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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 1 und 2
Man (alles) fängt klein an

Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Aber die Erde war wüst und leer. Finsternis bedeckte den Abgrund, und der Geist Gottes schwebte über dem Gewässer.

Der erste Mensch ist also - wenn wir mit den Jahrmillionen einmal großzügig umspringen wollen - ein zotteliger Halbaffe gewesen. Und beim Geschlecht muß sich der Liebe Gott in seinem Schaffensrausch wohl geirrt haben, denn der erste Mensch war - wenn wir die modernen Wissenschaftler nicht samt und sonders als Dummköpfe bezeichnen wollen - eine Frau.

Mehr war zum >Wachset und mehret euch< ja auch nicht nötig: Selbst heute gibt es noch viele Arten - Tiere und Pflanzen -, die sich den Luxus der sinnberauschenden, zuweilen sogar lebensgefährlichen Zweigeschlechtigkeit nicht leisten. (Manche >Weiber< fressen ihre Kerle doch sogar während der Fortpflanzung auf!)

Erst gabs die Frau, dann kam der Mann

Der Mann wurde zweifellos erst sehr viel später vom Lieben Gott erfunden. Als >Spielgefährte<, wie ihn mein Kollege, der verehrungswürdige, biologisch aber doch recht ungebildete alttestamentarische Bibelschriftsteller wohl sah. — Und mit dem Mann kam dann eine der schlimmsten Sünden in die Welt: die Todsünde der Fleischeslust.

Sollte der Allmächtige und Allwissende das nicht vorausgesehen haben? - Undenkbar! Also war diese Sünde wohl eingeplant ... und sie hat ja auch ihr Gutes.

Die Eingeschlechtlichen vermehren sich - getreu den Anweisungen ihrer Gene - noch immer nach dem gleichen Schema. Doch bei den Zweigeschlechtlichen ist das anders. Da kommen bei der Zeugung nur je die Hälfte des bunt durcheinandergewürfelten Gensatzes von Mama und Papa zum Zuge. So entstehen immer wieder unterschiedliche Variationen derselben Art, die sich dann in der sich ständig wandelnden Umwelt durch ihre unterschiedlichen Fähigkeiten vielleicht besser behaupten und fortpflanzen können als ihre Erzeuger.

Mein Verleger sprach ein Machtwort

Es kann demnach, wie uns die Mathematiker vorrechnen - und wenn alles normal verläuft -, nie zwei genau gleiche Menschen geben.

So journalistisch aufgemotzt, wollte ich mit Adam und Eva beginnen, damit es - meiner Bedeutung entsprechend - ein sehr ansehnlicher Wälzer würde. Doch mein Verleger blieb trotz meiner Höhenflüge dem geschundenen Erdboden verhaftet und meinte, die zwei könnte ich getrost vergessen, denn die hätten uns mit ihrem Sündenfall genug Ärger eingebrockt. So blieb mir angesichts dieser frevelhaften Auffassung nichts anderes übrig, als mit meinem eigenen Ururururahn zu beginnen. Sei's drum.
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Also fange ich an : mein eigener "Ururururahn"

Er stammte aus dem Rheinland, und zwar aus dem sagenumrankten Siebengebirge, und wanderte, obwohl das Wandern noch nicht des Müllers vielbesungene Lust und er selber auch keineswegs ein ewig mehlbestaubter Müller, sondern ein sinnes- und sangesfroher Winzer war, leichten Schritts nach Westen ins Land der Franzmänner, die schon damals eine seltsame Vorliebe für strammsitzende rote Hosen hatten. Wahrscheinlich fanden sie das sexy, obwohl es dieses eindeutige und trotzdem salonfähige Wörtchen noch nicht gab - wohl aber die zweifellos beabsichtigte Wirkung.

Wir hießen eigentlich "vom" Rhein

Da Familiennamen im 17. Jahrhundert noch nicht standesamtlich eingetragen wurden, nannten sie ihn den >vom Rhein<. Wodurch wir an dieses dumme >vom< kamen.

So ein Schmuckwörtchen kann einem Kummer machen. Das mußte sogar Ludwig van Beethoven erfahren. Er wollte nämlich partout "von Beethoven" heißen, ließ sich gerne so anreden und hat heftig und deftig um die bedeutungs- und wirkungsvolle Änderung des entscheidenden Buchstabens gerungen. Aber ohne Erfolg, denn das holländische >van< ist nur eine Ortsbestimmung.

