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Will Tremper - "Große Klappe" - Meine Filmjahre (aus 1997/98)

Wie damals in Deutschland die Filme "gemacht" wurden und was nicht in den Filmheftchen und auf den Filmplakaten geschrieben stand. Auch vom Weg von der Ideenfindung über das Drehbuch bis zum ersten Drehtag wird viel aus der Schule geplaudert. Und sebstverständlich kommen bei Will Tremper auch die Filmsternchen - auch die männlichen - nicht zu kurz. Die erste Seite beginnt hier .....

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23. November 1961 - »The president is shot!«

Ich schrieb den ganzen Winter über, in Ermangelung eigener zündender Ideen, Drehbücher für Horst Wendlandt und seine RIALTO-Film, von denen zwei auch verfilmt wurden: "Zimmer 13" nach Edgar Wallace und "Wartezimmer zum Jenseits" nach James Headly Chase.

Mit Horst, dem Halbrussen, Sohn des nach der Schlacht von Tannenberg bis in die Mark Brandenburg getriebenen Kriegsgefangenen Gregor Gubanow, verband mich eine Freundschaft, die auch nicht zu Ende war, als wir einen eigenen Film in Hollywood machten. Aber darauf komme ich noch.

Mein bewegendstes Erlebnis, das ich nie vergessen werde, spielte sich auf einer abendlichen Nachhausefahrt von Wendlandt ab, mitten auf dem Südwestkorso, kurz vor dem Breitenbachplatz. Ich saß lässig hinter dem Steuer meines Mercedes, rauchte und hörte mir verträumt meine Lieblingssendung im AFN an: Sweet and Lovely, die stets zwischen sieben und acht lief.

Auf einmal wurde die jäh unterbrochen, und eine aufgeregte männliche Stimme rief: »The president is shot!« - und schwupp, lief die Musik einfach so weiter. Ich dachte noch, was war denn das? Als erneut unterbrochen wurde und eine Sondermeldung aus Dallas, Texas, durchkam, die vom Attentat auf Präsident John F. Kennedy berichtete. Na, Sie können sich vorstellen, was da los war!
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Das heikle Thema Ursula oder Renate war verdrängt

Ich raste nach Hause, fand aber meine Frau nicht vor, die wieder bei irgendwelchen Freundinnen steckte, und rief Nachbar Hubschmid an, den ich seit der Beerdigung Ursulas noch nicht wieder gesprochen hatte. Ich kannte die näheren Umstände seiner beendeten Affäre mit Renate Ewert noch nicht, scheute mich auch, nach ihr zu fragen, aber jetzt, durch den Mord an Kennedy, verloren solche Rücksichtnahmen ihre Bedeutung, wurden von dem Weltereignis überschattet.

Paul hatte noch nichts von Dallas gehört und schien auch jäh erleichtert, daß er nicht über Ursula oder Renate reden mußte. Mir kam der Vergleich mit einer brennenden Ölleitung in den Sinn. Die Kennedy-Explosion löschte das heikle Thema einfach aus, wie das Dynamit, das brennende Ölquellen ausbläst.

Überall suchten die Menschen an diesem Abend des 23. November 1963 die Nähe anderer Menschen, um über das Ungeheuerliche in Texas zu diskutieren, kamen sich auf diese ungewöhnliche Weise einander nahe, entwickelten Freundschaften oder begruben frühere Spannungen, die auf einmal nichtig wurden. In Berlin war es jedenfalls so. Wir hatten unseren »Ehren-Berliner« verloren.
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Harry Meyen - der Beginn einer Freundschaft

Wenn ich den Beginn meiner Freundschaft mit Harry Meyen datieren soll, fällt mir nur das Attentat auf Kennedy ein. Wie haben nächtelang zusammengesessen und über nichts anderes geredet. Und als das Thema seine Wirkung langsam verlor, hatten wir uns daran gewöhnt, Tag und Nacht zusammenzuhocken und auch andere gemeinsame Interessen zu erörtern. Harry war damals der Liebling des Berliner Boulevard-Theaterpublikums, der »König des Kurfürstendamms«, wie Friedrich Luft ihn nannte.

Was er auch inszenierte, es funktionierte prächtig, und meistens waren das die Stücke von Neil Simon, dem amerikanischen Erfolgsautor: Barefoot in the Park, Plaza Suite, The Odd Couple, The Sunshine Boys, um ein paar nur zu nennen, die mir gerade einfallen.
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Harry Meyen hieß eigentlich Haubenstock

Harry Meyen war Halbjude und hieß in seiner Jugend Haubenstock, glaube ich, wie sein Stiefvater, der legendäre Pressechef der Scala in der Martin-Luther-Straße. Er war in Hamburg aufgewachsen, dort auch als junger Schauspieler schon sehr erfolgreich gewesen, hatte die attraktive Bühnenschauspielerin Anneliese Römer geheiratet und war mit ihr nach Berlin gekommen, wo sie Mitglied des Barlog-Ensembles am Schiller-Theater wurde.

Und Harry hatte sich hier die Sprechweise und Attitüde eines englischen Lords zugelegt, gab sich arrogant und einsilbig, ungemein trocken und ausgesprochen zynisch, wenn er die richtigen Zuhörer fand.

Es war erschreckend zu sehen, wie er Paul Hubschmid zum Beispiel zurechtstutzte, wenn der zu einem Höhenflug starten wollte. Vor mir verhielt er sich freilich ganz anders, wenn er allein mit mir war, und das waren wir meistens, wenn er nach einer Vorstellung in der Komödie, im Theater am Kurfürstendamm oder im Schloßpark zu einem »Whiskey mit Leberwurstbrot« nachts durch den Garten geschlichen kam.
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Harry Meyen hatte einen ganz bestimmten Lebensplan

Ich war, in gewisser Weise, fasziniert von dem Burschen und seinem Oscar-Wilde-Lebensstil. Er redete über das Theater, als wäre er im Londoner Westend zuhause, las alles, was ihm »very British« vorkam, und verfolgte offensichtlich einen ganz bestimmten Lebensplan.

