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Die Lebensbiografie von Heinrich Fraenkel aus 1960

In diesem Buch beschreibt Heinrich Fraenkel (1897-1986†) seinen Werdegang und seine Erfahrungen mit den Menschen aus seinem persönlichen Umfeld, den Politikern, den Künstlern und auch den einfachen Menschen. Aus diesem Grund ist seine Biografie so wichtig für das Verstehen seiner beiden dicken Filmbücher, die er 1957 und 1958 geschrieben hatte.

Die einführende Start-Seite dieses Buches finden Sie hier.

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Ich bin (in England) ein »feindlicher Ausländer«

Von Zeit zu Zeit tat er mir die Ehre an, mich bei solchen Gelegenheiten sehr heftig anzugreifen. Wenn das in der Presse geschah, dann konnte ich antworten und tat es auch.

Gegen Angriffe aus dem Oberhaus dagegen war ich wehrlos, aber bei jeder dieser Gelegenheiten bekam ich Dutzende, einmal sogar Hunderte von Briefen, zumeist von Leuten, die mir persönlich unbekannt waren; und sehr viele von Menschen, die mir mitteilten, daß sie zwar meine Ansichten durchaus nicht in jedem Punkte teilten, daß ich mich aber nicht einschüchtern lassen sollte, denn in England habe jeder Mensch, auch ein »feindlicher Ausländer«, das ungeschmälerte Recht, seine Meinung zu sagen.
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Die Nachwirkungen der Vansittart-Broschüre und die Erkenntnisse

So etwas war für mich nicht nur ermutigend, sondern auch lehrreich; und eben das meinte ich vorhin mit der Bemerkung, die Nachwirkungen der Vansittart-Broschüre hätten viel zu meiner Erkenntnis von England und den Engländern beigetragen.

Vermutlich haben solche dann schon längst ins Unterbewußtsein eingegangene Erinnerungen später dazu beigetragen, mich in der schweren Entscheidung des Nationalitätenwechsels zu bestärken.

(Aber soweit war ich damals noch lange nicht, denn diese Entscheidung kam erst fünf Jahre nach dem Kriegsende, das zu jenem Zeitpunkt noch keineswegs abzusehen war.)

Damals fühlte ich mich also noch durchaus als Deutscher und war sogar gerade im Begriff, meinen einzigen Ausflug in eine aktiv (also nicht nur schriftstellerisch) politische Betätigung zu machen. Vorher freilich schrieb ich noch ein Buch.
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Und es gab noch ein Buch "Das andere Deutschland"

Diesmal nicht für Victor Gollancz; aber immerhin mit seinen freundlichen Segenswünschen. Das Buch war für einen neuen Verlag, der eine Serie von Monographien über die vom Hitlerreich besetzten Gebiete herausgab, und bezeichnenderweise - soweit hatte immerhin unser »Anti-Vansittartismus« an Boden gewonnen - es für wesentlich hielt, nicht nur die Widerstandsbewegungen in Frankreich, Belgien, Norwegen usw. zu schildern, sondern auch die in Deutschland selbst.

Ich bekam also den Auftrag, ein Buch über "Das andere Deutschland" zu schreiben, und es wurde mir dafür doppelt soviel Raum gewährt als jedem anderen Buch der Serie; denn es hatte sich eine Überfülle von Material angesammelt, und der Verlag teilte meine Überzeugung, daß die Entwicklung innerhalb Deutschlands gewissermaßen die Schlüsselfrage für jede Widerstandsbewegung im besetzten Europa sei.
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Es war das Jahr 1943

Es war das Jahr 1943 (Anmerkung : Im März Verlust von Stalingrad), es war also auch im militärischen Sinne der Wendepunkt des Krieges, und es war an der Zeit, sich darüber klar zu werden, wie durch den Widerstand innerhalb der »Festung Europa« das Kriegsende beschleunigt und damit das furchtbare Blutopfer Europas verringert werden könne.

