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Die Lebensbiografie von Heinrich Fraenkel aus 1960

In diesem Buch beschreibt Heinrich Fraenkel (1897-1986†) seinen Werdegang und seine Erfahrungen mit den Menschen aus seinem persönlichen Umfeld, den Politikern, den Künstlern und auch den einfachen Menschen. Aus diesem Grund ist seine Biografie so wichtig für das Verstehen seiner beiden dicken Filmbücher, die er 1957 und 1958 geschrieben hatte.

Die einführende Start-Seite dieses Buches finden Sie hier.

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Das Ende meines kurzen Ausflugs in die aktive Politik

Am Vorabend des Tages, an dem diese Erklärung in den Zeitungen stand, hatte ich noch ein Erlebnis, das meinen kurzen Ausflug in die aktive Politik auf eine ebenso drastische wie unterhaltsame Weise abschloß.

Es war für diesen Abend eine öffentliche Debatte angezeigt, unter dem für ein so ernstes Thema etwas neckischen Titel: Finden Sie, daß Lord Vansittart sich richtig verhält?
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Der getarnte Kommunist Professor Alfred Meusel

Ich hatte schon mehrere Wochen vorher meine Teilnahme zugesagt und wußte nur, daß der andere Sprecher Professor Alfred Meusel war, einer unserer führenden (obschon »getarnten«) Kommunisten, der jetzt (1960) übrigens seit vielen Jahren eine Professur an der (Ost-) Berliner Humboldt-Universität hat.

Da ich ein paar Tage auf dem Lande gewesen war und erst unmittelbar vor der Veranstaltung in die Stadt kam, hatte ich die öffentlichen Anzeigen der Thema-Änderung übersehen, und das veranstaltende Komitee hatte es offenbar vergessen, mich zu informieren, daß die Debatte um das hochaktuelle Thema gehen sollte:

Finden Sie, daß die Oder-Neiße-Grenze richtig ist? Als ich das Podium betrat, war ich wohl der einzige in dem überfüllten Saal, dem das Thema der Debatte unbekannt war. Ich wunderte mich nur etwas über die ungewohnte Fülle und vor allem darüber, daß auch ein paar Dutzend Sozialdemokraten und andere Nichtkommunisten in dem etwa zu dreiviertel von KPD-Leuten und ihren Mitläufern gefüllten Saal erschienen waren.
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Kontext der Kommunisten : Er sagte das genaue Gegenteil von dem, das er einige Wochen vorher gesagt hatte

Der junge Kamnitzer - Meusels Adlatus und heute ebenfalls Professor an der Humboldt-Universität - eröffnete die Debatte und bat Meusel, zunächst das Thema zu umreißen. Der sagte darauf, das ein guter Kommunist zu diesem Zeitpunkt zu diesem Thema zu sagen hatte, also das genaue Gegenteil von dem, das er einige Wochen vorher gesagt hatte.

Als dann die Reihe an mich kam und ich sofort erklärte, daß ich der entgegengesetzten Meinung sei, gab die Mehrheit der Hörer ihrer Überraschung und ihrem Entsetzen so unverhohlenen Ausdruck, daß ich daraus wieder eine nützliche kleine Lehre über die Wirkung der KP-Disziplin empfing.

Diese Leute (die weder von meinem Austritt noch von unseren nur in den Ausschußsitzungen ausgepaukten Differenzen etwas wußten) hatten offenbar meine Linientreue schon als so selbstverständlich vorausgesetzt, daß ihnen mein Widerspruch unfaßbar erschien.

Um so mehr freute sich offenbar die Minorität der paar Dutzend Sozialdemokraten und anderer Nichtkommunisten.
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Und nun wurde die Debatte recht lebhaft.

Nachdem Meusel die der neuen Linie gemäße »historische Begründung« für die von den Polen geforderte Gebietsabtretung gegeben hatte, bat ich ihn, das doch ein wenig genauer zu erklären, auch im Hinblick auf die russischen Ansprüche auf Teile von Ostpreußen.
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Die polnischen Ansprüche gingen zurück auf die Kreuzritter ....

Er tat das mit gewohnter Gründlichkeit, und als dabei unvermeidlicherweise die Kreuzritter erwähnt wurden, unterbrach ich ihn. Er möchte uns doch bitte in seiner Eigenschaft als Geschichtsprofessor erklären, warum eigentlich nicht die Schweden unter Berufung auf Karl XII. ganz Norddeutschland beanspruchen könnten: ein Anspruch, der immerhin um einige Jahrhunderte aktueller wäre als einer, der bis auf die Zeit vor den Kreuzrittern zurückging; und warum sollten sich die Engländer nicht auf den fünften Heinrich berufen und ganz Frankreich beanspruchen?