Was mir, da ich viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt war, gar nicht aufgefallen wäre, wenn er nicht hartnäckig immer mal wieder nach meinem »Lebensplan« gefragt hätte. Er wollte nicht glauben, daß ich »Filme machen und Bücher schreiben« wollte und ansonsten nichts »Höheres« im Sinn hatte.

Von seinem eigenen Plan sprach er nie, aber es muß ihn gegeben haben, und er suchte ihn auf dem direktesten Weg zu realisieren, über die Bekanntschaft mit »berühmten Leuten«. Daß Axel Springer regelmäßig zu uns kam, daß der amerikanische Botschafter uns gelegentlich zum Abendessen einlud, daß Willy Brandt mir leutselige Briefe schrieb und gewisse Chefredakteure mich duzten, all das imponierte ihm über die Maßen.
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Die Idee - Wir machen einen erotischen Episodenfilm

So war er auch Feuer und Flamme, als er eines Tages wieder einmal unangemeldet durch den Garten kam und Jean-Pierre Ponelle bei mir sitzen sah, den Bühnenbildner, und ich Harry sogleich einschloß in den Plan, für den ich Ponelle gerade begeistert hatte:

»Wir machen, wie die Italiener, einen Episodenfilm - jeder dreht vierzig Minuten, und jedesmal handelt es sich um ein interessantes Weib: Der erste dreht die Anmache, der zweite den Beischlaf, der dritte, wie die erste Bumserei schief geht!« - Wie die Schuljungen hoben sie den Zeigefinger und riefen, beinahe unisono: »Ich die Vögelei!«

Und jeder sollte sich sein Traumweib selbst aussuchen

Jean-Pierre hatte darüber hinaus die Idee, daß jeder von uns sein »Traumweib« besetzen sollte. Da er mit der hocherotischen Margit Saad verheiratet war, (oder vielleicht auch erst im Begriff, sie zu heiraten), waren wir überrascht, den mir noch unbekannten Namen der Wienerin Erika Pluhar zu hören. Noch mehr überraschte uns Harry allerdings, der »Romy« sagte und, als ich lachte, sich vehement für sie als »ernsthafte Schauspielerin« einsetzte.

»Mann«, rief ich, »du brauchst keine "ernsthafte Schauspielerin" du brauchst eine erotische! Du willst mir doch nicht sagen, daß dir bei dieser Sissi der Knopf von der Hose springt!« - Bei ihm schon, meinte Harry Meyen und war direkt ein bißchen beleidigt.

Ich entschied mich spontan -»mit deiner Erlaubnis, Jean-Pierre!« - für Margit Saad. Das waren die Pläne im Sommer 1964, und Rolf Hädrich sollte als vierter im Bunde noch dazukommen. Ich bin sicher, wir hätten einen tollen Episodenfilm gemacht, aber alle vier waren wir zu sehr mit aktuellen Arbeiten beschäftigt. Wir trafen uns noch ein paar Mal, und dann schlief die Idee ein.
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Er konnte prozzen, der Harry Meyen

Als sie noch nicht ganz eingeschlafen war, traf ich mich mit Harry Meyen zufällig in München, dort schrieb ich gerade etwas für Twen. Zu diesem Zeitpunkt stritt ich mich mit ihm noch über die letzte Episode, in der das erste Beisammensein des Paares schiefgehen sollte.

Ponelle hatte sich inzwischen für die erste, das Kennenlernen, entschieden. Ich wollte die letzte Episode, in Erinnerung an mein Erlebnis mit Noucha Doina, unbedingt selbst machen und hatte Harry erzählt, wie das damals schiefgegangen war.

»Aber das ist doch Quatsch!« behauptete er. »Mit einer Frau, auf die ich heiß bin, kann ich immer, was soll 's!«
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Na dann testen wir mal seine altklugen Sprüche

Ich beschloß, ihn reinzulegen. Durch meinen Münchner Freund Franz Spelman hatte ich gerade eine rothaarige Schlesierin kennengelernt, die in Paris wahrscheinlich auf den Strich ging oder Callgirl war; jedenfalls schweinigelte sie, was das Zeug hielt, und hatte eine schamlose Art, sich sogar vor dem Zimmerkellner zu produzieren.

Sie tauchte am Nachmittag, während ich noch beim Schreiben war, wieder im Regina-Palast-Hotel auf, und ich hatte meine Idee: »Leg dich bitte nackt auf das Bett hier, und wenn gleich mein Freund Harry kommt, dann lädst du ihn zu einem schnellen Fick ein, weil ich ja noch schreiben muß - okay?« Sie war sofort bereit.

Als Harry kam, stutzte er bei ihrem nackten Anblick, guckte schnell weg und trat zu mir an den Schreibtisch. Ich sagte: »Ich brauch noch zehn Minuten, Harry. Warum steigst du in der Zwischenzeit nicht mal schnell über die Dame, sie kann leider nur französisch, aber sie ist heiß, sag ich dir, du wirst dir die Nulle versengen!«

Nun guckte Harry, etwas verlegen doch, zwischen uns hin und her, und meine rothaarige Schlesierin stöhnte in schlechtem Deutsch: »'eiß, 'eiß!« Ich saß mit dem Rücken zum Bett und drehte mich erst um, als die Bettfedern ächzten.