Für uns Deutsche ergaben solche Erwägungen einen inneren Konflikt, den ich in dem Buch über "Das andere Deutschland" und in vielen anderen Schriften und Vorträgen betonte: naturgemäß war es für einen Franzosen oder Norweger sehr leicht, ein Nazigegner und zugleich ein guter Patriot zu sein, der sein Land von der Besatzungsmacht des Feindes befreit wissen wollte.
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Die ersehnte Freiheit nur über eine Niederlage

Für uns Deutsche dagegen war die ersehnte Freiheit unseres Volkes jetzt nur noch auf dem Umweg über eine militärische Niederlage zu erreichen, eine Niederlage, die unvermeidlicherweise zunächst unserem eigenen Land und unserem eigenen Volk noch schwerere Opfer auferlegen würde, als es ohnehin schon bringen mußte.

Aber war nicht gerade die unverhältnismäßig furchtbare Größe des deutschen Blutopfers für uns ein Grund, den Krieg so schnell wie möglich zu einem Ende zu bringen, das ohnehin unvermeidlich war?

Und war es nicht gerade deshalb um so dringlicher, von den Alliierten verbindliche Erklärungen zu bekommen, daß sie bereit seien, zwischen dem deutschen Volk und dem Hitlerregime zu unterscheiden und solche Unterscheidung und die entsprechend unterschiedliche Behandlung in ihren Kriegszielen (oder vielmehr ihren Friedenszielen) zu verkünden?

Solche Erwägungen beschäftigten damals jeden Deutschen, der, sei es in der inneren, sei es in der äußeren Emigration, die Entwicklung der nahen Zukunft richtig zu beurteilen wußte, sich also berechtigte Sorgen um die Zukunft Deutschlands und des deutschen Volkes machte.

Am wichtigsten schien es mir, einflußreiche Engländer davon zu überzeugen, daß es innerhalb Deutschlands stetig wachsende Kreise wahrer Patrioten gab, die schon längst einsichtig genug waren, nicht nur die Verbrechen, sondern auch die unaufhaltsame Katastrophe des Hitler-Regimes zu erkennen, und die keineswegs bereit waren, die Zukunft ihres Volkes dem Größenwahn seiner gegenwärtigen Führung zum Opfer zu bringen.
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Dr. Bell, der Bischof von Chichester

Wenn es galt, die Wichtigkeit und Glaubwürdigkeit solcher Erkenntnisse der Britischen Regierung gegenüber zu betonen, erwies sich Dr. Bell, der Bischof von Chichester, als ein unermüdlicher Fürsprecher.

Er war nicht nur ein ungemein sympathischer und kluger Mann, sondern auch ein wahrhaft gütiger Mensch, und er war stets bereit, seine knappe Zeit zu opfern, wann immer ich ihm neue Tatsachen zur Erhärtung unserer These bringen konnte, von der er zutiefst überzeugt war; denn er stand damals schon (über Schweden) in Verbindung mit einigen der Männer, die am 20. Juli des kommenden Jahres ihr Leben für den Versuch hingaben, eben jenem »anderen Deutschland« ans Licht zu helfen.
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1943 - die Unterscheidung zwischen Volk und Regime

Unter den politischen Emigranten gab es schon im Jahre 1943 keinen Zweifel, daß jetzt nicht mehr viel Zeit zu verlieren war, um für die Unterscheidung zwischen Volk und Regime (und die spätere unterschiedliche Behandlung) etwas zu tun.

