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Die Lebensbiografie von Heinrich Fraenkel aus 1960

In diesem Buch beschreibt Heinrich Fraenkel (1897-1986†) seinen Werdegang und seine Erfahrungen mit den Menschen aus seinem persönlichen Umfeld, den Politikern, den Künstlern und auch den einfachen Menschen. Aus diesem Grund ist seine Biografie so wichtig für das Verstehen seiner beiden dicken Filmbücher, die er 1957 und 1958 geschrieben hatte.

Die einführende Start-Seite dieses Buches finden Sie hier.

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Heimkehr

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Als Presse-Mann im Offiziersrang nach Deutschland gehen - doch so schnell ging das alles nicht

Ellen Wilkinson hatte mir zwar einen guten Rat gegeben - denn im Auftrage einer englischen Zeitung schien eine Deutschlandreise damals verhältnismäßig einfach -, aber es sollte trotzdem noch einige Monate dauern, bis ich endlich abreisen konnte.

Denn jetzt lag die Schwierigkeit natürlich eben darin, daß ich Deutscher war und keinen Einbürgerungsantrag gestellt hatte. Man mußte damals, um für eine Zeitung nach Deutschland zu gehen, beim britischen Kriegsministerium akkreditiert sein, nicht anders als die Kriegsberichter, die vorher die Front besuchen durften und dabei eine Uniform mit dem Schulterabzeichen War Correspondent tragen mußten.

Die gleiche Vorschrift galt zunächst auch noch nach dem Waffenstillstand, und in der ersten Zeit waren die nach Deutschland entsandten Pressevertreter ohnehin fast ausschließlich dieselben, die vorher als Kriegsberichter an der Front gewesen waren.

Sie hatten längst ihre Uniform, und der eine oder andere hatte sogar echten Offiziersrang, war also nicht auf die Fiktion angewiesen, nach der alle Pressekorrespondenten einen »Ehrenrang« bekamen, um als Offiziere mit den Reisepapieren, Fahrbefehlen, Rationen, Passierscheinen und anderen Dingen ausgestattet zu werden, die man braucht, um durch die Maschinerie einer Besatzungsarmee geschleust zu werden.

Ich war also ein Präzedenzfall

Solche Privilegien einem ehemaligen feindlichen Ausländer zu geben - oder, genauer gesagt, einem von der früheren Staatsmacht des besetzten Gebietes ausgebürgerten, nunmehr also staatenlosen Zivilisten - das war jedenfalls ein Novum. Es schuf einen Präzedenzfall, und so etwas hat eine große Behörde nie besonders gern.

Es dauerte also geraume Zeit, und es mußten einige hohe und höchste Stellen bemüht werden, bis es Kingsley Martin, dem Herausgeber des New Statesman, gelang, mich als Korrespondenten seines Blattes für eine Deutschlandreise in den drei Westzonen und in den vier Sektoren Berlins akkreditiert zu bekommen.
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Und jetzt wurde ich geimpft - gegen alles ....

Nachdem das endlich erledigt war, mußte ich ein halbes Dutzend Impfungen über mich (oder vielmehr in mich) ergehen lassen - gegen Typhus, Wundstarrkrampf und andere schöne Dinge -, und das dauerte wieder ein paar Wochen, in denen ich meine Ungeduld zügeln mußte.

Schließlich mußte ich mir noch die Uniform kaufen, also gewissermaßen die Basis für die mir vom britischen Kriegsministerium gratis gelieferten Schulter- und Mützenabzeichen eines "War Correspondent".

Abgesehen von der Uniformjacke und Mütze (und vor allem dem Knipser) eines Berliner Straßenbahnschaffners - Dinge, die mich zu meinem achten oder neunten Geburtstag beglückten - hatte ich nie im Leben Uniform getragen und auch nie den Wunsch danach gehabt.

Jetzt mußte ich mir also zwei Khakihosen und einen Battledress kaufen.
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Ich muß schon einigermaßen komisch ausgesehen haben

Ich hätte mir natürlich auch bei meinem Schneider eine erstklassige Offiziersuniform bauen lassen können, aber das war mir nicht nur zu teuer, sondern schien mir auch einigermaßen unpassend; und als man mir sagte, daß ich für die Kopfbedeckung die Wahl zwischen einer Baskenmütze und einer richtigen Offiziersmütze hätte, wählte ich aus den gleichen vernünftigen Erwägungen die Baskenmütze. Eine solche hatte ich immerhin schon gelegentlich getragen, allerdings nie in Khaki und mit einem militärischen Abzeichen.

Trotzdem muß ich in der ungewohnten Uniform einigermaßen komisch ausgesehen haben, zumal ich leider meistens vergaß, sämtliche Knöpfe des Mantels vorschriftsmäßig zu schließen.

Schlechten Eindruck machte auch meine leidige Angewohnheit, vor Damen die Mütze abzunehmen; und auch sonst ließ ich bei der Erfüllung der militärischen Grußpflicht manches zu wünschen übrig.
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Ein Erlebnis in Calais - mit dem "Grüßen"

Dieses bedauerliche Manko wurde mir autoritativ bestätigt, als auf der Rückfahrt der Truppentransport, dem ich zugeteilt war, einen Tag in Calais aufgehalten wurde.

Ich ging in Gesellschaft eines Generals, eines Generalmajors und eines Stabsobersten ins Kino, und da die Hauptstraße von Calais damals von britischen Soldaten wimmelte, wurde alle paar Meter vor uns in der zackigsten Weise »Front gemacht«.

Ich beobachtete genau die nonchalante und doch so korrekte Art, in der meine Begleiter diese unentwegten Ehrenbezeigungen erwiderten, und ich versuchte es so gut wie möglich nachzumachen.

Aber die drei Herren bedeuteten mir aufs freundlichste, daß ich noch viel zu lernen hätte und im übrigen von Glück sagen könnte, es mit ihnen zu tun zu haben und nicht etwa mit einem »Spieß«, der in Punkto Ehrenbezeigungen erheblich strenger sei.
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Besuch bei Axel Eggebrecht im Hamburger Rundfunkhaus

Immerhin haben alte deutsche Freunde an der britischen Uniform des Heimkehrers viel Freude gehabt, und Axel Eggebrecht erzählt heute noch gern (wir sind ja in 1960) die im Laufe der Jahre immer schöner gewordene Geschichte unserer ersten Wiederbegegnung.

Ich will sie hier also berichten, wie sie wirklich war. Ich hatte ihn fast vierzehn Jahre nicht gesehen und wußte, daß er schlimme Zeiten hinter sich hatte; aber als der mich durch die langen Korridore des Hamburger Rundfunkhauses begleitende Tommy die Tür zu Eggebrechts Büro aufmachte, erschrak ich doch, ihn so blaß und hohlwangig zu sehen.

