Hauptrolle zu übernehmen?«

»Ja«, sagte Fröhlich und lächelte mich so an, wie er hieß, »ja, dazu hätte ich Lust.« Er ahnte nicht, was er sich mit dieser Zusage einhandeln sollte.
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Die Uraufführung von »Sag die Wahrheit« am 20. Dezember 1946

Die Uraufführung von »Sag die Wahrheit« fand vier Tage vor Weihnachten statt. Genauer am 20. Dezember 1946. Schauplatz war die »Filmbühne Wien« am Kurfürstendamm. Es war nicht direkt mein Film, aber irgendwie doch ein Stück von mir, und ich war entsprechend aufgeregt.

Ich hatte gar keinen Grund dazu. Schon nach wenigen Minuten gab es den ersten Lacher im Publikum. Es war ein kleiner, noch etwas schüchterner Lacher, und ich hatte den Eindruck, als trauten sich die Leute noch nicht so recht, als empfänden sie Gelächter in dieser bitterbösen Zeit als geradezu unsittlich.

Dann erschien eine Dame vom Typ Neureich auf der Leinwand und fragte Peter Hellmer alias Gustav Fröhlich: »Ich war übrigens in Bad-Gastein. Finden Sie nicht auch, daß ich viel schlanker geworden bin?« Der Architekt wollte zu einem Kompliment ansetzen, aber da fiel ihm seine Wette ein, und er sagte: »Im Gegenteil, ich finde Sie dicker als je zuvor.«

Hier kam der Lacher Numero zwo. Es folgte der nächste, und das war schon ein richtiger Brüller. Von da an wurde fast nur noch gelacht. Die Leute wischten sich die Tränen aus den Augen, trampelten, bissen sich in die Ärmel, schlugen sich gegenseitig auf die Schenkel.

Eine ungeheuerliche Lachwoge riß wie ein Naturereignis alles mit sich, schwemmte für neunzig Minuten allen Kummer, alle Sorgen hinweg wie faules Treibholz. Das Publikum lachte noch, als die Schauspieler sich am Schluß feierlich verbeugten.

Eine kleine Feier ...

Das heißt, mit der Feierlichkeit war es nicht weit her.

Gustav Fröhlich, Ingeborg von Kusserow, Mady Rahl, Wilhelm Bendow, Aribert Wäscher (der einen wahrlich irrsinnig komischen Irrenarzt gespielt hatte), Georg Thomalla, sie wurden von dem allgemeinen Lachkoller angesteckt und bogen sich. Als es im Saal wieder hell wurde, sah ich sogar einige Filmkritiker lachen.

Allerdings sehr verschämt. Hinter vorgehaltener Hand. Wir feierten unsere erste Premiere mit Erdbeersekt (die Flasche zu 200 Mark), Alcolat (einem widerlich süß schmeckenden Alkoholersatz) und Marmeladestullen (Vierfrucht, aus einem zerbombten Ruinenkeller).

Wir wußten, daß unser Film keine Chance hatte, für den »Oscar« nominiert zu werden. Er war beileibe kein Kunstwerk, weiß der Himmel, nein. Aber er war anständige Arbeit. Am Tage darauf vermißte ich die Morgen-, Mittags- und die Abendzeitungen und überlegte mir gerade, ob die Drucker streikten oder ob wieder mal die lieben Besatzer schuld daran waren.

Vernichtende Kritiken (von den verlogenen Kritikern)

Ich fragte Maria und die Mutter von Maria nach den Zeitungen, und beide drucksten sie herum. Na, was war? Sie hatten die Zeitungen vor mir versteckt. »Her damit«, sagte ich. Sie brachten sie zitternd vor Angst. Ich schlug den Feuilletonteil auf, und schon begann ich mitzuzittern. Vor Wut.

»Protest!« schrieb der spätere Star-Kritiker Friedrich Luft in der »Neuen Zeitung«.

»Hier kommt deutlicher Protest gegen den ersten Film der >Studio 45 Film GmbH<. Man reibt sich die Augen und hält es nicht für möglich ... Daß Heiterkeit notwendig ist - darüber kein Wort. Aber was ist dies hier? Menschen bevölkern die Leinwand, die uns fremder sind als die Steinzeitbewohner. Keiner und keine, die auch nur von fern an Arbeit erinnerten. Vor den glatten Lustspielgesichtern erfaßt uns heute das schlechte Gewissen.«

Die anderen Kritiker sprachen sich ähnlich aus. Auch die, die im Kino gelacht hatten, verrissen uns. Es waren die ersten Kritiken meines Lebens, und ich nahm sie entsprechend ernst. Das Weihnachtsfest war mir gründlich verdorben. Bei »Stille Nacht« mußte ich dauernd an die leeren Abendvorstellungen denken.
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Weihnachten 1946 - meine Maria hatte Recht

»Wer diese Kritiken liest, wird nicht in den Film gehen«, sagte ich düster. »Niemand wird diesen Film sehen wollen. Kein Mensch. Absolut niemand. Wir sind pleite, total pleite.«

»Alle! Alle werden sie ihn sehen wollen.« Wer so sprach, war Maria. »Und weißt du auch, warum: weil die Menschen endlich einmal wieder lachen wollen.«

Sie sollte recht behalten. Dieses wundervolle Mädchen, das ich kurze Zeit später auf "Lebenszeit" engagierte. »Sag die Wahrheit« wurde ein Renner. Er rannte im Triumph durch die Kinos Westdeutschlands.

