Von den Ausgaben vor 1940 haben wir leider noch keine.
Durch Zufall ist hier eine Erweiterung einer 1938er Filmwelt- Ausgabe aufgetaucht. Das Blättchen ist benannt "Der Scheinwerfer".
Es ist eine typisch reichsdeutsche Laudatio auf einen meiner Meinung nach durchschnittlichen, aber der NS-Regierung hörigen, Filmschauspieler. Er spielte, was Göbbels in den Kinos sehen und haben wollte.
Das Besondere an diesem Artikel : Die Fomulierungen der einzelnen Sätze sind wirklich - jedenfalls im NS-Jargon - mustergültig. Was in der Hitler-Diktatur ein Staatsschauspieler war, hatte ich irgendwo schon mal gelesen, es kommt noch.
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Das hier ist nur die bei uns gefundene Beilage zur Filmwelt Nr. 52 vom 23. Dezember 1938 - das Magazin selbst haben wir nicht.
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Staatsschauspieler Willi Birgel - der Künstler und Mensch
Diese Beilage ist ein Werbe- und Propaganda-Blättchen mit überzogenen geschwollenen Lobeshymnen für Willi Bürgel. Er mußte für die Spielfilme die heile Welt und den Lebemann spielen - freiwillig oder gezwungen ???. Das alles hatte mit der Wirklichkeit - auch bereits im Jahr 1938 - nichts mehr zu tun. Die ganz jungen Männer (wie unser Vater Gerhard Redlich - Baujahr 1919) durften ihre Zeit "freiwillig" beim reichsdeutschen Arbeitsdienst verbringen und die älteren wurden bereits zur Wehrmacht eingezogen. Für solche Liebesromanzen blieb da wenig Zeit übrig. Es waren eben nur Träume.
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Dies ist sein Zeichen: ein jugendlich elastischer Körper trägt einen schmalen Künstlerkopf. Das charakteristische Gesicht trägt die Züge eines welterfahrenen Menschen. Die Augen sehen ruhig und klar, der Mund ist weich geschnittten und steht in einem fesselnden Gegensatz zu der klugen Energie dieses einprägsamen Antlitzes.
Dieser Mann ist gemessen und von einer disziplinierten Leidenschaftlichkeit. Er ist sehr gepflegt und ein Kavalier in dem guten Sinn des ritterlichen, selbstbewußten und vollendet höflichen Mannes. Seine Höflichkeit ist nicht verwaschen oder angelernt, sie ist eine Eigenschaft. Birgel ist auf keinen Typ festzulegen, wiewohl doch alles Äußere an ihm dazu verleitet, ihn für einen Typ zu halten.
Er gehört zu den Erfolgreichen. Sein Aufstieg und seine künstlerische Laufbahn waren glänzend. Die Kurve seines Erfolges war aber nicht das Ergebnis irgendwelcher Konzessionen, auch nicht die Folge eines hartnäckigen Strebertums. Man könnte fragen, ob er seinen Erfolg in sich getragen hätte. Wenn wir diese Frage in ihrem tiefsten Sinn beantworten wollen, dürfen wir sie bejahen.
Birgel ist auch nicht zu vergleichen. Man kann von einigen Schauspielern sagen, sie trügen gemeinsame Züge, und der eine gleiche äußerlich oder in der Art seines Spiels mehr oder weniger einem anderen. Birgel ist eben nur Birgel. Er paßt in kein Schema. Er ist eine so starke und überragende Persönlichkeit, daß jeder Deutungsversuch mißlingen muß, der diesen Künstler an Hand der üblichen Maßstäbe messen will.
Über das Wesen des Herrn Birgel
Birgel ist auch eine Mischung des großen Mimen und des geistig analysierenden Gestalters. Seine schauspielerischen Leistungen sind nicht allein durch die Schwungkraft einer lebendigen Phantasie oder durch die besondere Fähigkeit
eines intensiven Nacherlebens oder einer ausgeprägten Einfühlsamkeit zustande gekommen.
Er ist in das Wesen der von ihm dargestellten Figuren eingedrungen und hat sie von innen her und von Grund auf erschöpfend erlebt. Man könnte leicht zu dem Schluß kommen, daß dies eine Funktion des reinen Intellekts sei, von dem Kant sagt, daß er das Charakterbild wesentlich ausmache. Doch scheint uns dies ein leiser Trugschluß.
Uns will die Stärke dieser Darstellung vielmehr als Ausdruck einer ganz besonders bewußten Persönlichkeit erscheinen, die sich absolut äußert, d. h., die sich nicht an außenliegende Fakten hält und diese als Anregungen nimmt. Ein Schauspieler kann ein historisches Kostüm anziehen und allein durch dieses Kostüm vermöge seiner Phantasie zu einer Darstellung des Menschen kommen, der in diesem Kostüm steckt.
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Birgel hat viele und unterschiedliche Uniformen angehabt. Er war immer ein anderer. Aber er war immer auch der elegante, kluge, mutige, eiserne, verbindliche, von kalter Leidenschaft getragene Spieler. Wir erinnern uns an den Lagerkommandanten aus dem Film „Ein Mann will nach Deutschland" oder an seine erste wesentliche Filmrolle, den Sekretär Petroff in „Fürst Woronzeff".