Ich räusperte mich, und als er gegen das Licht blinzelnd, zwei Tommys an der Türschwelle sah, bekam wohl auch er einen kleinen Schreck. Dann schnarrte ich im schönsten preußischen Leutnantston: »Na, Axel, bin ich nun eine soldatische Erscheinung?«

Erst Hauptmann, dann sogar britischer Oberstleutnant

Obschon man mir das beim besten Willen nicht zubilligen konnte, kann ich doch mit Fug und Recht behaupten, daß ich meine kurze militärische Karriere mit dem Range eines Hauptmanns begann und schon wenige Wochen später zum Oberstleutnant befördert wurde. Beim Militär geht ja alles streng nach der Rangordnung, und es stellte sich bald heraus, daß wir Presseleute, solange wir noch simple Captains waren, den ersehnten Schlafwagen allzu oft von Majoren belegt fanden.

Wir durften also die von allen Berufssoldaten gefürchtete »Majorsecke« kühn überspringen, und dann konnte uns der Schlafwagenplatz nur noch entgehen, wenn wir etwa das Pech hatten, in eine ganze Waggonladung von Generälen und Admirälen zu geraten.
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2 x Fehlstart über den Kanal wegen Nebel

Aber solche Erfahrungen lagen noch in weiter Ferne, als ich 1945 in London auf meine Abreise wartete. Es schien, als ob sich alle bösen Geister verschworen hätten, meine Ungeduld auf die härteste Probe zu stellen. Zweimal erschien ich zur befohlenen Stunde auf der Victoria-Station, und zweimal mußte ich mit meiner nagelneuen Uniform und mit allen meinen schönen Ausweisen wieder abziehen; zweimal mußte der Truppentransport, dem ich zugeteilt war, vertagt werden, da die Kanalküste leider allzusehr vernebelt war.

Erst am dritten Tage war es kein Fehlstart, und ich kam immerhin über den Kanal. Noch wenige Stunden - so sagte ich mir, als der überfüllte Zug langsam durch Belgien rasselte - nur noch wenige Stunden, und ich würde deutschen Boden betreten.

Ich war zu erregt, um lesen oder gar schlafen zu können. Ich war von derselben teils ängstlichen, teils freudigen Spannung erfüllt, die man als Schuljunge am Zensurentag empfunden hatte: es war eine bis in die Magennerven spürbare Spannung.
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Vom Pech "verfolgt" ?

Plötzlich blieb der Zug stehen. Er stand fast eine halbe Stunde lang, und dann stellte sich heraus, daß just der Waggon, in dem ich saß, einen kleinen Achsenschaden hatte.

Der Wagen wurde abgekoppelt, und wir Insassen wurden ausgeladen und warteten eine Stunde auf irgendeinem kleinen Bahnsteig, bis die zwei Lastwagen kamen, die uns in das nahegelegene Brüssel brachten.

Inzwischen war der von unserem schadhaften Waggon befreite Zug munter in Richtung Deutschland weitergedampft, und ich hatte ihm sehnsüchtig nachgeblickt.
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Ein ganzer Tag in Brüssel .....

Ich mußte mich die halbe Nacht und dann einen ganzen Tag in Brüssel herumtreiben. Ich war zwar in einem guten Hotel untergebracht, aber zu erregt, um schlafen zu können. Am nächsten Abend konnte ich weiterfahren, und da diesmal keine geschlossene Truppeneinheit und nur sehr wenige Offiziere mitfuhren, hatte ich nicht nur ein Schlafwagenabteil für mich allein, sondern fast den ganzen Waggon; da der Zug erst um die Mittagszeit in (Bad) Oeynhausen eintraf, hätte ich also endlich einmal in aller Ruhe ausschlafen können.

Das war meine Absicht, aber als wir kurz nach Morgengrauen die deutsche Grenze passierten, wachte ich auf und konnte nicht mehr einschlafen. Ich ließ den Vorhang hoch und preßte meine Stirn gegen die Fensterscheibe wie ein Kind, das auf den Weihnachtsmann wartet. Aber da auf jener Seite der Fahrtrichtung nicht viel mehr zu sehen war als freies Feld, zog ich mich an und stellte mich an ein Korridorfenster.
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Merkwürdige Heimkehrergefühle wurden wach (gehalten)

Ich war hundemüde und setzte mich schließlich auf den kleinen Klappsitz, der im Korridor für den Schlafwagenschaffner angebracht war. Aber der schlief friedlich in einem der vielen leeren Abteile, und auch sonst war niemand zu sehen.

Ich war allein mit meinen Heimkehrergefühlen und mit sehr wirren Gedanken. So hockte ich viele Stunden lang auf dem kleinen Klappsitz, putzte von Zeit zu Zeit das Fenster und stierte in den dämmernden Morgen.

Als ich feststellte, daß meine Putzerei nicht viel nützte, da das Fenster außen vom Morgentau beschlagen war, öffnete ich es weit. Als ich nach einiger Zeit merkte, daß ich fror, holte ich mir meinen mit guter Wolle gefütterten britischen Uniformmantel und hockte mich wieder auf meinen Klappsitz.

Um keinen Preis wäre ich in mein gut geheiztes Abteil zurückgegangen. Ich hätte ja etwas versäumen können. Denn das Panorama, das am offenen Fenster vorbeizog, das war Deutschland.

Wo ich hinblickte, auf die Felder, Wiesen und Wälder im immer neu sich rundenden Halbkreis hinter den Telegraphendrähten, da war Deutschland. So weit mein Auge blicken konnte, links und rechts und auch jenseits des im Morgengrauen verschwimmenden Horizonts - das war das Land, das mir in all den Jahren so nahe gewesen wie nie im Leben und doch so unerreichbar, so weltenfern wie ein fremder Planet.
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Jetzt fuhr der Zug langsamer.

Dort stand ich nun mindestens eine Stunde lang, gewiß die gefühlvollste Stunde meines Lebens und so verrückt, daß ich mich von Zeit zu Zeit zur Ordnung rief und ernsthaft an meinem Verstand zweifelte.
Gleich würde er wohl irgendeine Station passieren. Im Hintergrund erschienen die Umrisse einer kleinen Stadt. Am Bahndamm stand ein Hund und bellte den vorbeifahrenden Zug an. Ein deutscher Hund, der erste deutsche Hund seit dreizehn Jahren.

Es war ein Schäferhund, und wie ich da auf meinem Klappsitz hockte, stellte ich mir die verrückte Frage, ob der Hund, der uns da so wütend anbellte, vielleicht mit dem einen oder anderen der schönen Schäferhunde verwandt sei, die ich auf Bildern vom Berghof oder von Karinhall gesehen hatte.

Ich hatte keine Zeit, den Gedanken auszuspinnen; denn während der Zug sich der kleinen Station näherte und noch langsamer fuhr, hatte ich ein viel erregenderes Erlebnis.