Harry hatte einen strammen Hintern, aber wohl so seine Schwierigkeiten. Ich hörte ihn ständig mit ihr flüstern, und als sie dann anfing zu lachen, war es ganz aus. Hochroten Kopfes stieg er von ihr runter und wieder in seine Hosen. Für Porno eignete er sich absolut nicht.
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Harry Meyen war immer noch mit Anneliese Römer verheiratet

Zur Eröffnung des Europa-Centers war Harry Meyen von »Daddy« Blatzheim als Tischgast Romy Schneiders eingeladen. »Sie hat sich das so sehr gewünscht!« flüsterte ihm Romys Mutter Magda Schneider zu. Aber es war wohl so, daß Mutter Magda sich Harry gewünscht hatte. Romy wußte zuerst nichts mit ihm anzufangen.

Am Tag danach war wieder mal Mittagessen bei Trempers angesagt, Harry brachte seine Frau Anneliese Römer mit und sagte schon bei der Vorspeise: »Ich muß nachher mit Will was besprechen. Wir gehen ein paar Schritte - ihr ruht euch ein bißchen aus!« Womit die Damen gemeint waren.
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Er meinte es ernst - er wolle Romy Schneider heiraten ???

Als wir dann über die Clayallee in den Grunewald hineinspazierten, blieb Harry stehen, faßte mich am Arm, sah mir in die Augen und sagte ganz ernst: »Ich brauche deinen Rat! Was würdest du davon halten, wenn ich Romy heiraten würde?«
»Romy Schneider?« Ich lachte. »Wie kommst du denn auf die Schnapsidee?«

»Ich liebe sie«, sagte Harry weitergehend, und noch einmal: »Ich liebe sie seit Jahren . Ich war heute nacht bei ihr im Kempi .«

Meinte er das ernst? Er meinte es ernst. Denn als ich, an einen Scherz immer noch glaubend, einwarf: »Du liebst sie seit Jahren? Das hast du aber ganz schön geheim gehalten! Was sagt denn Anneliese dazu?« - da blieb er wieder stehen, holte seine Brieftasche hervor und kramte in einem Geheimfach herum, fischte einen Zeitungsausschnitt heraus und hielt ihn mir vor die Nase:

Ein Leserbrief, zerfleddert und schon ein paar Jahre alt, aus dem Berliner Abend, in dem ein gewisser Harry Meyen, Berlin-Grunewald, sich mit geradezu schwülstigen Worten für Romy Schneider einsetzte, die in einer Filmkritik wohl ein bißchen durch den Kakao gezogen worden war. Ich weiß noch, er endete mit den Worten: »Für mich ist Fräulein Schneider eine ganz große Künstlerin.«
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»Das hast du geschrieben?« sagte ich ungläubig.
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Meine Karin ahnungsvoll - »Die arme Anneliese!«

Auch Romy hatte es wohl nicht glauben wollen, als er ihr seinen Leserbrief zeigte. Harry sagte, sie hätte ihn nach dem Mittagessen in einem der elf Blatzheimbetriebe des Europa-Centers mit ins Kempinski genommen, sie seien auf ihrem Zimmer gelandet und ins Bett gegangen, ruck-zuck. Und nun liebe Romy auch ihn.

Für mich kam das Ganze so überraschend, daß ich Harry erst ernstzunehmen begann, als wir von diesem historischen Spaziergang wieder zurückgekehrt waren. Denn da entdeckte meine Frau Karin einen Hut in der Ablage am Eingang, der Harry Meyen gehörte. »Hat er den vielleicht absichtlich hiergelassen?« fragte Karin ahnungsvoll. Wie alle Frauen, hielt sie das Unmögliche sofort für denkbar. »Die arme Anneliese!«

Die aufgedonnerte Romy Schneider im Chanel-Kostüm

Gegen 18 Uhr tauchte Harry schon wieder in unserem Garten auf, und diesmal brachte er - »Hallo allerseits!« - seine neue Braut mit, Romy Schneider in einem Chanel-Kostüm, ziemlich aufgedonnert.

Wir schienen verlegen reagiert zu haben, denn Romy sagte sehr lieb: »Ich weiß, ihr seid mit Anneliese, seiner Frau, befreundet. Aber das muß euch nicht peinlich sein, wir gehen ja gleich wieder. Wo die Liebe eben hinfällt!« setzte sie, etwas kindlich kichernd, hinzu.

Na ja, wir haben uns zusammengenommen und ein Stündchen wie normale Menschen geplaudert, von wegen: »Wie lange bleiben Sie in Berlin, Fräulein Schneider?«

Das war die Zeit, Mitte der 1960er, als noch niemand über ein »Fräulein« lachte und aufrührerische Weiber nicht Feministinnen, sondern auf altenglische Art »Sufragetten« genannt wurden. Romy war keine.
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Romy war grenzenlos (oder rücksichtslos) verliebt

Romy war grenzenlos verliebt und zärtlich auch zu den Freunden ihres neuen Liebhabers. Nach einer halben Stunde wollte sie geduzt werden, busselte meinen vierjährigen Sohn Philip ab und wollte ihn gar nicht mehr vom Schoß lassen. »Harry, ich will ein Kind!« forderte sie lachend.

Harry verzog das Gesicht und sprach bereits über gemeinsame Theaterauftritte in Berlin. Er spielte gerade in der Komödie Tausend Clowns und drohte schon dauernd, daß er demnächst absolut keine Zeit mehr für uns habe, weil er sich vorbereiten müsse auf seine erste Inszenierung für die Salzburger Festspiele. Ich hatte noch keine Ahnung, was er da machen sollte, und auch heute fällt mir das Stück nicht mehr ein. Ich wußte nur, daß unser Freund Leonard Steckel die Hauptrolle spielen würde.
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Herb Gardners "A Thousand Clowns" in New York

Das war Harrys Erfolgsgeheimnis: die gründliche Vorbereitung. Im Winter waren wir in New York gewesen und hatten uns Herb Gardners "A Thousand Clowns" angeguckt, und dabei war ich für zwei Stunden Mittäter an Harrys späterem Berliner Erfolg geworden.