In diesem Punkte, so schien es mir, sollte jenseits aller parteipolitischen Differenzen Übereinstimmung herrschen. Denn da der Russenfeldzug nicht nur längst im Gange war, sondern (im April 1943) bei Stalingrad schon seinen Wendepunkt erreichte, da die Kommunisten also schon längst den imperialistischen zu einem vaterländischen Krieg promoviert hatten, schien mir - zumindest bis zum nächsten »Linienwechsel« - die Möglichkeit einer Zusammenarbeit gegeben.
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Wenig Gegenliebe bei Erich Ollenhauer und Fritz Heine

Ich fand zwar für solche Ansichten bei Erich Ollenhauer und Fritz Heine wenig Gegenliebe, aber unter meinen anderen SPD-Freunden war doch der eine oder andere ebenfalls der Meinung, man könne in einer so kritischen Situation auf der Suche nach Alliierten nicht allzu wählerisch sein, und es sei jetzt nicht die Zeit, sich gegenseitig die Fehler der Vergangenheit vorzuwerfen und nachzutragen.

Im übrigen würde ja die Deutschlandpolitik der Kommunisten ohnehin im Kreml gemacht, in welchem ja eben das, worauf es ankam - also die Unterscheidung zwischen dem deutschen Volke und seinem Regime - oft genug und ebenso feierlich erklärt würde, wie die Zusage einer späteren unterschiedlichen Behandlung.

Bei aller Skepsis könne man solche feierlichen Erklärungen einer großen Staatsmacht nicht einfach ignorieren; vielmehr müsse man die Russen, um sich nicht selber ins Unrecht zu setzen, beim Wort nehmen.

Seitdem zu Kriegsbeginn die »Volksfront« geplatzt war, hatten sich meine eigenen Beziehungen zu den im Londoner Exil befindlichen Kommunisten sehr gelockert. Ich sah sie allenfalls bei den ziemlich seltenen Veranstaltungen des »Kulturbundes«, zu deren Besuch ich Lust und Zeit hatte.
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Der "Freie Deutsche Kulturbund" - eine Tarnorganisationen

Der "Freie Deutsche Kulturbund" war eine jener Tarnorganisationen, in denen sich die führenden Kommunisten sehr im Hintergrund hielten, um sich um so intensiver ihrer Hauptaufgabe zu widmen, der sehr geduldigen, langsamen (und nicht durchweg erfolgreichen) »Erziehung« der zweiten Emigrantengeneration.

Immerhin rechtfertigte der Bund seinen Namen durch regelmäßige kulturelle Veranstaltungen, organisierte in der Internierungszeit 1940 bis 1941 den Versand von Bücherpaketen in die Lager und gab sich nach außen hin wie ein ziemlich unpolitischer Emigrantenklub.

Viele seiner Besucher hatten in der Tat von dem politischen Hintergrund kaum eine Ahnung. Von den meisten Sozialdemokraten, und besonders vom Parteivorstand, wurde der Klub zwar gemieden wie die Pest; ich aber konnte nicht einsehen, warum ich nicht ab und zu dort ein Konzert oder einen Goetheabend oder eine Silvesterfeier besuchen sollte, und wenn sich dabei die Gelegenheit zu einem herzerfrischenden kleinen Zank mit einem KPD-Führer über den Begriff des »imperialistischen Krieges« ergab, so konnte das manchmal noch amüsanter sein als die Kabarettprogramme, die der Klub von Zeit zu Zeit veranstaltete.
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Der »imperialistische Krieg« - begraben und vergessen

Der »imperialistische Krieg« war nun freilich schon seit zwei Jahren begraben und vergessen, und es schien mir, in dem oben angedeuteten Sinne, höchste Zeit, eine Fühlungnahme mit den Kommunisten zu suchen.

Dabei erwies sich meine eigene Initiative als unnötig; denn eines Tages, als ich gerade beschlossen hatte, am Abend nach langer Pause wieder einmal den Kulturbund zu besuchen, erschien plötzlich und unangemeldet Wilhelm Koenen in meiner Wohnung.

Er sei gerade in der Nähe gewesen, so erklärte er, und er wolle nur schnell einmal guten Tag sagen; man habe sich ja solange nicht gesehen. Er blieb zu einem Gespräch, das viele Stunden dauerte, und es wurde mir bald klar, daß er »in höherem Auftrag« kam.