Allein in der »Filmbühne Wien« (ein Berliner Filmtheater im Haus Wien am Kurfürstendamm 26) ließ er elf Wochen lang die Kinokassen klingeln.
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"Aber nach wie vor, ich wollte »Morituri« machen !"

So arbeitete ich verbissen an der Realisierung des Films, der mir am meisten am Herzen lag: »Morituri«. Es tauchten jedoch immer neue Schwierigkeiten auf. Wahre Himalayas von Schwierigkeiten.

Ich war schließlich gezwungen, vorher doch noch den anderen Film zu machen. Den heiteren. Und ich entsann mich meines Gesprächs mit Gustav Fröhlich.

Wie man einen Schaupspieler ködert

Wenn ich heute für einen neuen Film einen Star brauche, wende ich mich an seinen Agenten. Oder ich rufe ihn einfach selbst an. Man vereinbart einen Termin, trifft sich zu einer Konferenz, macht den Vertrag.

Damals aber, im Jahre Null der deutschen Filmproduktion, gab es weder Agenten noch Telefone, und in welchen Winkel es den in Aussicht genommenen Hauptdarsteller verschlagen hatte, wußte man auch nicht immer. Ich brauchte eine Weile, um herauszukriegen, daß Gustav Fröhlich in München saß.

Ich telegrafierte ihm, schrieb ihm, versuchte ihn über Freunde zu erreichen. Ohne Erfolg. Die Vorbereitungen zu »Herzkönig«, so sollte der Film heißen, waren fast abgeschlossen, und ich hatte noch keinen Hauptdarsteller. Kurzerhand entschloß ich mich, nach München zu reisen.

An einem bitterkalten Januarabend stand ich vor Fröhlichs Wohnungstür und preßte meinen Daumen auf den Klingelknopf.
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Die Geschichte ist so abenteuerlich - darum meinen Spezialdrink

Doch bevor ich weiter erzähle, muß ich mir dringend einen Drink machen. Meinen Spezialdrink.

Die Geschichte ist so abenteuerlich, daß ich mich jedesmal von neuem aufrege. Mein Drink besteht aus einem Glas warmem Wasser, zwei Teelöffeln Apfelessig (in jedem Reformhaus zu bekommen) und zwei Teelöffeln Bienenhonig. Das Ganze wird sorgfältig miteinander verrührt und schön langsam, Schluck für Schluck, getrunken. Die Wirkung ist frappierend.

Früher war ich manchmal lustlos, desinteressiert, ja richtig depressiv. Bei einem Berliner Filmfestival war es so schlimm, daß ich mich einem unserer Hausgäste anvertraute. Er hieß Kirk Douglas, und ich brauche nicht länger zu erklären, wer das ist.

Kirk hörte mir zu, ging auf sein Zimmer, kam mit einem Glas zurück, in dem eine weißlich-gelbe Flüssigkeit schwamm, und meinte: »Nimm das regelmäßig, Artur. Nach ein paar Wochen wirst du dir vorkommen wie Tom Mix und Buffalo Bill zusammen.«

Recht hat er gehabt.

Mit Gustav Fröhlich in seiner Küche

Ich klingelte also an Fröhlichs Wohnungstür in München. Kurz darauf saßen wir in seiner Küche, und ich sagte ohne Umschweife: »Ich will jetzt den Film machen, über den wir damals gesprochen haben. Sie stehen doch noch zu Ihrer Zusage?«

»Stehe ich«, sagte Fröhlich und fuhr fort: »Also, am besten ist es, Sie kommen noch einmal mit dem Regisseur und dem Drehbuchmann, und wir besprechen alles in Ruhe, und wir können dann ...«

»Von Ruhe«, unterbrach ich ihn, »kann keine Rede sein. Drehbeginn ist nächste Woche. Ich bin hier, um Sie mit nach Berlin zu nehmen.« »Womit?« fragte Fröhlich.

Das war eine berechtigte Frage. Fliegen durfte man nicht, die Eisenbahn war total unzuverlässig und Autos hatten Seltenheitswert. Ich aber besaß eines und sagte es Fröhlich.

