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Vorbemerkung zur Biografie von Curt Riess

Zur Geschichte der Berliner Kinos gehört auch das Erleben des Endes des 2. Weltkrieges in Berlin und die Entwicklung danach in beiden deutschen Besatzungszonen, der Ostzone und der Tri-Zone, den drei vereinigten Westzonen. Curt Riess hat in dieser biografischen Zusammenstellung der Ereignisse eine Art von Roman-Form gewählt und hier sehr viele reale Einzelheiten und Daten untergbracht.
Eigentlich ist es ein detaillierter Ausschnitt der Biografie aus seinem Leben. Und bis auf die Zeichnung auf der Umschlagseite und sein Paßfoto auf dem Innenumschlag gibt es in der Mitte ein paar Fotos aus jener Zeit von dem Berliner Fotograf Hort Urbschat. Sonst ist es ist es eine reine nicht sehr lesefreundliche Buchstabenwüste.

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BERLIN BERLIN 1945-1953

aufgeschrieben in 1957 von Curt Riess (es ist die erste Ausgabe aus 1957)
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  • 7 - EINLEITUNG
  • 11 - Erster Teil - DER VORHANG FÄLLT
  • 66  -Zweiter Teil - DAS LEBEN GEHT WEITER
  • 120 - Dritter Teil - WIEDER IM SCHEINWERFERLICHT
  • 209 - Vierter Teil - EINE STADT - ANDERS ALS ANDERE
  • 250 - Fünfter Teil - INSEL DER HOFFNUNG
  • 295 - NUR DIE STERNE SIND NEUTRAL
    Curt Riess - Frontstadt-Korrespondent im Kalten Krieg
  • 300 - ZUM AUTOR
  • 301 - VERÖFFENTLICHUNGEN

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EINLEITUNG

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Juli 1945

Curt Riess in 1977

EIGENTLICH wollte ich den großen Berliner Roman schreiben, den Roman des Nachkriegs-Berlin. Ich faßte diesen Entschluß in jenen Stunden, in denen ich zusammen mit den ersten amerikanischen Truppen, Anfang Juli 1945, nach Berlin kam. Ich war noch entschlossen, diesen Plan in Wirklichkeit umzusetzen, als ich anderthalb Jahre später nach Amerika zurückkehrte, und später, als ich im Frühjahr 1948 wieder nach Berlin kam.

Ich hatte Notizen gemacht, Tagebücher geführt und Hunderte von Artikeln aus Zeitungen ausgeschnitten und aufgehoben. Ich wußte um viele Menschen, die ideale Romanfiguren abgaben - man brauchte sie gar nicht zu verändern, man konnte sie so lassen, wie sie waren - und deren Schicksale alles übertroffen hätten, was sich Hollywood je ausdachte. Ich war immer wieder daran zu beginnen.

Aber es passierte soviel in Berlin, daß ich einfach nicht dazu kam. Ich mußte ja als Korrespondent über die laufenden Ereignisse berichten. Und überdies mußte alles, was heute und morgen geschah, noch in den Roman hineinkommen. Es war ideales Rohmaterial. So vergingen die Jahre.

Sommer 1951

Und als ich im Sommer 1951 die schweren Pakete mit den Zeitungsausschnitten aufmachte und las, was ich vor so kurzer und doch so langer Zeit alles miterlebt hatte, spürte ich die Bedeutung der Ereignisse noch stärker als damals.

Und der alte banale Satz von der Wirklichkeit, die phantastischer ist als alle Erfindung, wollte mir nicht aus dem Kopf. Wozu einen Roman schreiben, da diese Zeitungausschnitte und Tagebücher schon Roman waren?

Wozu etwas erfinden, da doch das Leben alles schon erfunden hatte? Und ich beschloß, die Geschichte Berlins zu schreiben. Die Geschichte einer Stadt seit Kriegsende. Nicht irgendeiner Stadt.
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Die Geschichte Berlins

Die Geschichte Berlins ist eine ganz besondere Geschichte. Man hat das hundertmal im Film gesehen: ein Mann, der im Kriege verschüttet wird, er ist schon aufgegeben, aber er wird schließlich doch wieder ausgegraben. Er hat sein Gedächtnis verloren, er ist ein Fremder unter Fremden, niemand versteht ihn, er versteht niemanden mehr. Aber schließlich findet er sich wieder. Schließlich wird er wieder, der er war, und die Vergangenheit liegt hinter ihm wie ein böser Traum. Dies war die Geschichte Berlins in den Jahren seit Kriegsende, die ich schreiben wollte.

Über diese Jahre war viel geschrieben worden, vor allem über das, was, sich hinter den Kulissen getan hatte - in den Büros der Militärregierungen, in den Arbeitszimmern der Kommandanten, in den Intelligence Services, in London, Washington, Paris und Moskau, wo, mehr als in Berlin, das Schicksal Berlins entschieden wurde. Man hätte denken können, daß Berlin nur noch Kulisse war, so sehr betraf alles, was über Berlin geschrieben wurde, das, was hinter den Kulissen vor sich ging oder nicht vor sich ging - und das Wort von der Kulisse war im Hinblick auf die Zerstörungen der Stadt nicht einmal so falsch.

Das Berliner Leben vor den Kulissen

Dabei konnte jeder, der sehen wollte, sehen, was sich vor den Kulissen abspielte. Freilich, es war dazu notwendig, in Berlin zu leben. Die meisten ausländischen Korrespondenten lebten in hübschen Villen in dem einen oder anderen eleganten Vorort Berlins - ich übrigens auch.

Bedenklicher war: sie lebten in Klubs, in amerikanischen, britischen oder französischen Presseklubs. Sie besuchten die Pressekonferenzen der Generale und der wichtigen Persönlichkeiten der Militärregierungen. Abgesehen von ihrem Chauffeur, ihren Dienstmädchen und Sekretärinnen sahen sie oft wochenlang keinen Berliner.