Da standen am Bahndamm zwei Kinder und winkten: deutsche Kinder, die ersten, die ich seit dreizehn Jahren sah. Ich winkte zurück und versuchte in den fünf oder sechs Sekunden, die ich sie sah, mir die Gesichter einzuprägen. Es schienen mir nette und freundliche Kinder zu sein, und daß sie so dünn und blaß aussahen und so schäbig gekleidet waren, tat mir weh. Wie schade, daß keine Zeit war, ihnen aus der Riesentüte, die ich zu solchem Zweck mitführte, ein paar Bonbons zuzuwerfen.

Die Kinder waren gewiß noch zu jung, um Pimpf und Jungmädel gewesen zu sein; aber wenn sie dreist ein paar Jahre älter wären - so fragte ich mich - wäre denn das ein Grund, ihnen gram zu sein? Müßte man ihnen dann nicht besonders viel Verständnis, Teilnahme und Mitgefühl zeigen?
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Ich sah meinen ersten erwachsenen Deutschen ...

Der Zug fuhr jetzt langsam durch die kleine Station, und auf dem Bahnsteig sah ich meinen ersten erwachsenen Deutschen. Auch er sah dünn und blaß und schäbig aus; er trug eine Art Uniform, war wohl also ein Eisenbahner, der dort Dienst tat.

Er trug freilich nicht die rote Mütze eines Zugabfertigers, sondern eine Landsermütze. Was mag der wohl in den zwölf Jahren des Dritten Reiches erlebt haben? Bei welcher Einheit mag er im Krieg gedient haben? Etwa bei der Waffen-SS?

Aber er sah eigentlich eher bemitleidenswert als furchterregend aus. Während ich solchen Gedanken nachhing, fuhr der Zug in eine große Station ein, in der er kurzen Aufenthalt hatte. Es wird wohl Duisburg gewesen sein, aber ich weiß es nicht mehr genau; denn in den wenigen Minuten jenes Zugaufenthalts waren nicht nur meine Augen, sondern auch meine Ohren aufs äußerste angespannt.

Die ersten deutschen Laute .....

Die ersten deutschen Laute - außer Hundegebell -, die auf deutschem Boden an mein Ohr drangen. Ich hörte mit einer Spannung hin, als ob mir da Perlen der Weisheit oder eine teuflische Bosheit von einem großen Redner vermittelt würden; aber ich war gar nicht enttäuscht, daß es sich nur um irgendwelche Belanglosigkeiten handelte, die ein Eisenbahner zu einem anderen sagte; und daß die beiden ein breites Rheinisch sprachen, machte sie mir noch interessanter und geheimnisvoller.

Gleichzeitig verfolgte ich mit brennendem Interesse die wenigen Deutschen, die sonst noch auf dem Bahnsteig zu sehen waren: Ein halbwüchsiger Bursche - auch er schon mit der Landsermütze -, der einem englischen Offizier sein Köfferchen an den Zug trug und für ein paar Zigaretten eine sehr höfliche Verbeugung machte; eine verhärmte alte Frau mit einer Kiepe, ein ebenfalls schon älterer Mann, der aber auch noch die Landsermütze trug und einen Schubkarren fuhr.
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Der Zug fuhr schon langsam wieder an ...

Ich war von einer verzehrenden Neugierde gepackt, was in diesen Köpfen vorging. Der Zug fuhr schon langsam wieder an, aber ich mußte immer noch gegen den irrsinnigen Impuls ankämpfen, herauszuspringen und mich mit jedem dieser Menschen eine Stunde lang in eine Ecke zu setzen, um zu erfahren, was sie in den letzten dreizehn Jahren getan, gedacht und empfunden hatten.

Der erste Deutsche, mit dem ich dazu kam, ein solches Gespräch zu führen, war der Fahrer, den mir das britische Pressehotel aus Herford geschickt hatte, um mich in Oeynhausen abzuholen.
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Ich bekam einen deutschen Fahrer zugeteilt

Es war ein höflicher und umsichtiger Mann, der mich, als ich ausstieg, sofort an den schönen Schulter- und Mützenabzeichen erkannte, die mir das britische Kriegsministcrmm geliefert hatte.

Er trug die unvermeidliche Landsermütze und eine etwas auf Zivil umgearbeitete feldgraue Uniformjacke, dazu eine englische Khakihose mit messerscharfen Bügelfalten und ein Paar solide englische Militärstiefel. Seine Kleidung war gewiß etwas zusammengewürfelt, aber sehr adrett, und der Mann sah erheblich besser ernährt aus als alle Deutschen, die ich vorher gesehen hatte.

Er war ein blonder Hüne mit rosigem Gesicht und knallblauen Augen, genau der Typ, der auf eine Titelseite des Schwarzen Korps gepaßt hätte, etwa: Das Gesicht des deutschen Soldaten (mit Stahlhelm) oder: Das Gesicht des deutschen Arbeiters (mit Spitzhacke) oder: Das Gesicht des deutschen Bauern (mit Sichel).
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Wer war dieser Mann, der meine Koffer trug ?

Während der breitschultrige Riese gemächlich vor mir hinschritt, mit jeder Hand mühelos je einen meiner schweren Koffer tragend und mit höflicher Bestimmtheit darauf bestehend, sich auch noch meine dicke Aktentasche unter den Arm zu klemmen; während er dann das Gepäck umsichtig und ordentlich im Wagen verstaute, spintisierte ich, was der Mann in den letzten Jahren wohl gemacht haben möge.

Ob er wohl bei der Luftwaffe war oder gar bei der Waffen-SS? Vielleicht ein Ritterkreuzträger? Oder ob er etwa zu der sadistischen Bewachungsmannschaft eines KZ gehört hatte? Oder vielleicht eher - denn der Mann hatte ja ein freundliches Gesicht - zu den Helden, die dort mit stoischer Ruhe und ungebrochenem Mut die Folter ertrugen?
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Mein Fahrer erzählt :

Die Fahrt nach Herford dauerte etwa eine halbe Stunde, mehr als genug, um über das sehr ereignisarme Leben des Mannes alles Wissenswerte zu erfahren. Er stammte aus dieser westfälischen Gegend, und sein Vater hatte zeitlebens in einer der Zigarrenfabriken im nahegelegenen Bünde gearbeitet.

Er selbst hatte die Motorenschlosserei gelernt, und das für mich so schicksalsschwere Jahr 1933 bedeutete für ihn nur den Beginn eines geruhsamen Berufs als Privatfahrer; mehrere Jahre übrigens auch bei einem jüdischen Industriellen, der später in die Schweiz emigrierte.

Auch im Kriege war der Mann immer nur Fahrer gewesen; meistens bei einer Lazaretteinheit ziemlich weit hinter der Front. Er war dann schließlich in englische Gefangenschaft geraten und nach kurzem Lageraufenthalt wieder als Fahrer eingestellt worden.