Aber mir konnte das nur recht sein, denn dieses Gespräch war ja genau, was ich wollte. Ich war auch keineswegs überrascht, zu diesem Zeitpunkt bei den Kommunisten sehr viel Gegenliebe für den Gedanken einer Einheitsfront zu finden sowie die sofortige Bereitschaft zur Mitarbeit an einem Buche, dessen Plan mir schon seit einigen Wochen durch den Kopf ging.
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1943 - "Germany's Road to Democracy"

Das Buch erschien noch im gleichen Jahre (1943) unter dem Titel "Germany's Road to Democracy" und in einer deutschen Ausgabe unter dem Titel "Der Weg zu einem neuen Deutschland". Ich selbst zeichnete als Herausgeber und schrieb eine Einleitung und ein Nachwort.

Der Kern des Buches bestand aus sechs Beiträgen in der Form von ausführlichen Interviews, die ich mit drei Parteimännern veranstaltete, sowie mit einem Wissenschaftler, einem Pastor und einer Frau.

Die Frau war Irmgard Litten, deren Sohn Hans - von Hitler mit unversöhnlichem Haß verfolgt, seitdem er ihn als Gegenanwalt in einem Prozeß der zwanziger Jahre beleidigt hatte - im KZ zu Tode gequält worden war. Der Wissenschaftler war Arthur Liebert, der von 1915 bis 1933 eine Professur an der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität hatte und vorher zwei Jahre lang Vorsitzender der Kant-Gesellschaft war. Der Pastor, ein Mitglied der Bekennenden Kirche, gab seinen Beitrag anonym. Er gehörte vor seiner (erzwungenen) Emigration zum Niemöllerkreis, hatte nach dem Krieg ein Pfarramt in der Nähe von Hamburg und ist leider vor einigen Jahren gestorben.
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Dr. August Weber

Die Parteimänner vertraten diejenigen drei Parteien, die sofort nach Hitlers Machtergreifung, also schon vor der endgültigen »Gleichschaltung«, verfolgt und unterdrückt wurden.

Der Nestor unserer Mitarbeiter war Dr. August Weber, der schon von 1906 bis 1912 als National-Liberaler im Reichstag saß, seit 1917 im Reichswirtschaftsrat und von 1929 bis 1933 wieder im Reichstag, und zwar als Fraktionsführer der neuen (wenn auch sehr zusammengeschrumpften) Staatspartei, die das Erbe der alten Demokratischen Partei übernommen hatte, und in welcher übrigens Webers alter Freund, Theodor Heuss, sein Fraktionskollege war.

Als ehemaliger Vorsitzender im Verband der Deutschen Juteindustrie und Vizepräsident der Commerz- und Privatbank war Weber auch einer der führenden deutschen Industriellen und Finanzmänner, ganz zu schweigen von seiner oldenburgischen Domäne, deren Bewirtschaftung für diesen Mann aus altem friesischen Bauerngeschlecht mehr war als das Sonntagsvergnügen eines Gutsbesitzers.

Weber war ein unerbittlicher Gegner des Regimes und wurde zwischen 1933 bis 1938 nicht weniger als siebenmal verhaftet. Erst 1939 gelang es dem fast Siebzigjährigen, nach England zu entkommen.
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Wilhelm Koenen vertrat die KPD

Die beiden anderen in dem Buch vertretenen Parteien waren die SPD und die KPD, für die natürlich Wilhelm Koenen auftrat, der »rangälteste« der im englischen Exil verfügbaren Kommunisten. Er hatte seit 1919, zunächst für die USDP und später für die KPD, im Reichstag gesessen. Eine Zeitlang war er auch im Preußischen Landtag und viele Jahre lang Berliner Stadtverordneter und preußischer Staatsrat.