Mein Großvater Rhein in Königswinter

Mein Vorfahre mit den vielen Urs warf das dumme >vom< ab und nannte sich schlicht, aber nicht schlecht Rhein. Womit zugleich auch klargestellt sei, daß mein Name kein Pseudonym ist, obwohl Eduard Rudolf Rhein eigentlich zu schön klingt, um wahr zu sein. Man hat ihn mir nie so recht geglaubt...

Großvater Rhein, der einer der reichsten Bürger von Königswinter war, belieferte die Eisenbahn mit Eichenschwellen für die Schienen. Auf seinem großen, direkt an die Bahn grenzenden Grundstück knirschten und heulten die Sägen. In Erdgruben standen die offenen Kessel mit dem kochenden Carbolineum und schwängerten die Umwelt mit ihrem würzigen Duft, von dem man allen Ernstes glaubte, er sei besonders bekömmlich für die Lungen.

Fast jeder hat zwei Opas und zwei Omas

Da jeder auf normale Weise gezeugte Mensch zwei Opas und zwei Omas hat, müßte ich nun ständig zwischen zwei Familien unterscheiden - ich kann es mir aber leichtmachen, denn die bayrischen Großeltern habe ich nie kennengelernt. Über sie weiß ich nicht das geringste.

Der Rhein Opa

Mein Rhein-Opa ist ein feiner und ganzer Kerl gewesen, was er aber von seinem Filius nie behauptet hat. Ja, er hat sogar versucht, ihn zugunsten der Enkelkinder zu enterben, indem er sich zu der grotesken Behauptung verstieg, er hätte ihm nach dem Leben getrachtet. (»Den Alten bringe ich noch um!«)

Die Rhein Oma

Meine Rhein-Oma war eine brave Bürgersfrau. Leider war sie es, die in unsere Familie jene schreckliche Erbkrankheit eingebracht hat, unter der ich vom dreiundzwanzigsten bis zum fünfundsechzigsten Lebensjahr so entsetzlich zu leiden hatte, daß ich ein paarmal drauf und dran war, aufzugeben: die Migräne.

Schon die Oma hat darunter so gelitten, daß sie manchmal vor Schmerzen wie von Sinnen war und für ein paar Tage in ein Krankenhaus gehen mußte. Trotz allem gebar sie ihrem Rudolf einen Sohn; ebenjenen Eduard, der mein Vater werden sollte.

Mein Vater Eduard

"Einzelkinder — Sorgenkinder" sagt man. Und das bestätigte sich auch bei meinem Papa. Die Eisenbahnschwellen stanken ihm zu sehr; er wollte - obwohl Nichtraucher - den Duft der weiten Welt genießen und etwas mehr von ihr sehen als das romantische, im Sommer von Touristen und Bonner Studenten überflutete, aber recht kleine Städtchen Königswinter.

Das ärgerte den seßhaften Großpapa, und es gab zwischen den beiden ständig Krach. Für meine arme, schmerzgequälte Oma war es die Hölle.

Dann wollte er eben Hotelier werden

Eines Tages kam mein zukünftiger Papa auf den glorreichen, wenn auch sicher nicht ganz ernst gemeinten Einfall, nun doch etwas Vernünftiges zu lernen, und zwar ... Hotelier. Natürlich im Ausland: in Brüssel, Paris, London und Rom.

Immerhin war das angesichts der ewigen Zankereien ein rettender Einfall. Die arme Oma unterstützte den Plan um des lieben Friedens willen, der Großvater gab aus demselben Grunde nach, die Oma steckte ihrem Sohn heimlich die nötige Wegzehrung in Form >Blauer Lappen< zu - so nannte man damals die Hundertmarkscheine -, und der Filius begann sein >Studium der Weiber< in Brüssels größtem Hotel... Sehr viel später habe ich dort anläßlich der Brüsseler Weltausstellung als HÖRZU-Chefredakteur gewohnt.

Von flotten Dämchen und viel Fleisch

Mein Vater war damals achtzehn, nur mittelgroß, aber oho, und wollte was erleben. Gelegenheit dazu gab es schon in der dicht neben dem Hotel gelegenen Rue des Bouchers mit ihren flotten Dämchen und dem vielen Fleisch... auch in den Metzgerläden.

Später erzählte er davon seinen Freunden in Königswinter immer neue Geschichten. Aber nur, wenn Mama nicht dabei war. Hätte er sie aufgeschrieben, Casanova wäre vor Neid erblaßt, und die Familie könnte heute noch von den Buchhonoraren leben.