Er fuhr jetzt ausschließlich für die englische Presse und war mit der Behandlung sehr zufrieden. Seine Frau stammte auch aus der westfälischen Gegend, hatte keinerlei Reisen gemacht und nie etwas besonders Aufregendes erlebt. Sie hatten zwei nette Kinder, deren eines kurz vor dem Kriege, das andere während eines Urlaubs gezeugt worden war.
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Bonbons für die Kinder, ein Allheilmittel

So kam ich wenigstens dazu, die große Bonbontüte auszupacken und für jedes der Kinder eine kleine Gabe aus England mitzuschicken. Sie wurde ebenso höflich angenommen wie die Zigaretten, die ich anbot, und die zu meinem Erstaunen nicht geraucht, sondern in einer kleinen Schachtel verstaut wurden.
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Wir wohnten dann in einem Pressehotel

Das britische Pressehotel war in einem für diesen Zweck beschlagnahmten Hotel untergebracht. Es war wohl das beste Gasthaus der kleinen Stadt, gut bürgerlich in Stil, Ausstattung und Küche; und eben dieser Stil wurde beibehalten und mit gewissen kleinen Änderungen den englischen Bedürfnissen angepaßt.

Die Änderungen bestanden im wesentlichen darin, daß es mehr Tee als Kaffee gab, und daß die Bar der englischen Geschmacksrichtung diente. Die Lebensmittel und Getränke kamen ja ohnehin aus englischen Armeebeständen und wurden uns Journalisten (oder vielmehr unseren Redaktionen) in englischer Währung berechnet.
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Und es gab ein englisches Frühstück ..

Es gab natürlich auch ein englisches Frühstück. Das deutsche Personal - die meisten schon lange vorher in dem Gasthaus tätig - lernte also anstatt Rührei mit Schinken jetzt "ham and eggs" zu machen. Sie lernten sogar Porridge zu kochen, nannten das freilich »Suppe«: wenn man also zum Frühstück etwas Porridge und ham and eggs bestellte, so rief die freundliche westfälische Kellnerin durchs Küchenfenster: »Einmal Suppe und einmal breakfast für Mister Soundso.«

Das tüchtige und freundliche Personal des Gasthauses war mit den Engländern nicht minder zufrieden als mein ebenso tüchtiger und freundlicher Fahrer; und die Lehre, die mir mein erstes Heimkehrergespräch mit einem Deutschen vermittelt hatte, wurde in den Gesprächen bestätigt, die ich noch am gleichen Tage mit so ziemlich allen Angestellten des Gasthauses hatte, vom Geschäftsführer bis zum Küchenjungen.

Erkenntnis - Sie hatten an der Zeit "vorbei" gelebt

Sie waren alle weder Helden noch Teufel und hatten in all den Jahren weder mit dem KZ noch mit der SS irgend etwas zu tun gehabt. Sie waren alle höflich, freundlich und tüchtig in ihrem Fach, sie nahmen alle gern die angebotenen Zigaretten (und steckten sie prompt in die stets bereite kleine Schachtel); inmitten der phantastischen Wirren der letzten dreizehn Jahre schienen sie mir nicht so sehr in dieser Zeit gelebt zu haben als an ihr vorbei: einzig und allein darauf bedacht, auf ihrem eigenen kleinen Lebensweg möglichst ungestört zu bleiben und vor allem keinen Ärger mit der Obrigkeit zu haben.
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Durchschnittsmenschen - überall und jederzeit

Ich hatte also an meinem ersten Tag der Heimkehr immerhin die wichtige Entdeckung gemacht, daß meine Landsleute - zumindest diejenigen, die mir bisher begegnet waren - nicht viel anders waren als Durchschnittsmenschen überall und jederzeit; daß sie sich also in den letzten zwölf oder dreizehn Jahren keineswegs in unheimliche Fabelwesen eines fremden Planeten verwandelt hatten.
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In Oeynhausen in einen englischen Operettenfilm gehen

Ich hätte eigentlich mit diesem Tagesergebnis zufrieden schlafen gehen, oder aber - da es ja noch sehr früh am Abend war - die Einladung einiger Kollegen zu einer Pokerpartie annehmen können oder auch die von ein paar anderen, mit ihnen nach Oeynhausen ins Kino zu fahren. »Deutsches Kino?« fragte ich.

»Nein, nein«, erwiderten die Kollegen entsetzt. Es sei ein wirklich guter englischer Operettenfilm, und anschließend könne man zu einer Party beim Colonel gehen, da sei es immer ganz nett.
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Ich wollte die Gehimnisse der Menschen herausfinden

Nein, dazu war ich nicht nach Deutschland gekommen, in das Land, in dem es für mich noch immer hinter jeder Straßenecke und hinter jeder Menschenstirn Geheimnisse gab, die Erklärung heischten.

Gewiß, der Fahrer und die Hotelangestellten hatten sich als Durchschnittsmenschen erwiesen, von denen ich über die dreizehn Jahre meiner Abwesenheit nicht viel lernen konnte, und bestimmt nichts über die Hintergründe der Dinge, die geschehen waren. Ich müßte es eben bei Leuten versuchen, die einigen Rang und Einfluß hatten.
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  • Anmerkug : Hier erkennt man unglaubliche Ähnlichkeiten zu den Erlebnissen des Autors Curt Riess als Amerikaner und später ebenfalls Presseoffizier, der im Herbst 1943 über die Schweiz nach Deutschland eingeschleust wurde, um eben diese Geheimnisse der Bevölkerung zu erkunden.

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»Wer ist hier der Bürgermeister?«

.... fragte ich. »Das ist der Herr Dr. Holzapfel«, sagte die Kellnerin, und der Geschäftsführer erklärte, der Holzapfel leite die größte Fabrik am Ort und man munkele, daß er in der neugegründeten CDU eine große Rolle spielen würde.

»Er hat sogar noch sein Telephon«, informierte mich der Hausdiener, und das war in der Tat damals ein Beweis von hoher Prominenz.

Ich rief an und fragte, ob es dem Herrn Bürgermeister recht wäre, wenn ich ihn nach dem Essen für ein Stündchen aufsuchte. Dr. Holzapfel sagte, es sei ihm durchaus recht; denn für die Presse, und noch dazu die Auslandspresse, sei er jederzeit zu sprechen.

Herr Dr. Holzapfel empfing mich mit großer Freundlichkeit. Er gab seinem Erstaunen darüber Ausdruck, daß ein Engländer so gut Deutsch sprach, und er nahm meine Erklärung, daß an mir nur die Uniform englisch sei, mit wohlwollendem Interesse zur Kenntnis.
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Besuch in einer typischen deutschen Bürgerwohnung

Für mich war es ein eigenartiges Gefühl, mich in einer ziemlich typischen deutschen Bürgerwohnung zu befinden, also in einer Atmosphäre, die ich seit dreizehn Jahren nur noch aus der Erinnerung kannte.