Die Schlacht von Agincourt war ja auch Jahrhunderte nach den Kreuzrittern. Wenn es aber auf ein paar Jahrhunderte nicht ankäme, so schloß ich meine Frage, warum sollten sich dann die Italiener nicht auf Julius Cäsar berufen und zumindest ganz Südengland beanspruchen?
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Soweit hatte ich den ganzen "Laden" aufgemischt .....

Aus der Reaktion der Hörer war zu merken, daß nicht nur die Minderheit der Nichtkommunisten freundlich zustimmte, sondern daß auch unter der Mehrheit der Mitläufer einige schwankend wurden.

Professor Meusel, sonst die Ruhe selbst, war offensichtlich verärgert und erklärte, das seien Haarspaltereien, die am Thema vorbeigingen. Ich erwiderte, daß ich nicht nur Haarspaltereien, sondern auch jegliche Art von Scheinheiligkeit verabscheue.

Wenn die Russen die Absicht hätten, die Polen für die ihnen an ihrer Ostgrenze weggenommenen Gebiete durch deutsches Land jenseits ihrer Westgrenze zu entschädigen, dann solle man das nicht durch verlogene pseudohistorische Argumente zu begründen versuchen; dann solle man das Kind beim rechten Namen nennen und offen zugeben, daß es sich hier um machtpolitische oder, höflicher gesagt, um realpolitische Ansprüche handelt.
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Es ging Herrn Meusel nur um die verdeckte Machtpolitik

Hier warf Meusel ein, daß Hitler im Namen des deutschen Volkes die schlimmste Machtpolitik getrieben habe und mit machtpolitischen Argumenten die Eroberung von fast ganz Europa zu rechtfertigen suche.

»Sehr richtig«, sagte ich, »und er würde gewiß auch die Eroberung der ganzen Welt machtpolitisch rechtfertigen, wenn man ihn gewähren ließe. Aber würde denn nicht der Krieg gegen das Hitlerreich und den Faschismus geführt, eben um die Hitler-Methoden aus der Welt zu schaffen?

War das nicht von Stalin selbst noch vor wenigen Wochen als das wesentliche Kriegsziel bezeichnet worden? War es nicht in der Atlantic Charta und in anderen feierlichen Erklärungen der westlichen Staatsmänner immer und immer wieder betont worden? Warum also der neue scharfe und machtpolitische Zug? Und warum gerade aus dem Osten?«

Darauf blieb mir Meusel die Antwort nicht schuldig, denn gerade für diesen naheliegenden Debattepunkt hatte die »Neue Linie« eine Menge reichlich dokumentierter Argumente parat.

Es waren eben die immer schlimmeren Untaten der Waffen-SS und der Gestapo, es war die fürchterliche Blutschuld solcher im Namen des deutschen Volkes begangenen Verbrechen, für die jetzt alle Deutschen büßen müßten.
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Ab jetzt müßten alle Deutschen für Hitler büßen

Ich unterbrach den Professor mit der Bemerkung, daß uns die Untaten der Gestapo nicht erst seit vier Wochen bekannt seien, und daß auch die Waffen-SS sich nicht gerade wie Musterknaben benommen hätten, als man in Moskau noch durchaus bereit war, zwischen Volk und Regime zu unterscheiden und als man feierliche Zusagen solcher unterschiedlichen Behandlung machte.

Auch darauf wußte der Professor eine Antwort und war geschickt genug, bei dieser Gelegenheit die »Linienänderung« zu erwähnen und zu ironisieren. Es sei Unsinn, so erklärte er, von einer »Linienänderung« zu reden; was vor vier Wochen noch richtig gewesen sein mag, könne heute falsch sein.

Die Zeit stehe eben nicht still ......

Die Zeit stehe eben nicht still, und die in Rußland und Polen von der Gestapo verübten Untaten würden leider von Tag zu Tag schlimmer. Damit steige aber auch das Schuldkonto des deutschen Volkes, und es sei jetzt an der Zeit, den hartgeprüften Polen für das schwere Leid, das man ihnen zugefügt habe, wenigstens einen materiellen Ersatz zu bieten.

Ich erwiderte, daß ich für das schwere Leid und Unrecht, das den Polen durch das Hitler-Regime zugefügt wurde, volles Verständnis und viel Sympathie hätte, und daß es später gewiß eine Ehrenschuld des deutschen Volkes sein müßte, den materiellen Schaden soweit wie möglich gutzumachen, daß ich aber andererseits nicht einsehen könne, wie ein begangenes Unrecht dadurch wiedergutzumachen sei, daß man neues Unrecht begehe.