Ich hatte manchmal das Gefühl, als ob wir alle wie in einem Ghetto lebten, in einem amerikanischen, britischen oder französischen Ghetto, aber doch eben getrennt von den Menschen der Stadt, über die wir schreiben sollten, und wenn auch die Wände, die uns von der Stadt trennten, aus dunstem Glas waren, so waren sie deswegen doch nicht leicht zu durchbrechen.

Ich machte trotzdem den Versuch. Das Resultat dieses Versuches ist dies Buch. Es ist daher kein Buch, das hinter den Kulissen von Berlin spielt, sondern vor den Kulissen, in Berlin selbst. Gewiß, General Clay und Botschafter Robert Murphy kommen darin vor, Marschall Shukow und Marschall Tschuikow, der finstere Oberst Tulpanow und der bezaubernde französische General Ganeval - aber sie alle spielen keine Hauptrollen.

Die Hauptrolle spielt der Berliner.

Der Berliner, der durch die vielen Höllen der letzten sieben Jahre gegangen ist. Er erscheint in diesem Buch in vielerlei Gestalt: als Bürgermeister Reuter und als Chauffeur, als vergewaltigte Frau und als unmündiger Sohn eines Gauleiters, als alter Nazi und als entäuschter Kommunist, als »Fräulein«, das den alliierten Soldaten gefällig ist und als Wahrsagerin, als Schmuggler und als Polizeipräsident, als Fimproduzent und als Frau, die die Trümmer wegräumt.

Dies waren die Berliner: sie hatten nicht die geringste Lust, den von Hitler vorgeschriebenen Heldentod zu sterben. Sie wollten nur leben, und weil sie es wollten, mußten sie durch tausend Höllen gehen. Sie hungerten, und ihre Frauen wurden vergewaltigt, sie wurden niedergeknüppelt und verschleppt, sie mußten ihr Letztes auf dem Schwarzen Markt verkaufen und bauten zerbombte Theater mit ihren bloßen Händen wieder auf.

Und die Ironie des Schicksals wollte es, daß sie, die keine Helden sein wollten, Helden sein mußten: denn die Russen blockierten ihre Stadt, sie wollten sie, ihre Frauen und Kinder aushungern, die Berliner mußten sich zur Wehr setzen, mußten Mut zeigen, den sie eigentlich nicht mehr haben wollten. Das ewige Schicksal des Berliners: er wollte endlich, endlich einmal in Ruhe leben und vergessen werden und fand sich immer wieder auf den ersten Seiten der internationalen Presse.

Dies ist kein neutrales Buch ........

Dies ist, ich will es gleich zugeben, kein neutrales Buch. Wie wäre es möglich, neutral zu sein in einer Zeit wie der unsrigen, da täglich so Furchtbares geschieht, da täglich Verbrechen an Unschuldigen begangen werden, Verbrechen, die uns des Nachts nicht schlafen lassen?

Vielleicht würde ich niemals den Beruf eines Schriftstellers erwählt haben, wenn ich hätte neutral sein können. Ich konnte es nicht, damals, als Hitler kam, lange, lange, bevor die Welt seine Verbrechen zur Kenntnis nahm. Ich kann es heute nicht.

»Meine Pflicht ist zu sprechen«, schrieb der große Schriftsteller Emile Zola, als er beschloß, den Fall Dreyfus aufzurollen. »Ich will nicht Mitwisser sein.« Dies gilt ein wenig für uns alle, die Reporter dieser Zeit. Wir dürfen nicht schweigen, wo Unrecht geschieht Wir können es gar nicht. Und das ist gut so. Denn aus der Empörung wächst uns die Kraft.

Der Rückblick auf die Zeit in Berlin

Wenn ich heute zurückblicke, scheint es mir fast unverständlich, daß ich es so lange in Berlin aushielt, in Berlin, der Stadt der Trümmer, der Stadt der verhungerten Menschen, der blockierten Stadt ohne Licht und Heizung. In Berlin, in dem die Russen immer nur ein paar hundert Meter weit entfernt waren, die mich fast täglich in ihren Zeitungen angriffen; in Berlin, in dem es täglich neue Schwierigkeiten gab, kleine, unbedeutende Schwierigkeiten, die einem aber auf die Nerven gingen, die einen stetig in Atem hielten, einen zermürbten.

Gewiß, dies alles war lächerlich, unbedeutend, verglichen mit den Gefahren des Krieges, den wir gerade hinter uns hatten. Aber lächerlich oder nicht: die sich täglich aufhäufenden kleinen Unannehmlichkeiten zu überwinden, erforderte schließlich mehr Mut als der dramatischen, eindeutigen Gefahr des Krieges zu trotzen.

Die Kraft der Empörung

Und wenn ich mich heute frage, woher ich die Kraft nahm, so ist die einzige Antwort, die mir einfällt: aus der Empörung. Aus der Empörung darüber, daß, was in den letzten Jahren in Berlin geschah, nach einem Kriege möglich war, der geführt worden war, um dies unmöglich zu machen.

In diesem Sinne, freilich nur in diesem, ist dieses Buch auch ein Buch über seinen Verfasser, quasi seine Biographie.

Trotzdem: ein solches Buch schreibt man nicht allein. Es erfordert die Arbeit vieler Freunde und Mitarbeiter und Informationen, die nur von denen gegeben werden können, die noch auf der anderen Seite sind.

Es ist daher das mindeste, was ich tun kann, diesen Mitarbeitern hier zu danken, und wenn ich ihre Namen nicht erwähne, so geschieht das in ihrem eigenen Interesse.

Berlin, Januar 1953 C. R.
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