Die Hausfrau bestand darauf, eine Tasse Tee und Keks anzubieten, und da ich ja schon wußte, was das zu dieser Zeit für Kostbarkeiten waren (insbesondere Tee war in Deutschhland sehr rar), konnte ich eine so liebenswürdige Geste nicht abweisen, ohne taktlos zu sein. Immerhin war ich froh, daß die englischen Zigaretten, die ich herumreichte, in diesem Hause nicht in einem Kästchen verstaut, sondern sofort und gern geraucht wurden.
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Unser Gespräch - ein geschichtsphilosophischer Vortrag

Das Gespräch, das Herr Dr. Holzapfel mit mir führte, war - ich finde keine bessere Bezeichnung dafür - außerordentlich gebildet. Ich habe die Einzelheiten nicht mehr im Kopf, weiß aber noch genau, daß mein Gastgeber mir eine Art geschichtsphilosophischen Vortrag hielt und sowohl die christliche wie die demokratische Komponente der CDU betonte, als deren Gründungsmitglied er sich nicht ohne Stolz bekannte.

Was mich freilich im Moment viel mehr interessierte, waren die Vorgänge der letzten dreizehn Jahre und etwaige sachliche und personelle Hintergründe, die mir nicht bekannt waren. Hier tat ich freilich lauter Fehlfragen, denn über diese Dinge, so sagte mir der Bürgermeister, könne er mir beim besten Willen keine Auskunft geben.

Er habe ja mit den Nazis nie etwas zu tun gehabt, er sei sogar, weil er den Männern des 20. Juli nahestand, aufs schwerste gefährdet gewesen. Der 20. Juli interessierte mich natürlich auch, aber zu diesem Thema konnte mir Herr Holzapfel nichts mitteilen, was ich nicht ohnehin schon aus meinem genauen Studium der Materie wußte.
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Noch ein letztes Gesprächmit den "Kindern" - abgelehnt

Es schien an der Zeit, mich zu verabschieden, aber bevor ich ging, fragte ich meinen Gastgeber noch, ob ich mich nicht mit seinen Kindern etwas unterhalten könnte. Jugendfragen interessierten mich ganz besonders, und ich hätte gar zu gern gewußt, wie es in der HJ und im BDM wirklich zuging. Herr Holzapfel schüttelte entsetzt den Kopf.

Wo denke ich hin? Seine Kinder genössen eine christliche Erziehung, und sie hätten mit der Hitler-Jugend nie das Geringste zu tun gehabt. Ich stellte sehr erstaunt die Gegenfrage, ob denn so etwas im Dritten Reich möglich gewesen, und ob nicht die Mitgliedschaft in der HJ und im BDM zwangsläufig und gewissermaßen eine unerläßliche Ergänzung der Schulpflicht gewesen sei.

Der Bürgermeister erklärte mir, daß es in der Tat sehr schwierig und nicht ungefährlich gewesen wäre, diesen Anspruch der Partei zu ignorieren; er seinerseits habe es aber mit Gottes Hilfe durchgesetzt, seine Kinder dem weltanschaulichen Zugriff des Regimes zu entziehen.

Ich verabschiedete mich dankend, und als ein Sohn des Hauses mir höflich bis zur Gartentür das Geleit gab und mir den kurzen Rückweg zum Hotel erklärte, war ich ganz froh und irgendwie beruhigt über die zackige Verbeugung und den militärisch strammen Gruß, womit der freundliche und wohlerzogene Junge sich verabschiedete.
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Kaum eine einzige befriedigende Antwort bekommen

Als ich dann zu meiner ersten Nachtruhe in der Heimat kam, erweckten die solide Bettstelle, das schwere Federbett und jedes Möbelstück in diesem typisch deutschen Gastzimmer einige sentimentale Anwandlungen; die Buntdrucke an der Wand - der Alte Fritz in der Schlacht von Leuthen und Goethe in Italien - waren zwar gewiß nicht von hoher Qualität, aber sie erweckten Kindheitserinnerungen, die mir in dieser Stimmung nicht unwillkommen waren.

Als ich aber die Ereignisse und Erlebnisse des Tages Revue passieren ließ, war ich etwas enttäuscht. Ich sagte mir, daß es zwar an erregenden Erlebnissen nicht gefehlt habe, daß aber die ersten Gespräche mit Deutschen nicht sehr aufschlußreich gewesen seien. Noch hatte ich kaum eine einzige befriedigende Antwort auf die vielen Fragen, die mir am Herzen lagen.
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Ich wollte doch mal mit einem richtigen NAZI sprechen

Ich hatte natürlich unrecht, aber es sollte noch geraume Zeit dauern, bis ich merkte, daß ich schon an jenem ersten Tage eine ganze Menge gelernt hatte. Ich wußte damals noch nicht, wie erstaunlich viele Menschen mir noch begegnen sollten, die irgend etwas mit dem 20. Juli zu tun hatten, und wie schwierig es sein würde, meinen Wunsch nach einem ernsthaften und offenen Gespräch mit ein paar »richtigen Nazis« zu erfüllen.

Ich konnte ja noch nicht ahnen, daß es mir erst nach der übernächsten Deutschlandreise - nicht auf, sondern nach jener Reise, nämlich in einem Kriegsgefangenenlager in England - gelingen würde, mit einem jungen Mann ins Gespräch zu kommen, der nicht nur zugab, zur SS gehört zu haben, sondern immer noch stolz darauf war.
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Herford war das Hauptquartier der britischen Presse

Dieser junge Mann, sozusagen »mein erster Nazi«, hat mich begreiflicherweise interessiert, aber ich will den Ereignissen nicht vorgreifen; ein Rechenschaftsbericht muß halbwegs chronologisch bleiben, und wir halten ja noch in Herford bei den ersten Tagen meiner ersten Heimreise.

In Herford mußte ich auf den ersten zwei oder drei Reisen oft genug Station machen, denn dort war damals das Hauptquartier der britischen Presse, und dort mußte man sich anmelden, bevor man zum nächsten Bestimmungsort weitergeschleust werden konnte.
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Ich wollte nach Iserlohn, Solingen, München, Frankfurt und Heidelberg und irgendwann nach Berlin

Ich wollte natürlich auch ins Ruhrgebiet, für dessen Besuch wir damals noch in dem etwas abseits gelegenen Iserlohn und später in der Nähe von Solingen ein besonderes "Press Camp" hatten. Ich wollte auch nach München, Frankfurt und Heidelberg (also in die amerikanische Zone) und nach Mainz und Baden-Baden in die französische Zone; ich wollte auch nach Hamburg und vor allem natürlich nach Berlin.