Dort trat er (von der Rolle aus gesehen) kaum hervor und war doch da und beherrschte doch die Szene. Andere an dieser Stelle wären kaum bemerkt worden. Er wurde bemerkt. Seine schauspielerische Kraft strahlte, sie war unabhängig von dem Umfang und der Bedeutung der dargestellten Figur. So äußert sich das genialische Talent, die ausgeprägte Begabung, die bewußte Persönlichkeit — mit einem Wort: das unbedingte Künstlertum.
Er sollte das Kunsthandwerk seines Vaters erlernen, der Domgoldschmied in Köln war. Er setzte sich durch, der Vater stellte die eigenen Wünsche betreffs des Sohnes hinter die Wünsche des Sohnes. Nach dem Besuch der Schauspielschule in Köln kam das erste Engagement in Bonn, wo er auch mit Eugen Klopfer zusammen spielte. Es folgten Dessau und Koblenz.
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Vom Theater zum Film
Der Krieg machte aus dem jugendlichen Schwärmer den ernsten, gefestigten, zielbewußten Mann; der in Aachen aufs neue beginnende Künstler zeigt sich bereits als der hinreißende, eigenwillige und ungeheuer eindringliche Gestalter. Die Zeit am Mannheimer Nationaltheater brachte den künstlerischen Durchbruch, die ganz große Entfaltung. Von seinem bekannt gewordenen Hamlet hieß es in den Zeitungen, daß er zuchtvoll, mit Haltung gespielt und daß diese Figur von ihm im Diesseits festgelegt worden sei.
Schlicht, hart, kühl, durchdringend habe er den Dänenprinzen dargestellt, in seiner gewaltig aufbrechenden, immer aber disziplinierten Leidenschaft mitreißend. Das macht in Wahrheit den Schauspieler Birgel aus-, er ist durchdringend, zuchtvoll, er hat immer eine starke und bewußte Haltung.
Er sagte selbst: „Das Theater gibt die Möglichkeit, mehr Leben zu leben als das eigene ... Der Entwicklungsprozeß der schauspielerischen Arbeit beginnt bei der geistigen Erfassung der Rolle und endet mit der körperlichen Gestaltung."
Und vom Film sagt er, daß der Übergang vom Theater zum Film ein Erlebnis und eine Krise zugleich sei. Vor der Kamera muß die fertige Form gefunden werden, denn es ist nachträglich nichts mehr am Spiel zu verbessern. Er sagt, daß die Rollen die schönsten für ihn gewesen seien, die sich nicht an seinen Typ, sondern an seine Darstellungsmittel wandten. Damit hat er unendlich viel über sich selbst ausgesagt.
Wie kam er zum Film? Während eines Berliner Gastspiels des Mannheimer Nationaltheaters mit der „Marneschlacht" wurde man auf ihn aufmerksam, — Seine Filmrollen sind ungewöhnlich lebendig in aller Erinnerung, worin sich wieder seine darstellerische Persönlichkeit in ihrer Wirkung auf uns äußert.
Sie zeigten alle den weltgewandten, glühenden, zuchtvollen Schauspieler, der sich (fast wörtlich zu nehmen) in die Herzen und — was schwerer wiegt — in die Erinnerung seines Publikums hineinspielte. Es seien nur seine Rollen in den Filmen „Schwarze Rosen", „Barcarole", „Einer zuviel an Bord", „Schlußakkord", „Verklungene Melodie", „Verräter", „Mädchen Johanna", „Menschen ohne Vaterland", „Ritt in die Freiheit", „Fanny Elßler", „Unternehmen Michael", „Geheimzeichen LB 17", „Der Fall Deruga" genannt.
Der private Mensch Birgel
Der private Mensch Birgel hängt an den schöngeistigen Dingen des Lebens. Auch hier die gleiche männliche Versunkenheit, die ihn in bezug auf seinen Künstlerberuf folgendes sagen ließ: „Die ganze Atmosphäre, in der ich
aufgewachsen bin, hat mich in der Richtung beeinflußt, daß langsam die Liebe für eine Welt wuchs, die abseits vom Alltäglichen lag."
Nun spielte er in den Filmen „Hotel Sacher", der von der Ufa in Wien gedreht wurde, und in dem Ufa-Film „Blaufuchs" als Partner von Zarah Leander. Im „Sacher" gibt er einen leidenschaftlich erfüllten Kämpfer für die Freiheit der unter der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie lebenden Völker, einen Mann, gegen den die Gesellschaft aufbegehrt, weil sie die edlen Motive seines Handelns nicht kennt. Der geheimnisvolle Schefczuk kommt in einen Konflikt zwischen seinem Ruthenentum und dem Diensteid, der ihn an Österreich-Ungarn bindet. Das Pflichtgefühl siegt.
Diese Rolle könnte von keinem Besseren als Birgel gespielt werden, der alles für sie mitbringt. Niemand aber könnte auch besser als er die ganz anders geartete Rolle des Kunstfliegers Tibor in dem Film „Blaufuchs" gestalten, die den weltmännischen Kavalier, den feinen Diplomaten der Liebe zeigt. Aus einem flüchtigen Abenteuer erwächst ein Schicksal, und dieser Tibor schürzt seinen Knoten.
Alles löst sich hübsch, freundlich, mit dem zarten Humor der beschwingten Komödie. Und wieder wird sich die Gestaltungsvielfalt dieses vorzüglichen Charakterspielers zum Genuß der Filmfreunde entfalten können und die künstlerische Persönlichkeit Birgels einen neuen Triumph feiern.
Wenn wir weitre Ausgaben der 1938er Filmwelt bekommen, werden die hier eingefügt.
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