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Die Lebensbiografie von Heinrich Fraenkel (1960)

In diesem Buch beschreibt Heinrich Fraenkel (1897-1986†) seinen Werdegang und seine Erfahrungen mit den Menschen aus seinem persönlichen Umfeld, den Politikern, den Künstlern und auch den einfachen Menschen. Aus diesem Grund ist seine Biografie für uns so wichtig - auch für das Verstehen seiner beiden dicken Filmbücher, die er 1957 und 1958 geschrieben hatte.

Die einführende Start-Seite dieses Buches finden Sie hier.

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Als wir in Ost-Berlin von einem Russen verhaftet werden sollten

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Hier erzähle ich eine makabre eigentlich belanglose Story

In Berlin waren öfter Vertreter der Weltpresse unterwegs, in allen Sektoren. Unter ihnen befand sich auch Kingsley Martin, der Herausgeber des Blattes, das mich nach Deutschland geschickt hatte, und bei dieser Gelegenheit geschah unsere Verhaftung durch einen russischen Soldaten: eine Nachricht, die damals unverhältnismäßig viel mehr Staub aufwirbelte, als diesem an sich belanglosen Ereignis zukam.

Da aber nicht nur der ziemlich alberne Vorfall selbst, sondern vor allem das groteske Nachspiel und die noch groteskere Atmosphäre, in der sich das abspielte - da all das ein paar recht bezeichnende Schlaglichter auf die Situation wirft, aus der sich der »Kalte Krieg« entwickelte, so sei dieses leider sehr lehrreiche kleine Erlebnis hier berichtet.
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Kingsley Martin wolle sich lieber den Berliner Osten ansehen

Am ersten Nachmittag seines Berliner Aufenthalts sagte mir Kingsley Martin, daß er keine Lust habe, sich bei irgendeinem offiziellen Empfang zu langweilen, zu dem er und seine Kollegen geladen seien. Er wolle sich lieber den Berliner Osten ansehen, und zwar »inoffiziell«, also möglichst nicht mit einem unserer Wagen.

Ich bat also meinen alten Freund Rudolf Kurtz, uns in seinem Wagen abzuholen; denn Kurtz - ahnungslos, daß seine alte Literatenfreundschaft mit Becher dazu mißbraucht wurde, auch ihn zu einem »bürgerlichen Feigenblatt« zu machen - war damals Chefredakteur eines östlich lizenzierten Abendblattes.

In einer Stehbierkneipe hinter dem Alexanderplatz

Wir fuhren hinter den Alexanderplatz, machten einen kleinen Spaziergang durch die Ruinen der Frankfurter Allee (die neuerdings Stalinallee heißt) und kehrten schließlich für ein paar Minuten in einer Stehbierkneipe ein.

Kingsley Martin fand die typische Berliner Atmosphäre des Lokals sehr interessant, und wir kamen mit dem Wirt und dem einen oder anderen der Gäste ins Gespräch. Sie waren zwar alle zunächst etwas schweigsam und betrachteten unsere englischen Uniformen mit einigem Mißtrauen, aber unsere reichlich angebotenen Zigaretten und ein paar freundliche Worte lockerten schnell die Stimmung. Der einzige, der keine Zigarette annehmen wollte, war ein russischer Soldat, der mit düster beobachtendem Gesicht in einer Ecke lehnte.

Der erste Kontakt mit einem Geheimdienstler der Russen

Er sagte zu uns: »Russki nix gutt, eh?« Wir antworteten: »Russki gut, Russki sehr gut!«, und boten ihm wieder eine Zigarette an. Aber er schüttelte energisch den Kopf und wiederholte: »Russki nix gutt!« Nach einer nochmaligen Wiederholung dieses etwas monotonen Dialogs gaben wir unseren Versuch eines kleinen Beitrags zur Völkerverständigung auf; wir sollten erst später erfahren, daß der Mann kein gewöhnlicher Soldat war, sondern zu einer Abwehrabteilung gehörte, freilich auf unterster Ebene und mit dem Auftrag, in den Kneipen nach »Spionen« und abfälligen Bemerkungen herumzuhorchen.