Er war übrigens am 27. Februar 1933 der letzte Abgeordnete, der, etwa eine halbe Stunde vor der Brandstiftung, das Reichstagsgebäude verlassen hatte. In der Illegalität gelang es ihm unter großen Schwierigkeiten, der Gestapo zu entschlüpfen. Später ging er über die tschechische Grenze und entkam, nachdem die Tschechoslowakische Regierung einen Auslieferungsantrag des Dritten Reiches abgelehnt hatte, nach London.
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Victor Schiff vertrat die SPD

Der sozialdemokratische Beitrag des Buches wurde von Victor Schiff geliefert, der vor 1933 Pariser Korrespondent des SPD-Organs Vorwärts war. Viele Jahre leitete er das außenpolitische Ressort des Blattes in Berlin und war gleichzeitig der Berliner Korrespondent des Daily Herald, also des Londoner Organs der Labour-Partei.

Von 1933 bis zum Einmarsch der Wehrmacht im Juni 1940 war SchifT Pariser Korrespondent des Daily Herald und entkam noch gerade rechtzeitig nach London. Er hatte übrigens schon als Fünfundzwanzigjähriger dem Stabe der deutschen Friedensdelegation in Versailles angehört und einige Jahre später ein Buch darüber geschrieben, das in mehreren Übersetzungen erschien.

Schiff war von Jugend an und zeitlebens Mitglied der SPD, aber obgleich er im Londoner Exil naturgemäß zu den prominentesten Parteigenossen gehörte, ließ er sich in der Unabhängigkeit seines Urteils selbst von den ebenfalls in London befindlichen Genossen des Parteivorstandes nicht beeinflussen.
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Der Partei-Vorstand sah es nicht gerne ....

Der PV sah es zunächst gar nicht gern, daß Schiff sich an einem Buch beteiligte, das sozusagen eine Einheitsfront mit Kommunisten darstellte; aber schließlich ließen sich Erich Ollenhauer und Fritz Heine überzeugen, daß ein sozialdemokratischer Beitrag in einem solchen Sammelwerk nicht fehlen dürfe, zumal es sich ja um den persönlichen Beitrag eines Sozialdemokraten handelte und nicht etwa eine offizielle Erklärung des SPD-Vorstandes.

Immerhin gab mir der PV die Erlaubnis, als Nachwort zu Victor Schiffs Beitrag einen (durchaus im gleichen Sinne gehaltenen) Auszug aus einer Rundfunkansprache zu veröffentlichen, mit der sich Erich Ollenhauer am Maitage an das deutsche Volk gewandt hatte.

Daß die sechs aus so verschiedenen geistigen und politischen Bezirken stammenden Mitarbeiter in den wesentlichen Punkten gar nicht sehr weit auseinander waren, scheint heute begreiflich, wenn man bedenkt, daß die Kommunisten damals sehr nach »rechts« gerückt waren und sich geradezu nationalistisch gebärdeten.

Sie bedienten sich sogar mit Vorliebe der schwarz-weißroten Fahne des Kaiserreiches, offenbar um dem in Moskau aus den Kreisen der Kriegsgefangenen gegründeten Nationalkomitee Freies Deutschland und dem angeschlossenen Bund Deutscher Offiziere die Zusammenarbeit mit Pieck, Becher, Weinert und den anderen federführenden Kommunisten schmackhafter zu machen.
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Es müßte eben ein durchaus demokratisches Deutschland werden

Jedenfalls betonte Koenen in seinem Beitrag, daß von einer Vergesellschaftung der Produktionsmittel im künftigen Deutschland, so wie er und seine Parteifreunde es sähen, zunächst keine Rede sein könne, es müßte eben ein durchaus demokratisches Deutschland sein.