»Darf ich dieses Auto einmal sehen?« fragte er. Wir traten auf die Straße. Fröhlich ging dreimal um meinen uralten klapprigen Fiat herum, sah mich an und sagte mit leidendem Gesicht: »Herr Brauner, ich habe schon viele Automobile in meinem Leben gesehen, solch einen Vogel aber noch nie.«

»Ich weiß, daß er keinen Schönheitspreis verdient, mein Vogel, aber er fliegt, und wie!« Um ihm die Solidität meines Kraftwagens zu beweisen, trat ich wuchtig gegen den rechten Vorderreifen. Es klirrte und schepperte. Ein Kotflügel löste sich sacht und fiel aufs Pflaster. Gleichzeitig ertönte die Hupe.
»Genau das!« brüllte Gustav, um den Hupenlärm zu übertönen, »genau das hatte ich erwartet.«
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Eine wilde Autofahrt auf Eis - bis zur Zonengrenze

Nun, es gelingt mir, ihn ins Auto zu bugsieren. Tränenreicher Abschied von seiner Frau. Wir fahren los in Richtung Hof. Die Autobahn ist spiegelglatt. Mein Fiat kann sich offensichtlich nicht erinnern, wann seine Reifen das letztemal ein Profil hatten.

Er tanzt über das Eis wie einst Sonja Henie. Jedesmal, wenn er tanzt, spüre ich Fröhlichs vorwurfsvollen Blick auf meiner Wange brennen. Nach neun Stunden sind wir kurz vor der Grenze. »Halten Sie Ihren Interzonenpaß bereit«, sage ich.

»Interzonenpaß«, stottert er und fängt an, seine Taschen umzudrehen. Er sucht und sucht. »Mein Gott . . .« Mein Gesicht sinkt auf den Volant. Er hat keinen, hat keinen Interzonenpaß, hat ihn einfach vergessen. Zurück nach München? Niemals! Ich richte mich auf. »Ich bringe Sie trotzdem rüber. Wozu spreche ich Russisch«, sage ich entschlossen.

Auf der Westseite geht auch alles gut. Als die Beamten sehen, daß sie Gustav Fröhlich vor sich haben, lassen sie sich Autogramme geben und drücken ein Auge zu.
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Die Russen sehen das ganz anders

Wir rollen auf den russischen Schlagbaum zu. Der Offizier kontrolliert meinen Paß. Er schaut Gustav Fröhlich fragend an. Der zeigt hilflos auf mich. »Passport, Propusk, Interzonenpaß«, drängt der Offizier.

Ich steige aus, nehme den Major beiseite und sage in geheimnisvollem Ton: »Wissen Sie, wer der Mann da im Auto ist? Es ist der weltberühmte Schauspieler Gustav Fröhlich, der Mann, der Goebbels geohrfeigt hat.«

Daß Gustav Fröhlich dem Herrn Reichspropagandaminister eine Ohrfeige verabreicht hatte, pfiffen schon in der Nazizeit die Spatzen von den Dächern. Es hatte sich auch bei den Besatzungstruppen herumgesprochen.

Mein Offizier geht wieder zum Wagen zurück, steckt den Kopf ins Fenster, starrt Fröhlich an, sagt: »Du Goebbels peng-peng?« Ohrfeigt sich grinsend. »Characho, characho. Du prima.« Er lacht, klopft ihm auf die Schulter, wendet sich an mich. »Er hat Naziminister geohrfeigt, gutt, särr gutt. Passport braucht er trotzdem.«

Der russische Kommandant muß gefragt werden

Ich frage, wo sein Kommandant wohnt. Der wohnt in Gutenfürst, vier Kilometer von hier. Ich fahre hin. Es ist drei Uhr früh. Ich klopfe, hämmere gegen die Tür. Einen sowjetischen Kommandanten um diese Zeit zu wecken, na, das ist schon eine Frechheit, grenzt geradezu an Selbstmord. Ach, umbringen wird er mich nicht gleich.

Endlich macht jemand auf, die Hose hängt dem Jemand in den Kniekehlen, er zieht sie hoch, es ist der Oberst persönlich. Er schaut mich an, als wolle er mich kalt frühstücken.

»Bitte, hören Sie mir einen Moment zu«, flehe ich. Ich erzähle ihm, daß ich Filmproduzent bin, vom Kontrollrat die Genehmigung habe, mein Hauptdarsteller an der Grenze sitzt, keine Papiere hat, nicht durchgelassen wird. Ich hole Luft, sage halblaut: »Und wissen Sie, wer der Mann ist? Es ist der weltberühmte Schauspieler Gustav Fröhlich, der Mann, der Goebbels geohrfeigt hat.«

Der Kommandant schreit: »Den muß ich sehen!«, steigt zu mir ins Auto. Wir fahren zurück zur Grenze. Fröhlich steht draußen in der Kälte, minus 24 Grad, und sieht aus wie eine Eiswaffel. Der Kommandant sagt: »Kommen Sie in die Baracke. Wir trinken ein Fläschchen Wodka. Was soll sein.«

Gustav Fröhlich, der Mann, der Goebbels geohrfeigt hat

Wir gehen in die Baracke, hocken uns um den Kanonenofen, Gustav muß erzählen. Und noch mal. Und wieder. Wir trinken. »Nasdrowje! Prost!« Wir trinken.