»Vor allem« stimmte eigentlich nur insofern, als ich nach Berlin natürlich die brennendste Sehnsucht hatte; aber gerade deshalb und weil mir wohl unwillkürlich vor dem seelischen Schock bangte, den die erste Wiederbegegnung mit der Heimatstadt und mit alten Freunden bedeuten würde - gerade deshalb beschloß ich, mich zunächst in anderen und mir nicht ganz so vertrauten Gegenden etwas zu akklimatisieren und erst in der dritten oder vierten Woche den ersten der beiden Berliner Besuche zu machen, die ich auf dieser langen Reise geplant hatte.

In der Gegend von Herford hielt ich mich zunächst nur ein paar Tage auf, denn die vielen in der Umgebung gelegenen britischen Dienststellen interessierten mich nicht besonders, mit der einzigen Ausnahme der "Education Branch" in Bünde; aber die lief mir ja nicht weg.
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Aber zuerst mal nach Hannover

Ich wollte zunächst nach Hannover, um Schumacher kennenzulernen und um Ollenhauer, Heine und ein paar andere alte Freunde zu begrüßen, die gerade angekommen waren. Auch Dr. Grimme und einige andere für die Neuordnung des deutschen Erziehungswesens wesentliche Persönlichkeiten saßen in Hannover, das ich also mit gutem Grund als erstes Reiseziel wählte.

Anschließend wollte ich nach Frankfurt, Nürnberg und München, und von dort aus über Mainz und Heidelberg nach Baden-Baden; dann wieder zurück nach Mitteldeutschland und nach Detmold, wo ich ein paar Tage an einem Kongreß deutscher Pädagogen teilnehmen wollte.

Dann ins Rheinland und Ruhrgebiet und dann endlich nach Berlin. Das hatte ich mir für den ersten Teil der Reise vorgenommen, und dieses Programm habe ich dann auch ziemlich genau eingehalten.
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In einer Schloßruine das Ufa-Erbes »entflechten«

Die administrativen Vorbereitungen nahmen ein paar Tage in Anspruch, und inzwischen fuhr ich ein wenig in der Gegend herum, besuchte einen meiner englischen Verleger, der ehrenamtlich in der Education Branch arbeitete, und sah mir eine etwas seltsame englische Dienststelle an, die in einer Schloßruine in der Nähe von Hameln mit viel Eifer und wenig Erfolg einen Teil des Ufa-Erbes zu »entflechten« oder doch wenigstens zu entwirren versuchte.

Hier ein Verweis auf die bisherigen UFA Seiten - Curt Riess hat viel darüber geschrieben, wieviel Unsinn da verzapft worden war.
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Das Lockmittel Bonbontüte half nur bedingt

Viel mehr interessierten mich freilich die Gespräche mit den Deutschen, die mir begegneten. Oft ließ ich den Wagen in irgendeiner Dorfstraße halten, um aus der großen Bonbontüte ein paar Dorfkindern etwas anzubieten; aber auch aus solchen Gelegenheitsgesprächen lernte ich nicht viel mehr, als daß den Kindern die Bonbons der Gegenwart wichtiger zu sein schienen als die Führer der Vergangenheit.

Am ausführlichsten konnte ich mich natürlich auf diesen langen Fahrten mit den Fahrern unterhalten, aber die meisten hatten über die Vergangenheit nicht viel mehr zu sagen, als daß sie froh seien, den Krieg hinter sich zu haben.

Ich war damals immer noch erstaunt darüber, daß weder der Triumph noch der Zusammenbruch des Hitler-Regimes die Leute besonders erschüttert zu haben schien, aber ich hatte keinen Grund, an der Ehrlichkeit solcher Gesprächspartner zu zweifeln; sie machten mir keinen Hehl über Privatangelegenheiten, die ihnen offenbar viel wichtiger und interessanter waren, als das Schicksal ihres - nein, unseres Vaterlandes, denn ich selbst fühlte mich damals noch durchaus als Deutscher.
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Unverständlich, daß jemand nach Deutschland zurück wollte

Die Fahrer fanden es schwer begreiflich, daß jemand, der im Ausland lebte, nach Deutschland zurück wollte. Immerhin freuten sie sich, daß dieser seltsame Uniformträger, im Gegensatz zu den »richtigen« Engländern, nicht im Fond des Wagens Platz nahm, sondern sich neben sie setzte.

Sie machten also zwischen mir und meinen Kollegen den Unterschied, daß sie mich nicht »Herr Hauptmann« (oder später »Herr Oberstleutnant«) anredeten, sondern »Herr Mister«; und damit der gebührende Respekt nicht zu kurz kam, wurde nie die dritte Form der Anrede vergessen, also etwa: »Haben Herr Mister noch Befehle für mich?« oder »Wollen Herr Mister die Tasche im Wagen lassen?«
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Was passierte mit den deutschen Fahrern ?

Bei der Ankunft in Hannover machte ich übrigens die interessante Entdeckung, daß auch dem heiligen Bürokratius einer Besatzungsmacht ein menschliches Herz schlägt. Da die Stadt Hannover für die meisten englischen Journalisten uninteressant war und es kein »Pressehotel« in der Nähe gab, mußte ich in einem Offiziersklub untergebracht werden.

Das war kein Problem; ich bekam ein schönes Zimmer und meine Verpflegungsscheine für die Offiziersmesse. Aber was sollte mit meinem Fahrer geschehen? Das war ein schwieriges Problem, denn für die Unterbringung von deutschen Fahrern gab es keine Richtlinien.

Die Offiziere, die in dem Klub abstiegen, hatten alle ihre englischen Militärfahrer, die anstandslos in den für Offiziersburschen reservierten Räumen untergebracht und auch verpflegt werden konnten.

Deutsche Fahrer hatten nur die Presseleute, und von denen war vor mir noch keiner aufgekreuzt. Hier war also ein Novum, vielleicht sogar ein Präzedenzfall. Der freundliche Major, der den Klub leitete, kratzte sich nachdenklich den Kopf: nein, einen deutschen Fahrer könne man nicht unterbringen, das sei gegen alle Vorschriften. Das Problem der Unterbringung ließ sich sehr leicht und ohne militärische Behörden lösen. Schließlich gab es ja in Hannover die SPD. Ich klagte also Erich Ollenhauer mein Leid, und er versprach Abhilfe und sorgte dann sehr schnell dafür, daß dem Fahrer in einem der Büroräume ein Nachtlager gerichtet wurde.
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Und was bekam der Fahrer zu essen - eine längere Geschichte

Aber wie sollte der Mann verpflegt werden? Da konnte die SPD beim besten Willen nicht helfen, denn es hatte ja jeder nur seine paar Kalorien und das mittägliche Eintopfgericht. Ich ging also wieder zu dem Major und sagte ihm, wenn mein Fahrer nicht von dieser englischen Dienststelle verpflegt werden könnte, dann müßte ich eben meine eigenen Mahlzeiten mit ihm teilen.