Auf meine ausdrückliche Frage, wie seine dauernde Betonung der Demokratie mit der kommunistischen Weltanschauung zu vereinbaren sei, antwortete er:

»Kommunismus ist kein Gegenpol der Demokratie. Er ist, im Gegenteil, ihr Gipfelpunkt. Marxistisch denken heißt, die konkreten politischen und wirtschaftlichen Bedingtheiten beachten. Deshalb und gerade weil wir Marxisten sind, kommen wir notwendigerweise zu der demokratischen Lösung. Sie bietet unter den gegenwärtigen Umständen den einzigen Weg aus der nationalen Katastrophe, die durch Hitler verursacht wurde.«
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Die Antworten der Kommunisten kamen aus Moskau

Aus der häufigen Umredigierung seiner Erklärungen und der langen Zeitspanne, die für die endgültige Beantwortung besonders schwieriger Fragen benötigt wurde - wie etwa die Antwort auf die eben zitierte »Gretchenfrage« - aus all diesen und vielen anderen Umständen konnte ich klar ersehen, daß ich es in meinem »Interview« nicht nur mit Koenen zu tun hatte, sondern stets auch mit dem Dutzend führender deutscher Kommunisten, die in England verfügbar waren, und manchmal sogar mit den höheren und höchsten Stellen in Moskau, bei denen im Zweifelsfall rückgefragt wurde.

Wenn man also bedenkt, daß diese Äußerungen, oder vielmehr diese Antworten, auf meine entsprechend präzisierten Fragen durchaus nicht nur die persönliche Meinung eines von mir interviewten Kommunisten darstellten, sondern das Urteil der Partei oder, genauer gesagt, die Entschlüsse des Kreml, dann kann man jenen Antworten und Äußerungen ein gewisses Interesse nicht abstreiten.
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Damals : Erkenntnisse über die kommunistische Denkart und die Methodik des Parteiapparats

Sie sind heute (1960) natürlich nur noch von historischem Interesse, aber für mich waren jene Monate intensivster Arbeit von bleibendem Wert, weil sie mir über die kommunistische Denkart und die Methodik des Parteiapparats sehr lehrreiche Erkenntnisse vermittelten.

So sehr mich ab und zu Koenens Pedanterie irritierte, ich konnte doch nicht umhin, seinen Fleiß zu bewundern, obschon ich genau wußte, daß es sich bei so pedantisch um jedes i-Tüpfelchen besorgter Gründlichkeit nicht nur um den Eifer eines Mannes handelte, sondern gewissermaßen um Kollektiveifer.

Was meinen Mitarbeiter bewegte - denn sein Kollektiv trat mir gegenüber nicht in Erscheinung - dürfte wohl auch die Furcht vor einem »Fehltritt« gewesen sein. Daher seine Vorliebe für Zitate aus einwandfreien Quellen, also etwa von Pieck oder, besser noch, von Stalin oder Lenin.

Im übrigen bin ich auch heute noch überzeugt, daß Koenen und seine Parteigenossen an ihre damaligen Erklärungen ehrlich glaubten, denn sie entsprachen ja der gerade herrschenden Parteilinie. Die Entdeckung, daß Königsberg eine alte russische Stadt sei und Breslau eigentlich Wroclaw hieße und zu Polen gehöre - diese Entdeckung und ihre »historische Begründung« lag noch in der Ferne.
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Die Standardsprüche der Kommunisten aus Moskau

Damals war mehr vom Selbstbestimmungsrecht der Völker die Rede und von Stalins schönem Wort: Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt.

Nicht minder häufig zitiert wurde die schöne Antwort eines russischen Generals an einen Schuljungen, der ihm geschrieben haben soll, daß er sich von Stund' an weigere, die Sprache der SS-Folterknechte zu lernen: »Mein Junge«, soll der General geantwortet haben, „wir führen Krieg gegen das Hitler-Regime, nicht aber gegen das deutsche Volk und gewiß nicht gegen die Sprache, in der Goethe, Heine und Marx geschrieben haben. Es ist eine schöne Sprache, und du kannst sie getrost lernen.«

Das war damals die Parteilinie, und das waren die geistige Atmosphäre und das politische Klima in dem, analog zu ähnlichen Bewegungen in anderen Ländern, unsere Freie Deutsche Bewegung gegründet wurde.
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Die "Freie Deutsche Bewegung"

Sie war sozusagen die praktische Schlußfolgerung unseres Buches "Germany's Road to Democracy", von dem schleunigst und mit einiger Opferbereitschaft aller Beteiligten eine deutsche Ausgabe hergestellt wurde.