Der Kommandant kann die Ohrfeigenstory gar nicht oft genug hören. Dann muß er mal. Ich folge ihm dorthin, sage beschwörend: »Können Sie das verantworten, den Herrn Fröhlich nicht durchzulassen?
Einen Helden, einen Antifaschisten, einen Menschen, der ...«
»... Goebbels geohrfeigt hat. Weiß ich ja. Hast du mir erzählt.«

Er knöpft sich die Hose zu. »Na, also gut, fahr los, Brüderchen, laß dir einen Zettel geben, was soll sein. Doswidanja, Towarischtsch, wiedersehen, das heißt, lieber nicht.« - »Ab, los, nichts wie weg«, raune ich Fröhlich zu, als wir den provisorischen Passierschein endlich haben. Wir fahren, fahren.
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Ein kaputter Reifen bei minus 24 Grad.

Meine Augen brennen. Ich singe, damit ich nicht einschlafe. Fröhlich flucht. Flucht auf Gott und die Welt, und auf mich flucht er besonders. »Worauf habe ich mich da bloß eingelassen! Warum bin ich bloß nicht in München geblieben, warum, warum . . .«, so geht das in einer Tour.

Der Wagen macht plötzlich »ratta - tatta - peng - peng - puff«, schleudert nach links, nach rechts, dreht sich zweimal um die eigene Achse, bleibt quer zur Fahrbahn stehen und geht langsam, ganz langsam links in die Knie. Reifenpanne! Ein kaputter Reifen bei minus 24 Grad. Und nichts dabei. Kein Wagenheber, kein Flickzeug, überhaupt gar nichts.

Ich stelle mich auf die Straße und winke. Keiner hält. Ich würde auch nicht halten. Bei dieser Kälte, mitten in der sowjetischen Zone, bei Stockfinsternis.

Ein eisiger Wind hat sich aufgemacht, beißt in unsere Gesichter, dringt bis ins Mark. Wir stampfen mit den Füßen und rennen im Kreis herum. Gustav fängt wieder gotteslästerlich zu fluchen an. »

Ich werde erfrieren, Herr Brauner, ich bin schon erfroren. Wenn ich hier krepiere, dann haben Sie das zu verantworten, nur Sie, Herr Brauner . . .«

Der letzte Versuch klappt - ein russischer Genral rettet uns

Plötzlich drehe ich durch. Die Müdigkeit, die Kälte, die nervlichen Strapazen entladen sich. Ich packe Gustav an den Revers seines Mantels und schreie ihn an: »Ich dachte, Sie sind ein Mann, ein Kerl! Einer, der den Mumm hatte, Goebbels zu ohrfeigen. Ja, verdammt noch mal, davon müßte man doch auch jetzt was merken.«

Ich stelle mich mitten auf die Fahrbahn und bin entschlossen, mich vom nächsten Auto überfahren zu lassen. Wenn es nicht hält. Es hält. Aus dem Fonds klettert ein Mann. Es ist wieder ein Russe. Diesmal sogar ein General. Nebst Frau, drei Kindern und einem Burschen.

Bevor ich mit meiner Ohrfeigengeschichte anfangen kann, hat er seinem Burschen einen Wink gegeben. Der kramt einen Wagenheber heraus, montiert den Reifen ab, reißt den Mantel herunter, holt Flickzeug, nimmt sich den Schlauch vor, sucht das Loch, er sucht und sucht und sucht, der General stapft auf und ab, die Frau hockt im Wagen, friert, fragt x-mal »Was ist, Pjotr Iwanowitsch?«, die Kinder greinen, der General schweigt, stapft, schließlich schreit der Bursche: »Das Loch!«

Und dann - per Du mit Gustav Fröhlich

Er hat es gefunden, beginnt zu flicken, endlich ist es geschafft, fast eine Stunde ist vergangen. Der schwere SIM braust davon, ehe wir uns richtig bedanken können.

Als wir nach neunzehn Stunden endlich den Funkturm vor uns auftauchen sehen, ist das erste, was ich tue: ich entschuldige mich bei Fröhlich. Wegen meines Ausbruchs vorhin. Schließlich muß ich mit ihm die nächsten vier Wochen arbeiten.

»Eigentlich müßte ich mich bei dir entschuldigen«, sagt er und duzt mich plötzlich.
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