Das sei ausgeschlossen, meinte der Major, ich sei Gast des Hauses und dürfte nicht hungern. »Mein Fahrer darf aber auch nicht hungern«, meinte ich, worauf der Major sorgenvoll die Stirn runzelte und schließlich erklärte, es verstoße zwar gegen sämtliche Vorschriften, aber er würde den Mann jetzt sofort und persönlich in die Küche führen, damit er sich wenigstens einmal richtig satt esse. Inzwischen müßte ich bei dem zuständigen Bezirkschef, einem General in Oeynhausen anrufen, um eine grundsätzliche Regelung zu erwirken.

Der General war leider nicht da, aber ich erklärte dem Adjutanten die Sachlage und bat um baldige Entscheidung. Ich wiederholte, daß mir im negativen Falle nichts anderes übrig bliebe, als mit dem Mann meine eigenen Rationen zu teilen. Darauf, um noch ein zweites Eisen im Feuer (oder vielmehr ein zweite Ration im Kochtopf) zu haben, fuhr ich in eine andere englische Dienststelle, wo ein mir bekannter Quäker saß.


Die Dienststelle hatte zwar nicht das Geringste mit mir zu tun, aber Quäker sind immer hilfsbereite, freundliche und unbürokratische Menschen. Als der Mann sich mein Problem angehört hatte, verfügte er kurzerhand, daß mein Fahrer während meines Aufenthalts in Hannover von seiner Dienststelle zu verpflegen sei.

Als ich dann in den Offiziersklub zurückfuhr, war inzwischen auch ein Befehl des Generals aus Oeynhausen durch Fernschreiber angelangt: unter den obwaltenden besonderen Umständen und ohne damit einen Präzedenzfall zu schaffen, sei der deutsche Fahrer des im Klub abgestiegenen Pressevertreters mit den vorschriftsmäßigen Rationen des alliierten Personals zu verpflegen.

Der gute Mann durfte also sofort wieder in die ihm schon wohlvertraute Küche gehen, die übrigens von Displaced Persons, also größtenteils von polnischen Flüchtlingen, verwaltet wurde. Von Stund an hatte mein Fahrer einen für einen so exklusiven britischen Klub etwas unpassenden Namen.

»Beim Polen« schmeckte es ihm offenbar noch besser als bei den Quäkern, und er schien in beiden Küchen zu jeder Tageszeit willkommen zu sein. Wenn ich also in den nächsten Tagen bei Dr. Grimme oder der SPD vorfuhr, verfehlte er nie, sich zu erkundigen, ob es sich um eine kurze oder lange Besprechung handelte, und wenn ich sagte, daß es mindestens zwei Stunden dauern würde, kam die stereotype Antwort: »Wenn Herr Mister nichts dagegen haben, könnte ich ja inzwischen schnell noch mal beim Polen vorbeifahren«. In jenen drei oder vier Tagen in Hannover hatte ich eine ganze Reihe wesentlicher Erlebnisse und Gespräche, aus denen sich die Umrisse des Bildes zu runden begannen, das ich allmählich von der deutschen Wirklichkeit gewann.
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Fritz Heine zeigte mir den berüchtigten Bahnhofsbunker

Einen erschütternden und recht lehrreichen Eindruck vermittelte mir ein abendlicher Besuch in dem damals so berüchtigten Bahnhofsbunker. Fritz Heine führte mich hin, und der Bunkerwart sorgte dafür, daß wir mit einigen der Unglücklichen ins Gespräch kamen, die, von ihrem Nachkriegsschicksal hin- und hergeschlagen, in jenem düsteren Riesenasyl für Obdachlose eine Notunterkunft gefunden hatten.

Es war meine erste Berührung mit der Flüchtlingsnot, die damals und noch viele Jahre lang eine der deutschen Schicksalsfragen war. Das war ja immer eine eminent politische Frage, auch wenn das Bündel Elend, das man in irgendeiner Bunkerecke hocken sah, nur ein Opfer der Politik war, selbst aber ganz unpolitisch und nur von dem primitiven Lebenswillen beseelt, den auch die armseligste Kreatur aufbringt.
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Hans Hermsdorf, ex-Bürgermeister von Chemnitz

Eine auch im aktiven Sinne politisch profilierte Fazette derselben deutschen Schicksalsfrage sollte ich schon am nächsten Tage kennenlernen, und zwar in den bescheidenen Räumen, in denen damals der Parteivorstand der SPD seine Aufbauarbeit begann.

Es war nämlich gerade Hans Hermsdorf eingetroffen. Drei Tage vorher war er noch Bürgermeister von Chemnitz gewesen, denn als solchen hatte ihn die sowjetische Besatzungsbehörde eingesetzt; offenbar in dem Glauben, daß dieser bewährte SPD-Funktionär sich bereitfinden würde, der (damals noch embryonalen) »Einheitspartei« beizutreten.

Er hatte sich aber geweigert, seine sozialdemokratische Herkunft und Überzeugung zu verleugnen und plötzlich Kommunist zu werden, und auch die Tatsache, daß die KPD nunmehr als SED firmierte, hatte ihn nicht umstimmen können. Damit war seine Position unhaltbar geworden, man hatte ihm große Schwierigkeiten gemacht, und als er hörte, daß er unter irgendeinem fadenscheinigen Vorwand verhaftet werden sollte, war er Hals über Kopf geflohen, glücklich über die Zonengrenze gelangt und nunmehr bei seinen Freunden und Parteigenossen gelandet.
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Die ersten bitteren Erfahrungen im beginnenden Ost-West-Konflikt

Für mich war es sehr lehrreich, mit einem Mann zu sprechen, der nicht nur in der Hitler-Zeit in Deutschland gewesen war, und zwar als ein politisch bewußter und zeitweise aktiver Opponent, sondern der auch schon in dem eben erst beginnenden Ost-West-Konflikt seine eigenen bitteren Erfahrungen gemacht hatte.

Es war nützlich, daß meine etwas allzu romantischen Vorstellungen vom illegalen Kampf im Dritten Reich durch die Erkenntnisse der sehr viel nüchterneren (wenn auch gewiß nicht weniger gefährlichen) Wirklichkeit etwas korrigiert wurden; und es war nicht minder nützlich, daß ich aus der "Ostzone" einiges erfuhr, was nicht durch die Brille der Propagandisten gesehen, sondern in harter Wirklichkeit erlebt war.
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Den Begriff »Eiserner Vorhang« kannte man noch nicht

Das Wort »Eiserner Vorhang« war zwar damals noch nicht geprägt, aber daß es den Begriff doch schon gab, sollte ich wenige Wochen später selber zu spüren bekommen. Vorläufig hatte ich »von drüben« nur Berichte gesehen, die entweder ein Paradies oder eine Hölle schilderten.