Daß ich für die Übersetzung kein Honorar nahm, verstand sich von selbst, aber auch der Verlag brachte der guten Sache ein kleines materielles Opfer, um die paar tausend Exemplare sehr schnell und sehr billig herauszubringen. Sie waren in wenigen Tagen ausverkauft, denn in der deutschen Emigration und ganz besonders in der im Kulturbund herangewachsenen zweiten Generation herrschte für die soeben gegründete FDB ein sehr lebhaftes Interesse, das übrigens auch von der politisch interessierten englischen Öffentlichkeit geteilt wurde.
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Professor Robert Kuczynski und Sohn Jürgen

Die "Freie Deutsche Bewegung" wurde im September 1943 unter dem Vorsitz von Professor Kuczynski (dem Vater) gegründet: nicht etwa von Jürgen Kuczynski (dem Sohn), der sich, wie immer, im Hintergrund hielt und nicht einmal unter den sechzehn Mitgliedern unseres Vorbereitenden Arbeitsausschusses zu finden war, sondern von seinem Vater, der bestimmt kein Linienkommunist war und der Partei gewiß nicht näher stand als etwa August Weber, Victor Schiff und ich.

Der alte Professor Robert Kuczynski galt nicht nur mit Recht und seit vielen Jahren als einer der bedeutendsten Bevölkerungsstatistiker, er war auch ein ungemein liebenswürdiger und kultivierter alter Herr von einer bei seiner Lebensleistung geradezu rührenden Bescheidenheit.

Daß die sechs nicht-kommunistischen Mitarbeiter des Buches der Bewegung beitraten, war selbstverständlich; denn sie entsprach ja zunächst genau den Gedanken, die uns in der Arbeit an dem Buch zusammengebracht hatten. Wir sagten uns, daß man, so lange sie ihre gegenwärtige vernünftige »Linie« vertraten, die Zusammenarbeit mit Kommunisten nicht ablehnen dürfe*.

*) Der Text des Gründungsaufrufs der FDB findet sich im Anhang (S. 238)

»Ihr werdet auf irgendeine, für unsereinen unannehmbare Linien-Änderung nicht lange zu warten haben«, meinte Erich Ollenhauer, als wir uns vergeblich bemühten, ihn und andere Mitglieder des SPD-Vorstandes zum Beitritt zu bewegen. Er lehnte das kategorisch ab, ließ es aber ohne allzu scharfe Berufung auf die Parteidisziplin zu, daß ein paar Sozialdemokraten als Privatpersonen beitraten und somit ihrem Parteigenossen Victor Schiff Gefolgschaft leisteten.
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Russsisches Umdenken - Gründung des Wilnaer Komitees

Ollenhauers Prophezeiung sollte sich sehr bald erfüllen. Die Linienänderung kam zwar nicht so plötzlich und so buchstäblich »über Nacht« wie die des "imperialistischen" und später des "vaterländischen" Krieges. Sie kam sehr allmählich und benötigte mehrere Wochen, um offiziell zu werden.

Den Anfang machte die Gründung des "Wilnaer Komitees" der Wanda Wassilewska und anderer polnischer Kommunisten, die von Stalin (als Gegengewicht der in London ansässigen polnischen Exilregierung) in den Sattel gesetzt wurden; sie durften zwar zunächst nur Schritt, dann aber Trab und bald auch Galopp reiten.