Das nix gutt war also gewissermaßen als ein provokatorischer Versuch zu verstehen, unsere wahre Meinung zu erforschen; denn der Mann hatte gewiß keine Zweifel, daß zwei britische Soldaten, die sich so interessiert in der Kneipe umschauten und mit jedermann ins Gespräch zu kommen suchten, ein paar sehr gefährliche Spione sein mußten.
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Vermeintlich mußten wir sehr gefährliche Spione sein

Als wir nach ein paar Minuten das Lokal verlassen wollten, stand der Russe mit grimmigem Gesicht an der Tür und verlangte unsere Ausweise zu sehen. Kingsley Martin und Rudolf Kurtz hatten sie griffbereit, aber ich hatte sie leider im Hotel gelassen. Sie steckten in meiner anderen Uniformhose. Ich weiß nicht, ob der Russe uns ohne weiteres hätte passieren lassen, wenn ich meine Ausweise bei mir gehabt hätte.

Jetzt jedenfalls erklärte er mich für verhaftet und bestand darauf, mich abzuführen, während Kingsley Martin dem Russen zu erklären versuchte, daß er mich unter keinen Umständen allein ließe, und wenn es durchaus sein müßte, auch seinerseits abgeführt zu werden wünsche.

Der Russe sah ihn ratlos an: »Du-Papiere - geh nach Haus«, sagte er schließlich und dann zu mir gewandt: »Du - nix Papiere - Kommandantura.« Gegen solche kristallklare Logik schien mir wenig einzuwenden, aber Kingsley Martin - obschon er nicht viel mehr Deutsch sprach als der Russe - setzte seinen Willen durch, und wir marschierten zu dritt los, während sich mein Freund Kurtz schleunigst in seinen Wagen setzte und zu seinem Freund Johannes R. Becher fuhr, um eine russische Befreiungsaktion zu mobilisieren.
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Auf der deutschen Polizeiwache am Alexanderplatz

Inzwischen brachte uns der Russe nicht in die Kommandantura, sondern zunächst in die nahe gelegene deutsche Polizeiwache am Alexanderplatz. Er war offenbar etwas unsicher geworden und schien nicht recht zu wissen, was er mit uns anfangen sollte.

Auf der Wache saßen ein paar Kripos und ein sehr netter und intelligenter junger Polizeileutnant, dem ich schnell erklärte, daß ich selbst zwar nur eines von vielen Mitgliedern der Auslandspresse sei, mein Begleiter aber einer der berühmtesten Zeitungsmänner und Schriftsteller Europas.

Seine Verhaftung würde also sehr viel Staub aufwirbeln, es sei eine große Dummheit, die man vermeiden oder wenigstens nach Möglichkeit abkürzen sollte. Der Leutnant nickte sorgenvoll mit dem Kopf und meinte, daß wäre dann gewiß nicht die einzige Dummheit, die hier gemacht würde, aber er habe über den Russen keine Befehlsgewalt, das sei leider umgekehrt.
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Der deutsche Polizeileutnant machte das Vernünftigste ...

Dann tat er das unter den Umständen Vernünftigste. Er rief bei der dem britischen Pressehotel, dem Hotel am Zoo, nächstgelegenen deutschen Polizeiwache an und veranlaßte, daß sofort ein Schutzmann ins Hotel geschickt würde, um meine Identität und die Nummern meiner Ausweise festzustellen und dann die Wache am Alexanderplatz zurückzurufen, um die erhaltenen Auskünfte amtlich zu bestätigen.

Ich beobachtete inzwischen den Russen, der blaß und schweigend an der Wand lehnte. Der Mann hatte gute Augen und anständige Hände, aber er war offenbar von Minderwertigkeitsgefühlen geplagt, weil er an unserer Unterhaltung mit den deutschen Polizisten keinen Anteil hatte, und weil er spürte, daß der ihm dienstlich untergeordnete Leutnant ihn bei all seiner korrekten Höflichkeit nicht ernst nahm.
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Dann rastete der Russe aus ....

Plötzlich schwollen dem Russen die Schläfenadern und er brüllte: »Aufstehen - alle aufstehen.« Wir hatten uns alle hingesetzt und beantworteten die Fragen des Leutnants über London, Scotland Yard und andere Dinge, die ihn interessierten. Aber als der Russe noch einmal »Aufstehen« brüllte und dabei seinen Revolver herausholte, standen wir natürlich auf.

Es war ganz offenbar, daß der Russe sich schon im gleichen Moment seines Ausbruchs schämte, denn als er gleich darauf »Setzen. Is gutt, setzen«, rief, war die Lautstärke erheblich vermindert, und selbst als wir alle ein wenig Trotzkopf spielten und wie auf Verabredung vermieden, uns sofort wieder hinzusetzen; selbst als wir noch eine ganze Zeitlang in einer halb sitzenden oder hockenden Stellung verharrten, griff der Russe keineswegs zum Revolver.