Zugegeben, den Polen sei schlimmes Unrecht geschehen: - aber könnte man eine polnische Mutter für die Ermordung ihres Sohnes, einen polnischen Bauern für die Zerstörung seines Hofes entschädigen, indem man das neue Unrecht beginge, Gebiete, die seit Jahrhunderten deutsch seien, gewaltsam aus dem deutschen Volkskörper herauszureißen?
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Als dem Professor die Mehrheit der Hörerschaft entglitt

Hier versuchte der Professor beruhigend einzulenken. Er verspürte wohl, daß in dem labilen Teil der Hörerschaft die Mehrheit ihm entglitt, also offenbar für die ganze Schärfe der neuen Linie noch nicht reif war. Er erklärte also, daß auch in der Politik nichts so heiß gegessen würde, wie es gekocht sei.

Man habe zwar als Deutscher die Anstandspflicht, die Gebietsforderungen der Polen mit sympathischem Verständnis zur Kenntnis zu nehmen, aber inwieweit sie schließlich erfüllt würden, das sei nicht zum wenigsten vom Benehmen des deutschen Volkes abhängig, also von dem Maß des Widerstandes, der in den nächsten Wochen und Monaten spürbar würde.

Ich erwiderte, daß wir uns wohl alle - manch einer in diesem Saal aus bitterer und schmerzhafter persönlicher Erfahrung - über die Schwierigkeiten klar seien, einer bis an die Zähne bewaffneten Staatsmacht inneren Widerstand zu leisten, und daß trotzdem viele Tausende von Deutschen ihr Leben dafür eingesetzt und nicht weniger Heldenmut bewiesen hätten als die Widerstandskämpfer in den besetzten Gebieten.

»Nicht genug«, rief jetzt der Professor und fuhr mit einer für diesen sonst so phlegmatischen Mann ungewöhnlichen Erregung fort, jetzt oder nie sei es an der Zeit für das deutsche Volk, sich zu bewähren und sich damit einer von seinem Verbrecherregime unterschiedlichen Behandlung würdig zu erweisen. Dann und nur dann wäre es vielleicht möglich zu erwägen, inwieweit die zur Debatte stehenden Gebietsforderungen gemildert werden könnten.
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Wer maße sich an, die Deutschen zu zensieren ?

Das sei - so erwiderte ich - eine hoch interessante Perspektive. Die Frage sei dann nur, wer bei dieser Zensurenverteilung an das deutsche Volk als der entscheidende Studienrat fungieren solle, und nach welchen Gesichtspunkten die Zensuren zu erteilen seien.

Etwa: Deutsches Volk kriegt Note 5, es wird ihm also ganz Ostpreußen, Westpreußen und Schlesien weggenommen. Oder: Deutsches Volk hat Note 4 oder 3-4, es darf also Pommern und vielleicht auch Teile von Schlesien behalten. Oder gar: Bravo, deutsches Volk, du kriegst Note 2 und vielleicht sogar 1-2, die Polen können uns also am Abend besuchen.
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Die Versammlung endete zum Schluß im Tumult

Ich erinnere mich, den Satz genauso gesprochen zu haben - und da ich wütend war, sprach ich nicht gerade leise - aber nach dem ersten Vokal des vorletzten Wortes wurde der Tumult so groß, daß meine letzten beiden Worte übertönt wurden und die Versammlung zu einem ziemlich turbulenten Ende kam.

Die SPD-Mitglieder und die anderen Nichtkommunisten brüllten vor Vergnügen, und die KPD-Leute machten ihrem Ärger nicht minder geräuschvoll Luft. Es kam zu hitzigen Privatdebatten und sogar zu einigen Handgreiflichkeiten. Die Versammlung wurde geschlossen.

Die Trennung von den Kommunisten war vollzogen

Als am nächsten Tage die Begründung meines Austritts aus der FDB durch die Presse ging, bekam ich eine Menge Glückwünsche, aber sie machten mich nicht froh. Manche dieser Schreiben machten mich sehr traurig, und manche waren so töricht, daß ich nicht umhin konnte, an die Gellertsche Fabel zu denken:

  • Wenn Deine Schrift dem Kenner nicht gefällt
  • Dann ist es schon ein böses Zeichen
  • Doch wenn sie gar des Narren Lob erhält
  • Dann ist es Zeit, sie auszustreichen.


Nicht als ob ich die Absicht hatte, meine »Schrift auszustreichen«. Ich wußte, daß der von meinen Freunden und mir gemachte Trennungsstrich richtig und unter den Umständen unvermeidlich war, aber ich wußte auch, daß damit keines unserer Probleme gelöst und keines unserer Ziele erreicht war; ich wußte, daß früher oder später die gleichen Probleme zur Lösung drängen würden.