Immerhin erhoben sie sofort den Anspruch auf Schlesien, und gleichzeitig begann ein »Klimawechsel« in den offiziellen russischen Äußerungen über Deutschland.
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Auf einmal waren es "deutsche Räuberhorden"

Es war jetzt mehr von deutschen Räuberhorden die Rede als von der unterschiedlichen Behandlung des Hitler-Regimes und des deutschen Volkes, und der in der Deutschlandpolitik lautstärkste russische Propagandist Ilja Ehrenburg („Der Schwur" sowie „Nur tote Deutsche sind gute Deutsche!") durfte sich in Hetzschriften austoben, die einen ganz neuen Ton hatten und mich veranlaßten, einem jeden der in London befindlichen Kommunistenführer einzeln die Frage vorzulegen:

»Können Sie mir bitte den Unterschied zwischen Ehrenburg und Vansittart erklären?«

Die meisten redeten darum herum, und Koenen weinte fast vor Kummer und erklärte, auf eine so unmögliche und beleidigende Fragestellung gäbe es eben keine Antwort.
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Ein sehr prominenter Kommunist - jetzt in der Ostzone

Der einzige, der mir die Antwort nicht schuldig blieb, war ein nach 1945 in der Ostzone sehr prominenter Kommunist, dessen Namen ich nicht nennen will, um ihn nicht noch nachträglich zu kompromittieren:

»Der Unterschied zwischen Vansittart und Ehrenburg?« meinte er lachend. »Na, das ist doch ganz einfach. Der eine schreibt Englisch und der andere Russisch.«

Das schien mir eine sehr vernünftige Antwort, aber wir hatten damals in der FDB erheblich ernstere Debatten, vor allem über die polnische Grenzfrage. Die Kommunisten behaupteten (uns gegenüber) immer noch, die polnischen Gebietsforderungen seien nicht so ernst zu nehmen; und eines Abends - diesmal nicht in einer Sitzung unseres Arbeitsausschusses, sondern in einer öffentlichen Versammlung - hielt Koenen eine tönende Rede, in der er das von der Sowjetunion garantierte und darum geheiligte Selbstbestimmungsrecht der Völker betonte.
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Die große Rede des Wilhem Koenen

Es sei geradezu eine Beleidigung (so meinte er), der UdSSR und dem großen Förderer ihrer Nationalitäten, Joseph Stalin, zu unterstellen, sie könnten jemals von der feierlich proklamierten Politik des Selbstbestimmungsrechtes abweichen oder gar ihrerseits an die Aneignung deutschen Gebietes denken.

Am nächsten Abend, diesmal in einer unserer Ausschußsitzungen, sagte er das genaue Gegenteil. Offenbar war an diesem Tag die neue Linie offiziell geworden. Koenen hielt also eine nicht minder tönende Rede, in der er »begründete«, warum das deutsche Volk durch die Untaten der Gestapo den Anspruch auf Schlesien verwirkt habe, das ohnehin aus ethnischen und historischen Gründen zu Polen gehöre.

Es kam zu einer sehr erregten Debatte, die für die Mehrheit von uns Nichtkommunisten die letzte in der FDB sein sollte. Ich fuhr für ein paar Tage aufs Land und überlegte die Dinge in Ruhe, dann besprach ich mich mit meinen Freunden, und dann erklärten August Weber, Victor Schiff, Leopold Ullstein, Frau Litten und ich unseren Austritt aus der Bewegung.

Die anderen Nichtkommunisten folgten uns, bis auf ein paar Ausnahmen, einige Tage später. Aus meinem Rücktrittsschreiben an den alten Herrn Kuczynski ging der Begründungssatz durch die Presse. Er schloß: ... weil die "Freie Deutsche Bewegung" nunmehr weder frei ist, noch deutsch, noch eine Bewegung in dem aktiven Sinne, in dem ich dieses Wort verstehe.
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