Er war wieder ganz ruhig geworden und hörte mit gerunzelter Stirn zu, wie wir in einem Gemisch von Deutsch, Englisch und Französisch plauderten; denn der Londoner Chefredakteur und der Berliner Polizeileutnant hatten inzwischen herausgefunden, daß sie sich auf Französisch etwas besser verständigen konnten, als wenn der eine Deutsch, der andere Englisch radebrechte.
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Der Russe wurde sichtlich mehr und mehr verärgert

Wir versuchten, den Russen mit ins Gespräch zu ziehen, aber da sein deutsches Vokabular sehr gering war, erwies sich das als unmöglich, und er wurde wieder sichtlich mehr verärgert. Als wir dann über irgendeinen harmlosen Scherz des Polizeileutnants lachten, war es offensichtlich, daß der Russe das irrtümlich auf sich bezog. Er glaubte, daß man ihn auslachte, und wieder schwollen seine Schläfenadern bedrohlich.

Glücklicherweise kam in diesem Moment ein Schutzmann ins Zimmer, und auf den entlud sich der aufgespeicherte Groll des Russen. »Raus«, brüllte er, »du erst anklopfen.« Und als der überraschte Schutzmann nicht gleich Order parierte, sondern den Russen erstaunt anblickte, hatte der schon die Hand am Revolver und wiederholte brüllend seinen Befehl. Der Schutzmann ging schweigend hinaus, klopfte und kam wieder herein.

Der Russe atmete stoßweise. Ich sah, daß seine Hand vor Erregung zitterte, als er sich die flache, grüne Mütze abnahm und den Schweiß von der Stirn wischte. Da läutete das Telephon, und der Russe sah mit stierem Blick und gerunzelter Stirn zu, wie der Leutnant den Apparat bediente und sich dabei Schreibblock und Bleistift heranzog.

Es war der Schutzmann aus dem zuständigen Westberliner Polizeirevier, der im Pressehotel die Nummern meiner Ausweise festgestellt hatte, und die wurden jetzt von unserem Leutnant notiert.
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Und jetzt fing es erst richtig an, ein englischer General wollte uns mit militärischer Gewalt befreien

Dann sagte der Westberliner Schutzmann, daß er vom Hotel aus anriefe, und daß da ein britischer Generalmajor sei, der sofort mit den beiden Herren von der englischen Presse persönlich zu sprechen wünsche.

Der Leutnant reichte uns den Hörer, und wir erklärten dem britischen Offizier, daß wir weder geschlagen noch sonst wie mißhandelt worden seien. Er sagte, wir müßten uns noch eine halbe Stunde gedulden, er warte nur noch auf die soeben von ihm bestellte Streife britischer Militärpolizei, die er sicherheitshalber zur Begleitung mitnehmen wollte. Dann würde er sofort kommen, um uns abzuholen.

Schon während des Ferngesprächs konnte ich beobachten, wie dem schweigend an der Wand lehnenden Russen wieder die Zornadern schwollen. In diesem Gesicht konnte man lesen wie in einem aufgeschlagenen Buche. Offenbar hatte er aus dem englischen Gespräch entnommen, daß sich jetzt eine britische Dienststelle um uns kümmerte.
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Für den Russen war das alles eine Nummer zu groß

Er fühlte sich also noch mehr als Außenseiter als vorher. Offenbar war in ihm jetzt der Entschluß gereift, uns sofort aus dieser ihm fremden Atmosphäre in seine eigene Dienststelle zu bringen, wo er selber die Hauptperson sein würde, zumindest solange er seine Meldung machte.

Als der Polizeileutnant (der ein paar Worte Russisch sprach) in einem deutsch-russischen Kauderwelsch darauf hinwies, daß ja der eine der beiden Herren seine Ausweispapiere bei sich habe und der andere soeben amtlich identifiziert worden sei, wandte sich der Russe etwas ruhiger, aber immer noch sehr erregt an Kingsley Martin:

»Du - Papier ... geh nach Haus. Kamerad ... nix Papiere .... Kommandantura.«

Martin wiederholte sehr entschieden, daß er mich unter keinen Umständen allein gehen ließe, und bat dann den Leutnant, das dem Russen noch einmal zu erklären.