Ein paar Tage später hatte ich mit Erich Ollenhauer und Fritz Heine ein Gespräch über diese Dinge. Ollenhauer sagte, er freue sich, daß ich nun endlich aus diesem »Verein« ausgetreten sei, und ich sähe nun hoffentlich ein, wie recht er gehabt hätte, den Beitritt für sich und den Parteivorstand kategorisch abzulehnen.
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Zurück blieben ganz viele "Wenn" und "Aber"

In diesem Punkte konnte ich seine Meinung noch immer nicht teilen. Ich sagte ihm, daß es zwar ganz effektvoll sein mag, mit einer schönen Geste die Tür hinter sich zuzuknallen, daß aber der Schmollwinkel leider kein sehr nützlicher Aufenthaltsort sei. Hätte er der FDB das Prestige seiner Persönlichkeit geliehen, dann wären wir nicht eine kleine Minderheit gewesen; dann hätten wir mit dem moralischen Gewicht des SPD-Parteivorstandes und dem numerischen Übergewicht seiner Mitglieder die Bewegung majorisiert; dann wären wir die beati possidentes; dann wären also nicht wir ausgetreten, sondern die Kommunisten hätten die Freie Deutsche Bewegung verlassen müssen, und zwar mit der gewiß etwas peinlichen Begründung, sie seien zu der plötzlichen Überzeugung gekommen, daß Breslau eigentlich eine alte polnische Stadt sei.

Immerhin war das jetzt nur noch eine akademische Frage. Die FDB wurde freilich nach unserem Austritt nicht mehr als überparteiliche Bewegung ernst genommen, sondern galt nur noch als eine der vielen kommunistischen Tarnorganisationen, die es in immer steigendem Maße gab, während in Teheran und Yalta schon die Saat ausgestreut wurde, aus der die Konflikte der Nachkriegszeit wachsen sollten.
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Frühjahr 1945

Ich verbrachte die letzten Kriegsmonate im Frühjahr 1945 vorwiegend auf dem Lande, meistens in Essex, dort hatte ich eine Reihe von Kursen über deutsche Geschichte zu halten. Als die Nachricht von Hitlers Selbstmord über den Deutschlandsender kam, war ich gerade in Thaxted, demselben malerischen Städtchen, in dem ich mir später in den 19fünfziger Jahren ein uraltes Landhäuschen ausbauen lassen würde, um mich dauernd dort anzusiedeln.

An jenem 30. April des Jahres 1945 wäre mir freilich dieser Gedanke so absurd erschienen, wie etwa die Vorstellung, daß die soeben in Schutt und Asche gesunkenen Reste des Hitler-Regimes jemals wieder auferstehen könnten.
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Ich hatte es jetzt sehr eilig, "heim" zu kommen

Und die Heimat war mir damals noch Deutschland und vor allem Berlin.

Ich fuhr also schnell nach London, um mich mit unserer alten Freundin und Trauzeugin Ellen Wilkinson zu beraten, die damals einen Ministerposten in der Churchill-Attlee-Koalitionsregierung hatte. Sie sagte, daß sie mich gerade anrufen wollte, um mich zu fragen, ob ich einen sehr interessanten Posten in der Britischen Kontrollkommission übernehmen wolle. Meine Einbürgerung könne in diesem Falle sehr schnell durchgedrückt werden.

Ich erwiderte, daß ich weder einen Posten in der britischen Besatzungsbehörde noch die britische Staatsangehörigkeit wünschte; ich wollte Deutscher bleiben und so schnell wie möglich nach Deutschland zurück.

Ellen meinte lächelnd, daß sie genau das erwartet und dem Postenvergeber prophezeit hätte, sie habe sich nur seines Auftrages entledigen wollen. Was freilich die Repatriierung beträfe, so müsse ich mich in Geduld fassen. Die Zustände in Deutschland seien noch völlig chaotisch und unübersehbar. Es würde viele Monate dauern, bis man mit den Repatriierungen beginnen könne.
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Und dann bekam ich einen sehr guten Rat ......

Als sie mein enttäuschtes Gesicht sah, gab mir Ellen Wilkinson, freundlich und hilfsbereit wie stets, einen guten Rat.

Ich müsse ja ohnehin - so meinte sie - zunächst allein fahren, um die Übersiedlung meiner Familie vorzubereiten.

Warum also nicht als Journalist?

Im Auftrag einer englischen Zeitung oder Zeitschrift würde ich bestimmt am schnellsten hinüberkommen. Es war, wie sich bald herausstellte, ein sehr guter Rat.
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