Er hatte mir nämlich sein kleines Sony-Tonbandgerät unter den Trenchcoat geschoben, den ich auf den Knien liegen hatte - was streng verboten ist am Broadway: »Keine Fotos! Keine Tonaufnahmen!« warnen Schilder in jedem Theater.

Wir saßen ziemlich weit vorne, und das Band zeichnete die ganze Inszenierung auf, jeden Lacher, jede Pause, den ganzen Ablauf. Das studierte Harry dann in Berlin so präzise, daß er, als er das Stück inszenieren mußte, es auswendig kannte und den New Yorker Erfolg haargenau kopieren konnte. Das Wort vom bösen »Raubkopierer« war noch nicht erfunden.
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Wenn sie mich mit dem "Sony" erwischen

Ich beschwerte mich erst in der Pause: »Du spinnst wohl!« habe ich zu Harry gesagt. »Wenn sie mich mit dem Sony erwischen, rufen sie womöglich die Polizei!« Worauf Harry trocken, wie immer, erwiderte: »Dann sperren sie einen neugierigen Journalisten ein, der sein Tonbandgerät mitlaufen läßt, weil er nicht genug englisch versteht und sich das Stück im Hotel noch mal genau anhören will - aber keinen bekannten Theaterregisseur aus Berlin, der das Stück demnächst inszenieren soll!« Was Logik betraf, war Harry Meyen kaum zu schlagen.
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»Bin ich immer noch eine dumme Liese?«

Ich habe mich an diesem ersten Tag mit Romy schon etwas früher zurückgezogen, weil ich noch etwas schreiben mußte, und auch Harry sprang bald in seinen grauen Jaguar, denn er mußte spätestens um 19 Uhr im Theater sein. Mit Romy wollten wir dann später in der Weinstube Habel am Roseneck essen gehen.

Ich hämmerte, hechelnd und stöhnend wahrscheinlich, meinen Text in die Schreibmaschine und merkte gar nicht, daß Romy mein Arbeitszimmer betreten hatte, sich lautlos von hinten an mich heranschlich, die Arme um mich legte und mir mit heißem Atem ins Ohr flüsterte: »Bin ich immer noch eine dumme Liese?« Und dann griff sie einfach in die Tastatur und tippte mitten in einen Satz, den ich gerade geschrieben hatte: »Hast du das nicht mal über mich geschrieben?«

Mir wurde heiß und kalt, denn natürlich erinnerte ich mich daran, daß Henri Nannen mitten in der »Sternchen«-Serie zu mir gekommen war und »mindestens zwei Folgen auch über Romy Schneider« hatte haben wollen. »Moment mal!« hatte ich ihm geantwortet. »Das ist eine Serie über >Sternchen< - Romy aber ist längst ein Star, wenn nicht sogar der größte!«

Was den Nannen nicht interessierte: »Wir stehen vor einer Preiserhöhung und müssen den Leser zwingen, uns auch in der Woche darauf wieder zu kaufen, 20 Pfennige zuzulegen. Dazu brauche ich eine Geschichte, an der er kleben bleibt! Also, machen Sie schon keine Mätzchen und komponieren Sie mir zwei saftige Romy-Stücke!«
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Henri Nannen widersprechen?

Wer war ich schon, um einem Mann wie Henri Nannen zu widersprechen? Ich fluchte zwar, aber ich schickte meine Rechercheure Rademann & Heidemann gemeinsam auf die Jagd nach »saftigem« Romy-Stoff.

Und was sie anschleppten, war wirklich toll. Romy Schneider bot ja Zeit ihres Filmlebens die wunderschönsten Angriffsflächen, aber mein Kommentar »Romy ist eine dumme Liese« war im Kontext des Vorangegangenen eher noch liebevoll zu verstehen gewesen. Das gab ich ihr, angesichts meines verunzierten Manuskripts, dann auch zu bedenken. Sie lachte und verschloß mir den Mund mit einem Kuß.

Tatsächlich - schon ein zweiter Hut von Harry

Als wir zum Essen gingen, stieß mich Karin in die Seite und deutete stumm zur Garderobenablage: Da hing doch tatsächlich schon ein zweiter Hut von Harry. Der Junge machte ernst.

Jeden Tag lud er Romy jetzt bei uns im Garten ab und begründete das mit ihrer Angst vor Fotografen. Gut und schön, aber es gab einen Fotografen, vor dem auch Harry kuschte: Axel Springer junior.

Der erschien plötzlich, unangemeldet wie sein Vater, und entdeckte das geheimnisvolle Liebespaar in unserem Garten, holte seine Kameraausrüstung aus dem Wagen und fing hemmungslos an zu fotografieren. Romy schien das recht zu sein, aber Harry geriet in eine Krise.
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Harry Meyen bekam Angst - er war noch verheiratet

»Hör mal«, nahm er mich zur Seite, »kannst du nicht mit dem Axel reden, daß er die Fotos nicht veröffentlicht? Wenn Anneliese die sieht, kriege ich einen Höllenkrach!«

»Du machst mir vielleicht Spaß!« gab ich zurück. »Du schmust vor seinen Augen mit Romy Schneider herum, dein Wagen steht jede Nacht bis ins Morgengrauen auf dem Parkplatz vom Kempi, und jetzt soll er seine Fotos nicht mal veröffentlichen dürfen?«

»Ach, Anneliese denkt doch, daß ich mit Juhnke und Nossek im Kempi nach der Vorstellung Skat spiele, das geht schon in Ordnung. Aber Fotos von uns in deinem Garten - das kann euch doch auch nicht recht sein, wenn Anneliese das sieht!?«
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Axel Springer "junior" umstimmen ging nicht