»Iss gutt«, sagte der Russe dann achselzuckend. »Komm du und Kamerad ... pascholl .. . komm ... Kommandantura.«

Das letzte Wort schmetterte er beinahe fröhlich, denn offenbar gab es ihm seine innere Sicherheit wieder, und nur um dem Befehl etwas Nachdruck zu verleihen, holte er wieder den Revolver heraus.
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Mit dem Revolver in der Hand zur Kommandantura

Wir gingen schweigend mit und gingen dann ebenso schweigend und ziemlich langsam mit dem Russen die Dircksenstraße entlang in der Richtung zum Alexanderplatz.

Er ging immer langsamer, und es war offenbar, daß es in seinem Kopf fieberhaft rumorte, und daß er immer unsicherer wurde. Als Kingsley Martin sein Etui herausholte und sich eine Zigarette ansteckte, diesmal ohne dem Mann die schon so oft abgelehnte Virginia anzubieten, blieb der Russe plötzlich stehen und stierte auf das Etui, als ob er es zum ersten Male sähe. Es war kein besonders wertvolles Etui, aber immerhin aus schwerem Silber und ungewöhnlich groß.

Als Kingsley den Blick des Mannes bemerkte, hielt er mir das Etui hin, obgleich er wußte, daß ich Pfeifenraucher bin. Ich verstand die psychologische Absicht, einen sozusagen geselligen Kontakt zu schaffen, nahm dankend eine Zigarette und zündete sie an, während Kingsley nunmehr auch dem Russen das Etui hinhielt.

Er mußte es mindestens zehn Sekunden lang hinhalten, ein Zeitraum, der uns erheblich länger vorkam, und in dem wir genau beobachten konnten, wie es in dem Kopf des Russen arbeitete. Er war offenbar wieder dabei, sich zu einem seiner impulsiven Entschlüsse durchzuringen.
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Das silberne Zigaretten-Etui und der plötzliche Sinneswandel

Plötzlich streckte er die Hand aus, nahm aber nicht eine Zigarette, sondern das ganze Etui und ließ es blitzschnell in die Seitentasche seiner Litewka gleiten. »Geh«, sagte er sehr erregt, »geh nach Haus. Geh schlafen.«

»Und Kamerad?« fragte Kingsley, auf mich deutend und unwillkürlich in das abgehackte Deutsch seines Gesprächspartners verfallend.
»Kamerad geh auch, geh beide, geh nach Haus . . . geh schlafen.«

Er hatte sich wieder in Zorn geredet, und mit der letzten Aufforderung schrie er uns geradezu an. Dann drehte er sich um, ging eilends und immer schneller weg und war in wenigen Sekunden im Dämmerlicht des Alexanderplatzes verschwunden.
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Wenn die halbe englische Armee auf dem Weg zu uns war ...

Da standen wir nun wenige Meter vom U-Bahneingang entfernt und spielten einen Moment mit dem Gedanken, einfach mit der Untergrundbahn zum Bahnhof Zoo zu fahren und in unser Hotel zu gehen.

Aber dann sagten wir uns, daß ja mindestens eine britische und wahrscheinlich auch eine russische »Rettungsexpedition« unterwegs sei, und daß wir wohl gut daran täten, wieder zur Polizeiwache zurückzukehren.

Dort wurden wir von den deutschen Polizisten mit großem Hallo empfangen, und nachdem wir die Geschehnisse berichtet hatten, erzählte uns der Leutnant, wie sehr sein kriminalistischer Dienst durch die Überbürokratisierung und das Mißtrauen der vorgesetzten russischen Behörde erschwert würde; wie oft ein Einbrecher oder ein Taschendieb über alle Berge sei, bis alle Formulare ausgefüllt wären, die zur Anforderung des zur Verfolgung benötigten Kraftwagens verlangt würden.
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Und dann kam die britische Rettungsexpedition mit Sirenen

Wenige Minuten später hörten wir von der Straße Sirenengeheul, und gleich darauf begann dieser lächerliche und bisher allenfalls psychologisch interessante Vorgang immer groteskere Formen anzunehmen und geradezu politisch bezeichnend zu werden.

Es erschien die erste, und zwar die britische Rettungsexpedition. Sie erschien, vollauf bereit und gerüstet, eine Festung zu erstürmen, und sie platzte mit dieser entschlossenen Einsatzbereitschaft in die Atmosphäre eines kleinen Kaffeeklatsches.