Ich wußte, daß die Wirklichkeit irgendwo in der Mitte liegen mußte; genauer gesagt, daß sie, je nach dem Standpunkt des Beschauers, entweder höllisch oder paradiesisch sein konnte; und ich war sehr begierig nach einer Gelegenheit, mir darüber ein eigenes Urteil zu bilden. Ich hoffte, daß sich in Berlin und von Berlin aus solche Gelegenheit ergeben würde - ein Grund mehr, dem Besuch der Heimatstadt mit besonderer Spannung entgegenzusehen.
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Die SPD-Mitglieder aus London waren angekommen

Aber vorläufig war ich ja noch in Hannover und freute mich über das Wiedersehen mit Erich Ollenhauer und Fritz Heine sowie den anderen mir aus London bekannten SPD-Mitgliedern, die entweder schon heimgekommen waren oder ihre Übersiedlung vorbereiteten.

Der Parteiführer Kurt Schumacher war gerade verreist und wurde erst in den nächsten Tagen zurückerwartet. Inzwischen hatte man mir freundlicherweise sein Arbeitszimmer zur Verfügung gestellt, und Frau Renger, seine tüchtige Sekretärin, half mir aufs liebenswürdigste, die Fülle der Eindrücke zu Papier zu bringen, die sich schon in der ersten Reisewoche angesammelt hatten. Zu solchen lehrreichen Eindrücken gehörten natürlich auch die Gespräche mit Frau Renger selbst und mit fast allen anderen Angestellten des Parteihauses bis hinunter zum Botenjungen.
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Nur ein paar Zimmer für die SPD

Ein »Parteihaus« war es freilich noch nicht, es waren damals nur ein paar Zimmer, in denen die Vorarbeiten für den Wiederaufbau der Partei geleistet wurden; und von den Menschen, die daran teilhatten, lernte ich nicht nur manches über die deutsche Wirklichkeit der Jahre, in denen ich fern gewesen war; ich begann auch zu begreifen, wie die Partei dank ihrer inneren Solidität und Adhäsionskraft das Interregnum des Dritten Reiches überstanden hatte.

Ich sah zu meiner Freude, wie recht mein alter Freund Victor Schiff in seinem Beitrag zu unserem Buch "Der Weg zu einem neuen Deutschland" hatte, als er erklärte, daß die große Masse der Parteigenossen alles in allem nicht minder treu blieb als die Führerschaft; und ich sah zu meiner noch größeren Freude, daß seine Prognose eher zu pessimistisch war, als er schrieb:

"Nach einem Jahrzehnt der Hitlerei mit ihrem unbeschränkten Erziehungs- und Propagandamonopol und teuflisch geschickten Appell an die Jugend ist kaum damit zu rechnen, daß eine nennenswerte Zahl von Jugendlichen - außer vielleicht hier und da Söhne und Enkel treuer alter Parteigenossen - ihr Herz einer Partei gegeben haben, die seit dem Mai 1933 offiziell nicht mehr existiert."
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Ich saß noch einmal an Kurt Schumachers Schreibtisch

Ich lernte eine ganze Menge solcher Söhne und Enkel kennen (und auch Töchter und Enkelinnen), denen die HJ- und BDM-Erziehung nicht viel angehabt hatte. Ich sah zu meiner Freude, daß die SPD ein lebendiger Organismus geblieben war und die Möglichkeit hatte, im Wiederaufbau Deutschlands und Mitteleuropas eine historische Rolle zu spielen; ich sah freilich auch zu meinem Kummer, daß noch manches vorhanden war, was mich vorher davon abgehalten hatte, mich ganz der Partei zu verbinden.

Am Tage vor meiner Abreise aus Hannover saß ich noch einmal an Kurt Schumachers Schreibtisch und machte einige zusätzliche Notizen zu denen, die Frau Renger freundlicherweise für mich getippt hatte. Plötzlich öffnete sich die Tür und auf der Schwelle stand ein hagerer Mann mit einem durchgeistigten und leidgefurchten Gesicht. Er blickte etwas erstaunt zu dem englischen Uniformträger, der an seinem Schreibtisch saß, machte eine knappe, korrekte Verbeugung und sagte: »Schumacher«.

Eine in seinem Falle gewiß überflüssige Vorstellung, während ich selbst mich gleichzeitig vorstellen und um Entschuldigung bitten mußte, daß ich nicht nur sein Arbeitszimmer, sondern auch seine Sekretärin monopolisiert hatte. Er nahm das mit freundlichem Lächeln zur Kenntnis. Er war etwas früher als erwartet heimgekommen, und da sowohl Ollenhauer wie Heine gerade ausgegangen waren, hatte er von meiner Anwesenheit keine Ahnung gehabt.
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Schuhmacher war damals schon kränklich

Ich bin diesem ungewöhnlichen Menschen in der allzu kurzen Spanne, die ihm noch beschieden war, häufig begegnet, und obschon ich keineswegs seine Politik in allen Punkten gutheißen konnte, war ich doch von seinem fanatischen Arbeitswillen und von seiner liebenswürdigen Persönlichkeit stets aufs tiefste beeindruckt.

Ganz zu schweigen von der Hochachtung, die man einem Manne schuldet, der mit ungebrochener Standhaftigkeit zwölf Jahre in Dachau, Buchenwald und Neuengamme durchgehalten hatte, ohne seine geistige Spannkraft und seelische Integrität einzubüßen.
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Eine gewaltige Aufgabe, die Schulen wieder in Gang zu bringen

Zu den anderen für meine damalige Berufsarbeit wichtigen Persönlichkeiten, die mich in jenen Jahren häufig nach Hannover zogen, gehörte Adolf Grimme und der Kreis von ausgezeichneten Pädagogen, die der ehemalige preußische Kultusminister um sich versammelt hatte: Männer und Frauen, die unter großen materiellen Schwierigkeiten und mit hingebendem Eifer ihren oft viel mehr als zwölfstündigen Arbeitstag der Ausarbeitung neuer Unterrichtspläne widmeten und der herkulischen Aufgabe, mit einer erschreckenden Unterbilanz von Schulräumen, Lehrkräften und Textbüchern das Unterrichtswesen wieder in Gang zu bringen.

Da ich ihnen allen wenige Wochen später beim Detmolder Pädagogenkongreß wieder begegnen würde, hielt ich mich nicht länger in Hannover auf, sondern fuhr nach Süddeutschland. Ich wollte ja noch Bayern besuchen, einen Blick auf den Nürnberger Prozeß werfen und mir einen Begriff von der amerikanischen und französischen Zone machen, bevor ich nach Detmold fuhr, und dann mußte ich ja noch ins Rheinland, bevor ich endlich nach Berlin kam.
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