Ich ging mit Axel ins Haus und redete ihm ins Gewissen: »Du mußt noch ein bißchen warten mit einer Veröffentlichung. Harry bekommt Schwierigkeiten mit seiner Frau - und ich auch. Also, laß das sein, Junge! Romy haut morgen wieder ab nach Paris, kommt aber in vierzehn Tagen wieder, und dann geben wir dir das Liebespaar exklusiv! Dann kannst du Romy sogar in der ersten Reihe bei Tausend Clowns fotografieren und auf der Liebesbrücke im Tiergarten!«

»Ach, nööö«, sagte der Schnösel, »die Fotos habe ich jetzt schon der Bild am Sonntag versprochen . Außerdem, wer weiß denn, ob Romy wirklich in vierzehn Tagen zurückkommt?«

Ich untersagte ihm, weiter bei uns zu fotografieren, und drohte ihm mit Hausverbot. Ich mußte massiv werden: »Du bist doch angeblich Fotograf geworden, um von deinem Vater unabhängig zu sein? Aber, warum lassen sich Harry und Romy hier von dir fotografieren? Weil du Axel Springer heißt! Also, erzähl mir nichts mehr von deiner Unabhängigkeit! Du reitest doch ganz schön auf dem Nimbus deines Vater mit!« - Da ging er beleidigt.
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Vater Springer sah da alles ganz anders

Am Abend rief Axel senior an: »Ich will mit der Geschichte nichts zu tun haben. Mich hat heute Harry Meyen angerufen. Ich soll meinen Zeitungen verbieten, Fotos von ihm und Romy Schneider zu drucken. Ich denke nicht daran, meinen Zeitungen etwas zu verbieten. Der soll sich von meinem Sohn nicht fotografieren lassen, habe ich ihm geraten. Nimm ihm den Film ab, habe ich zu Meyen gesagt. Zertrümmere seine Kamera. Hau ihm in die Schnauze. Aber laßt mich in Ruhe!«

Der Senior scheint dann doch ein Wort eingelegt zu haben, oder der Junior besann sich, jedenfalls erschien Bild am Sonntag ohne Fotos aus meinem Garten.
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Ein Traumhaus im Park über Saint-Tropez

Und Romy fuhr weg und kam prompt 14 Tage später wieder, immer noch lichterloh für Harry brennend.

Sie brachte Neuigkeiten mit: »Ich habe im Park über Saint-Tropez ein Traumhaus gemietet! Da verbringen wir alle zusammen den Sommer! Das wird herrlich .«

Harry ließ sich in einen Liegestuhl sinken und öffnete einen roten Schnellhefter. »Ich muß an meinem Stück arbeiten, Romy! Ich komme gern mit nach Saint-Tropez, aber ich brauche eine stille Ecke für mich allein und keinen Zirkus, Schätzchen. Wir nehmen den Will mit, damit du jemand zum Reden hast, und wir gehen abends schön essen, aber das ist auch alles!«

Romy schmollte. Karin lehnte es gleich ab, mitzukommen. »Wir sind in Kampen gebucht, außerdem nehmen wir das Kindermädchen mit. Ich denke nicht daran, meine Brut mit dem Kindermädchen allein nach Sylt fahren zu lassen und mich mit euch in Saint-Tropez rumzutreiben!«

Jetzt gab es schon 5 Hüte von Harry - bei uns

Harry kam nach der Vorstellung allein vorbei, hängte seinen besten Wintermantel an die Garderobe - in meinem Schlafzimmer hing bereits einer, standen Dutzende Schuhe herum, lagerten fünf weitere Hüte, mindestens 20 Hemden und jede Menge Krawatten - und wurde ganz ernst.

Die Salzburger Inszenierung

»Du darfst mich nicht im Stich lassen! Das ist nicht irgendein Stück, auf das ich mich vorbereiten muß, das ist meine erste Inszenierung in Salzburg! Du mußt dich in Saint-Tropez um Romy kümmern! Sie ist wie ein Kind und begreift nicht, was ich da vor mir habe - mir genügt aber, daß ich nachts mit ihr schlafe .«

Ich versprach ihm, dabei zu sein. Er raste wieder ins Kempinski. Sein heimlicher Umzug machte mir Sorgen. Sah Anneliese nicht, daß sein Kleiderschrank langsam leer wurde, daß er im warmen April mit seinen Wintermänteln aus dem Haus ging und nachts ohne zurückkehrte?

»Das ist 'ne Künstlerin«, meinte Karin »die kümmert sich nicht so um seine Klamotten wie ich mich um deine!« Dennoch, ich war darauf gefaßt, plötzlich Anneliese vor der Tür stehen zu sehen: Was treibt ihr eigentlich hinter meinem Rücken?
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Harry's Lügerei ging jetzt richtig los

Harry hatte noch ein paar Tage Tausend Clowns zu spielen und Anneliese erzählte er, daß er gleich am nächsten Morgen mit mir nach Saint-Tropez fliegen wollte, um »konzentriert am Stück zu arbeiten«.

Danach wollte er gar nicht mehr nach Berlin zurückkommen, sondern gleich nach Salzburg Weiterreisen, »um ein Gefühl für die Atmosphäre zu bekommen«. Und Anneliese glaubte ihm das alles.