Das war buchstäblich wahr, denn ich hatte in meiner stets mit Mitbringseln gefüllten Aktentasche noch ein freies Döschen Kaffee gefunden und den freundlichen Polizisten gestiftet, und die hatten darauf bestanden, zur Feier unserer Befreiung sofort einen starken Mokka zu brauen.
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Der britische Generalmajor, in Hollywood wäre das die Rolle

Der britische Generalmajor sah haargenau so aus, wie ein Regisseur in Hollywood die Rolle besetzen würde: sehr schlank und elegant, mit einer Adlernase im scharfgeschnittenen Gesicht und einem schmalen Kopf mit leicht angegrauten Schläfenhaaren.

Sein Adjutant, der ihm auf dem Fuße folgte, war ein etwas robust gebauter Major, der die Hand mit dem geladenen Revolver in der Manteltasche hielt.

Den Abschluß machte einer unserer Kollegen, der ellenlange Tony Mann vom Daily Telegraph. Er hatte den General überredet, ihn als Dolmetscher mitzunehmen, da er fließend Russisch sprach.

Der liebenswürdige Generalmajor war ein viel zu vollendeter Gentleman, um seine Enttäuschung darüber zu zeigen, daß es hier nichts mehr zu erobern und zu befreien gab, aber sein Adjutant hielt mit grimmig mißtrauischem Blick Umschau, ob nicht etwa doch noch irgendwo ein böser Feind versteckt wäre.

Der Kollege vom Daily Telegraph erzählte uns, daß die Nachricht von unserer Verhaftung sich schon wie ein Lauffeuer verbreitet habe, und daß die ganze amerikanische Presse aus Zehlendorf und die Franzosen aus Frohnau im Anrollen seien oder schon im Hotel am Zoo auf uns warteten.
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Zurück hinter dem Panzerwagen der britischen Militärpolizei

Wir verabschiedeten uns von den freundlichen Polizisten und sahen dann unten ein Schauspiel, das die Straßenjugend in hellen Scharen angezogen hatte. Da stand nicht nur die Riesenlimousine des Generals, sondern auch ein vollbesetzter Panzerwagen der britischen Militärpolizei und zwei oder drei schwerbewaffnete Kradfahrer.

Von der staunenden Straßenjugend hörte ich aufgeregtes Geflüster, wo denn das russische Militär sei und ob es nun wohl gleich wieder Krieg gäbe, aber von Russen war glücklicherweise nichts zu sehen.

Dann brausten wir mit Sirenengeheul ab, und jetzt hätte es beinahe wirklich ein Unglück gegeben, denn als wir um die Ecke sausten, hätten wir um ein Haar einen alten Mann überfahren, der gerade noch rechtzeitig zurückspringen konnte.

Unsere Verhaftung war eine wahre Gottesgabe für die sonst so langweilige Sonntagspresse

Die Bar unseres Pressehotels hatte ich noch nie so überfüllt gesehen. Es war tatsächlich die gesamte Weltpresse versammelt, denn es war ein Samstagnachmittag; es gab gerade keine besonders aufregende Nachricht, und unsere Verhaftung war eine wahre Gottesgabe für die Sonntagspresse.

Mein erster Eindruck, als wir den überfüllen Raum betraten, war die unverkennbare Welle der Enttäuschung, die uns entgegenschlug, als man uns aufs genaueste musterte. Kein Blut, nicht einmal ein Kratzer. Keine Beule, nicht einmal zerschundene Kleidung oder ein ausgeschlagener Zahn. Waren wir denn wirklich gar nicht mißhandelt worden? Nicht einmal ein ganz klein wenig?
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So ein Mist, es gab gar keine Sensation ....

Hatte denn der Bursche, der uns verhaftete, nicht wenigstens versucht, handgreiflich zu werden? Wir verneinten, berichteten die Ereignisse in all ihrer Nüchternheit und baten darum, eine solche Bagatelle nicht sinnlos aufzubauschen.

Dann verschwanden die Kollegen, die Sonntagsblätter und Nachrichtenagenturen zu bedienen hatten, um ihre (zumeist sehr übertriebenen) Berichte durchzugeben; die anderen blieben und tranken weiter, und ihr Gesprächston bezeugte in erschreckendem Maße, wie sehr schon im ersten Jahre nach dem Waffenstillstand des zweiten Weltkrieges die Psychose des dritten um sich gegriffen hatte.
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Soweit die Groteske, aber jetzt begann das Satyrspiel

Soweit die Groteske, aber jetzt begann das Satyrspiel (und vielleicht auch die Tragödie) dieser albernen und leider doch so lehrreichen Angelegenheit. Es wurde mir gemeldet, daß unten ein Herr stehe, der mich dringend zu sprechen wünsche.