Der Knirps versteht eh nix

Meine hellhörige Anwesenheit störte ihn nicht, denn er glaubte, sein Knirps verstünde nicht, was da so zwischen erwachsenen Männern mit viel Gelächter erzählt wurde.

Das war aber ein gewaltiger Irrtum, denn was ich noch nicht wußte, ahnte ich verschwommen, und so wurde ich schon etwa zehn Jahre zu früh aufgeklärt. Das hat mir aber eher genützt als geschadet; ehrlich!

Das Hotel am Drachenfels

Die kostspieligen Auslandsstudien, für die die Oma heimlich immer wieder tief in Opas Kasse griff, mußten natürlich einmal ein Ende nehmen. Opa rief seinen Sohn zurück und beschloß, ihn seßhaft zu machen, indem er ihm am Drachenfels ein Hotel baute.
An Grundstücken fehlte es ihm nicht, wohl aber an einer hübschen und vor allem grundsoliden Frau für seinen Rumtreiber.

Von den Rheinländerinnen hatte er in dieser Hinsicht wohl keine allzu gute Meinung, und da er einmal in München zum Oktoberfest gewesen war und dort die drallen, Maß-schwenkenden Dirndln erlebt hatte, kam für seinen Herrn Sohn nur ein Münchner Kindl in Frage.

Eduard I. ließ sich das nicht zweimal sagen ... und verreiste wieder einmal, denn auf der Wies'n tobte gerade das rauflustige, krachlederne Fest aller Feste ...

Ein zierliches Münchner Püppchen auf einem Karussell

Er suchte und fand schon bald auf einem Karussell ein zierliches Püppchen, so ganz nach seinem in Pariser Cabarets geschulten Geschmack.

Sie hieß Therese Hoy und war das Gegenteil von dem, was man sich unter einer drallen Münchnerin vorstellt. Das Reserl wiederum fand den lustigen und gutaussehenden Rheinländer entschieden reizvoller als ihre kniebehosten Landsleute, denn sie war eine "vornehme und sehr gebildete Person". Von heute auf morgen entschloß sie sich, dem flotten Burschen an den damals noch grünen, vielbesungenen Rhein zu folgen.

und er hat es nie bereut

Beide haben diesen reichlich unüberlegten, ja voreiligen, um nicht zu sagen leichtsinnigen Entschluß ihr ganzes Leben lang nicht bereut. Kaum zu glauben: Es wurde eine überaus glückliche Ehe. Wohl auch deshalb, weil sich Eduard der I. die Hörner schon vor der Ehe abgestoßen hatte.

1890 - Mein Bruder Rudi war zuerst da

Der erste Sprößling, mein Bruder Rudi, kam zwar "ein bißchen früh" - aber das wurde mit frommen Sprüchen kaschiert. - Rudolf Rhein, der Ehrsame, war auf den Enkel bannig stolz. Er gab ihm als Taufpate seinen eigenen schönen Vornamen und schloß ihn gleich in die Arme und in sein Herz.

Dieser Junge war - wie es die geheimnisvollen und immer für Überraschungen guten Gene nun einmal arrangieren - nicht braungelockt wie die Eltern, sondern blond. Papas Freunde bestaunten seine Meisterschöpfung, konnten sich aber die dreckige Bemerkung nicht verkneifen, von wem der Junge wohl die blonden Haare hätte. »Ja«, sagte mein Papa dann jedesmal zum Ärger meiner Mutter, »die hat er von unserm bildhübschen Briefträger.«
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»Wer nichts wird, wird Wirt.«

Mag sein, daß mein Vater ein guter Gastronom war, bestimmt hielt er aber von diesem Beruf nicht viel. Jedenfalls sagte er immer wieder: »Wer nichts wird, wird Wirt.«

Kein Wunder also, daß Großpapa ständig Geld ins Geschäft pumpen und die Großmutter nur zu oft seinen Geldschrank plündern mußte, um Unheil zu verhüten. Immerhin blieb das Hotel so etwa fünfzehn Jahre lang vor dem Schlimmsten bewahrt. Vor allem, weil meine Mama ein wirklich kluges, fleißiges und adrettes Persönchen war.

Bei Opa stand sie deshalb in hoher Gunst, und seinen geliebten Rudi lockte er später so oft wie möglich zu sich.

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