Schließlich kam er und sagte: »Ich gehe nach der letzten Vorstellung nicht mehr nach Hause, habe Anneliese gesagt, daß wir um fünf Uhr aufstehen müssen, um die erste Air France nach Paris zu bekommen - ich schlafe bei euch ein paar Stunden im Gästezimmer!«

Axel junior tauchte wieder auf und forderte sein »Exklusivrecht«. Inzwischen war Romys neues Verhältnis bei allen Klatschjournalisten rum, nur Anneliese ahnte noch nichts. Ich sagte zu Harry:

»Geh mit ihr im Tiergarten spazieren, ich sorge dafür, daß Axel nur eine lange Brennweite benutzt und ganz aus der Distanz fotografiert. Wenn Anneliese dann am Sonntag die Zeitung liest, sind wir schon über alle Berge und es handelt sich um nichts anderes als um ein bißchen Händchenhalten. Das darf ja noch erlaubt sein, zumal du mit Romy Theater spielen willst .«
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Harry provozierte den Eklat

So geschah es, doch er konnte nicht an sich halten - oder Romy wollte es so -, und Axel junior erwischte beide auch beim leidenschaftlichen Küssen. Amen. Damit war der Eklat da.

Und schon rückte mir Günter Prinz auf die Bude, der mit Karl-Heinz Hagen bekanntlich die Quick machte. Beide suchten mehr denn je nach guten Stories, weil sie ja auch noch Twen, Revue und Bravo am Hals hatten; ihr Verleger hatte Helmuth Kindler die letzteren abgekauft.

Ich wehrte mich, erzählte von unserer Flucht nach Saint-Tropez, ließ mich beschimpfen und mir schließlich einen Fototermin für Twen abringen, weil das ja ein Monatsblatt war und erst im Juli erscheinen würde.
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Willy Fleckhaus wurde auch nach Saint-Tropez eingeladen

Willy Fleckhaus, der große, um nicht zu sagen berühmte Art-Director von Twen, kam Stunden später mit seiner rechten Hand Christian Diener angeflogen und sah skeptisch zu, wie Axel junior das Pärchen durch den Blumengarten seines Vaters in der Bernadotte-Straße im Grunewald dirigierte. Willy flüsterte mir ins Ohr: »Hör mal, das ist doch Scheiße, ein Straßenfotograf! Wir brauchen künstlerische Bilder für Twen, die nur Christian machen kann!«

Ich flüsterte mit Romy, die Twen fabelhaft fand. Und Romy ließ sich dann herab, Fleckhaus und Diener ebenfalls für eine Fotosession nach Saint-Tropez einzuladen. Aber die Filmrollen von Axel junior nahmen sie trotzdem mit, dessen Fotos erschienen drei Tage nach der Bild am Sonntag in der Quick.
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Harry war auf dem ganzen Flug nicht "bei der Sache"

Früh um fünf holte ich Harry aus unserem Bett, und in Tegel brachte uns der Air France-Chef von Berlin persönlich an die Caravelle nach Paris. Wir hatten kaum abgehoben, da zog Harry wieder den roten Schnellhefter aus dem Koffer und sagte: »Entschuldige, aber ich muß das Stück endlich zu Ende lesen!« Nur um drei Minuten später zu fragen: »Glaubst du, daß Romy uns in Nizza abholt?« Sie war am Tag vorher vorausgeflogen, »um das Haus schön zu machen!«

So ging das bis Paris und nach Nizza: Harry las ein paar Zeilen, hob dann den Kopf, schaute verträumt irgendwohin und seufzte: »Was für eine Frau!« Wir waren allein in der 1. Klasse, so störten die Seufzer wenigstens keine Mitreisenden. Nur auf dem Weiterflug von Paris nach Nizza war die 1. Klasse voll, und wir wurden vom Thema Eins auch mal abgelenkt, als Harry, der Fußballfan, direkt hinter uns Pele sitzen sah.

Ich schnappte mir meine Leica, und es gelang mir, sie am ausgestreckten Arm weit von mir haltend, ein Foto zu machen, auf dem wir alle drei drauf waren: Harry, ich und dazwischen der berühmte brasilianische Stürmer.
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»Wer ist Pele?« fragte Romy

Auch Harry konnte Kind sein: Das erste, was Romy in Nizza zu hören bekam, war Harrys aufgeregte Äußerung: »Wir sind mit Pele geflogen, und Will hat ein Foto von uns gemacht!«

»Wer ist Pele?« fragte Romy.

Ach, war das ein Herzen und Küssen auf dem Weg nach Saint-Tropez! Ich durfte Romys Karre fahren, einen französischen Klein-Lieferwagen, den sie ihrem Gärtner abgenommen hatte, weil sie Harrys umfangreiches Gepäck unterbringen mußte. Aber Harry, der schamhafte, drehte mir den Rückspiegel dauernd weg.

Ein märchenhaftes Haus im Park für 50.000 (alte) Francs

Das märchenhafte Haus im Park über Saint-Tropez, für das Romy 50.000 Francs im Monat zahlte, war mehr als eine Sünde wert, auch wenn Magda Schneider, Romys Mutter, zu den Hausgästen gehörte. Ich bekam ein schön abgedunkeltes Zimmer zur Riesenterrasse heraus und legte mich erstmal in die Sonne.

Und dann kamen auch schon Fleckhaus und Christian Diener vorgefahren und mußten ziemlich lange auf der Terrasse warten, bis sich das Liebespaar hinter den geschlossenen Jalousien von Harrys Schlafzimmer "Guten Tag" gesagt hatte.

Harry erschien mit dem roten Schnellhefter und sagte unwirsch zu den Twen-Künstlern: »Ich darf Sie um Beeilung bitten, ich muß mein Theaterstück noch lesen!« Während Romy die Ausgelassenheit selbst war und zu jeder Verrenkung bereit, um ihrer Lieblingszeitschrift zu gefallen.
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Die arme, glückliche Romy!

Als ich zum Nachmittagskaffee wieder auftauchte, schienen alle glücklich miteinander zu sein, auch Mami Magda. Nur Harry lag abseits und blätterte angestrengt in seinem roten Schnellhefter, beantwortete selbst Mama Schneiders Kuchenangebote ziemlich unwirsch und zog sich schließlich in sein Schlafzimmer zurück.