»Ich lasse bitten«, sagte ich, man möge den Herrn doch heraufführen. »Nein«, erwiderte der Page, der Herr stehe unten auf der Straße und weigere sich, das Hotel zu betreten.

Ich ging hinunter und fand Rudolf Kurtz. Er war totenbleich und flüsterte mir eilends zu, daß »drüben« über den faux pas unserer Verhaftung große Aufregung herrsche. Er sei mit einem General gekommen, der sich offiziell zu entschuldigen wünsche.

Er deutete auf eine Limousine, die nicht minder imposant war als die unseres Generalmajors, nur daß sie am Kühler eine russische Standarte trug. Als ich schnell auf den Wagen zuschritt, konnte ich im Schein der Kurfürstendammbeleuchtung einen Blick auf den im Fond sitzenden General erhaschen. Er saß unbeweglich wie eine Statue und trug eine prächtige ordenglitzernde Uniform. Er hatte einen starken ausdrucksvollen Kopf, aber sein Gesicht schien zu Stein erstarrt.
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Der General sagte selbst kein Wort ..

Sobald ich vor dem Wagen stand, stieg der neben dem General sitzende Adjutant aus, machte eine knappe militärische Verbeugung und sagte dann in durchaus passablem Englisch, wenn auch mit hartem russischem Akzent, einen offenbar auswendig gelernten Satz: der Herr General habe mit Bedauern von dem Mißgeschick gehört, das meinen Chefredakteur und mich betroffen habe, und er wünsche in aller Form seine Entschuldigung dafür zum Ausdruck zu bringen.

Da die Wagentür noch halb offen stand, konnte ich in meiner Antwort gleichzeitig den vor mir stehenden Adjutanten und den im Fond sitzenden General ansprechen. Ich dankte für die höflich-ritterliche Geste und erklärte, daß unser kleines Mißgeschick nicht der Rede wert sei, aber da die Herren nun einmal hier wären, so möchten sie uns doch bitte die Freude machen, ins Hotel zu kommen und mit uns ein Glas Champagner zu trinken, um auf diese Weise dem kleinen "Abenteuer" ein wirkliches "happy end" zu geben.

Das war der Ausdruck, den ich benutzte, aber da das Gesicht des Generals noch immer zu Stein erstarrt schien, fiel mir ein, daß er vermutlich kein Englisch, aber wahrscheinlich Deutsch verstünde. Ich wiederholte also meinen ganzen »Speech« noch einmal auf deutsch, aber das Gesicht im Wagen schien immer noch aus Stein.

Nun, vielleicht verstand er auch kein Deutsch. Ich blickte fragend den Adjutanten an, der immer noch in militärischer Haltung vor mir stand.

Jetzt beugte er sich zu seinem Chef im Wagen und flüsterte ihm etwas zu. Der General schüttelte den Kopf, nur einmal und sehr langsam. Es war die einzige Bewegung, aus der ich entnehmen konnte, daß da keine Statue, sondern ein Mensch saß.
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Ich war sauer, man hätte etwas Positives draus machen können

Dann machte der Adjutant noch einmal eine knappe Verbeugung, grüßte militärisch und stieg in den Wagen. Rudolf Kurtz flüsterte mir aus dem Hintergrund zu, daß er mich in einer halben Stunde anrufen würde, und setzte sich neben den Fahrer, der ebenfalls wie eine Statue am Steuer saß. Dann entrollte die Limousine der ihr gewiß ungewohnten Umgebung des Kurfürstendamms.

Ich war sehr verärgert über den sturen Eigensinn und Phantasiemangel des Russen, denn ich wußte genau, daß, wenn es mir gelungen wäre, dieses Prachtexemplar eines ordenglitzernden Kriegerdenkmals vor die Weltpresse zu bringen, die Atmosphäre des Kalten Krieges im Nu zerstoben wäre.

Es wären zwar vermutlich die gesamten Alkoholbestände in der Bar des britischen Pressehotels draufgegangen und wohl auch sämtliche Reserven unseres Weinkellers, aber man hätte damit der Sache der Völkerverständigung gedient, anstatt ihr zu schaden.

Nach einer halben Stunde wurde es "todernst" ....

Eine wirklich schlimme Pointe dieser albernen Geschichte bekam ich freilich erst eine halbe Stunde später zu hören, als Kurtz anrief und mir mitteilte, der für die Presse zuständige Offizier - ein anderer General - habe sich maßlos über die Affaire erregt, und der Mann, der uns verhaftet hatte, würde wohl noch in dieser Nacht standrechtlich erschossen werden.

Ich tat, was ich konnte. Ich rief bei Becher an und auch bei dem mir nur flüchtig bekannten Grotewohl. Ich beschwor beide in Kingsley Martins und meinem Namen, sich für die Begnadigung des Mannes einzusetzen.

Ich rief bei einem russischen Oberst an, den ich kannte, stellte die Nummer des zuständigen Generals fest und bekam zwar nicht ihn, aber seinen Adjutanten ans Telephon. Ich sagte ihm aufs eindringlichste, daß weder Mr. Martin noch ich dem Soldaten seine Handlungsweise übelnähmen, er habe gewiß geglaubt, nur seine Pflicht zu tun, und wir hätten nur den einzigen Wunsch, daß er nicht bestraft würde.

Ob es mir gelungen ist, den Mann zu retten ?

Ich habe nie erfahren, ob es mir gelungen ist, den Mann zu retten. Der russische Offizier nahm mein Plädoyer höflich, aber ohne Kommentar zur Kenntnis. Er sagte nur, daß er seinen Chef informieren würde. Das Zigarettenetui wurde weder von mir noch von ihm erwähnt. Ich kann nur hoffen, daß der arme Teufel es rechtzeitig fortgeworfen hat, denn wäre es bei ihm gefunden worden, dann war es wohl um ihn geschehen. Mit zwei relevanten Bemerkungen wurde in dieser Nacht im Pressehotel die Debatte über diesen Fall abgeschlossen.

Einige Kollegen meinten, die Geschichte hätte, um "the perfect story" zu sein, nicht Martin und Fraenkel passieren sollen, sondern den Chefredakteuren des Londoner und New Yorker Daily Worker, also den prominentesten Pressekommunisten der angloamerikanischen Welt.

Aber eine erheblich profundere Bemerkung wurde von dem alten Mr. Wadsworth gemacht, dem auch gerade in Berlin befindlichen Chefredakteur des Manchester Guardian.

»Eines möchte ich gern wissen«, sagte er, während er nachdenklich in sein Whiskyglas blickte, »wie ist es, wenn so etwas jemandem passiert, der keinen britischen Generalmajor ans Telephon bekommt?«
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Das war die politischen Atmosphäre jener Zeit

Das war eine in der politischen Atmosphäre jener Zeit sehr begreifliche Äußerung. Es war ja nicht nur schon das Wort »Eiserner Vorhang« geprägt worden, sondern der Begriff schlug immer tiefer Wurzeln im Bewußtsein jedes politisch denkenden Menschen.

Man hatte schon schlimme Dinge über die Zustände und Zwangsmaßnahmen »hinter dem Vorhang« gehört. Man vermutete zwar - und meistens mit Recht -, daß einige der schlimmsten Gerüchte übertrieben waren; aber eben weil es immer schwieriger gemacht wurde, Gerüchte auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, eben weil der »Vorhang« immer eiserner wurde, erzeugte das wachsende Mißtrauen der einen Seite das Gegenmißtrauen der anderen; und aus Druck und unvermeidlichem Gegendruck wuchs der "circulus vitiosus" und vernebelte und vergiftete die Atmosphäre, in welcher der Kalte Krieg gedieh.
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Ich fuhr zwar zurück nach England - aber nicht "heim"

Als ich von dieser ersten, fast drei Monate langen Deutschlandreise nach England zurückfuhr - nicht heimfuhr, denn ich wollte ja dort noch immer so schnell wie möglich meine Zelte abbrechen -, war ich randvoll mit Erlebnissen, die mich tief beeindruckt hatten und meine Sehnsucht nach einer endgültigen Heimkehr geradezu schmerzhaft steigerten; ich hatte zwar, als das Flugzeug sich von der Rollbahn in Gatow erhob, schon wieder Heimweh nach Berlin, aber ich war auch tief bekümmert über den von Tag zu Tag sich verbitternden Ost-West-Konflikt; eine Situation, aus der ich keinen Ausweg sah.
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