Die arme, glückliche Romy! Sie hatte keinen blassen Dunst von Harrys Problem, wußte nichts von seiner Art der Vorbereitung, war nur ausgelassen vor Freude über seine - unsere? - Ankunft und wollte offenbar die ganze Welt daran teilnehmen lassen.

Denn sie telefonierte den ganzen Tag und erzählte jedem von ihrem neuen Glück, und daß sie Ferien machen würde und alle ihre Lieben um sie herum wären, mich großzügig einschließend.

Ferien, das bedeutete für die Schauspielerin mehr als sich ausruhen. Als Klosterschülerin schon hatte sie immer nur von Ferien zu Ferien gelebt, und nun war sie eine berühmte Filmschauspielerin, konnte sich alles leisten und genoß die Freizeit bis zum nächsten Filmangebot.

Obendrein war sie, tief getroffen, der Affäre mit Alain Delon gerade entronnen, hatte sich schwere Gedanken über ihre Zukunft gemacht, mit Frankreich eigentlich schon wieder gebrochen, denn Frankreich, das war Delon, und nun kehrte sie triumphal, mit einer neuen Liebe beschenkt, zurück und wollte sie natürlich der ganzen Welt zeigen, kurz: Sie konnte, wie es so treffend heißt, »das Wasser nicht halten«.
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Eddie Barclay, Schätzchen! Der Plattenproduzent!

Zwar versprach sie Harry dauernd, ihn nicht weiter zu stören, aber dann klingelte das Telefon wieder, und sie schrie von der Terrasse: »Harry, es ist Eddie, er lädt uns zum Abendessen bei Lupo ein - einverstanden?« - »Wer ist Eddie?« kam die gequälte Stimme Harrys aus seinem Zimmer. »Eddie Barclay, Schätzchen! Der Plattenproduzent! Der größte Musikmanager!« -»Ich bin doch kein Sänger!« antwortete Harry erbost. »Aber er ist der König von Saint-Trop!« entrüstete sich Romy. Und so mußten wir am ersten Abend alle zu Eddie Barclay essen gehen, zu einer schrecklichen Knoblauch-Orgie.

Karajan am Apparat

Am nächsten Tag das gleiche Spielchen: »Harry, Herbert ist am Telefon, wir sollen mit ihm auf seinem Boot fahren!« - »Wer ist Herbert?« die gequälte Stimme aus dem Schlafzimmer. »Na, Karajan, du Blödmann! Schon mal was von ihm gehört?« - Ich erwartete Harrys Antwort: Bin doch kein Musikus! Aber ich täuschte mich, Karajan war zu berühmt. Und Harry kam ohne seinen roten Schnellhefter aus dem Schlafzimmer auf die Terrasse und wollte wissen, woher Romy den Herbert kenne.

Mich haben sie übrigens nicht mit auf Karajans Boot genommen, aber ich durfte Harrys Stellvertreter spielen, als, wieder ein paar Tage später, Romy an seine Schlafzimmertür klopfte, und er es, unter Hinweis auf seinen roten Schnellhefter, ablehnte zu öffnen. »Geh doch zu Will, Herrgott! Begreifst du nicht, daß ich arbeiten muß?«
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Dann pudelnackt auf der Bettkante - Viel Vergnügen!

Darauf klopfte es an meiner Tür, ich rief: »Es ist offen, komm rein, Romy!« - und sie betrat das abgedunkelte Zimmer pudelnackt und tiefbraun gebrannt, und setzte sich zu mir auf die Bettkante.

Auch ich lag nackt auf dem Bett, hatte nur, als es klopfte, einen Zipfel der Überdecke schnell um mich geschlungen, was Romy wiederum interessant zu finden schien, denn sie begann sofort, an der Überdecke zu zupfen, sprang auf und eilte an das offene Fenster hinter den herabgelassenen Jalousien und schrie: »Harry, was ist? Der Will hat schon einen Ständer!« Nur um Harrys unliebenswürdige Antwort zu hören: »Viel Vergnügen!«

Danach kam sie zum Bett zurückgetänzelt und warf sich, provozierend keuchend, auf mich und, als ich sie mit Gewalt runter schob, legte sie sich eng neben mich, drehte mir aber den Rücken zu und kicherte vor sich hin, bis sie mich fragte: »Würdest du mich einem roten Schnellhefter vorziehen?«

Aber als ich ernst zu machen begann, rückte sie doch schnell wieder ein Stückchen weg. Sie spielte die Verwegene, ohne es ernsthaft zu sein, hatte in den paar Jahren mit Alain Delon ihre ganze Klostererziehung über Bord geworfen und fühlte sich als »Frau von Welt«, die uns deutsche Spießer nur mit Hohn betrachtete.
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Als Paul Hubschmid mit Michele Morgan auftauchte

An meinem letzten Abend in Saint-Tropez tauchte dann auch noch Paul Hubschmid auf, der mit Michele Morgan in Nizza einen französischen Film drehte. Wir gingen alle in den Ort hinunter essen, und als wir bei einer Flasehe Champagner in Romys großem Wohnraum saßen, holte ich die Leica heraus und fing an, ein paar Fotos zu machen.

Dabei hatte ich den Eindruck, daß Romy durchaus bereit gewesen wäre, eine kleine Orgie zu entfesseln. Sie saß Paul und mir direkt gegenüber, mit Harry auf einem Sofa und schmiß dauernd die Beine hoch und nestelte auch ständig an Harrys Hose herum. Doch der schlug ihr auf die Finger und fand es angebracht, sich bei Madame Morgan für Romy zu entschuldigen.

Michele Morgan ist müde

Schließlich deutete Michele auf ihre Armbanduhr und fragte Hubschmid, ob er auch müde sei. Paul sprang sofort auf und verabschiedete sich, nahm die blonde Französin an der Hand und stieg in seinen kleinen, eleganten Mercedes.

Jetzt, da ich das aus der Erinnerung hole, fällt mir ein, daß Romy die Fotos, die ich von ihr und Harry an diesem letzten Abend machte, für intimer gehalten haben mag als sie tatsächlich waren.

Auch der Stern bekam ein paar Fotos von Romy Schneider

Ich kam nach Berlin zurück, ließ den Film entwickeln und legte den Stoß Vergrößerungen auf meine Schreibtischkante. Am Abend darauf kam Wilfried Achterfeld vom Stern vorbei, sah die Fotos da liegen und suchte sich ein paar heraus: Romy, hoch das Bein! Da ich ein schlechtes Gewissen dem Stern gegenüber hatte, weil er von mir nicht bedient worden war, während die Quick schon zwei Seiten gebracht hatte und auch Bild am Sonntag schon einige, gab ich sie Wilfried ohne Bedenken mit. Es gab keine Reaktion von Romy oder Harry, der längst in Salzburg angekommen sein mußte, als der Stern mit einer Aufmacherseite erschien, auf der Romy mit erhobenem Bein und der Überschrift »Hurra - der Meyen ist gekommen!« zu sehen war.
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Harry erlebte in Salzburg eine vernichtende Pleite

Um es gleich zu sagen: Harry, der vom Erfolg in Berlin verwöhnte Regisseur, erlebte in Salzburg eine Pleite, bekam vernichtende Kritiken. Es war das eingetreten, was er die ganze Zeit in Saint-Tropez befürchtet hatte:

Er war unvorbereitet gekommen und hatte auf die Schnelle etwas zusammengeschludert. Wie er mir später erzählte, hatte er vor seiner Abreise nach Salzburg Romy dringend gebeten, in Saint-Tropez zu bleiben und erst zur Premiere nachzukommen. »Und sie hatte es mir hoch und heilig versprochen .!«

Aber von Leonard Steckel, seinem Hauptdarsteller, erfuhr ich bald darauf, daß Harry sie bereits am zweiten Probetag, ganz hinten im Zuschauerraum versteckt, entdeckt hatte.

»Der arme Junge war nur noch ein Nervenbündel!« Zumal er nun auch nachts nicht mehr dazu kam, seinen roten Schnellhefter zu studieren, denn Romy okkupierte auf der Stelle das Doppelbett in seinem Hotelzimmer und folgte ihm tagtäglich zu den Proben ins Schauspielhaus. Er behandelte sie, so Leonard Steckel, »wie ein Stück Dreck«, aber sie scheint auch das genossen zu haben.
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Meine Frau schrie: Harry kommt zu Anneliese zurück!

An dem Tag nach der Salzburger Premiere kam meine Frau Karin in den Garten gerannt und schrie: »Harry kommt zu Anneliese zurück! Er trifft um zwei Uhr in Tempelhof ein! Anneliese ist ganz glücklich über seinen Mißerfolg und holt ihn am Flughafen ab!«

Auweia. Damit war die Affäre Romy also beendet. Doch nicht ganz, wie sich herausstellen sollte. Harry kam zwar ohne Romy nach Berlin zurück, aber mit ihrem Premierengeschenk am Handgelenk, der flachsten goldenen 50.000- Francs-Patek-Philippe. Und er begann seiner Frau nun eine wirklich schändliche Rolle vorzuspielen, die des vom Schicksal unverdientermaßen Gekränkten, der zwar die Kraft noch hatte, zu ihr zurückzukehren, im übrigen aber nicht mehr fähig ist, glücklich zu sein, der nur noch leidet, leidet wie ein Hund.
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Die Frauen um mich herum schienen aufs beste informiert

Ich war nicht dabei, aber die Frauen um mich herum schienen aufs beste informiert über das, was im Hause Meyen-Römer vorging. Er sitze, hieß es, von früh bis spät nur noch in seinem Lieblingssessel und starre die Wand an, höre und sehe nicht mehr, was um ihn herum vorgehe, und spreche angeblich auch mit Anneliese kein Wort mehr.

Wenn sie ihn frage, was er essen wolle, zucke er nur mit den Schultern oder murmele tonlos »kein Hunger« vor sich hin. Anneliese sei zwar glücklich über seine unerwartete Rückkehr, die er in einem Telefonat mit ihr von einem Salzburger Postamt angekündigt habe, da ihm Romy »nicht vom Pelz« ginge - das hörte ich die schöne Maria Holst am Garagentor zu Karin sagen, und Maria mußte es wissen, denn ihr Mann Rudi Röttgers war der Arzt, den Anneliese um Hilfe rief.
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Eine kräftige Brise Ozon auf die eingeschlafenen Ehefrauen

Es schien in Berlin nur noch ein Thema zu geben, jedenfalls unter den Weibern. So eine Love-Story wirkte wie eine kräftige Brise Ozon auf die eingeschlafenen Ehefrauen, und das Sonderbare daran war, daß sie mich von ihrer Tuschelei ausschlossen, weil ich ja einer der Mittäter war, in Saint-Tropez zugesehen hatte.

Aber auch Harry schloß mich aus, kam nur noch einmal, nach Mitternacht, durch den Garten und drückte mir einen dicken, versiegelten DIN A 5-Umschlag in die Hand: »Würdest du das für mich aufheben?«

Ich fragte ihn, was er nun machen wolle, ein neues Stück bei den Wölffers am Kurfürstendamm? Er sah mich an, als ob ich den Verstand verloren hätte.

»Nach Salzburg ..... bei den Wölffers?« Es klang wie »Nach Karajan ..... bei 'ner Dampferkapelle?« Und tatsächlich, im Jahr darauf hat er bei Liebermann in Hamburg den Tannhäuser inszeniert - oder war das in München zuerst der Lohengrin?
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